Was von außen  und von innen (August Hermann Francke)

Das Lied „Was von außen  und von innen“ erschien zum erstenmal gedruckt als Anhang zu einer Leichenpredigt, welche August Hermann Francke (1663-1727) Eleonore geb. Kubitz, der Frau des Johann Heinrich Michaelis, Professors der Theologie zu Halle, in der St. Georgenkirche zu Glaucha am 1. November 17i1 über Psalm 62. 2 hielt, und wobei sein Thema war: „Das stille Harren der Gläubigen auf die Hilfe ihres Gottes“. Das angehängte Lied hat die Überschrift (Psalm 62): Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Melodie: „O Durchbrecher aller Bande“.

Zu den Versen 1 bis 4:

Die Verstorbene, eine Tochter des Stadtrichters und Apothekers Kubitz in Sorau war geboren 1670, und seit 1706 mit Michaelis verheiratet, nachdem sie zuvor mit Diakonus Böse zu Sorau von 1691-1700 in der Ehe gelebt hatte. In demselben Jahre, in welchem sie ihren ersten Mann verloren (8. Febr. 1700), brannte am 25. August bei einer großen Feuersbrunst, welche die Stadt Sorau fast ganz in Asche legte, nicht nur ihres Vaters, sondern auch ihr eigenes, von ihrem Manne kurz zuvor erst neu erbautes Haus ab, und der größte Teil ihres Vermögens ging zu Grunde. Nicht lange darnach mußte sie ihren Vater zu Grabe begleiten. Die Kinder, welche sie in zweiter Ehe gebar, raubte ihr der Tod wieder. In dem allem aber war sie stille und hoffte auf Gott. Sie befliß sich einer redlichen und ungefärbten Gottesfurcht und ließ sich allezeit willig und bereit finden, sonderlich dem notleidenden Nächsten mit unverdrossenem Fleiß aus allen Kräften zu dienen. Ihr Hauptanliegen trug sie Gott alle Tage in dem Gebetsvers vor:

„Mein Vater, zeuge mich, dein Kind, nach deinem Bilde!“ In der Todesstunde war sie freudiger Hoffnung, doch kamen da auch von innen Anfechtungen, ob solche ihre Freude auch Wahrheit sei und sie ihr Heiland gewiß annehmen würde. Durch einigen Zuspruch wurde aber ihr Herz bald wieder zufriedengestellt, und sie tröstete sich öfters, daß ihr Heiland sie bald mit dem himmlischen Manna und dem Wein der Freuden reichlich erquicken werde. Nach ihrem Tod, bei dessen Herannahen sie sich noch die zwei Lieder Jesus, meine Zuversicht und Christus, der ist mein Leben hatte singen lassen, fand man in einem Schrank einen Zettel, von ihrer Hand beschrieben, worauf Abschieds- und Dankesworte an ihren Mann standen und sie bezeugte: Gott ist meine Zuversicht gewesen von Mutterleibe an und hat mich in keiner Not verlassen, sondern ist mir allezeit mit seiner Hilfe treulich beigestanden, dafür sein Name hochgelobet und gebenedeiet sei.

Er hat alles wohlgemacht, ihm sei allein die Ehre und der Preis in Ewigkeit. So war das Wesen und der Lebensgang der Vollendeten, zu deren Gedächtniß Francke 1711 dieses Lied gedichtet hat. Was von außen und von innen ihre Seele drückte, trug sie in stillem Harren auf die Hilfe des Herrn, dem sie es zuletzt nachrühmen durfte: Er hat alles wohlgemacht. Diesen Sinn schilderte Francke, wie die Unterschrift deutlich zeigt, die sich am Schluß des Liedes befindet: „Also wollte [ich] den Sinn und Wandel der seligen Frau Professorin durch den Inhalt des 62. Psalms ausdrücken, A.H.F.“

Zugleich aber ist dieses Lied auch ein schöner, heller Spiegel von Francke’s eigenem Sinn und Wandel, Herzens- und Lebenserfahrungen. Bei Vers 1-4 ist zu beachten, was Guerike im Lebenslauf Francke’s (Halle 1827, S. 358) über ihn berichtet:

