Goldene Worte über die theure Lehre von der freien Gnade (Emil Wilhelm Krummacher)

Allen wahren Christen zur ernstlichen Beherzigung gesammelt und dargeboten von E. W. Krummacher, evangelisch-reformirtem Pfarrer zu Langenberg.

Elberfeld 1832. Bei Wilhelm Hassel.

Vorrede.

Die vorliegende Schrift hat eine erbauende, keine streitende Tendenz; sie will nicht systematisiren, disputiren und polemisiren, sondern sie will wahrheitliebende Christen gleichsam in eine Tempelhalle führen, da manche theure Väter der Kirche und mehrere der wackersten Streiter unseres Herrn Jesu Christi vor Gottes Angesicht von einer Wahrheit Zeugniß geben, welche von jeher der Gemeinde des Herrn ein theuerwerthes Heiligthum gewesen ist und bleiben wird, bis an das Ende der Tage, ja bis in alle Ewigkeiten hinein. – Der Herausgeber ist freilich der Meinung, daß das Disputiren und Systematisiren über den Gegenstand dieser Schrift keinesweges zum Ziele führt, weil einerseits Gott selbst in seinem Worte kein systematisch-consequentes Lehrgebäude aufstellt, und auf der andern Seite der menschliche Verstand sich gar zu leicht von dem rechten, demüthigen Glaubens- und Erfahrungsboden in einseitige Speculationen und spitzfindige Nebenbestimmungen verirrt und verliert. – Aus diesem Grunde hat die vorliegende Schrift eine aphoristisch (in kurzen Sätzen) zeugende, nicht aber eine regelrecht systematische Gestalt.

“Wozu aber ein Büchlein über die freie Gnade?“

Soll der Herausgeber diese Frage beantworten, so spricht er freudig seine gewisse Ueberzeugung aus, daß zur Verherrlichung des dreieinigen Bundesgottes, zum wahren Verständniß des heil. Evangeliums, so wie zur rechten Gründung und Belebung des inneren Lebens und Friedens diese theure Lehre von der höchsten Bedeutung, von der einflußreichsten Wichtigkeit ist. Es leidet keinen Zweifel, daß man dem Christenthum unaussprechlich viel von seiner demüthigenden, erquickenden, belebenden und heiligenden Kraft raubt, wenn diese Lehre verflacht und übersehen, wenn sie nicht in ihrer Herrlichkeit erfaßt und erfahren, wenn sie in den Hintergrund gestellt oder durch vernünftig klingende, synergistische, d.h. manches Gute aus der Natur des Menschen selbst herleitende, Satzungen verstümmelt wird. Es ist jedem Christen, der sich selbst und das unaussprechlich tiefe Grundverderben seines Herzens und Lebens in dem Lichte des Heiligthums erkannt hat, einleuchtend und klar wie die Sonne, daß dem ganzen Christenthum der Lebensnerv und dem Evangelium seine evangelisirende Kraft geraubt und weggeschnitten wird, wenn man dieser freien Gnade Gottes zu nahe tritt. –

Aller Menschen Ruhm und Ehre, aller Menschen Weisheit und Heiligkeit, Kraft und Würdigkeit ist eitel und nichtig; nirgends findet sich in uns oder in andern armen Sündern eine Spur des wahrhaftigen Lebens. Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr‘ – in Ihm ist die lebendige Quelle, und ihr Wasser sprudelt ins ewige Leben. Nur die freie Gnade Gottes in Christo Jesu ist es, die uns aus dem Verderben herausreißt, sie weckt uns ins Leben, sie pflanzet uns in den Garten Gottes, sie bringet das Saatkorn des Wortes durch den Odem des Geistes an’s Keimen, Wachsen, Blühen, Gedeihen und Früchtebringen. Es ist nichts, auch kein Stäublein eigner Vortrefflichkeit an uns und in uns, woran diese Gnade ihr rettendes Werk anzuknüpfen vermöchte; auch der leiseste Seufzer nach dem Anbruch der Morgenröthe ist ein Wunderwerk dieser freien Gnade, die sich erbarmt, wessen sie will; und wo nur irgend eine gerettete Seele glauben, hoffen, lieben, kämpfen, siegen und lobsingen kann, da ist diese Gnade mächtig geworden. – Sie ist eine freie Gnade; wer sie hat, der hat sie umsonst und mag sich wohl zum allertiefsten in den Staub legen, alle Tage aufs Neue, und demüthig fragen:

“Wer bin ich, o Herr, und was ist mein Haus? Ich bin viel zu geringe Deiner Treue und Barmherzigkeit. Warum hast du mich vorgezogen? O wie soll ich dem Herrn vergelten alle seine Wohlthat, die er an mir thut? Ich will den heilsamen Kelch nehmen und des Herrn Namen predigen.“

Diese Ueberzeugung ist es demnach, welche den Herausgeber bewogen hat, die Zeugnisse verschiedener Gottesmänner zur Erbauung, Gründung und Befestigung der Gläubigen zusammenzustellen. Nicht, als ob wir gesonnen wären, irgend einem Menschen, – sein Name sei noch so strahlend, sein Ruhm erstrecke sich durch Jahrtausende und seine Thaten seien gepriesen von einem Pol zum andern, – eine solche Autorität beizulegen, welche dem göttlichen Ansehen der heiligen Schrift zugesellt oder gar übergeordnet werden könnte. Was sich nicht demüthig beugt unter die Wahrheit des göttlichen Wortes, und unter den Gehorsam des Glaubens die Vernunft nicht gefangen nimmt, das verabscheuen und verfluchen wir, und wenn ein Engel vom Himmel ein anderes Evangelium predigen möchte, als das Eine und ewige, der sei verflucht.

Weil aber die h. Schrift auch den Gegnern der Lehre von der freien Gnade als eine Rüstkammer zur Bestreitung derselben hat dienen sollen, so schien es uns wichtig, bedeutsam und zeitgemäß, solche Gottesmänner über diesen erhabenen Gegenstand zeugen zu lassen, welche, von der tiefsten Ehrfurcht vor der heil. Offenbarung durchdrungen, ihr ganzes Leben dem Dienste des Herrn aufgeopfert und in der Demuthsschule geistlicher Erfahrungen die gewisse Ueberzeugung erlangt und freudig bekannt haben, daß die Gnade Gottes in Christo Jesu eine freie sei. Sind sie auch alle nicht werth, Dem, der da mit dem heiligen Geiste und mit Feuer tauft, die Schuhriemen aufzulösen; saßen sie vielmehr bis an ihr Lebensende auf der Schülerbank zu den Füßen des Einen, der unser Meister ist, so sind diese Männer doch, was Johannes war, Stimmen eines Predigers in der Wüste, die dem Herrn den Weg bereiteten und seine Steige richtig machten, und ihr Zeugniß ist jedem Christen von hohem Werthe, der das Werk der Gnade in diesen Männern zum Preise Gottes anzuerkennen weiß.

Die Männer aber, welche hier nacheinander ihren Mund aufthun, um dem Herrn die Ehre zu Füßen zu legen, sind folgende:

Es ist zuerst der große Reformator Dr. Martin Luther. Einige, wiewohl nur wenige Aussprüche desselben sind seinem Büchlein „de servo arbitrio“ oder: “Daß der freie Wille nichts sei“, entlehnt. Die Gewichtigkeit dieser Aussprüche wird vielleicht von manchen Lesern aus dem Grunde angefochten werden, weil Luther in spätern Jahren dieses Büchlein verworfen oder retractirt habe. Allein diese Meinung, wie allgemein sie auch verbreitet sei, hat keinen Grund: denn Luther hat nicht nur in seinem Werke über das erste Buch Mosis, welches er in den letzten Jahren seines Lebens verfaßte, bei der Erklärung des 26. Capitels die fortwährende Geltung dieses Buches de servo arbitrio bestätiget; sondern er schrieb auch im Jahre 1537 d.d. 9. Juli an Wolfgang Fabricius Capito, Prediger in Straßburg, Folgendes:

„De tomis meorum librorum disponendis ego frigidor sum et segnior, eo quod Saturnina fame percitus, magis cuperem, omnes devoratos. Nullum non agnosco meum justum librum, nisi forte de servo arbitrio et catechismum.”

(Der Herausgeber fand diese merkwürdige Notiz in seinem Exemplar des Büchleins de servo arbitrio, welches im Jahre 1526 gedruckt ist, verzeichnet. Außer Johannes Affelmann in praefat. responsi Conradi Schlüsselburgii contra Christophorum Pelargium gedenken dieses Briefes Zanchus lib. III. miscell. p. 17; Piscator in der Apologia contra Röderum p. 77, und es wird ebendaselbst ausdrücklich bemerkt, „daß Lutheri Hand noch vorhanden sei in der Bibliothek zu Straßburg.“)

Diese Worte wollen so viel sagen: Was die Anordnung seiner Bücher in verschiedene Bände betreffe, so sei er in dieser Sache gar träge und verdrossen, und wenn man sie als seine Kinder betrachten wolle, möge er leiden, wenn sie alle begraben würden, ja dazu lieber mit Hand anlegen; ausgenommen das Buch de servo arbitrio und den Catechismus, diese beiden erkenne er für seine rechten Kinder. –

Uebrigens sind die bei weitem meisten Aussprüche dieses Glaubenshelden aus seinen anderweitigen und später erschienen Schriften, namentlich aus seinen zu Wittenberg gehaltenen Predigten, aus dem Werke über die Genesis, aus den Tischreden, aus seinen Erklärungen: der Propheten Jesaias und Jeremias, der Psalmen, der Evangelien und des Briefes an die Galater entlehnt.

Der zweite Zeuge für die freie Gnade ist Johannes Calvinus, der zugleich den ehrwürdigen Kirchenvater Augustinus häufig reden läßt. Die Aussprüche dieses großen Reformators finden sich in seinen institutiones christianae religionis III. Buch Cap. XXI., XXII., XXIII.

Der dritte ist Philipp Melanchthon, der wenigstens (von ihm sagt der Kirchenhistoriker Dr. Weismann: hanc materiam de libero arbitrio cum collegis saepe tractavit, maxime in locis theologicis, vivo etiam Luthero neque contradicte.) in seinem berühmtesten Werke, den locis theologicis, sich demüthig unter die Lehre von der freien Gnade beugt, wie die angeführten Aussprüche jedem Leser hinlänglich ausweisen. Seine Werke sind im Jahre 1829 zu Leipzig (b. Brockhaus) deutsch herausgegeben von Dr. F. A. Köthe.

Den Aussprüchen dieses großen Gelehrten folgen viertens die von Huldreich Zwingli. Seine sämmtlichen Schriften wurden im Jahre 1829 in einem sehr zweckmäßigen Auszuge von dem Professor Usteri und dem Prediger Vögelin zu Zürich herausgegeben. Die mitgetheilten Bemerkungen sind seiner Glaubenslehre entlehnt.

Der fünfte Sprecher in unserer Halle ist der ehrwürdige Thomas a Kempis, der schon im 14ten Jahrhundert (er wurde 1380 zu Kempen geboren und sein Geschlechtsname war Hämmerlein) sein Büchlein von der Nachfolge Christi schrieb, welches in alle Sprachen übersetzt wurde und in mehr als tausend verschiedenen Ausgaben vorhanden ist. Schon Luther pries den hohen Werth dieses Büchleins, das schon so viele Christen erquickt hat, obwohl sich freilich nicht läugnen läßt, daß die Lehre von der Rechtfertigung, statt herausgehoben zu werden, sehr in den Hintergrund tritt und mehr vorausgesetzt als verkündiget wird.

Das ist nicht der Fall bei dem folgenden Zeugen Peter du Bose, der im Jahre 1623 zu Rouen geboren ward, und anfänglich zu Caen in der Normandie das Evangelium verkündete. Er war ein gelehrter, begabter Mann, in Wort und Werk ein Muster seiner Gemeinde, welcher er die durch das Blut Jesu erworbene Gnade mit Herzenswärme gewaltig anzupreisen verstand. In den trüben Zeiten der Verfolgung der Reformirten in Frankreich, leistete er seiner Kirche durch seinen Eifer und Fleiß, durch sein einnehmendes Wesen und seine Beredsamkeit große Dienste. Er war das Organ, durch welches alle Verhandlungen mit Ludwig XIV. gepflogen wurden, der bei allem Haß gegen die Reformirten doch du Bose gewogen war, und ihn für den größten Redner seines Reiches hielt. Dessenungeachtet mußte dieser apostolische Zeuge im Jahre 1685 nach Holland fliehen, wo er als Prediger in Rotterdam 1692 zu seines Herren Freude einging. Seine in dieser Sammlung befindliche Abhandlung “über die Lehre von der Gnade“ sollte anfänglich excerpirt werden; der Herausgeber fand aber so große Belehrung und Erquickung darin, daß er durch die vollständige Uebersetzung derselben manchem Christen einen Dienst zu erweisen hoffte.

Ihm folgt sein französischer Glaubensbruder Joh. Jacob Saurin (geb. 1677 zu Nismes), der mit einer fast beispiellosen Unerschrockenheit im Haag das Wort der Wahrheit verkündete. Mit ausgebreiteter Gelehrsamkeit und glänzenden Rednergaben ausgerüstet, wirkte er im Dienste seines Herrn mit heiligem Eifer bis an sein Ende. Er starb im Jahr 1730 im 53. Jahre seines Alters. Die hier aufgenommenen Zeugnisse finden sich in einer Predigt: “über die Tiefen der Gottheit.“

Der achte Gottesmann, der in diesem Büchlein mit so großer Herzandringlichkeit die freie Gnade preiset, ist der allbekannte Erbauer des Hallischen Waisenhauses, August Hermann Francke (geb. in Lübeck 1663, gest. 1727 zu Halle).

Ihm folgen die beiden Engländer: John Newton und William Marshall. Des Ersteren “Unterhaltungen über wichtige Herzensangelegenheiten in Briefen“ sind manchen Lesern bekannt; Marshalls tief-evangelisches Werk: “Das Geheimniß der Heiligung“ verdient allen Christen dringend empfohlen zu werden, welche sich über das Wesen der Heiligung und ihr Verhältniß zur Rechtfertigung gründlich belehren möchten.

Der elfte Zeuge für die freie Gnade Gottes in Christo ist der von Gott gesalbte Friedrich Adolph Lampe, dessen “Geheimniß des Gnadenbundes“ in einem zwar gedrängten, aber kernhaften Auszuge vor Kurzen in Hamburg erschienen ist.

