Hebräer 12, 11

Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist, dünkt uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber darnach wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübt sind. (Hebräer 12, 11)

Wenn man sehr in die Enge geführt wird und darunter viel leidet, ist es eben in der Regel eine Züchtigung dafür, daß man nicht genug aufgemerkt hat, nicht einzig genug auf den HErrn geblickt, Seine Sache nicht genug im Auge gehabt, mehr sich selbst als Ihm gedient hat – ja wohl gar schwere Versündigungen sich hat zuschulden kommen lassen. Dabei verfängt man sich denn und kommt vor eine Wand, durch die man nicht hindurch zu kommen weiß; und so gibt’s Pein, Kummer, Trübsal, Schmerz aller Art. Züchtigung ist’s für die Untreue, die man sich erlaubt hat.

Und schon bei dem Gefühl, daß es nicht mehr gehe, gibt’s eine Traurigkeit über die andere, oder es kommt auch Gott mit einem Rutenschlag auf den andern. Dann ist’s dem Menschen nicht mehr wohl und ist’s ihm keine Freude. Indessen kommt’s jetzt nur darauf an, wie man sich zu solchen Züchtigungen stellt. Vorerst nehme man sie eben als Züchtigung, wie ein Vater seinen Sohn züchtigt, und sage nicht, jetzt höre das Kindsein auf, wie’s so viele sagen. Die sind dann Stiefkindern gleich, welche bei jeder Züchtigung, die sie um ihrer Unarten willen bekommen, häufig klagen und sagen, man sehe es wohl, daß sie nicht die rechten Eltern, sondern nur Stiefeltern hätten! Sie haben eben selbst kein rechtes Kindesgefühl. Machen doch wir’s nicht so und denken wir nicht, die Züchtigungen seien vonseiten Gottes als ein Fortjagen gemeint! Werden wir vielmehr eben jetzt erst rechte Kinder und sagen wir: »Ich danke Dir, daß Du mich züchtigst!“«

Wer denn alles Widrige, das vorkommt, als Züchtigung nimmt, behält auch das Zutrauen zu Gott und wird durch alle Züchtigungen hindurch immer besser, vernünftiger und tugendsamer. So kommt hernach eine Frucht zum Vorschein, die eine friedsame heißt, weil sie zum Frieden, zuletzt zum ewigen Frieden, dient.

Sie heißt auch eine Frucht der Gerechtigkeit, eben insofern als man immer lauterer und entsündigter wird vor Gott, immer gerechter und treuer, je mehr man sich die Züchtigungen gefallen läßt und durch sie geübt wird. Die Übung aber geschieht, indem man einerseits vom lieben Gott recht viel gezüchtigt wird – warum willst du denn immer nur wenig geschlagen sein, wenn du selbst merkst, daß du ungeschlagen doch nicht aufmerken lernst? Die Übung geschieht andererseits, indem man an Glauben und Zutrauen zu Gott darunter zunimmt. Selbst dann, wenn man sich recht große Vorwürfe über Untreuen machen muß: Immer wieder dem HErrn vertrauen, sich Seiner Gnade und Güte immer wieder aufs neue versichern, immer wieder unter der Trübsal auch das ansehen und sich wichtig machen, daß der Heiland unsretwegen sich in den bittern Kreuzestod gegeben hat, damit uns aus allem Elend geholfen werde – das übt und macht fertig zu allem guten Werk in dieser Zeit und zu einem seligen Eingang in die ewigen Friedenshütten!

So wollen wir denn alle Trübsal als eine Züchtigung vom HErrn annehmen, als Kinder vom lieben Vater, und auch das Schwerste, das kommt, tragen – mit der Hoffnung, daß es eine Frucht bringe, die uns ewig erfreuen werde!

(Christoph Blumhardt)