„Durch alle die vielen Anfechtungen und Streitigkeiten, welche Francke in Halle von den Stadtgeistlichen und auswärts von den Gegnern des Christentums, die ihn mit Spott übergossen und sein edles Werk verdächtigten, durchzumachen hatte, wurde sein Mut nicht gebeugt. Alle Anfeindungen dienten ihm nur dazu, sich desto sorgsamer vor dem Bösen zu hüten, dessen seine Gegner ihn fälschlich beschuldigten, desto eifriger seinem Beruf und seiner Liebe zu leben, desto inniger sich an den anzuschließen, dessen Gnade alle Leiden dieser Welt so unendlich überwiegt. Alle Machinationen [Winkelzüge, Machenschaften] seiner Widersacher scheiterten an seiner innern Glaubensgewißheit und dem Frieden in ihm, den die Welt weder gibt noch nimmt; alle Schmähungen seiner Feinde prallten an dem Zeugnisse, das ihm der Geist Gottes ausstellte, auf die Urheber selbst zurück.“

1) Was von außen und von innen
täglich meine Seele drückt
und hält Herz, Gemüt und Sinnen
unter seiner Last gebückt,
in dem allem ist dein Wille,
Gott, der aller Unruh‘ wehrt
und mein Herz hält in der Stille,
bis es deine Hilf‘ erfährt.

2) Denn du bist mein Fels auf Erden,
da ich still und sicher leb‘;
deine Hilfe muß mir werden,
so ich mich dir übergeb‘.
Dein Schutz ist mein Trutz alleine
gegen Sünde, Not und Tod;
denn mein Leiden ist das deine,
weil ich dein bin, o mein Gott.

3) Auf dich harr‘ ich, wenn das Leiden
nicht so bald zum Ende eilt;
dich und mich kann’s nimmer scheiden,
wenn’s gleich noch so lang verweilt.
Und auch dies mein gläubig Hoffen
hab‘ ich nur allein von dir;
durch dich steht mein Herz dir offen,
daß du solches schaffs in mir.

4) Bei dir ist mein Heil und Ehre,
meine starke Zuversicht;
willst du, daß die Not sich mehre,
weiß ich doch, du läßt mich nicht.
Meint der Feind mich zu erreichen,
und zu werfen unter sich,
will ich auf den Felsen weichen,
der wirft alles unter mich.

Zu Vers 5: Francke pflegte oft zu sagen: Auf den lebendigen Gott kann man schon was wagen, er ist groß genug, es auszuführen und wird wohl seine armen Kinder, die das glauben, nicht stecken lassen. So wagte er ja auf den lebendigen Gott den Bau des großen Waisenhauses mit ein paar Thalern, die allein sein eigen waren, und gerade wegen dieses Baues, da es oft am nötigsten Geld gebrach, hatte er es reichlich zu erfahren, daß man nur anklopfen darf beim Herrn, wenn Hilfe nötig ist. Er konnte in segensvollen Fußstapfen 1709 bereits dreißig Fälle aufzählen, welchen ihm der Herr auf sein Gebet, gerade zu der Stunde, da er’s brauchte, Geldunterstützung zukommen ließ. So erzählt er: Um Michaelis war ich im äußersten Mangel, und da ich bei ganz schönem Wetter ausgegangen war und den klaren Himmel betrachtete, ward mein Herz sehr im Glauben gestärket, also daß ich bei mir selbst gedachte: Wie herrlich ist es doch, wenn man nichts hat und sich auf nichts verlassen kann, kennet aber den lebendigen Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat und fetzt auf ihn allein jedes Vertrauen, dabei man auch im Mangel so ruhig sein kann. Komme darauf nach Hause, da ich die Arbeiter bezahlen sollte. „Ist welches kommen“, fragte der Zahlmeister. Nein, antwortete ich aber habe Glauben an Gott. Kaum hatte ich das Wort ausgeredet, ließ sich ein Studiosus bei mir melden, welcher dreißig Thaler von jemand brachte, den er nicht nennen wollte. Darauf ging ich wieder in die Stube und fragte den Verwalter, wie viel er zur Ausbezahlung brauche. „Dreißig Thaler“, sagte er. Hier sind sie. Braucht man nicht mehr? „Nein!“

Ein andermal forderte der Hausverwalter Geld für die Ausgaben der Woche, und es war nicht mehr da. Da wollte ich gerade ins Kämmerlein gehen, um bei de großen Waisenvater anzuklopfen, und noch ehe ich’s thun konnte, kam von einem Kaufmanne ein Brief mit tausend Thalern fürs Waisenhaus. Da dachte ich an die Worte: „Ehe sie rufen, will ich antworten, wenn sie noch reden, will ich hören“, und ging ins Kämmerlein zum Loben und Danken.