Ihm folgt Martin Boos, ein Mann mit Narben, der mitten in der katholischen Kirche wie ein Licht gebrannt und geschienen, und vor wenigen Jahren zu Sayn bei Coblenz sein müdes Haupt schlafen gelegt hat. Er war ein Prophet in der katholischen Kirche, wie Huß. Verbrannt hat man ihn um seines wahrhaft biblischen Bekenntnisses willen nicht; aber er wurde gewürdiget, Schmach und Spott, Schimpf und Schande, die bittersten Verfolgungen, die schändlichsten Mißhandlungen, ja Kerker und Verbannung zu leiden um Christi willen, wie seine von Johannes Goßner herausgegebene Selbstbiographie (Leipzig, bei Tauchnitz, 1826) jedem Leser hinlänglich ausweiset. In seinen letzten Lebensjahren hat ihm der Herr den frischen Lebensodem genommen; er wurde kränklich; seine frühere Zeugenkraft, sein Bekennermuth ließ nach; auch schlug sein Wort nicht mehr so blitzartig ein. Er mußte gründlich erfahren, daß man ohne die unmittelbare Ausrüstung von oben nichts thun, und ohne des Herrn Segen gar nichts Gutes wirken könne. Er hat aber Viele zur Gerechtigkeit gewiesen und thut es noch in seinem Büchlein: „Christus für uns und in uns unsere Gerechtigkeit“, wie in seiner Selbstbiographie. auch in diesem Büchlein soll er eine Stelle einnehmen. Gott gebe seinen Worten den Klang, wie damals, als sie gesprochen oder niedergeschrieben wurden.

Den Beschluß machen drei liebe Würtemberger:

M. Friedrich Christoph Steinhofer, weiland Specialsuperintendent und Stadtpfarrer zu Weinsperg.
M. Karl Heinrich Rieger, weiland Consistorialrath und Stiftsprediger zu Stuttgart.
M. Ludwig Hofacker, Pfarrer in Rielingshausen, des Herausgebers lieber, seliger Freund und Bruder; er starb am 18. November 1828.

Und so wolle denn der Herr, der alle diese Männer aus lauter Gnaden wunderbarlich mit seinem Geiste ausrüstete, und während ihrer Lebenszeit so augenscheinlich das Gedeihen gab zu ihrem Pflanzen und Begießen, auch diese ihre kräftigen Zeugnisse von oben bethauen, auf daß die Herzen der Seinigen dadurch nicht nur gegründet, erbauet, erquickt und gestärkt, sondern auch in der Tiefe gedrungen werden mögen, Ihm allein die Ehre zu Füßen zu legen, welche keinem Menschen, keinem Apostel, keinem Reformator, keinem noch so geheiligten Zeugen der Wahrheit, sondern Ihm allein gebühret und seiner freien Gnade, von der wir hienieden nur stammeln können, droben aber lobsingen werden in alle Ewigkeit.

Langenberg, in den Tagen des Advents 1831.

Der Herausgeber.

Dr. Martin Luther.

Das sollst du gewißlich glauben, daß keine höhere Gnade, und göttlich Werk ist, denn wo jemand darzu kommt, daß er Christus Wort von Herzen gerne hört, und mit Ernst meinet, groß und theuer achtet. Dann es ist nicht jedermanns Ding, noch aus Menschen Verstand und Wahl herkommen: Es gehört mehr dazu, denn Vernunft und freier Wille, daß man’s könne fassen und annehmen, wie Christus spricht Joh. 6.: Es kann niemand zu mir kommen, es sei dann, daß ihn der Vater ziehe. Und abermal: Wer es höret von meinem Vater, und lernets, der kommt zu mir. Welche Worte, ob sie wohl hart lauten wider die falschen Christen, sie sind doch den frommen Herzen, die sein Wort lieb haben, lieblich und tröstlich, wenn man siehet in Christus Herz und Meinung, daher sie fließen. Denn er will anzeigen, daß nichts aus Menschen Willen und Fürnehmen komme, an Christo zu hangen und sein Schüler zu werden, sondern daß es Gottes Werk und Kraft sei. Wie sich’s denn wohl ausweiset, wenn man in die Welt siehet, wie wenig ihrer sind, die Christus Wort lieb und werth haben, sonderlich wo große Gewalt, Weisheit, Heiligkeit regieret.

Man will mit dem Gleichniß, daß uns Gott zeucht und lockt, wie man ein Lamm oder Schäflein locket, beweisen, daß wir ein Vermögen haben, demselben Locken Gottes zu folgen. Und das Gleichniß ist hie nichts werth: denn Gott weiset uns nicht eins alleine, sondern alle seine edle Güter und Creaturen am Himmel und Erden, und darzu Christum selbst, den lieben Sohn; und folget doch niemand, so lange der Vater nicht inwendig anders weiset, und inwendig auch uns zeucht; ja die ganze Welt verfolget den Sohn Gottes. Zu den Christen aber und Frommen reimet sich das Gleichniß fein, die jetzund schon Schäflein sind, die ihren Hirten, Gott den Herrn kennen, die leben und werden getrieben im Geist, und folgen, wohin Gott will, und wohin sie Gott weiset. Der Gottlose aber kommt noch folget nicht, wann er auch schon das Wort gehöret hat, es sei denn, daß ihn der Vater inwendig ziehe und lehre, welches er thut, wenn er den Geist gibt. Das ist nun ein ander Ziehen, dann das auswendig geschieht, da wird Christus im Herzen gezeiget, durch das Licht des Geistes, da der Mensch wird gelocket und gezogen zu Christo, durch ein freundlich, süßes väterlich Locken und Ziehen, und leidet vielmehr da Gottes Werk, dann daß er darnach laufen sollte, oder etwas darzuthun. (Wittenb. Ausg. 1559, S. 541.)

Die nicht selbst gottsgelehrig sind, Joh. 6. und den H. Geist selbst neben meinem Predigen zu einem Meister haben, denen ist mit keinem Schreiben, Lehren, Vermahnen, antworten nimmermehr zu helfen, und wenn man gleich hundertmahl antwortete, oder die Welt voll Bücher machte. Denn da ist alle Mühe und Arbeit, Fleiß und Kosten verlohren, als wollt ich ein Faß füllen, das keinen Boden hat. (S. 443.)

Im kleinen Catechismus: Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesum Christum, meinen Herrn, glauben, oder zu ihm kommen kann: sondern der H. Geist hat mich durch’s Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt, und erhalten: gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammlet, erleuchtet, heiliget, und bei Jesu Christo erhält im rechten einigen Glauben.

Gleichwie der Mensch, ehe er geschaffen ist, oder ein Mensch worden, nichts darzugethan hat, noch gestrebet, daß er eine Creatur würde: Und da er nun ein Mensch geschaffen ist, nicht auch dazu etwas gethan, noch etwas thut, noch darnach strebet, daß er eine Creatur bleibe und erhalten werde, sondern wie das beides geschicht und geschehen ist allein aus dem Willen göttlicher Kraft und Güte, also auch haben wir gesagt, daß der Mensch, ehe und zuvor er neu geboren und eine neue Creatur wird, durch den Geist und den Glauben, nichts darzu thut, auch nicht etwas streben kann, dadurch er sich bereite zu der geistlichen Wiedergeburt, und zum Reich Gottes. (S. 524.)

Gründlich kann kein Mensch sich erkennen, oder sich recht demüthigen, er wisse dann, daß ihm mit allen seinen Werken, Vermögen, Bereiten, Wollen oder guten Vorsätzen, nicht zu helfen ist, sondern daß sein Heil und Seligkeit gar auf fremder Hülfe stehet, nämlich auf Gottes Hülfe allein.

In der andern Vorrede über seine Predigten des 1. Buch Mose: Tröstlich ist’s denen, die im Glauben stehen, denn da ist nichts, das sie stärken und trösten möge, denn daß sie wissen, wie sie gar in Gottes Hand stehen, also, daß er auch die geringsten Gedanken in ihnen würke. Wo nun solcher glauben ist, der kann sich gar für nichts fürchten, und sich auf nichts verlassen, weder im Himmel noch auf Erden, weder im Leben noch im Tode, weder in Sünden noch Frömmigkeit, denn allein auf Gott.

Wo lässet er dem Menschen frei, zu erwählen was er will? Thut ers in dem Wörtchen Erwähle? So höre ich wohl, alsbald Moses etwas gebeut, oder sagt: Erwähle, so geschiehts, so können wirs auch erwählen und thun. So ist abermahl des H. Geistes nicht vonnöthen!

Ueber den Spruch Zach. 1. Kehret euch zu mir u.s.w.: Die Schul-Zänker und Sophisten führen diesen Spruch für den freien Willen, als könne der Mensch sich selbst bekehren, weil hie Gott spricht: “Kehret euch zu mir!“ so doch der Text hie nichts saget, was der Mensch vermöge, sondern was er wohl schuldig ist zu thun. Dann damit daß er sagt: Kehret euch zu mir: zeigt er an, sie sollen sich kehren, das ist, alle Gebote halten und fromm sein. Ob nun das der Mensch thun möge von ihm selber, sagt die Schrift hie nicht, sondern anderswo genugsam. Es ist gar von einander, thun können, und thun sollen. Darum muß man die Schrift nicht führen noch verstehen vom thun können, da sie redet vom thun sollen, davon ich weiter in meinem Büchlein: Servum arbitrium, geschrieben. So nun aus diesem Worte (du solt Gott deinen Herrn lieben) nicht folgt, daß der freie Wille etwas sei oder vermöge: so ist es auch gewiß, daß es aus diesen Worten nicht folgt: so du wilt, so du hörest, bekehret euch und dergleichen. Denn soll dieß recht folgen: Es ist mir geboten, darum kann ichs auch halten, so ist ja dieß für allen Dingen aufs heftigste geboten; liebe Gott deinen Herrn. Darum alles, was man antworte, zu diesem Worte, liebe Gott deinen Herrn, daß damit nicht möge der freie Wille bewiesen sein, dasselbige kann man auch antworten zu allen andern Worten, dadurch uns etwas geboten wird, oder die also lauten: Höret, thut, lasset, und nämlich also sagen, durch dieß Wort wird fürgehalten die Form des Gesetzes, was wir thun und wie wir sein sollen: nicht aber die Kraft unsers Willens, oder was wir vermögen, sondern vielmehr was wir nicht vermögen. Ferner:

Dieß dein Wort ist recht, da du sagest: So Gott nicht will den Tod des Sünders, so ist’s unsere Schuld, daß wir umkommen oder verderben. Ja das ist ganz recht, wenn du von Gott oder dem Gottes Willen redest, der gepredigt und geoffenbaret ist: dann der will, daß alle Menschen sollen selig werden, dieweil er durch das Wort des Geistes zu allen kommen ist, und ist unsers Willen Schuld, daß wir ihn nicht annehmen, wie der Herr Christus Matth. 23. sagt: Wie oft habe ich wollen sammlen, wie die Henne ihre Hühnlein unter die Flügel, und du hast nicht gewollt. Denn so muß man anders reden von Gott oder dem Willen Gottes, den er hat predigen lassen, den er uns geoffenbaret hat und angeboten, als aber von dem Willen Gottes, den er nicht hat lassen predigen, nicht hat offenbaret, nicht angeboten.

Ich will nicht den Tod des Sünders – will nicht anders sagen, denn daß es die Gnade preiset, göttliche Güte und Barmherzigkeit der Welt anbeut, welche allein die betrübten, erschrockenen Gewissen mit Freuden und aller Danksagung annehmen, in welchen das Gesetz sein Werk hat ausgerichtet, und sie zum Erkenntniß ihres Jammers und Sünde bracht. (S. 485.)

Das könnte die Vernunft wohl begreifen, wenn man also von Gott prediget allenthalben: Gott verstockt niemand, Gott verdammt niemand, sondern erbarmt sich aller, macht alle selig, daß also keine Hölle wäre, keine Todes-Furcht, keine zukünftige Pein wäre, aber wo der Glaube und H. Geist ist, die richten anders davon, die glauben, daß Gott gut und gütig sei, wenn er auch alle Menschen verdammte. (S. 499.)

Ich will ein Exempel geben, denselben Glauben zu stärken, und zu trösten diejenigen, so mit schelen Augen Gott verdächtigt haben, als sei er ungerecht. Siehe, Gott der Herr würket in äusserlichen Dingen in dieser Welt also, daß wenn man es nach Vernunft sollte ansehen und richten, man sagen müßte, daß entweder kein Gott wäre, oder je ein ungerechter Gott wäre, wie jener Poet sagt: Es ficht mich oft an, daß Gott sei. Denn siehe, wie es den Gottlosen in der Welt aufs allerbeste gehet; wiederum, wie es den Frommen und den Christen allenthalben so ganz übel gehet, wie dann solches das tägliche gemeine Sprüchwort und die Erfahrung, aus welcher alle Sprüchwörter kommen, bezeuget, daß man sagt, je größer der Schalk, je besser Glück: Und in den Hütten der Gottlosen (sagt Hiob) ist die Fülle allenthalben. In dem Psalm 73 ist auch die Klage, daß die Gottlosen in der Welt den Reichthum besitzen. Nun Lieber, sage mir, ist es nicht bei allen, so Vernunft und Verstand haben, für ganz unrecht anzusehen, daß es gottlosen und bösen Buben nach Wunsch soll gehen, und daß die Frommen im Kummer, Jammer, Herzeleid und allem Uebel sollen stecken? Wohlan, nun ist je öffentlich der Weltlauf also, und ist stets also gewesen von Anbeginn. (S. 541.)

Ueber die Worte: Treu ist Gott und ist kein Böses an ich, gerecht und fromm ist er. Bei den Gottlosen muß Gott immer Unrecht haben, und sich meistern lassen, Matth. 11. Die Weisheit muß sich lassen rechtfertigen von ihren Kindern, die wissen alles besser: wie es Gott macht, so taugt’s nicht. Item Psalm 92. Daß sie verkündigen, daß der Herr so fromm ist, mein Hort, und ist kein Unrecht an ihm. Item Psalm 145. Der Herr ist gerecht in allen seinen Wegen und heilig in allen seinen Werken. Item, Hiob 24. Es sei ferne, daß Gott sollte gottlos sein, und der Allmächtige ungerecht.

So bleibet nun dieser Beschluß wahr und veste stehen, daß alles muß geschehen wie Gott versehen hat, und ist da keine Dunkelheit noch ungewisser Verstand. Denn so sagt der Herr durch Esaiam den Propheten: Mein Rath bleibt veste, und mein Wille wird geschehen. Welch Kind ist nun so alber, das nicht verstehe, was diese Worte bedeuten, Rath, Wille, stehen bleiben, geschehen? (S. 460.)

