Nicht so traurig, nicht so sehr (Gerhardt, EG Württ. 1912 #348)

Trost

1) [1] Nicht so traurig, nicht so sehr,
meine Seele, sei betrübt,
daß dir Gott Glück, Gut und Ehr‘
nicht so viel wie andern gibt;
Nimm vorlieb mit deinem Gott:
hast du Gott, so hat’s nicht Not.

2) [2] Du nicht und kein Menschenkind
habt kein Recht in dieser Welt;
alle, die geschaffen sind,
sind nur Gäst‘ im fremden Zelt:
Gott ist Herr in seinem Haus:
wie er will, so teilt er aus.

3) [3] Bist du doch nicht darum hier,
daß du Erde haben soll’t;
schau den Himmel über dir!
Da, da ist dein edles Gold;
da ist Ehre, da ist Freud‘,
Freud‘ ohn‘ End‘, Ehr‘ ohne Neid.

4) [4] Der ist albern [töricht], der sich kränkt
um ein‘ Hand voll Eitelkeit,
wenn ihm Gott dagegen schenkt
Schätze der Beständigkeit;
bleibt der Zentner [die Quelle] dein Gewinn,
fahr‘ der Heller [das Bächlein] immer hin!

5) [5] Schaue alle Güter an,
die dein Herz für Güter hält,
keines mit dir gehen kann,
wenn du gehest aus der Welt;
alles bleibet hinter dir,
wenn du trittst in’s Grabes Tür.

6) [6] Aber was die Seele nährt,
Gottes Huld und Christi Blut,
wird von keiner Zeit verzehrt,
ist und bleibet allzeit gut.
Erdengut zerfällt und bricht,
Seelengut, das schwindet nicht.

7) [7] Ach wie bist du doch so blind
und im Denken unbedacht!
Augen hast du, Menschenkind!
und hast doch noch nie betracht’t
deiner Augen helles Glas;
siehe, welch ein Schatz ist das!

8) [8] Zähle deine Finger her,
und der andern Glieder Zahl,
keins ist, dass dir unwert wär,
ehrst und liebst sie allzumal,
keines gäbst du weg um Gold,
wenn man dir’s abnehmen wollt‘.

9) [9] Nun, so gehe in den Grund
deines Herzens, das dich lehrt,
wie viel Gutes alle Stund‘
dir von oben wird beschert;
du hast mehr als Sand am Meer,
und willst doch noch immer mehr.

-) [10] Wüßte der im Himmel lebt,
daß dir’s wäre nütz‘ und gut,
wonach so begierlich strebt
dein verblend’tes Fleisch und Blut,
würde seine Frömmigkeit
dich nicht lassen unerfreut.

10) [11] Gott ist deiner Liebe voll
und von ganzem Herzen treu;
wenn du wünschest, prüft er wohl,
wie dein Wunsch beschaffen sei;
ist dir’s gut, so geht er’s ein;
ist’s dein Schade, spricht er: Nein.

-) [12] Unterdessen trägt sein Geist
dir in deines Herzens Haus
Manna, das die Engel speist,
ziert und schmückt es herrlich aus;
ja, er wählet dir zum Heil
dich zu seinem Gut und Teil.

11) [13] Ei, so richte dich empor,
du betrübtes Angesicht!
Laß dein Seufzen, nimm hervor
deines Glaubens Freudenlicht,
das behalt, wenn dich die Nacht
deines Kummers traurig macht.

12) [14] Setze als ein Himmelssohn
deinem Willen Maß und Ziel;
rühre stets vor Gottes Thron
deines Dankes Saitenspiel,
weil dir schon gegeben ist
viel mehr als du würdig bist.

13) [15] Führe deinen Lebenslauf
allzeit Gottes eingedenk;
wie es kommt, nimm alles auf
als ein wohlbedacht‘ Geschenk.
Geht dir’s widrig, laß es gehn:
Gott und Himmel bleibt dir stehn!

Liedtext: 1647,  Paul Gerhardt (1607-1676)
Melodie: 1876, Friedrich Mergner (1818-1891)
Andere Melodie: 1648, Johann Crüger

Erstdruck 1648 unter dem Titel »Christliche Zufriedenheit«.

Strophen mit ): Lied Nr. 348, in Gesangbuch für die evangelische Kirche in Württemberg, Schmuckausgabe, S. 369f. (Verlagskontor des evangelischen Gesangbuchs, Stuttgart 1912)

Evangelisches Gesangbuch für die Provinz Pommern, S. 247f. Stettin 1918 (Hrsg.: Pommersche Provinzial-Synode)

Strophen mit [ ]: Lied Nr. 596, in Deutsches  Kirchenliederbuch, Johann Peter Lange, 1843

Weblinks und Verweise:

Paul Gerhardt: Dichtungen und Schriften, München 1957, S. 202-205.

Akademie für Weltmission, Korntal: Paul Gerhardt, Lieder, S. 78 (pdf Fassung)

Liedeintrag bei Bach Cantatas Website (BWV 489)

Liedeintrag bei Christ My Song

Notensatz, 4stimmig (Joh. Th. Rüegg, pdf + midi, externer Link zu Christ My Song)

Liedeintrag bei Hymnary.org

Liedeintrag bei liederindex.de

Notensatz, 4stimmig (Fr. Mergner, pdf, midi, externer Link zu liederindex.de)