Abermals war Francke im Gedränge Er hatte eine so große Summe nötig, daß er nicht absah, wie er mit hundert Thalern auskommen würde, und gleichwohl wußte er nicht, wo nur zehn Thaler hernehmen. Der Verwalter kam und forderte Geld. Francke beschied ihn auf den Nachmittag und betete unterdessen. Nach dem Mittagessen war noch nichts da; er beschied ihn auf den Ábend Mittlerweile besuchte ihn ein christlicher Freund, mit dem betete er nun auch, und bei diesem Gebet erschienen die merkwürdigsten Beispiele der heiligen Schrift von Gottes Hilfe und Errettung, durch das Gebet wie in einem Brennpunkt gesammelt vor seiner Seele, so daß er statt zu beten Gott nur preisen und im Loben vor ihm sein Herz ausschütten mußte. Der Freund ging weg, Francke begleitete ihn bis an die Haustüre. Hier erblickte er auf der einen Seite zuerst den Verwalter, welcher das Geld holen wollte, auf de andern Seite aber einen Menschen, der ihm in einem versiegelten Beutel 150 Taler brachte! –

Wieder einmal, als schon das Waisenhaus bezogen war, geschah es, daß der Hausvater Francken anzeigte, es seien nur noch sechzehn Groschen in der Kasse, und dabei je kleinlaut tat. Da sagte Francke: Fürchtet Euch nicht, Gott lebet noch, der wird schon für seine Kinder sorgen. Drauf ging er zum Fenster, sah gen Himmel und betete: „Mein Vater, unser Vorrat ist aus, deine Kinder haben kein Brot. Du bist Vater und die Kinder sind dein. In meiner Hand stehet es nicht, ihnen Brot zu schaffen, aber bei dir ist Rat und Tat, auch ein erbarmendes Vaterherz.“ Und siehe da, nach einer halben Stunde kam ein Bote und brachte ein Paket mit zehn Thalern, ja des andern Tages kam wohl sechsmal so viel von unbekannten milden Herzen. Dieser Vers ist in der Tat der aufmunterndste im ganzen Lied, und darum auch für andere schon überaus stärkend geworden, es sei in Krankheitstagen oder in andern Nöten. Er heißt:

5) Lieben Leute, traut beständig
auf ihn als auf euren Hort!
Er ist Gott und heißt lebendig,
ist euch nah an jedem Ort.
Wenn und wo euch Hilfe nötig,
da klopft an: Er ist zu Haus,
kommt und ist zur Hilf erbötig;
schüttet euer Herz nur aus!

Zu Vers 6: Francke erzählt in den „segensvollen Fußstapfen“ 1709: „Als einmal wieder fast gar nichts mehr übrig war, und der Ökonomus darstellte, es müsse, wolle man nicht großen Schaden haben, Vieh gekauft und 20-30 Scheffel Korn gemahlen werden, zeigte sich eine Gelegenheit, daß einer damals gegenwärtigen Person solcher Mangel nur hätte kund gegeben werden dürfen, so würde dieselbe nach Vermögen beigesprungen sein.

Aber man wollte lieber Gott die Ehre geben, daß man nicht von seiner Türe wegginge vor eine andere, da er ja mächtig genug ist, selbst auf eine solche Weise zu helfen, daß man seinen Finger klärer darunter merken und ihm desto fröhlicher danken könnte. Darauf gab Gott aufs neue viel Freudigkeit zu beten und Gewißheit der Erhörung, da er auch das Geschrei der jungen Raben höret. Als das Gebet verrichtet war, und ich mich kaum zu Tisch gesetzt hatte, klopfet jemand an die Stubentür; da ich auftat, war es ein wohlbekannter Freund, welcher einen Brief und eine Rolle mit fünfzig Thalern brachte, die von einem andern Ort her geschickt waren, worauf noch zwanzig andere folgten, daß also aller Mangel auf dasmal zur Genüge ersetzet ward und man deutlich erkannte, daß Gott gehöret, noch ehe man gerufen, welches desto mehr Lob und Preis seines heiligen Namens erweckt.

6) Aber wie kann’s dem gelingen,
der auf Fleisch die Hoffnung setzt?
Große Leut‘ sind samt geringen
in der Not gar ohn‘ Gewicht.
Traut doch lieber auf den e i n e n,
welcher Lieb und Allmacht hat.
Deß er helfen will den Seinen,
das beweist er mit der Tat.