So nicht wir, sondern Gott in uns würket unsere Seligkeit, so können wir, ehe und zuvor sein Werk da ist, nichts Seliges thun, wie thun, stellen uns, machen’s gleich wie wir wollen. Und ich sage, wir müssen denn Böses thun, nicht daß wir darzu gezwungen werden, sondern (wie jene sagen) es muß vonnöthen also sein, ohn Veränderung, nicht daß gewaltig Zwang und Drängniß sei, (das ist) wenn der Mensch nicht Gottes Geist hat, so wird er nicht als mit Gewalt und bei dem Halse hin gerissen, daß er wider seinen Willen müsse Böses thun (wie man einen Dieb oder Mörder wider Willen zum Galgen führt), sondern er thuts willig und gerne. Und denselbigen Willen, Lust und Neigung kann er aus seinen Kräften nicht nachlassen, ändern oder bezwingen, sondern gehet die Lust immer für sich. Wenn man ihn auch äusserlich gleich zwinget, etwas anders zu thun, dennoch bleibet inwendig der Wille, und ist demjenigen feind und gehässig, der ihm wehret, er würde ihm aber im Herzen nicht feind sein, wenn er von sich selbst könnte anders werden, oder demselben der ihm wehret, folgen. Das heissen wir hie ein müssen, oder müssen von Noth sein, daß nicht zu verändern ist, daß sich der Wille da nicht anders wenden oder ändern kann, sondern vielmehr gereizet und erhitzet wird zur Lust des Bösen, je mehr man ihm widerstehen will: das denn daraus genug beweiset wird, daß er dem, so ihm wehret, feind ist; das geschähe nun nicht, wenn ein freier Wille wäre. Man sehe die Erfahrung an, wie veste sie stehen auf ihrem Sinn, die auf ein Ding gerathen sind, und sich nicht überreden lassen. Oder weichen sie, so weichen sie nicht von Herzen, sondern aus Furcht der Gewalt, oder Hoffnung grösseren Nutzens. Freiwillig von Herzen weichen sie nicht, und können ihnen nicht ein ander Herz oder Sinn machen; die aber ein Ding nicht gern hätten, und denen nicht ein Ding anlieget, die lassen geschehen und gehen wie es gehet. Wiederum wenn Gott in uns würket, so ist der Wille, den Gott in die Herzen gibt, und der H. Geist einbläset, auch nicht ein gezwungen Ding, sondern eine Lust und herzliche Neigung, da ich das Gute willig und gerne thue, ohne Drangsal, und lasse mich davon nicht reissen, wenn gleich alle Teufel und die Pforten der Höllen mir wehreten, da die Lust fortfähret, gerne will und liebet das Gute, wie zuvor das böse. Da sehe man aber an, die öffentliche Erfahrung, wie da die Christen und Heiligen, als die eiserne Mauern veste stehen, wenn man sie zu etwas anders will zwingen, ja wie sie dadurch nur freudiger, muthiger und trotziger werden, gleich wie ein Feuer, jemehr der Wind darüber wehet, nur größer wird, also, daß da auch kein freier Wille ist, sich anderswohin zu kehren oder zu wenden, dieweil die Gnade Gottes, und Freudigkeit des Geistes in den Menschen währet. (S. 459.)

Fragen wir doch nicht darnach, warum Gott einen reich und den andern arm machet, einen gesund, und den andern lahm und krüpplicht, sondern sprechen, es ist des Herrn Wille also: Vielmehr sollen wir hie auch also thun, und uns genügen lassen an des Herrn Willen. Hier nehme man das Sprüchlein Ambrosii mit: Was Gott hat wollen verborgen sein, sollen wir nicht forschen: was er aber hat offenbaret, das sollen wir nicht verneinen, damit wir nicht in einem wider die Gebühr fürwitzig, im andern verdammlicher Weise undankbar erfunden werden.

Ich muß bekennen, daß mich die Gedanken hart vor den Kopf gestossen haben, bis schier aufs tiefste verzagen und verzweifeln, ehe ich lernte und erkannte, wie nützlich das Verzagen ist, und wie nahe dahinter liegt die Gnade.

Obgleich der Herr allein die Seinen kennt oder weiß, welche er erwählet hat, daß doch nichts destoweniger es Gott uns auch offenbaret, und wir aus gewissen Zeichen können urtheilen, ob wir von Gott erwählet und dem Herrn Christo gegeben sind, nämlich, wenn wir das Wort Gottes haben sammt den heiligen Sacramenten, hören das Wort, und brauchen die Sacramente von Herzen gern, haben ein Wohlgefallen dran, und thun nach demselben Busse, erkennen unsere Sünde mit Reu und Leid, glauben vest an Christum, sind der Sünden herzlich feind und streiten darwider, und thun Guts nach höchstem Vermögen, alles durch den H. Geist, mit welchem wir versiegelt werden, und welcher das Pfand unsers Erbes ist, zu unser Erlösung, und unserm Geiste Zeugniß gibt, daß wir Gottes Kinder sind, lehret uns rufen: Abba, lieber Vater! auch im Kreuz und Anfechtung, und macht uns des gewiß, daß uns Gott bis ans End erhalten werde, weil ihm der Herr Christus uns nicht aus seinen Händen reissen läßt, und Gott getreu ist der uns ruft, welcher wird’s auch thun, und seine Gaben und Berufung sich nicht ändern lassen: gleich wie die Gottlosen auch ihre Kennzeichen haben, daß sie entweder das Wort nicht haben, oder es nicht hören und verachten, alle ihre Lehre schädlich und erlogen ist, lassen sich nicht weisen daß sie Gutes thäten, trachten auf ihrem Lager nach Schaden, und stehen fest auf bösem Wege, und scheuen kein Arges, und wie sie verkehrt sind und irren von Mutterleibe an, also bleiben sie auch beständig bis ans Ende, und werden nicht klug bis in die Hölle hinein. (S. 142. Thl. 7. Jen. Ausg.)

In der Auslegung des 17. Cap. St. Johannis: Wer an Christo hanget, der hat eitel Gnade, und kann nicht verloren werden, ob er auch gleich aus Schwachheit fiele, wie St. Petrus, so ferne er nur das Wort nicht verachtet. Dieß bestätiget was oben gesagt ist, daß die wahren Auserwählten nicht verworfen werden, wenn sie gleich sündigen, und weisen es neben dem Exempel St. Petri aus auch Davids Exempel, Manasse, der offenbaren Sünderin, und aller die sich zu Gott bekehret haben. Ja obgleich etliche der Auserwählten ihr ganzes Leben durch in Irrthum, Sünden und Lastern gesteckt hätten, so haben sie doch vor ihrem Ende müssen Buße thun, und auf den rechten Weg kommen, und darauf dem Satan entlaufen, dieweil es unmöglich ist, daß sie der Satan dem Herrn Christo aus seiner Hand hätte reißen sollen, wie Joh. 10,28. stehet, und es ausweiset das trostreiche Exempel des einen Mörders oder Schächers am Kreuze, der an seinem letzten Ende Buße that, weil er war einer von den Auserwählten. Niemand aber soll darauf sicher sein, und denken, er wolle sich auch also am letzten Ende bekehren. Dann ob wohl eine späte Buße auch eine Buße ist, so ist späte Buße doch selten wahre, wie St. Augustinus sagt, und verläuft auch Gott ihr vielen den Weg, daß sie am letzten Ende nicht zur Buße kommen können, wie dem andern Schächer geschah. Darum sollen wir mit Furcht und Zittern schaffen, daß wir selig werden (wie oben gesagt ist). Dieweil es nicht so leicht ist, wie man vermeinen möchte, selig zu werden.

Hüte dich vor dem Türkischen, Epicurischen Glauben, da etliche fürgeben: Was soll ich thun? Was ist Beten nütze? Was hilft vieles Sorgen? Ist’s versehen, so muß es geschehen. Denn also sagen und glauben die Türken, es kann niemand sterben, sein Stündlein sei denn kommen. Daher sind sie toll und dummkühne, und meinen, sie thun wohl, und fahren recht. Ja wahr ists, was versehen ist das geschicht. Aber mir ist nicht befohlen, sondern vielmehr verboten, zu wissen was versehen ist. So heißt’s Gott versuchen, wer auf solch sein Unwissenheit hinein fähret und verdirbet. Mir ist geboten, daß ich wissen soll, was zu thun sei. Und darum ist sein Wort uns gegeben, daß wir wissen sollen, was wir thun sollen, und nicht thun, was wir nicht wissen, sondern dasselbe Gott heimstellen, und uns unsers Befehls, Berufs, Amts halten, Gott wird’s wohl, und wills allein wissen, was versehen ist, du sollt es nicht wissen. Joab der Feld-Hauptmann Davids, da er hinten und vorne Feinde hatte, sprach er nicht zu seinem Bruder Abisai: Lieber, halt, laß sehen, was versehen ist, darnach wollen wir thun; sondern so sprach er: Streite du wider Ammon, ich will wider die Syrer streiten: Werden mir die Syrer zu stark sein, so komme mir zu Hülfe; werden dir die Kinder Ammon zu stark sein, will ich dir zu Hülfe kommen: Sei getrost, und laß uns stark sein für unser Volk, und für die Städte unsers Gottes, der Herr aber thue was ihm gefällt. Also sollen wir uns auch richten in unsern Aemtern, nicht nach der Versehung, da wir kein Wort, Licht noch Wissenschaft von haben, sondern sie aus den Augen, Herz und allen Sinnen thun, im Finstern und heimlich verborgen lassen bleiben, und thun was wir wissen und uns befohlen ist, durch sein Wort und fürgestelltes Licht, alsdenn wird sich die Versehung wohl selbst und ungesucht finden, die sich sonst nicht finden läßt, und darüber eitel Epicureer, Türken, Freche, dumme Narren, oder verzagte und verzweifelte elende Leute werden. Der Teufel reizet solche Leute, daß sie sich sollen klug und weise dünken lassen, und sehen nicht, daß es der Apfel ist, daran Adam und Eva sammt allen Nachkommen den ewigen Tod gefressen haben. Die wollten über das, so ihnen geboten war, Gottes heimlichen Rath und Versehung auch wissen, versuchten damit Gott, und übertraten sein heiliges Gebot. (S. 452.)

So die Gnade kommt aus Gottes ewigem Fürsatz, wie Paulus Eph. 1,11. redet, so muß sie kommen, und kommt nicht um unsers Fleißes oder Verdienstes willen. (S. 534.)

Wer das bekennet (nemlich, daß wir alles, was wir Gutes thun oder haben, von Gott haben) der bekennet auch damit, daß die Güte und Barmherzigkeit alles thut und wirket, und daß unser Wille nichts wirket, sondern nur das Werk leidet, und in ihm wirken läßt: Sonst wäre das nicht wahr, daß Gott alles Gute (wie du doch selbst in deinen Worten bekennest) alleine würket. Darum fällt christlicher Glaube, Evangelium, Gottes Wort und Zusage alles ganz und gar dahin, wenn wir uns überreden lassen, daß Gottes ewige, gewisse, unverrückliche Versehung und nöthige Schaffung nicht vonnöthen sei einem Christen zu wissen. Denn das ist je der Christen einiger und höchster Trost, in allen geistlichen und äußerlichen Anfechtungen, daß Gott nicht lügen kann, daß er unverrücklich alles schafft und thut, daß seinen Willen niemand ändern, hindern oder wehren kann. (S. 451.)

Wenn man die Capitel in der Kirch, oder die Bibel daheim in den Häusern lieset und wird dann gelesen, Joh. 12,39. Darum konnten sie nicht glauben. Item, Act. 13,48. Sie wurden gläubig, weil viel ihr zum ewigen Leben verordnet waren. Item, wenn man das 9. 10. und 11. Cap. an die Römer lieset, und was mehr ist in der Schrift, welches ja kein treuer Prediger mit gutem Gewissen zu lesen verbieten kann, weils Gott seiner Kirche zur Lehre gegeben hat: sondern vielmehr ein jeder ist schuldig, solche und dergleichen Sprüche der H. Schrift, seinen vertrauten Kirchkindern, die er alle für Auserwählte halten soll, bis sichs anders beweiset, ihnen zu heilsamen Trost stets fürzuhalten, und mit großer Bescheidenheit zu erklären, damit sie nicht, wie leider oft geschicht, nach einem Philippo dürfen wünschen, der sie solche Sprüche aus dem Grunde verstehen lehret, weil sie von sich selber, ohne Ermahner, wohl verstehen, daß wichtige Lehren darinnen verborgen stecken, und derhalben mit einem überhinrauschenden, gemarterten und zweifelhaftigen, und auch wohl lästerhaftigen Glößlein nicht können zufrieden sein.

Wir wissen wohl, daß Judas Christum verrathen. Wir sagen aber, daß solches Wollen in Juda unverrücklich und gewiß hat auf Zeit und Stunde kommen müssen, wie es Gott versehen hat: Oder, so man doch nicht will verstehen, was wir sagen, so müssen wir ein Unterschied machen, von zweierlei Noth. Eine Noth, da ich mit Gewalt zu einem Werk gezwungen werde. Die andere, da ein Ding von Noth muß geschehen auf einige Zeit. Wer uns nun höret reden, der wisse, daß wir von der letzten reden, und nicht von der ersten. Das ist, wir reden nicht davon, ob Judas willig, oder wider Willen ein Verräther sei worden. Sondern ob es auf die Stunde und Zeit, so Gott versehen hat, unverrücklich gewiß hat geschehen müssen, daß er mit Willen Christum verriethe. (S. 529.)

Item, so nicht wir, sondern Gott in uns wirket unsere Seligkeit, so können wir, ehe und zuvor sein Werk da ist, nichts seliglichs thun, wir thun, stellen uns, machen’s gleichwie wir wollen. (S. 479.)

Wir haben da die dürren klaren Worte, die lauten also: Ueber welchen er will, erbarmet er sich, und welchen er will, verstocket er. Es liegt nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Die Lust und den Willen die Gebote zu halten, wirst du nicht aus dir, sondern aus Gott haben, der ihn wird geben, wem er ihn gönnt. so du der Mann bist bei Gott, daß er dir Kraft geben wird, und verleihen die Gebote zu halten. Es ist nicht jedermanns Ding, noch aus Menschen Vernunft und Wahl herkommen, daß man Christi Wort von Herzen gerne höret. (S. 182.)

