2. Sanftmütig. (Matthäus 21, 5)

Saget der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen der lastbaren Eselin. (Matth. 21, 5)

Zion soll über seinen König sich freuen, ja jauchzen, Sacharja 9, 9. Zion bist du, meine Seele in mir und so tief und groß ist die Barmherzigkeit Gottes, daß man sich freuen, ja jauchzen soll. O meine Seele, wache früh auf, Ps. 119, 148. Es ist wahr, daß es eine Erde ist, welche der Herr verflucht hat,  1. Mos. 5, 29. Und gewiß ist, daß auf der Erde verflucht, von Gott verflucht ist Jedermann, der nicht bleibt in Allem, was geschrieben steht in dem Buche des Gesetzes, daß er es tue, Gal. 3, 10. Aber derselbe große Gott, der heilig und gerecht ist, sendet Botschaft, daß du, meine Seele, jauchzen sollst, weil Christus der König, dein sanftmütiger König ist.

So schaue, wie groß Er ist! Der Vater hat Ihm Alles in Seine Hände gegeben, Joh. 13, 3. In Seinen Händen liegen alle Kräfte und Gewalten des Himmels, in Seinen Händen ruht die Macht über die bösen Geister der Finsternis, in Seinen Händen ist auf Erden die vollkommene Gewalt über dich, meine Seele, über all deine Not, über all deine Verkehrtheit, über Alles, was dich beugen und erheben kann. Dies ist der König, dem alle Gewalt gegeben ist, Matth. 28, 18.

O Jesu, wie groß bist Du ! Welch ein Glück genießen. Alle, über welche Du König bist! Durften Juda und Israel sicher wohnen, ein Jeglicher unter seinem Weinstock und unter
seinem Feigenbaum, so lange Salomo lebte (1 Kön. 4, 25), wie sollte meine Seele unter Dir, Jesu mein König, nicht in tiefem Frieden leben können! Friede wird sein inwendig in den Mauern und Glück in den Palästen, in allen Kammern meines Herzens (Ps. 122, 7), darum
weil Du mein König bist. Wer will verdammen (Röm. 8, 34), da dieser König alle Verdammnis überwunden hat! Wer will beschuldigen (Röm. 8, 33), da der König Selbst bezahlt hat?

O Seele, Seele, wach auf und höre. Höre, daß Er sanftmüthig ist. Jacob war froh, als er hörte, daß Joseph noch lebte – wie froh werde ich sein, wenn ich erst verstehe, daß Du sanftmütig bist, Heiland meiner Seele. Petrus hatte alle Ursache, niedrig von sich zu
halten, denn er war tief gefallen; aber das wagt er doch zu sagen: Herr, Du weißt alle Dinge, Du weißt, daß ich Dich lieb habe, Joh. 21, 17. Wie sollte er es nicht wagen, so kühn zu reden, da er die Sanftmut Christi als das tiefste Labsal erfahren hatte. Und wie sollte ich Dir nicht, mein Heiland, bekennen dürfen, daß ich Dich lieb habe, da eben Deine unbegreifliche Sanftmut in meine arme Seele hinableuchtet? Laß nur Dein Angesicht über mir leuchten, Du König voll Sanftmut, so will ich mich freuen und jauchzen. O Jesu, Du König, Du Sanftmütiger, nimm mir meinen Unverstand, entdecke mir die Lüge des Lügners, der mir Deine Sanftmut ableugnen will. Laß mir Dein Wort gewiß sein, daß Du sanftmütig bist. Tritt herzu, du große Sünderin (Luc. 7), komm, du Mann, an welchem der König alle Geduld erzeigt hat (1 Tim. 1, 16) und bezeugt meiner Seele und Allen, die es bedürfen, daß die Größe des Königs unaussprechlich ist (Ps. 145, 3); denn Er ist sanftmütig. Schwei,  du Furcht und Grauen in mir vor Tod und Gericht, denn mein König ist König über euch und Er ist sanftmütig und will, daß ich komme und nicht fliehe. O Herr, ich komme, ich spüre die heilende Kraft Deiner Sanftmut, ich genese von allen
meinen giftigen Wunden, auch von dem Mißtrauen gegen Gott. Willst Du, so will ich mich freuen und jauchzen über Deiner Sanftmut, die mir leuchten wird, wenn meine Augen brechen.

Du großer König, Du hast gesagt, daß Deine Kinder sein sollen, wie Sterne am Himmel, 1. Mos. 22, 17. Und Du hältst Glauben ewiglich, Ps. 146, 6. Wenn denn nun meine Seele genesen ist im Lichte Deiner Sanftmut, so bitte ich, laß das stille, süße Licht Deiner
unbegreiflichen Sanftmut in mir leuchten und um Deines Namens willen, laß meine Brüder und Schwestern merken, wenn sie in mich sehen, daß Du sanftmütig bist
und die Deinen lehrst, was Du bist und tust.

Und gleich wie Dein’ Zukunft war
Voller Sanftmut, ohn’ Gefahr,
Also sei auch jederzeit
Deine Sanftmut mir bereit.

Quelle:

Stille halbe Stunden. Von Th. Schmalenbach. Gütersloh, Druck und Verlag von C. Bertelsmann. 1877.
Bayerische Staatsbibliothek, urn:nbn:debvb:12-bsb11354794-3
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