Zu Vers 7 und 8: Als Francke so viele spöttische und schändliche Gerüchte wegen des Waisenhausbaues über sich ergehen lassen mußte, sprach er sich deshalb in den „segensvollen Fußstapfen“ gegen die spöttischen Gerüchte so aus:

„Des Unglaubens Sprache ist, das Werk könne nicht aufkommen, weil keine Mittel dazu vorhanden wären, und wenn gleich das Haus gebaut würde, wo wäre dann das Kapital, die Leute in demselben zu erhalten? Es könne das Werk nicht bestehen, weil es kein Forum oder gewissen Fundum habe. Ist denn Gott nicht gewiß genug? Ist der Himmel nicht fixer als der Menschen ihr Kapital, darauf sie sich so gewiß fundieren? Ich will solcher Sprache des Unglaubens die Sprache des Glaubens entgegensetzen.

So spricht der Glaube: Gott ist mein Vater, so bin ich sein Kind, welches er im Herzen lieb hat, darum so wird er mir aushelfen aus allen meinen Nöten durch seinen lieben Sohn. Er wird mir so helfen, daß sich’s verwundern werden alle meine Feinde, und alle die so es hören, sein Segen wird über mich kommen reichlich und überschwenglich, daß ich sein werde in allem wie ein wasserreicher Lustgarten. Alles was ich werde anfangen, das wird wohl gelingen, wie kümmerlich und nährlich es auch zuweilen geht, und wie viele Winde und Wellen mein Schifflein zuwider hat. Ich werde noch meinen Segen nicht übersehen könne,  auf daß jedermann schauen und merken könne, daß derjenige nicht zu Schanden wird, der seine Dinge in Gott, mit Gott und für Gott angefangen und sich auf seine unendliche Kraft, Liebe und Treue verlassen hat.“

7) Auf dich, mein Gott, bau ich feste,
geh in aller Stille hin;
denn zuletzt kommt doch das Beste,
und das End‘ ist mein Gewinn.
Deine Allmacht hilft mir tragen,
deine Lieb‘ versüßet mir
alles Bittre, alle Plagen;
darum bin ich still zu dir.

Vers 8: Gegen die schändlichen Lügen und Lästerungen aber, selbst von solchen, denen er Gutes getan, als reiche er den Waisenkindern schlechte Kost, sorge für sein Interesse, unterschlage Gelder, sei unbarmherzig, ermahnte er seine Widerwärtigen immer nur damit, daß sie nicht richten sollten vor der Zeit, da der Herr komme, wo eines jeglichen Werk werde offenbar werden. Ich bin, sagte er, der guten Zuversicht zu dem, der Himmel und Erde gemacht hat, daß er den Unglauben samt allen seinen Lügen und Verleumdungen noch immer gewaltiger zu Schand‘ und Spott machen wird .

8) Laß, o Seele, es nur gehen,
wie es geht, und sorge nicht!
Endlich wirst du dennoch sehen,
daß Gott übt ein recht‘ Gericht.
Jetzo ist er deine Stärke,
daß dir gar nichts schaden kann,;
dort vergilt er alle Werke,
so ein jeder hat getan.

Vers 9: Gar herrlich schließt darum das Lied ab:

9) Breit, o Herr doch deine Güte
über mich, nimm mich in dich.
So wird hinfort mein Gemüte
stille bleiben ewiglich.
Werde alles und in allen;
gib uns, daß wir dir allein
trachten allzeit zu gefallen,
so wird alles stille sein.

Quellen:

Geschichte des Kirchenlieds und Kirchengesangs mit besonderer Rücksicht auf Würtemberg. Von Eduard Emil Koch, Pfarrer in Großaspach. Zweiter Teil: Die Lieder und Weisen. Druck und Verlag der Chr. Belser’schen Buchhandlung, 1847 [Digitalisat]

Lied Nr. 318: Gesangbuch für die evangelische Kirche in Württemberg, Schmuckausgabe, S.  338f. (Verlagskontor des evangelischen Gesangbuchs, Stuttgart 1912)

Weblinks und Verweise:

Liedeintrag bei Hymnary.org

Lied Nr. 473: Gesangbuch der Evangelischen Kirche; herausgegeben von der Deutschen Evangelischen Synode von Nord-Amerika. St. Louis, Missouri/U.S.A., 1908. Denomination: Evangelical Synod of North America (externer Link zu Hymnary.org)

Erstellt am 25. Mai 2021 – Letzte Überarbeitung am 7. September 2021