Hiermit verwerfe und verdamme ich als eitel Irrthum alle Lehren, so unsern freien Willen preisen, als die stracks wider solche Hülfe und Gnade unsers Heilands Jesu Christi strebet. Denn weil ausserhalb Christo der Tod und die Sünde unsere Herren, und der Teufel unser Gott und Fürst ist, da kann keine Kraft noch Macht, kein Witz noch Verstand sein, damit wir zu der Gerechtigkeit und Leben uns könnten schicken, oder trachten, sondern müssen Verblendete und Gefangene, der Sünde und des Teufels eigen sein, zu thun und zu gedenken, was ihnen gefällt, und Gott mit seinen Geboten wider ist. In diesen Worten (spricht das Concordienbuch) gibt D. Luther seliger und H. Gedächtniß unserm freien Willen kein einige Kraft für sich zur Gerechtigkeit zu schicken, oder darnach zu trachten, sondern saget, daß der Mensch verblendet und gefangen, allein des Teufels Willen, und was Gott dem Herrn zuwider ist, thue. Darum ist hie kein Mitwirken unsers Willens in der Bekehrung des Menschen. Und muß der Mensch gezogen und aus Gott neu geboren werden. Sonst ist kein Gedanken in unserm Herzen, der sich zu dem H. Evangelio, dasselbige anzunehmen, von sich selbst wenden möchte. Wie auch D. Luther von diesem Handel im Buch de Servo Arbitrio, das ist, von dem gefangenen Willen des Menschen wider Erasmum geschrieben, und die Sache wohl gründlich ausgeführt und erhalten, und nochmals in der herrlichen Auslegung des ersten Buch Mosis über das 26. Capitel wiederholt und erklärt (also nicht retractirt, sondern wiederholt und erklärt hat). Ferner sagt das Concordienbuch: Zuvor und ehe der Mensch durch den H. Geist erleuchtet, bekehret, wieder geboren, verneuert und gezogen wird, kann er von sich selbst, und aus seinen eigenen natürlichen Kräften in geistlichen Sachen und Seiner Selbst-Bekehrung oder Wiedergeburt nichts anfangen, wirken oder mitwirken, gleich so wenig als ein Stein, oder Block oder Thon. Dann ob er wohl die äusserlichen Gliedmassen regieren, und das Evangelium hören und etlichermassen betrachten, auch davon reden kann, wie an den Pharisäern und Heuchlern zu sehen ist: so hält er’s doch vor eine Thorheit, und kann es nicht glauben. Hält sich auch in dem Fall ärger als ein Block: daß er Gottes Wille widerspenstig und fremd ist, wo nicht der H. Geist in ihm kräftig ist, und den Glauben und andere gottgefällige Tugenden und Gehorsam in ihm anzündet und wirket. Wie denn die H. Schrift die Bekehrung, den Glauben an Christum, die Wiedergeburt, Erneuerung und alles was zu derselben wirklichen Anfang und Vollziehung gehört, nicht den menschlichen Kräften des natürlichen freien Willens, weder zum ganzen noch zum halben, noch zum einzigen, dem wenigsten oder geringsten Theil zulegt; sondern in solidum, das ist ganz und gar allein der göttlichen Wirkung und dem H. Geist zuschreibt.

Das erste ist die Ehre Gottes; da soll man auch anheben, auf daß Gott in allen Dingen der Ruhm und die Ehre gegeben werde, als dem, der alle Dinge thut, gibt und hat, daß niemand ihm selbst etwas zuschreibe, oder sich einiges ding annehme. Denn die Ehre gebühret niemand, denn allein Gott, lässet sich nicht mit jemand theilen oder gemein machen. Die Ehre hat Adam durch den bösen Geist gestohlen und ihm selbst zugeeignet, daß alle Menschen drob in Ungnaden sind mit ihm, und ist auch noch in allen Menschen so tief gewurzelt, daß kein Laster so tief in ihnen ist, als die Ehrsucht. Niemand will nichts sein oder mögen, jedermann gefället ihm selbst wohl, daher denn aller Jammer, Unfriede und Krieg auf Erden kommt. Die Ehre hat Christus Gott herwiedergebracht damit, daß er uns gelehret, wie all unser Ding nichts sei, denn eitel Zorn und Ungnade vor Gott, daß wir uns in keinem Weg rühmen, noch uns selbst darinnen wohlgefallen mögen, sondern fürchten und schämen müssen, als in der grössesten Gefahr und Schande, daß also unsere Ehre und Selbstwohlgefallen zu Boden gestossen und ganz nichts werde, und wir froh werden, daß wir ihn so los werden, daß wir in Christo mögen erfunden und behalten werden, wie gesaget ist. (Aus einer Predigt D. M. Luthers über Luc. 2,1-14.)

Es ist eine Predigt, die so gemein soll gehen, daß sie auch allen Creaturen vorgetragen werde, wie Christus spricht Marci 16,15.: Prediget das Evangelium allen Creaturen; und Psalm 19,5.: In alle Lande ist erschollen ihr Laut, und ihre worte bis an der Welt Ende. Was liegt uns daran, daß viel es verachten? Muß es doch so sein, daß viel berufen und wenig erwählet sind; um der guten Erden willen, die Frucht bringet mit Geduld, muß der Saame auch vergeblich an den Weg, auf den Fels und unter die Dornen fallen; sintemal wir auch gewiß sind, daß Gottes Wort nicht ohne Frucht abgehet, sondern allezeit auch guten Acker findet, wie er hier saget, daß etlicher Saame des Säemanns auch auf guten Acker fällt, nicht allein an den Weg, unter die Dornen und auf das Steinigte. Denn wo das Evangelium gehet, da sind Christen, Esa. 55,11.: Mein Wort soll nicht leer kommen. (Pred. am Sonntag. Sexages.)

Das ist allein der Christen Kund, daß sie können sagen: des äusserlichen Lebens halben sehe ich keinen Unterschied zwischen Christen und Unchristen; ja, denen Christen gehet es gemeiniglich ärger, und müssen hundertmal sich mehr leiden und nieten denn andere Leute. Aber im Worte sehe ich einen großen, trefflichen Unterschied, nämlich daß Christen und Unchristen unterschieden sind, nicht nach der Nasen und äusserlichen Frömmigkeit, sondern daß sie ihres Hirten Stimme haben und hören. Daß aber der Herr von andern Schafen sagt, die er auch herzuführen soll, auf daß ein Hirt und eine Heerde werde, solches hat sich alsbald nach Pfingsten angefangen, da das Evangelium in aller Welt durch die Apostel ist geprediget worden, und gehet noch bis zu Ende der Welt. Nicht dermassen, als sollten alle Menschen sich bekehren und das Evangelium annehmen; denn da wird nichts aus, der Teufel läßt es darzu nicht kommen, so ist die Welt ohne das dem Wort feind, und will ungestraft sein. Derohalben werden für und für mancherlei Glauben und Religion in der Welt bleiben. Das aber heißt ein Hirte und ein Schafstall, daß Gott alle, so das Evangelium annehmen, um Christi willen zu Kindern aufnehmen will, es sein Juden oder Heiden. Denn das ist die rechte einige Religion, diesen Hirten und seiner Stimme folgen. Das verleihe uns der treue Hirte unserer Seelen, Jesus Christus, sammt dem Vater und dem H. Geist, welchem sei Ehre und Preis in Ewigkeit. (Pred. am 2. Sonnt. nach Ostern.)

Wir sehen keinen Weg, Mittel noch Weise, dadurch uns könne geholfen werden. Da schließen wir, es sei aus mit uns, und können nicht glauben, daß es nur um ein Kleines zu thun sei. Da dienet nun sonderlich das Gleichniß zu, das der Herr hier führet von einer Frauen, die in Kindesnöthen ist. Da läßt sich’s auch ansehen, als werde kein Ende da sein, und die Mutter müsse bleiben; aber in einem Augenblick gibt sich’s, daß anstatt des Todes ein zweifaches Leben hervorkommt, daß die Mutter genesen, und ein schönes gesundes Kindlein an die Welt kommen ist. Darum verschwindet alsbald das Leid, und ist eitel Freude da.

Die dritte Art des Glaubens ist, das er kein Verdienst vorträgt, will auch nicht mit Werken Gottes Gnade kaufen, wie die Zweifler und Gleisner thun, sondern trägt vor eitel Unverdienst, hanget und verläßt sich gänzlich auf die bloße unverdiente Güte Gottes. Denn der Glaube mag nicht neben sich Werke und Verdienst leiden, so ganz und gar ergibt, erweget und erschwinget er sich in die Güte, der er sich versiehet, kann vor derselbigen seine Werke und Verdienst nicht achten, ja er siehet, daß die Güte so groß ist, daß alle gute Werke nichts sind, denn Sünde, gegen sie geschätzet. Darum findet er eitel Unverdienst an sich, daß er würdiger wäre des Zorns, denn der Gnaden; und das thut er ohn alle Heuchelei, denn er siehet, wie es im Grund und Wahrheit nicht anders sei. Das beweisen die Aussätzigen allhier fein, die ohn alles Verdienst sich der Gnade zu Christo versehen. Was hatten sie ihm je Gutes zuvor gethan? Hatten sie ihn doch nie gesehen, geschweige denn gedienet! Auch waren sie aussätzig, daß er sie billig vermieden hätte nach dem Gesetz, und sich ihrer geäussert, wie es billig und recht war. Denn es war im Grunde und Wahrheit Unverdienst und Ursach da, daß er nichts mit ihnen und sie nichts mit ihm sollten zu thun haben. Darum stehen sie auch von ferne, als die ihre Unwürdigkeit wohl erkennen. Das bezeugen auch ihre Worte, da sie sagen: Erbarme Dich unser! Wer Erbarmen sucht, der käufet noch wechselt freilich nicht, sondern suchet lauter Gnade und Barmherzigkeit, als der ihr unwürdig ist und wohl viel anders es verdienet habe. (Pred. am XIV. Sonnt. nach Trin.)

Weil nun dieses alles in und durch diesen Saamen verheissen wird, so ist es klar und offenbar, daß die menschliche Natur nach dem Fall durch ihr Vermögen und eigene Kräfte nicht die Sünde, noch die Strafe um der Sünde willen wegzunehmen, noch dem Tod zu entgehen, noch zum verlornen Gehorsam wieder zu kommen vermocht hat; denn darzu gehöret eine größere Kraft und größere Stärke, denn Menschen haben. Darum hat Gottes Sohn müssen ein Opfer werden, daß er für uns solches ausrichtete und erwürbe, daß er die Sünde wegnähme, den Tod verschlänge und den verlornen Gehorsam wieder brächte. (Auslegung des 1. B. Mosis.)

1.B. Mos. 6,5.

Dieses ist der Text, den wir geführet haben wider den freien Willen, davon Augustinus schreibet, daß er, ohne Gnade oder den H. Geist, zu nichts anders dienet, denn zu sündigen. Es werden aber die Schul-Lehrer, die des freien Willens Patronen sind, vor den Kopf gestoßen und haben sich viel zu bemühen, nicht allein dieses sehr klaren Textes halben, sondern auch um dieses Spruches St. Augustinus willen, von dem sie sagen, daß er hyperbolice rede; und wie Basilius schreibet, daß einer, der in Widerlegung seines Gegensatzes zu weit gekommen war, gethan habe, wie die Bauern thun, welche, wenn sie wollen, daß das junge Holz gerade wachsen soll, beugen sie es etwa viel nach der andern Seite: so, sagen sie, habe Augustinus in der Widerlegung der Pelagianer, darinnen er die Gnad rühmet, auch etwas härter wider den freien Willen geredet, denn billig gewesen sei.

Was aber diesen Text belanget, cavilliren sie ihn also, daß er allein rede von dem argen Geschlecht vor der Sündfluth. Denn jetzund wären die Leute besser und wo nicht alle, so wären es doch etliche, die den freien Willen recht gebrauchten. Das sehen aber die elenden Leute nicht, daß der Text insgemein redet von des Menschen Herz, und fürnemlich darbei stehet das Wörtlein: alleine.

Zum dritten sehen sie das auch nicht, daß nach der Sündfluth dieser Spruch fast eben mit denen Worten, wie er hier stehet, wiederholt wird unten im achten Capitel V. 21., da Gott saget: Das Tichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf, da er denn wahrlich nicht allein von denen redet, die vor der Sündfluth gewesen sind, sondern auch von denen, welchen er verheisset, er wolle sie hinfort mit der Sündfluth nicht mehr verderben, das ist, vom ganzen nachkommenden Geschlechte Noah. Denn dieses sind Worte, die insgemein geredet sind. Das Tichten des menschlichen Herzens ist böse.

Darum schließen wir insgemein, daß der Mensch ohne den H. Geist und ohne die Gnade nichts thun kann, denn sündigen, und also bis in infinitum fortgehet, von einer Sünde zu der andern. Wenn aber das auch dazu kommt, daß er die reine Lehre nicht dulden kann, und das Wort des Heils von sich schlägt und dem H. Geist widersteht: so wird er durch Hülfe des freien Willens auch ein Feind Gottes, lästert den H. Geist und folget schlecht den bösen Lüsten und Reizungen seines Herzens, wie da bezeugen der Juden Exempel unter den Propheten, Christo und den Aposteln, das Exempel der ersten Welt unter dem Lehrer Noah, item das Exempel unserer Widersacher jetziger Zeit, die man auf keine Weise kann überreden, daß sie sündigen, irren und falsche Gottesdienste haben.

So beweisen solches andere Sprüche in der H. Schrift auch. Denn redet der 14. Psalm V. 2. nicht insgemein genugsam, da er spricht: Der Herr schauet vom Himmel auf die Menschen-Kinder, daß er sähe, ob jemand klug sei und nach Gott fraget, aber sie sind alle abgewichen. Und zeucht diesen Psalm Paulus an in der Epistel zu den Römern Cap. 3,10., item Psalm 116,11.: Alle Menschen sind Lügner; und Paulus Röm. 11,32.: Gott hat alles beschlossen unter die Sünde. Die Sprüche lauten alle insgemein und schliessen gewaltig für uns, daß der Mensch ohne de H. Geist, welchen Christus alleine gibt, nichts anders vermag, denn irren und sündigen. Darum sagt Christus im Evangelio Joh. 15,5.: ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben, ohne mich könnet ihr nichts thun, sondern ihr seid ohne mich wie eine abgeworfene, dürre und todte Rebe, die zum Feuer bereitet ist.

Und das ist auch die Ursache, warum des H. Geistes Amt sei, die Welt zu strafen, Joh. 16,8., nämlich darum, daß er die Welt berufe zur Busse und Erkenntniß dieser Unart. Die Welt aber bleibet und thut, wie sie lange gethan hat; wenn sie schon durch Gottes Wort vermahnet wird, höret sie doch nicht, sondern meinet, Gott werde sich lassen gefallen die Gottesdienste, welche sie sich erwählet hat, wiewol ohne Gottes Wort, und von dieser Meinung ist sie nicht zu bringen.

