Mein Geheimnis

Ja, wenn ich auf Erden nur Menschen fände,
Auf mich und Meinesgleichen nur stände ,
Da wäre die Kraft wohl schon lange verzehrt,
Und der Born des Muthes wohl lange geleert.

Ich möchte die Wunden so gerne heilen,
Und kann doch nur warten und kann’s nicht beeilen.
Und wie viel mir Liebes vom Menschen geschicht,
Sieh, was sie nicht können, das können sie nicht.

Ja, gäb es für mich auf Erden nichts weiter
Als ihre Pflanzen und ihre Kräuter,
So hätt’ ich wohl schon lange verzagt,
Stets mit Angst nach neuen Kräutern gefragt.

Denn sie sind mir von nahe und fern gekommen,
Und haben die Wunden nicht weggenommen.
Und wie Ihr sie mischet in Witz und List,
Für den Tod kein Kraut gewachsen ist.

Doch ich hab’ eine Pflanze mit Wundersäften,
Das ist der Glaube mit himmlischen Kräften;
Und hab’ einen Arzt, wenn ich den nur seh’,
Da vergess’ und verschmerz’ ich der Wunden Weh!

Drum ob sie nun still sey, die Brust, ob sie blute,
Mir ist immerdar fröhlich und still zu Mute;
Der rechte Helfer mir ewig nicht fehlt,
Der die Haare auf meinem Haupte gezählt.

Autor: Heinrich Möwes

Quelle:

Gedichte von Heinrich Möwes, weiland Pastor zu Altenhausen und Ivenrode, nebst einem Abrisse seines Lebens, großentheils nach seine Briefen. Vierte, mit einer kleinen Auswahl von ihm gehaltenen Predigten vermehrte Auflage. Magdeburg, in der Heinrichshofenschen Buchhandlung, 1843, S. 206fDigitalisat