Wie selig sind schwergeprüfte Christen nach der Züchtigung! Keine Ruhe ist tiefer denn jene, die auf einen Sturm folgt. Wer hat sich nicht nach Regengüssen über den hellen Sonnenschein gefreut? Siegesmahle gebühren nur den wohlbewährten Kriegern. Wenn der Löwe erwürgt ist, essen wir von seinem Honig; wenn wir erst den Hügel der Schwierigkeit überwunden haben, setzen wir uns in der Laube zur Ruhe nieder; nachdem wir das Tal der Demütigung durchschritten und mit Apollyon gekämpft haben, erscheint der Strahlende mit dem heiligen Zweig vom Baum des Lebens. Unsre Trübsale lassen gleich dem Kiel der Schiffe, die das Meer durchziehen, eine glänzende Linie heiligen Lichtes hinter sich zurück. Erst der Kiel, „danach“ das Licht. Es ist Friede, süßer, tiefer Friede im Gefolge der furchtbaren Brandung, die einst in unsern schuldbeladenen, gequälten Seelen herrschte. Darum siehe, in was für einem glücklichen Stande der Christ sich befindet! Er empfängt das Beste zuletzt, und darum wird ihm in dieser Welt das Schlimmste zuerst zuteil. Aber auch das Schlimmste ist „danach“ für ihn etwas Gutes, und tief gepflügt gibt gute Ernte.

Schon jetzt wird er reich durch seine Verluste, erhebt er sich durch seine Erniedrigung, lebt er durch sein Sterben, und wird erfüllt durch seine Entäußerung. Wenn ihm denn seine schweren Heimsuchungen so viele friedsame Frucht schon in diesem Leben gewähren, was wird erst die volle Ernte der Freude sein, die ihm zuteil wird im Himmel, in der Herrlichkeit „danach?“ Wenn das Dunkel seiner Nächte schon so hell ist, wie die Tage dieser Welt, wie werden erst seine Tage sein? Und wenn der Sternenglanz seines Himmels glänzender strahlt als die Sonne, wie herrlich muß das Licht seiner Sonne sein? Wenn er in der grausamen Grube kann singen, wie süß tönt sein Gesang im Himmel! Wenn er den Herrn im Feuer loben kann, wie wird er Ihn erheben vor dem Thron der Ewigkeit! Wenn ihm schon jetzt das Böse zum Heil dient, was wird die überströmende Güte Gottes ihm „danach“ sein? O seliges „Danach!“ Wer möchte nicht ein Christ sein? Wer möchte nicht das gegenwärtige Kreuz tragen für die Krone „danach?“ Aber hier ist Geduld vonnöten, denn die Ruhe kommt nicht heute, noch der Sieg jetzt, sondern „danach“.

Harre, o meine Seele, und laß die Geduld ihr Werk vollenden.

(Charles Haddon Spurgeon)

Wir denken oft, es wären andere Leiden uns weniger schwer zu tragen als diejenigen, die der Herr uns eben auferlegt hat; allein ich glaube, daß dein Kleid dir nicht besser passen kann als das Kreuz, das du trägst, sich für dich schickt. Ein Kreuz müssen wir tragen, und das im Himmel gewählte eignet sich am besten für den Rücken des geliebten Heiligen; dasjenige hingegen, das wir in unserer Torheit uns selber machen, ist gewißlich das schwerste und härteste von allen.

Meistens macht der Herr aus dem Holz ein Kreuz, aus dem wir uns einen Götzen gemacht hatten – und wie ist nicht die Treue Gottes, die sich hierin offenbart, so anbetungswürdig! Kreuzträger passen ja besser in seinen Himmel als Götzendiener. Ist Gottes Hand gegen dich gerichtet, so ist sein Herz zu dir gewendet; er züchtigt nicht, um dich von sich zu entfernen, sondern um dich zu sich zu ziehen. Er trennt die Seele, die er liebt, durch die Züchtigung von der Sünde, die er haßt, und niemals raubt er uns ein irdisches Gut, ohne uns zu seiner Zeit etwas Besseres dagegen zu geben. Was wir in dem Geschöpf verlieren, finden wir hundertfach in Gott, und wenn wir dann in unseren Leiden in ihm unsere Kraft und unseren Trost gefunden haben, so werden wir mit dem Psalmisten sagen können: „Es ist mir lieb, daß du mich gedemütigt hast.“

Die Leiden sind dem Volke Gottes verheißen, nicht gedroht; daher heißt es auch, es werde dem, der aufrichtig wandelt, „an keinem Gute fehlen“, unerachtet ihm doch an vielen Stellen Trübsale angekündigt werden.

(Hermann Heinrich Grafe)

Hermann Heinrich Grafe (* 3. Februar 1818 in Palsterkamp, heute Bad Rothenfelde; † 25. Dezember 1869 in Elberfeld) war der Gründer der ersten Freien evangelischen Gemeinde in Deutschland, Laientheologe und Kirchenliederdichter.

Quelle: Glaubensstimme – Christliche Texte aus 2000 Jahren

Eingestellt am 15. April 2023