Darum muß man im Herzen steif darauf bestehen und diese Lehre veste halten, die uns unsere Sünde und Verdammniß vorhält. Denn ein solch Erkenntniß der Sünden ist der Anfang unsers Heils, daß wir schlecht an uns selbst ganz und gar verzagen und Gott allein geben die Ehre der Gerechtigkeit. Denn, warum klaget Paulus sonst so sehr, Röm. 7,18., und bekennet frei heraus, daß nichts Gutes an ihm sei, und saget fürnemlich: in meinem Fleische? Daß wir verstehen, daß unsere Unart und Schade allein durch den Geist Gottes geheilet werde; wenn nun dieß im Herzen vest gegründet ist, so haben wir den Grund unserer Seligkeit zum mehrern Theil gelegt. Denn darnach haben wir klare Zeugnisse, daß Gott die Sünder nicht verwerfen will, das ist, die ihre Sünden erkennen, Buße zu thun begehren und dürsten nach der Gerechtigkeit oder Vergebung der Sünden durch Christum.

Darum sollen wir mit Fleiß zusehen, daß wir uns nicht finden lassen unter diesen Cyclopen, die Gottes Wort widerstreben und ihren freien Willen und eigene Kräfte rühmen. Denn ob wir wol straucheln, fallen und sündigen, so will doch der H. Geist, wo wir ihm, wenn er uns strafet, mit demüthigem Bekenntniß unserer Bosheit weichen, bei uns sein und die erkannten Sünden nicht allein nicht zurechnen, sondern will sie durch Christi Gnade zudecken und uns mit andern Gaben, die beide zu diesem und jenem Leben noth sein, reichlich begnaden.

Aber die worte Mosis selbst soll man auch fleißig betrachten; denn hier hat er aus gewissem Rath und Bedenken eine sonderliche Art zu reden gebraucht, daß er nicht schlechthin saget: Die Gedanken des Menschen sein böse, sondern das Tichten der Gedanken. Und also nennt er das, so der Mensch vermag in seinen Gedanken oder mit seiner Vernunft und dem freien Willen in dem allerhöchsten Grad. Denn darum nennet er es ein Gedicht, daß es der Mensch mit dem höchsten Fleiß erdenket, erwählet, thut, wie ein Töpfer, und hält es für das allerschönste Werk. Das ist aber, spricht er, böse, und zwar nicht ein Mal, sondern für und für, zu aller Zeit; denn ohne den Heiligen Geist ist die Vernunft schlechterdings ohne alle Erkenntniß Gottes. Nun heisset aber ohne Gottes Erkenntniß sein, allerdings gottlos sein, im Finstern leben und das für das beste halten, das das ärgste ist. –

Wenn wir aber vom freien Willen disputiren, so fragen wir, was er vermöge theologischer Weise, (das ist, in Sachen, so Gott, Gottes Willen und Wort anlagen), nicht, was sein Vermögen sei in weltlichen Dingen und denen, so der Vernunft unterworfen sein, und schliessen also, daß der Mensch ohne den Heiligen Geist vor Gott schlecht gottlos sei, wenn er gleich mit allen aller Heiden Tugenden gezieret wäre, wie man denn wahrlich in der Heiden Historien findet treffliche Exempel der Zucht, der Mäßigkeit, der Freigebigkeit, der Liebe gegen sein Vaterland, gegen Eltern, Kinder, item Exempel der Mannhaftigkeit, Freundlichkeit u.s.w. Wir schließen auch, daß die allerbesten Gedanken von Gott, von Gottes Willen, vom Gottesdienst die allertiefsten Finsternisse sein.

Denn das Licht der Vernunft, welches dem Menschen allein gegeben ist, verstehet nicht mehr, denn was dem Leibe gut ist und wohl thut. Dieses ist aber die verderbte Lust-Liebe.

Darum soll man diesen Spruch nicht schlechthin verstehen, wie er von den Juden und Sophisten verstanden wird, die da meinen, er rede nur von dem untern Theil des Menschen, welcher viehisch ist, die Vernunft aber treibe und sei geneigt zum Besten, ziehen also das Tichten und Trachten nur auf die andere Tafel, wie der Pharisäer, der den Zöllner verdammet und spricht, er sei nicht, wie die andern, Luc. 18,11. Derselbe redet gute Worte, denn er danket Gott, welches nicht böse ist; wir aber sagen, daß auch dasselbe böse und gottlos ist, denn es kommt am allergewissesten davon her, da keine Erkenntniß Gottes ist, und ist eigentlich ein Gebet, das zur Sünde wird, und weder zu Gottes Ehre, noch zu des Menschen Seligkeit dienet.

Daß das Wort Gottes nicht allenthalben, sondern unterschiedliche Früchte bringet, und nicht gleich wirket, dasselbige ist Gottes Gericht und heimlicher Wille, so uns verborgen ist; wir sollen es auch nicht wollen wissen. Der Wind bläset, wo er will, sagt Christus Joh. 3,8. Uns gebühret nicht, darnach zu grübeln und zu forschen. Kann ich doch nicht sagen, warum ich jetzt so fröhlich und bald traurig bin, item, einmal besser Lust zum Wort Gottes habe, denn ein andermal. Wenn ich allezeit gleich gegen Gottes gesinnet wäre, und solche Lust dazu hätte, wie bisweilen: so wäre ich der allerseligste. Aber es hat dem lieben St. Paulo auch gefehlet, der klaget Röm. 7,23. mit herzlichem Seufzen, er sehe ein ander Gesetz in seinen Gliedern, das da widerstreite dem Gesetz etc. Sollte darum das Wort falsch sein, ob’s gleich zu aller Zeit antrifft?

Gott hats gerne, ist ihm auch der liebste, angenehmste Dienst, daß er gelobet wird. Er wird aber nicht gelobet, er werde denn zuvor geliebet. Geliebet wird er nicht, er sei denn milde und thue wohl. Dann aber thut er wohl, wenn er gnädig ist. Gnädig ist er, wenn er Sünde vergibt. Wer sind sie denn nun, die ihn lieben? Das kleine Häuflein der Gläubigen, die solche Gnade erkennen und wissen, daß sie die Vergebung der Sünden durch Christum haben. Die Weltkinder bekümmern sich damit nicht, dienen ihrem Abgott, dem elenden, schändlichen Mammon; er wird ihnen aber endlich übel lohnen.

Liebe Herren, unsere Lehre, daß der freie Wille todt und nichts sei, stehet gewaltiglich in der Schrift gegründet. Ich sage aber vom freien Willen gegen Gott und in der Seelen Sachen. Denn was sollte ich viel disputiren vom freien Willen, der über Kühe und Pferde, über Geld und Gut regiert? Ich weiß fast wohl, daß 1 Mos. 1,28. Gott den Menschen hat Herrschaft gegeben, über Vieh und Erden. Solches gehört hierher nicht.

Wenn nun gleich kein Spruch wäre, denn der einige St. Paulus 2 tim. 2,26.: Sie sind des Teufels Gefangenen nach seinem Willen: so hätten wir eben damit Schrift und Grund genug. Denn, dem Teufel gefangen sein, ist wahrlich keine Freiheit, und sonderlich, weil sie also gefangen sind, daß sie nach seinem Willen leben müssen. Da muß der liebe freie Wille gewißlich des Teufels sein, denn nach demselbigen müssen sie leben als seine Gefangene. Das ist klärlich hier St. Pauli Lehre. Und Christus selber stimmet auch mit zu, Luc. 11,21. 22., da er sagt: Wenn der Starke seinen Hof bewahret, so bleibet das Seine mit Frieden; kommt aber ein Stärkerer über ihn, und überwindet ihn, so nimmt er ihm seinen Harnisch, darauf er sich verließ, und theilet seinen Raub aus. Hier zeuget ja Christus selber, daß der Teufel die Seinen mit Friede besitze, wo nicht der Stärkere über ihn kommt.

Bei diesem Spruch bleiben wir, wiewol wir die That und das Werk selbst auch vor uns haben, nämlich, daß Jesus Christus, Gottes Sohn, durch sein eigen Blut hat uns müssen vom Teufel, Tod und Sünde erlösen. Wäre nun ein freier Wille in uns, wider oder über den Teufel, Tod und Sünde, so hätte er nicht dürfen für uns sterben; und wer den Sünden kann entrinnen ohne Christo, der kann auch dem Tode wol entrinnen, denn der Tod ist der Sünden Strafe, Röm. 6,22. Aber es ist noch kein Mensch erfunden, der seinen freien Willen über und wider den Tod bewiesen hätte; sondern der Tod hat stracks wiederum seinen freien Willen und Gewalt über alle Menschen bewiesen, welches er nicht vermochte, wo nicht zuvor die Sünde (die des Todes Recht und Macht ist, 1 Cor. 15,56) den Menschen überwältiget und gefangen hätte.

Wer durchs Gesetz und eigene Werke vor Gott gerecht werden will, der

Wendet sich von der Gnade Christi, dazu er berufen ist;
Läßt das rechte Evangelium fahren und nimmt ein anders an;
Verwirret die gläubigen Herzen;
Verkehret das Evangelium Christi;
Wird verflucht;
Prediget Menschen zu Dienst;
Gedenket den Menschen gefällig zu sein, nicht Gott;
Ist Christi Knecht nicht;
Prediget menschlich Ding, nicht aus der Offenbarung Jesu Christi;
Dem nützet die höchste und beste Gerechtigkeit des Gesetzes nichts;
Zerstöret die Gemeinde Gottes und christliche Kirche;
Unterstehet sich, gerecht zu werden durch ein unmöglich Ding, nemlich durch das Gesetz;
Macht aus denen, so in Christo gerecht sind, wiederum von neuem Sünder;
Macht Christum zum Sündopfer;
Bauet die Sünde wiederum, welche vorhin gebrochen ist;
Machet sich selbst zum Uebertreter;
Wirft Gottes Gnade hinweg;
Hält dafür, daß Christus vergeblich gestorben sei;
Wird zum unverständigen Galater;
Wird bezaubert;
Gehorchet der Wahrheit nicht;
Kreuziget Christum;
Hält, daß der H. Geist durch die Werke empfangen werde;
Läßt ab vom Geist und fähret im Fleisch fort;
Ist unter dem Fluch;
Machet dem Testament Gottes einen Zusatz und verwirft Gottes Stiftung;
Bleibt unter der Sünde verschlossen;
Macht die Sünde nur größer;
Dienet den schwachen Satzungen;
Dem ist das Evangelium umsonst gepredigt;
Hat alles umsonst vergeblich gethan und gelitten;
Wird zum Knecht und der Magd Sohn;
Wird sammt der Magd und ihrem Sohn aus dem Erbe verstoßen;
Machet, daß ihm Christus nichts nütze ist;
Ist noch schuldig, das ganze Gesetz zu thun;
Hat Christum verloren;
Ist von der Gnade gefallen;
Läßt sich aufhalten, der Wahrheit nicht zu gehorchen;
Läßt sich überreden das, das nicht göttlich ist;
Läßt sich versäuren mit dem Sauerteige des Verderbens;
Wird verdammt, so er solches lehret;
Beisset sich mit den andern und wird sammt ihnen verzehret;
Dieß thun ist nichts anders, denn eitel Werk des Fleisches;
Hält viel von sich selber, so doch gar nichts dahinten ist;
Rühmet sich ausser Gott;
Machet sich angenehm nach dem Fleisch, bei denen so fleischlich sind;
Ist dem Kreuz Christi und Verfolgung feind;
Hält nichts weniger, denn das Gesetz;
Rühmet allein von fleischlicher Lehre;
Dem ist alles zumal verloren, und taugt, noch gilt nichts, was er ist, hat, weiß und kann.
Als falsch und unrecht es nun ist, daß sie sagen: Die Gerechten werden durch die künftigen Werke, so geschehen, versehen zur Seligkeit: so falsch ist’s auch, daß man fürgiebt, man werde durch die Werke des Glaubens, so vorher geschehen, gerecht und selig. Sondern, gleich wie die Gnade der Versehung bringt darnach gute Werke, als die allein ohne alle Werke erwählet und berufet den, der da wird gerecht werden und gute Werke thun: also bringt auch der Glaube gute Werke, der da gerecht machet und die Sünde tilget vor allen Werken. Denn der Glaube wird nicht um der Werke willen angenommen, sondern die Werke geschehen um’s Glaubens willen; auch wartet der Glaube nicht auf die Werke, daß er dieselbigen gerecht mache, sondern die Werke warten auf den Glauben, daß sei durch ihn gerecht und gut werden; also, daß der Glaube sei activa justitia operum, et opera sint passiva justitia fidei, das ist, der Glaube, als die Wirkung der Gerechtigkeit, Effect und Früchte. Sonst und ohne das wären die Werke die wirkliche Ursache der Gerechtigkeit, als ohne welche der Effect und Früchte der Gerechtigkeit nicht bestünde, noch sein könnten; auch wenn gleich der Glaube da wäre, als eine Ursache, doch wäre er ohne den Effect und Folge der Gerechtigkeit gar nichtig, erdichtet oder verloren.

Ueber Jesaj. 26,5. Aber uns, Herr, wirst Du Friede schaffen, denn alles, was wir ausrichten, das hast Du uns gegeben. Weil die Kirche alles, was sie hat, von Christo hat, und alles, was sie thut, durch die Wirkung Christi thut; und weil die Stärke, die Weisheit, die Gerechtigkeit, so sie hat, Christi ist, deßwegen wird sie in Ewigkeit sicher stehen bleiben. Im Gegentheil, weil der Widersacher ihre Gerechtigkeit, Macht, Werke aus ihren eigenen Kräften berühren, deßwegen werden sie untergehen.

Ueber Jesaj. 42,4. Daß Du sollst öffnen die Augen der Blinden und die Gefangenen aus dem Gefängniß führen, und die da sitzen in Finsterniß, aus dem Kerker. Folglich findet Christus alle diejenigen, zu welchem er kommt, blind, das ist, ohne Erkenntniß Gottes; vom Satan gebunden und gefangen gehalten unter dem Tode, der Sünde und dem Gesetz. Das glauben die Verfechter des freien Willens, die Papisten, nicht; darüber lachen des Luciani Anhänger, die Spötter der Religion. Folglich sind ausser dem Evangelio nichts, als lauter Finsterniß und Gefängniß, daß, wenn wir auch gleich einige Erkenntniß haben, so können wir doch derselben, weil wir gebunden sind, nicht folgen, noch darnach thun.

Ueber Jesaj. 42,8. Ich will meine Ehre keinem andern geben; dieser Christus allein wird deine Gerechtigkeit sein. Die nun also nicht im Glauben an diesem Christo hangen, die sind ungerecht und werden verdammet werden, wenn sie sich auch gleich tödten lassen und, dem Scheine nach, das heiligste Leben führen. Diesem einigen Christo gebe ich meine Ehre, daß er die, so an ihn glauben, gerecht mache. Derohalben wird keine andere Creatur, weder im Himmel, noch auf Erden, noch kein anderes Werk etwas zur Gerechtigkeit helfen. Hier siehest du, daß die Lehre, so die Gerechtigkeit der Werke lehret, gotteslästerlich sei. Und wenn man hoffet, durch die Werke gerecht zu werden, das sei nichts anders als Gott sein wollen und nach der Gottheit trachten. Auf diese Gotteslästerung folget der Fall des Lucifers; derowegen sollen sich fromme Seelen hier wohl vorsehen. Daß er aber die Gerechtigkeit seine Ehre nennet, damit trifft er das Herz der Werkheiligen so genau, als mit einer Nadel, weil hiedurch alle ihre Werke und thun Ehre suchen, gleichwie Paulus spricht: Sie wollen, daß ihr euch beschneiden lasset, auf daß sie sich von eurem Fleische rühmen mögen. Gal. 6,13.

Ueber Jesaj. 49,9. Zu sagen den Gefangenen: Gehet heraus! und zu denen in der Finsterniß: Kommet hervor! Das Evangelium lehret, damit alle wissen, daß sie nicht durch ihr Thun oder Werke, sondern durch die freiwillige Barmherzigkeit Gottes, so ihnen im Worte angeboten wird, sollen erlöset werden. Es ist aber nicht allein ein Befehlswort, sondern vielmehr eine Verheißung, daß die Kirche hierinnen soll eine Dienerin sein, daß die, so in Aberglauben und in ihrer Gerechtigkeit gefangen liegen und unvermögend sind, Gutes zu thun, in Freiheit gesetzet werden. Denn das Gesetz ist ein Gefängniß, in so ferne man es gleichsam für eine Lehrerin der Werke ansiehet, und hält die Gewissen gefangen. Aus diesem Gefängniß werden wir allein durch das Amt des Evangelii erlöset, welches lehret, daß wir nicht durch unsere Werke in die Freiheit gesetzt werden, sondern durch die freiwillige Barmherzigkeit, um Christi willen, der für uns am Kreuze ist dahin gegeben worden. Diese Lehre befreiet die Gewissen von den Sünden, vom Gesetz, von Menschensatzungen und allen Lasten.

Ueber Jesaj. 49,16. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet. Die Hände bedeuten die göttliche Macht und göttliche Wirkungen. So spricht er nun: Ich kann deiner nicht vergessen, denn du bist in meine Hände gezeichnet, das ist, ich bin deiner bei allem, was ich thue, eingedenk; ich mag Tyrannen oder Secten wider dich erwecken; in Summa, alles, was ich thue, das thue ich zu deinem Besten; gleichwie Paulus spricht: Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen, Röm. 8,28. Also öffnete der Kaiser Augustus durch den Frieden die Welt, damit das Evangelium desto weiter könnte ausgebreitet werden; also hat der König zu Babel die Juden gen Babel geführet, damit das Wort und Gesetz Gottes auch unter die Heiden ausgestreuet würde; also fand Joseph an dem Hofe des Königs Pharao einen Zutritt, damit er die Religion daselbst pflanzete und ihr Wachsthum beförderte. Also spricht er: Alles was ich wirke, es sei Gutes oder Böses, das geschieht um deiner und deines Nutzens willen. Du bist mir allezeit vor meinen Augen, weil du in meine Hände gezeichnet bist. Das sind Worte des Glaubens, die man glauben muß. Denn wenn man die Vernunft zu Rathe zieht, so lässet sich das Widerspiel ansehen.

Ueber Jerem. 23,5-8. Derohalben sollen wir Gottes Wort mit Furcht hören und mit Demuth drinnen handeln, und nicht mit unserm Gutdünkel drein plumpen. Du möchtest lieber in alle Sünde fallen, denn in deinen eigenen Dünkel, so ein gefährliches, schädliches Ding ist es. Denn es ist mit Gottes Wort nicht zu scherzen. Kannst du es nicht verstehen, so zeuch den Hut vor ihm ab. Es leidet keinen Schimpf, noch keine menschliche Deutung, sondern es ist lauter Ernst da und will geehret und verhalten sein. Derohalben hüte dich bei Leibe, daß du nicht mit deinem Dünkel, drein fällest. Denn kommt du mit deinem Dünkel drein, so wirst du dich versteigen, wie unsere Rottengeister, und nicht wissen, ob du hinten oder vorne drinnen bist, und wird dir schwerlich zu rathen sein. Denn wenn einer in seinen Dünkel fällt, dem kann man nicht leichtlich wieder heraushelfen. Also ist den Juden auch widerfahren. Die konnten das nicht vernehmen und können es auch noch heutiges Tages nicht vernehmen: daß Christus soll ein natürlicher, wahrer Gott sein. Denn sie sind verstockt und des Teufels Gefangene, der hält sie wohl verwahret in seiner Gewalt, mit hörenden Ohren hören sie’s nicht und mit sehenden Augen seh’n sie’s nicht, wie Jesaias 6,10. von ihnen geweissagt hat. Also ist es allen Ketzern ergangen; wenn man ihnen die Wahrheit hat so klar und deutlich vorgelegt, daß sie es haben greifen mögen, dennoch haben sie es nicht gesehen, noch verstehen wollen. –

Siehe aber, wie meisterlich David diese zwei zusammen bringet, erstlich, daß Gott gnädig sei, das ist, daß er aus Gnaden, umsonst, uns, die wir es nicht verdienet haben, wohl thue und Gnade erzeige. Darnach, daß er uns auch die Sünde vergeben wolle, laut seiner Verheissung, welche wir durch den Glauben, so der Heilige Geist durch das Wort in uns wirket, empfahen, denn wenn uns Gott nicht aus lauter Gnaden, umsonst, die Sünde vergibt, so hilft keine Genugthuung, so ist auch keine Hülfe noch Rath; da hilft kein Fasten, kein ander Werk, kein Engel, noch irgend einige Creatur. Das thut es aber allein, daß wir zu Gottes Barmherzigkeit Zuflucht haben, daß wir bei Gott die Vergebung und Gnade suchen, daß er nicht unsere Sünde und Missethat ansehe, sondern durch die Finger sehe und mit uns nach seiner Güte und Barmherzigkeit handele. Wenn das Gott nicht thut, so sind wir nicht würdig, daß uns Gott eine einige Stunde leben lassen, ein einig Stück Brods gebe. Hier aber erfahren wir, wie das so eine große Kunst und trefflich schwer ist, diese zwei Stücke zu vereinigen und zusammen bringen, und die Augen allein auf die bloße Gnade und Barmherzigkeit Gottes richten. Denn diese Kunst wächst nicht in uns selbst, sondern wird uns durch den Heiligen Geist vom Himmel herabgegeben. Das Widerspiel finden wir aber wohl, daß solche und dergleichen Dörner in unserm Garten und Herzen wachsen, daß ich also gedenke: Ach ich bin Sünder, Gott aber ist fromm und zürnet mit mir. Diese Dornsträucher kann das Gewissen nicht ausreuten, kann den Sünder nicht vor den gütigen und barmherzigen Gott stellen; denn dieses zu thun, ist eine Gabe des Heiligen Geistes, welche in unserm Willen und Vermögen nicht stehet. Denn wenn der Mensch den Geist Gottes nicht hat, so verstocket er entweder in seinen Sünden, oder fällt in Verzweiflung; dieß beides aber geschiehet wider den Willen Gottes. Darum schiffet David, aus Hülfe des H. Geistes, fein mitten zwischen denen gefährlichen Felsen und erweget sich auf die große unaussprechliche Barmherzigkeit Gottes und spricht: Deine Barmherzigkeit ist groß, Herr, ich aber bin ein elender verdammter Sünder, der ich übel gelebt habe und noch übel lebe und, so lange ich lebe, der Sünden nicht los werde. Derohalben, soll ich vor Dich kommen, so muß ich andere Gedanken vor dich bringen, denn die mir mein Herz eingibt. Darum bekenne ich Dir meine Sünde und verhehle meine Missethat nicht, wie er auch im 32. Psalm V. 5. spricht. Aber ich bekenne also meine Sünde, daß ich auch das bekenne, daß Du barmherzig seist und daß Deine Güte viel größer sei, denn meine Sünde, daß auch Deine Gerechtigkeit, durch welche Du die armen Sünder fromm und gerecht machest, viel größer sei, denn daß ich sollte zweifeln; wie er denn hier saget: Tilge meine Sünde nach Deiner großen Barmherzigkeit. Darum muß man den alten Irrthum und erdichteten Wahn ablegen, daß man, nach der Menschen Weise und Gewohnheit, Sanct Petrum, Sanct Paulum heilig nennet und meinet, daß sie ohne alle Sünde gewesen sind. Denn sie sind Sünder gewesen, wie andere Menschen; Gott aber ist allein heilig, wie denn die christliche Gemeinde singet: Heilig ist unser Gott, der Herr Zebaoth. Wir aber und alle Gläubigen heissen daher heilig, daß sich Christus für uns geheiliget und uns seine Herrlichkeit geschenket hat. Daß also unter uns Menschen kein Unterschied ist, alle zugleich sind wir Sünder und werden allein durch Christum heilig. Der Schächer am Creuz zur Rechten ist eben sowohl in Christo heilig, als St. Petrus und liegt nichts daran, daß St. Petrus und St. Paulus größere Werke, denn der Schächer, ich und du, gethan haben; denn wir sind auf beiden Seiten von Natur Sünder und bedürfen der Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Ob nun wohl etliche Heiligen wenigere äusserliche und grobe Sünden begangen, haben sie doch alle, auch die Apostel, oftmals in ihrem Herzen Vermessenheit, Ueberdruß, Gedanken der Verzweifelung, Verleugnung Gottes und dergleichen andere menschlicher Schwachheit Gebrechen gefühlet: also, daß man im Menschen nichts Heiliges, nichts Gutes sehen noch finden kann, wie der drei und fünfzigste Psalm, V. 3.4. sagt: Gott schauet vom Himmel auf der Menschen Kinder, daß er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage. Aber sie sind alle abgewichen und allesammt untüchtig, da ist keiner der Gutes thue, auch nicht einer. So unter den Menschenkinder niemand fromm ist, noch Guts thut, wo findet man sie denn? Darum wollen wir von unsrer Heiligkeit und unsern Heiligen stille schweigen, und nichts davon rühmen. Wir wissen aber aus diesem Psalm und aus der ganzen Schrift, daß die geheiliget sind, so unbußfertig und verstockte Sünder gewesen, nun aber bußfertige Sünder werden, sich bessern und ihre Sünde bekennen; die sich nicht auf ihre Frömmigkeit verlassen, deren sie keine haben, sondern deren Herzen gereiniget werden durch den Glauben an Christum und durch den H. Geist also erleuchtet, daß sie sich selbst und Gott recht erkennen können, daß alle unsere Natur, Wesen und Leben vor Gott böse und verdammt sei, und uns aus lauter Barmherzigkeit Gottes umsonst vergeben werde. In diesen Schooß der Barmherzigkeit Gottes müssen wir und alle Heiligen uns finden, sonst ist es mit uns verloren. Und eben darum hat Gott seinen Sohn gesandt, daß er diese Barmherzigkeit der Welt verkündigte, und solche Lehre, davon die Vernunft und menschlich Herze nichts wissen, ausbreitete und bekannt machte. Diese Lehre hält uns David hier für, da er seine Sünde bekennet, doch also, daß er auch bekennet, daß Gottes Barmherzigkeit viel größer sei. Darum sollten alle Menschen diesen Vers mit David singen und sich für Sünder erkennen von Herzen, doch, daß sie auch gewiß glauben, daß Gott gerecht, das ist barmherzig sei. Dieses Bekenntniß ist Gott ein sehr angenehm Opfer, zu welchem uns David reizet. Denn er will, daß dieß eine gemeine Lehre der ganzen Welt sein soll, wenn der Teufel, oder unser Gewissen uns um unserer Sünden willen beschuldigen, daß wir nur frisch Ja darzu sagen, und bekennen, wir sein grosse Sünder, so mit vielen grossen Sünden beladen sind; gleichwol sollen wir nicht verzweifeln. Denn wenn schon unsere Sünden viel und groß sind, hören wir doch hier, daß Gottes Barmherzigkeit noch grösser sei. Auf diese Weise haben sich alle Heiligen wider den Satan geschützet, welche, ob sie wol Sünder gewesen sind, sind sie doch durch solche Erkenntniß geheiliget worden, wie Jesaias 53,11. spricht: Mein Knecht, der Gerechte, wird durch seine Erkenntniß viel gerecht machen.

Aus der Erklärung desselben Psalms: Wenn einer an eines Fürsten Hofe den Kopf verwirket hätte, und der Fürst liesse ihn aus Gnaden frei und los, würde man da nicht sagen, daß demselben seine Verwirkung nicht aus seinem eigenen Verdienste, sondern allein umsonst, aus lauter Gnade des gütigen Fürsten erlassen wäre? Denn er hätte ja nichts anders verdienet, denn den Tod. Einem solchen aber ist es nicht genug, daß man ihm die Schuld erlasse, sondern man muß ihn auch aus dem Kerker lassen, mit Kleidung, Geld und anderm, das er bedarf, helfen, damit er sich erhalte. Also gehet es auch hier in dieser Sache zu, wenn wir von Gott fromm und gerecht gemacht werden. Denn wenn wir durch die Gnade Gottes also von unserer Schuld frei worden sind, alsdann bedürfen wir auch der Gaben des Heiligen Geistes, welcher in uns das übrige und die Hefen der Sünden ausfege, oder ja zum wenigsten uns helfe, auf daß wir nicht von der Sünde und bösen Begierden des Fleisches überwunden werden, wie St. Paulus (Röm. 8,13.) spricht: Wo ihr nach dem Fleisch lebet, so werdet ihr sterben müssen; wo ihr aber durch den Geist des Fleisches Geschäfte tödtet, so werdet ihr leben. Nun wiederfähret uns, daß unser viel in Sicherheit dahin leben, gleich als wären wir nichts anders, denn lauter Geist, und wäre nun gar kein Fleisch mehr an uns. Darum muß man lernen, daß noch Fleisch und böse Lüste in uns stecken, und daß des Geistes Amt und Werk sei, daß er wider das Fleisch fechte, und demselbigen Widerstand thue, daß das Fleisch nicht das in uns vollbringe, so es begehret. Darum ist ein Christ an ihm selbst und an seiner Natur und Wesen nicht ganz von Sünden rein, fromm und gerecht, es ist auch solche Gerechtigkeit nicht in und an uns, sondern sie steht ausserhalb unser, in der Gnade und Barmherzigkeit Gottes gegen uns, daß er unsere Sünde tilget, und uns dieselbige erlässet; welche Vergebung der Sünden diese erlangen, so ihre Sünde von Herzen bekennen und fühlen, und auch glauben, daß Gott uns gnädig und barmherzig sein wolle von deßwegen, daß er seinen lieben Sohn Jesum Christum für unsere Sünde gegeben und wir auch an ihn geglaubet haben. Wenn wir nun diese Gerechtigkeit durch den Glauben erlanget haben, alsdenn bedürfen wir des Bades oder Waschens, davon der Psalm hier redet. Das ist und heißet dann ein christlich Leben, wie St. Paulus zu den Col. 3,1.3. aus der massen fein beschreibet, da er also spricht: Seid ihr nun mit Christo auferstanden, so suchet was droben ist. Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott, und 2. Cor. 7,1.: Dieweil wir nun solche Verheißung haben, meine Liebsten, so lasset uns von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes reinigen, und fortfahren mit der Heiligung in der Furcht Gottes. Das sind die zwei Stücke der Christlichen Gerechtigkeit. Das erste Stück ist die Gnade, so uns durch den Herrn Christum verkündiget ist, daß wir durch Christum einen gnädigen Gott haben, und uns die Sünde nicht mehr beschuldigen noch anklagen kann, sondern, daß nun das Gewissen durch Zuversicht göttlicher Barmherzigkeit frei, sicher und zufrieden sein kann. Das andere ist, daß uns der Heilige Geist mit seinen Gaben gegeben und geschenket wird, welcher uns erleuchtet wider alle Befleckung des Geistes und des Fleisches, daß wir durch ihn vor allem teuflischen Irrthum behütet werden, durch welchen der Satan die Welt verführet; daß also durch den Heiligen Geist die rechte Erkenntniß Gottes von Tag zu Tag in uns wachse und zunehme.

Ueber Luc. 1.55. Wie er geredet hat zu unsern Vätern Abraham und seinem Samen in Ewigkeit. Da liegt darnieder aller Verdienst, Vermessenheit, und ist erhaben die lauter Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Denn Gott hat nicht Israel angenommen um ihres Verdienstes willen, sondern um seines eigenen Versprechens willen; aus lauter Gnade hat er sich versprochen, aus lauter Gnade hat er es auch erfüllet. Darum spricht St. Paulus, Gal. 3,17.18.: Daß Gott vierhundert Jahr zuvor sich zum Abraham versprach, ehe er das Gesetz Mosis gab, auf daß je niemand rühmen oder sagen möchte, er hätte durchs Gesetz, oder Gesetzes Werk verdienet und erlanget solche Gnad und Zusagung. Dieselbe Zusagung preiset und erhebet hier die Mutter Gottes auch über alles, und gibt solches Werk der Vermenschung Gottes lauter dem göttlichen, gnädigen, unverdienten Zusagen, die er Abraham hat gethan.

Daß sie aber spricht: Seinen Samen in Ewigkeit. Die Ewigkeit soll verstanden werden, daß solche Gnade währet in Abrahams Geblüte, (welches da sind die Juden,) von der Zeit an, durch alle Zeit, bis an den jüngsten Tag. Denn obwohl der große Haufe verstockt ist, sind dennoch allezeit, wie wenig ihr sei, die zu Christo sich bekehren und an ihn glauben. Denn diese Zusagung Gottes leugnet nicht, daß Abraham sei die Zusagung geschehen und seinem Samen, Gal. 3,16., nicht auf ein Jahr, nicht auf tausend Jahr, sondern in secula, das ist, von einer Menschenzeit in die andere ohne Aufhören.

Ueber Joh. 1, V.5. Und das Licht scheinet in der Finsterniß. Johannes redet schlecht und einfältig, wie ein Kind, und lauten seine Worte (wie die Weltwesen sie ansehen,) recht kindisch. Es ist aber eine solche Majestät drunter verborgen, die kein Mensch, so hoch er auch erleuchtet ist, erforschen noch ausreden kann. Daß er nun spricht: In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen, das sind eitel Donnerschläge wider das Licht der Vernunft, freien Willen, menschliche Kräfte. Als wollte er sagen: Alle Menschen, so ausser Christo sind, mangeln des Lebens vor Gott, sind todt und verdammet. Denn wie sollten sie das Leben haben, weil sie nicht allein in Finsterniß wandeln, sondern die Finsterniß selbst sind? Möchte aber nun jemand sagen: Wie gehets denn, daß dieses Licht so lange Zeit in der Gläubigen Herzen, auch vor und nach der Sündfluth, und durch der Erzväter und Propheten Lehre geleuchtet hat, und zuletzt durch des Herrn Christi selbst und der Apostel mündlich Wort geglänzet und geschienen hat, und doch nicht ist angenommen, denn nur von gar wenigen? Ja, der große Haufe hat die, so vom Licht gezeuget haben, verfolgt, wie an Johanne dem Täufer, Christo, den Aposteln, und zuvor an den Propheten zu sehen ist. Es hat das Licht keinen Fortgang in der Welt, ob wol die Welt sein hoch bedarf. Denn sie ist in eitel Finsterniß, weiß von Gott nicht, kennet und fürchtet Gott nicht; noch nimmt sie das Licht an, ob es ihr schon scheinet.

Ueber Joh. 1, V. 12. So viele ihn aber aufnahmen u.s.w. Wie? Hat er allen Menschen diese Gewalt und Freiheit gegeben, so sie doch alle Kinder des Zorns sind? Nein, sagt der Evangelist, sondern allen denen, so viel ihr sind, keinen ausgeschlossen, die an seinen Namen glauben, das ist, wie gesaget, die sein Wort mit Glauben annehmen, und vest dabei halten ihn anrufen. Hier hörest du kurz und gut, daß durch keinen andern Weg, Mittel und Weise wir zu dieser hohen Ehre, herrlichen Freiheit und Gewalt kommen, daß wir Gottes Kinder werden, denn allein durch das Erkenntniß und Glauben an Christum.

Darum muß der Heilige Geist hier Meister sein dieses Erkenntniß und Glaubens, und in das Herz schreiben, und unserm Geist Zeugniß geben, daß es gewiß und Amen ist, daß wir durch den Glauben an Christum Gottes Kinder worden sind und ewiglich bleiben. Denn St. Johannes hat sein Evangelium nicht aus menschlichem Willen herfürgebracht, sondern er ist von dem Heiligen Geiste getrieben, der ein Geist der Wahrheit ist, darum wird er uns gewißlich nicht betrügen. Sonst ist es gar ein groß Ding, daß ein armer Mensch soll Gottes Sohn und ein Erbe Christi sein.

Ueber Joh. 1,13. Welche nicht von dem Geblüte, noch von dem Willen des Fleisches, noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind. Das ist nun wie eine Confutatio, damit der Evangelist antwortet allen denen, in welchen etwas ist, das sie rühmen können; es sei so gut, und so köstlich, und so viel es immermehr wolle, so hilft es doch nicht, Gottes Kind zu werden. Dargegen zeiget er mit diesen Worten klar und deutlich an, welche wahrhaftige Gottes Kinder und Erben sind, die da Gewalt haben, Gott zu nennen ihren Vater. Hier mußt du aus den Augen thun alles, was hoch, groß und herrlich ist vor der Welt, auch aller Creaturen vergessen. Denn ob solches alles wol seinen Ursprung und Ankunft von Gott hat: so kann’s doch darzu nicht dienen, daß man Gottes Kind dadurch werde. Denn alles, was von uns ist, gehöret zur Höllen und ist verurtheilet und verdammet zum Tode. Es gilt hier nichts mehr, denn aus Gott geboren sein durch den Glauben an den Sohn Gottes, der Mensch ist worden. Sondern von Gott geboren sind. Dieß ist gar eine neue Geburt, so die vorigen dreie, mit alle ihrem Lob, Ehr und Würde, wenn sie sollen zur ewigen Seligkeit dienen, tödtet und verdammet. Denn bisher hat der Evangelist gesagt: Wir sind durch Gottes Geschöpf und Segen wol von dem Geblüt unserer Eltern geboren; item, etliche Kinder, die arm, elend und verlassen sind, werden von frommen Leuten zu Kindern und Erben angenommen und aufgezogen, und unsere Studenten hier sind Schüler und Jünger unter ihren Präceptoren, die sie als ihre Väter ehren, (einer mehr denn der andere) wie Gott befohlen und geordnet hat. Es werden aber durch der Werke keins, weder die Väter des Geblüts, des Rechts und der Ehre, noch wie, ihre Kinder, vor Gott gerecht und selig. Aber zu der hohen Ehre und Herrlichkeit, daß wir Gottes Kinder werden, kommen wir allein durch die Geburt von oder aus Gott: also, daß wir glauben an den Namen des Menschen, der Jesus Christus heißt, wahrer, natürlicher Sohn Marien, in der Zeit von ihr geboren, von Ewigkeit aber vom Vater gezeuget, davon droben genugsam gesaget ist. Dieser Jesus Christus, unser Herr, allein bringet diese Geburt, giebet die Freiheit, Recht und Macht denen, die an ihn glauben, daß sie Gottes Kinder sind, der gibt allein die Sohnschaft. Darum, so sind Gottes Kinder allein diejenigen, so aus Gott geboren sind, das ist, die an Jesum Christum, Gottes und Marien Sohn, glauben. Und dieselbigen gläubigen sind nicht aus dem Geblüte, noch Willen des Fleisches, noch Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren. Also schneidet aber der Evangelist alle Herrlichkeit, Gewalt und Macht der Welt, und will sagen: Es fördert nicht zur Seligkeit, daß einer Kaiser, König, Fürst, fromm, weise, gelehrt oder reich ist; denn alle Menschen, hohes und niedriges Standes, sind Fleisch; alles Fleisch aber ist Heu und wie eine Blume auf dem Felde; das Heu verdorret, die Blume verwelket; das Wort Gottes aber bleibet ewiglich, Esa. 40,7.8. Wer sich nun an das Wort hält und Johannis Zeugniß annimmt, (das Esaias auch gewaltig treibet in demselbigen 40. Capitel von Christo) und an seinen Namen glaubet, der kommet zu dieser unaussprechlichen Herrlichkeit, es sei Kaiser, König, Bürger, Bauer, Knecht, Hirte, Bettler, daß er Gottes Kind ist: daß also alle, niemand ausgeschlossen, er sei Mann oder Weib, die Christi Wort hören, an ihn glauben, die Gewalt und das Recht haben, daß sie mit Wahrheit sagen können: Ich bin durch Christum Gottes Kind und ein Erbe aller seiner himmlischen Güter, und Gott ist mein Vater.

Darum sollten wir diese heilige Predigt von Herzen gern hören und auf den Knieen (wenn wirs hier nicht hätten) über hundert Meilen holen und unserm Herzen wohl einbilden, daß wir der Sachen gewiß würden. Denn wer das stark und vest glaubte, daß er Gottes Kind wäre, der wäre ein seliger Mensch, sicher und unerschrocken vor allem Unglück, Teufel, Sünde und Tod.

Das ist nun die Predigt des Evangelii, die viel anders lautet, denn sie in aller Philosophen, Weltweisen, des Papstes und seiner Scribenten Bücher gefunden wird, welche, da sie am besten sind in dem Stücke, davon wir hier handeln, nicht ein Haarbreit rathen können, die doch leider viel mehr Schüler haben, denn das liebe Evangelium, welches allein den Christen gehört, wie der Herr saget: pauperes evangelisatur, Matth. 11,5. Gott helfe uns, daß wir solche Predigt des Evangelii annehmen, und unter dem Häuflein gefunden werden, davon der Evangelist saget: Wie viel ihn annahmen, denen hat er Macht gegeben, Kinder Gottes zu werden.

Ueber Joh. 1,14. Daher nennet ers hier also, Gnade und Wahrheit wird durch Christum hier ausgericht; daß ich zu Gnaden kommen bin, das habe ich alles von Christo durch seine Gnade und wahrhaftig durch seine Wahrheit. Das kann das Gesetz nicht thun, noch geben; es weisets nur allein. Wenn wir das Gesetz hätten halten, und solches nur aus unsern Kräften erlangen können: so wäre der Gnade nicht vonnöthen gewesen, daß wir Gnade um Gnade empfingen, und hätte Johannes sagen müssen: Das Gesetz gibt Gott, und die Wahrheit kommt aus unsern Kräften, daß wirs gethan hätten. Aber also heissets nicht, sondern, Moses hat das Gesetz gegeben, und ich habe es nicht gethan, habe es gelassen.

Ueber Joh. 1,18. Das andere Erkenntniß Gottes geschiehet aus dem Evangelio. Als, wie alle Welt von Natur ein Gräuel ist vor Gott, und ewiglich verdammet unter Gottes Zorn und des Teufels Gewalt, daraus sie nicht hat können errettet werden, denn also, daß Gottes Sohn, der dem Vater in seinen Armen liegt, Mensch ist worden, gestorben, und wiederum von den Todten auferstanden, Sünde, Tod und Teufel getilget hat.

Das ist die rechte und gründliche Erkenntniß, Weise und Gedanken von Gott, welches genennet wird das Erkenntniß der Gnaden und Wahrheit, die Evangelische Erkenntniß Gottes. Aber sie wächst in unserm Garten nicht, die Vernunft weiß nicht einen Tropfen davon. Zur linken Hand kann sie Gott kennen nach dem Gesetz der Natur und nach Mose; denn das Gesetz ist uns ins Herz geschrieben. Aber daß sie sonst sollte erkennen den Abgrund göttlicher Weisheit und Willens, und die Tiefen seiner Gnaden und Barmherzigkeit, wie es im ewigen Leben zugehen werde, da weiß Vernunft nicht einen Tropfen von, und ist ihr gar verborgen, sie redet davon als der Blinde von der Farbe. Hievon sagt Johannes recht: Es hat Gott niemand gesehen, allein sein eingeborner Sohn, der ihm auf seinen Armen liegt, der hat es der Welt verkündiget.

Und das ist die rechte Weise, Gott zu erkennen, daß man sich zur rechten Hand halte, und wisse, was Gott gedenkt und im Willen ist; da weiß sonst kein Mensch von. Es stehet aber so mit dem menschlichen Geschlechte, daß wir müssen Gnade haben durch den Sohn. Aber die Vernunft bleibet bei der ersten Erkenntniß Gottes, so aus dem Gesetz hervorkommt, und redet gar dunkel davon.

Ueber Joh.. 6,35. Was mir der Vater gibt, will ich nicht ausstossen. Wir müssen der Sprache gewohnen. Droben hat er gesagt: Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern. Was ist aber, zu Christo kommen? Es ist, an Christum glauben. Nun spricht er: Was mir der Vater gibt, das kommt zu mir.

Von diesem Text wäre viel zu sagen, wer es könnte thun, und lautet gleich, als sagte der Herr, erstlich: Ihr seid diejenigen, die mich sehen und hören, und dennoch mir nicht glauben, derohalben seid ihr nicht der Haufe, den mir der Vater gibt. Zeiget damit an, daß sie nicht allein vor ihm absolviret und fremde sein, sondern auch vor seinem Vater, verstösset und verwirft sie gar vom Evangelio. Und daß sie es nicht in den Wind schlagen möchte, als wäre es ein gering Ding, wenn sie nicht an ihn glaubten, oder ihn höreten, so saget er allhier: Es gilt so viel, daß, wer mich nicht höret, der höret auch nicht den Vater.

Zum andern, so ist de Text für diejenigen sehr tröstlich, so fromm und gläubig sind, wie er denn auch erschrecklich ist den Gottlosen, da er erstlich den Juden saget: Es soll gleichwol um euretwillen diese Predigt nicht untüchtig und ohne Frucht bleiben; so ihr nicht wollet, so wird ein andrer wollen; glaubet ihr nicht, so glaubet ein andrer. Ihr Weisen und Klugen kommt nicht zu mir, denn ihr wisset einen bessern Weg, denn ich euch zeigen könne; aber es ist noch ein Häuflein da, als arme, betrübte und erschrockene Gewissen, welches Häuflein, so zu mir kommt und mein Wort annimmt, das an mich glaubet, das da isset mein Fleisch und trinket mein Blut, wird leben ewiglich; und die heissen diejenigen, so mir der Vater gibt. Es heißt: zu mir kommen; mit menschlicher Vernunft wird mein Wort nicht begriffen; wie wir das in der Heyden und philosophischen Büchern und Lehren sehen, daß sie Gott nach der Vernunft ausgerechnet haben, und von Gott gleich als von Menschen geredet; wie das Cicero und Homerus gethan haben, mahlen Gott ab, wie einen Menschen. also redet ein Rottengeist auch von Gott, wie er es gerne hätte, wie es der Vernunft wohl gefällt, dem muß Gottes Wort auch also lauten; aber Gott gedenkt nicht, wie wir Menschen gedenken, oder wie es unserer Vernunft wohl gefällt. Und wird allhier von Christo nicht gesaget: Alles, was mir die Vernunft und die klugen, weisen Leute der Welt zuführen, das kommt zu mir. O nein, sondern es bleibt aussen. Die Vernunft thut es nicht; Reichthum und menschliche Weisheit, und alles was nicht Gott ist, das hindert, und ist keine Förderung zu der Kunst, zu diesem Brod und geistlichen Mahlzeit, da wir die Speise und das Brod des Lebens essen. Gott muß es allein thun. Was die Leute thun, wie leicht es scheinet, ist alles eine grosse Hinderung. Und kommt ein hochgelehrter, erfahrener, kluger Mensch dazu: so fället er mit seiner Vernunft flugs drein, will es meistern, ärgert und stösset sich denn am Evangelio. Denn es sind nicht solche Leute, die da Gott lehren kann; aber Christus will Schüler haben, die da einfältig sind, so sich demüthigen, und dem Worte Gottes anhangen und zufallen, und sich lehren lassen. Wenn sie es hören, so urtheilen und meistern sie die Lehre nicht, sondern lassen sich vom göttlichen Wort reformiren, meistern und lehren, und fallen dazu.

Davon könnte man nun viel sagen; denn es ist eine tröstliche Rede denen, die da fühlen und wissen, daß sie zu Christo kommen sollen, daß sie sagen und schliessen können: Nun weiß ich, daß ich dem Herrn Christo vom Vater gegeben sei. Wer das nun glauben kann, daß er sei ein Stück, das zu Christo soll kommen, der hat Trost davon; denn er fühlet, daß sein Wort ihm von Herzen gefällt, und will darüber auch lassen alles, was er hat, und kann sprechen: Ich bin der geschenkten einer, die zu Christo kommen sollen.

Dieses Kommen aber ist nicht leiblich, daß einer in den Himmel und über die Wolken klettern wollte. Es geschiehet auch das Kommen nicht mit Händen und Füssen, sondern das Herz kommt zu Gott durch den Glauben. Wenn du sein Wort hörest, und es dir gefällt, daß du dich daran hängest. da gehet das Herz zu ihm, da issest du denn diese speise, da ist denn der Glaube eine Gabe und Gnade Gottes; es ist nicht eine menschliche Kraft, noch unser werk. Daher sagt St. Paulus, 2 Thess. 3,2.: Non omnium est fides. Und zu den Ephesern Cap. 2,8.9.: Die donum est, non ex operibus etc. ne quis glorietur. Also will er allhier auch sagen, was der Vater nicht zeucht, das kommt nicht zu mir, niemand kann mich hören, der Vater gibt es ihm denn; denen hochmüthigen, klugen, hochgelehrten, weisen Leuten und scharfen Köpfen, die viel reden, und wissen zu richten und meistern, denen wird es gesagt. Nimm es nicht in Sinn, so kraus sollst du nicht sein, daß du mit deiner Vernunft herzu kommen solltest, du wirst Christum nicht meistern, deine Hoffarth und Hochmuth wird allhier verworfen.

Also gedachten auch die Juden: Da stehet und prediget Christus, wir könnten es noch wohl besser, denn er; meinten, sie wollten ohne seine Predigt wohl kommen zu der Speise und Brod des Lebens. Aber Christus will also sagen: Ich will den Riegel vor die Thür stecken, daß ihr nicht dahin kommen sollt; nicht daß ich euch nicht gerne haben wollte, sondern daß ihr auf einem andern Wege umher gehen müsset, wollet ihr zu Christo kommen und diesen Trank und Speise erlangen; denn eure Vernunft und Weisheit thuts nicht. Sollt ihr aber zu mir kommen, so muß euch der Vater mir geben. Und ihr werdet mir nichts geben, oder euren Kräften darinn der Vater mir euch sollte geben.

Ihr sollt mit eurem grossen Verstande und Klugheit nicht zu mir kommen; denn da bringet ihr euch selber, und dürftet des Vaters ganz und gar nichts. Es ist dieselbige Weisheit in der Welt der leidige Teufel, und gehöret in Abgrund der Hölle, daß ich Gott gerne lehren wollte, wie er die Welt regieren sollte. Denn, bringest du dich selber, so darf dich der Vater nicht bringen. Aber es sind verdrüßliche Leute, die auf ihren Kopf bleiben und Gott meistern wollen. Wenn sie nur eine Predigt gehöret haben und nur das Neue Testament einmal angesehen: so meynen sie, sie können es alsbald alles und wollen sich selbst herzuführen, sie dürfen keines Predigers. Aber wenn die letzten Züge und Streckbein kommen, so wirst du es wohl lernen, was das Wort sey: Alles, was mir der Vater gibt, und mir denn grossen Dank wissen, und eigentlich sehen, ob dein Schnorrkopf oder Kunst dich hinzugetragen habe, und ob du von dir kommst zu mir, oder nicht.

In Summa, er will sagen: die Juden fragen nichts darnach, achten mich auch nichts; und ich frage wieder nichts nach ihnen. Ich wollte euch die Speise und den Trank gerne geben, so wollt ihr nicht; so lasset es, ich will euer auch nicht. Ihr seyd nicht hungrig oder durstig, arm und unheilig: darum, so bleibet reich, gelehrt, heilig, sicher, weise und klug, die alles meistern wollen; ihr werdet es wohl finden im Auskehricht. Mein Häuflein, das mir der Vater gibt, die ihnen selbst nicht wissen zu helfen, und lassen sich lehren und tragen, hören das Wort, lernens und können der Speise nicht satt werden, noch ihren Durst löschen, und es ihnen ein Ernst ist: dieselben bleiben hungrig und durstig, wissen nichts von ihrer Gerechtigkeit, und leiden, daß der Heilige Geist in ihnen wirke, und sie durch seine Kraft zurichte, daß sie zu mir gezogen werden, und der Vater gibt ihnen auch den H. Geist, daß das Wort kräftig in ihnen sey; denn sei stehen nicht auf ihrer Heiligkeit, und bauen nicht auf ihre Weisheit.

Aus einer Predigt über Gal. 4. Dieweil ihr denn Kinder seyd, hat Gott gesandt den Geist seines Sohnes in eure Herzen, der rufet: Abba, lieber Vater! Da sehen wir, daß der Heilige Geist nicht durch Werke, sondern durch den Glauben gegeben wird; denn er saget hier, der Geist sey ihnen darum gegeben, daß sie Kinder sind, und nicht Knechte. Kinder glauben, Knechte wirken; Kinder sind Gesetzes frei, Knechte sind unter dem Gesetze; allein, daß man der Paulischen Sprache und Worte gewohne, was Kind und Knecht, was frei und gezwungen sey; gezwungene Werke sind der Knechte, freie Werke der Kinder. Warum saget er aber, der Heilige Geist sey ihnen gegeben, weil sie Kinder sind, so doch der Heilige Geist aus Knechten Kinder machet, und zuvor da seyn muß, ehe sie Kinder werden? Antwort: Er redet nach der Weise, wie er droben (V. 3.) saget: Wir waren unter den Elementen, ehe die Zeit erfüllet ward. Denn sie sind zukünftige Kinder gewesen vor Gott; darum ist ihnen der H. Geist gesandt, der sie zu Kindern machet, wie sie zuvor verordnet waren. Und er nennet den Geist, einen Geist Gottes Sohns. Warum nicht seinen Geist? Darum, daß er auf der Bahn bleibe. Er heisset sie Kinder Gottes, darum sende ihnen Gott eben den Geist, den Christus hat, der auch Kind, daß sie zugleich mit ihm rufen: Abba, lieber Vater! Als sollte er sagen: Gott sendet euch seinen Geist, der in seinem Sohne wohnet, daß ihr seine Brüder und Miterben sein sollt, gleichwie er thut ruffen: lieber Vater. Damit abermal die unaussprechliche Güte und Gnade Gottes gepreiset wird, daß wir durch den Glauben mit Christo in unbetheilten Gütern sitzen, und alles haben, was er hat und ist, auch seinen Geist.

So sehen wir hier abermal, daß niemand durch Werke vor Gott etwas mag erlangen von der Seligkeit; sondern es muß zuvor, vor den Werken, alles erlanget und besessen sein, daß die Werke darnach frei und umsonst, Gott zu Ehren und dem Nächsten zu gute geschehen, ohne Furcht der Strafe und Gesuch des Lohns. Das geben diese Worte, da er saget: Sind es Kinder, so sind es auch Erben Gottes. Nun ist genugsam gesaget, daß allein der Glaube Kinder mache, zuvor und ohne alle Werke. Machet er aber Kinder, so macht er auch Erben; denn ein Kind ist Erbe. So denn das Erbe schon da ist, wie mag es denn mit Werken allererst erworben werden? Es leidet sich nicht mit einander, daß das Erbe sollte zuvor da sein, aus lauter Gnaden gegeben, und dennoch durch Werke und Verdienst, als wäre es nicht da, oder nicht gegeben, noch ersuchen und allererst gewinnen. So ist je das Erbe hier nichts anders, denn die ewige Seligkeit.

Aus einer Predigt am 3. Sonntag nach Epiph. Also ein jeglicher Christ kann sich nicht rühmen, daß er mit Werken dazu kommen sey, daß er ein Glied in Christo sey, mit den andern Christen im gemeinen Glauben, und kann auch keine Werke thun, damit er ein Christ werde; sondern daher, daß er schon zuvor ein Christ worden ist durch die neue Geburt im Glauben, ohne allen Verdienst, daher thut er gute Werke. Also, daß es vest stehet, gute Werke machen nicht Christen, sondern Christen machen gute Werke, wie die Frucht nicht macht den Baum, sondern der Baum macht die Frucht, und das Gesicht macht nicht die Augen, sondern die Augen machen das Gesicht. Und endlich muß allenthalben das Wesen eher sein, denn das Wirken: daß kein Werk das Wesen gebe, sondern das Wesen gebe das Werk. Machen nun die guten Werke nicht Christen, so erwerben sie auch nicht Gottes Gnade, vertilgen auch keine Sünde, verdienen auch den Himmel nicht; denn solches kann niemand haben, denn ein Christ, und derselbe hat es auch durch keine Werke, sondern dadurch, daß er ein Glied Christi ist; das geschieht durch den Glauben an Gottes Wort.

Aus der Auslegung von Joh. 14. Welchen die Welt nicht kann empfahen; denn sie siehet ihn nicht und kennet ihn nicht. Das gehöret auch zur Tröstung der Christenheit. Denn wenn sie sich umsehen in die weite Welt, weil ihr unzählig viel sind, die unsere Lehre verachten, lästern und verfolgen, und nicht schlechte, geringe Leute, sondern allermeist die Hochverständigsten, Gelehrtesten, Gewaltigsten, und auch, die da wollen die Frömmsten und Heiligsten sein, das stösset ein schwachgläubig Herz vor den Kopf, daß es anfährt zu denken: Sollten so grosse Leute allzumal irren, und alles falsch und verdammt sein, was sie thun und sagen, setzen und schliessen? Dawider stellet er hiemit das Urtheil dürr und klar, daß wir deß sollen gewiß sein, daß es nicht anders gehet noch gehen kann, und schleußt, daß sie es nicht können verstehen, noch zu warten oder zu hoffen sei, daß der grosse Haufe, welche sind die Größten, Edelste, Besten, und der rechte Kern der Welt, sollten die Wahrheiten haben.

Also siehet Christus in dieser Predigt immer beiseits auf die, so sein kleines Häuflein wollen erschrecken, blöde und verzagt machen, daß sie sollen zweifeln und denken: solltest du allein weise, klug und heilig sein, und so viel trefflicher Leute alle nichts sein noch wissen? Was soll ich allein oder mit so wenigen machen und Verfolgung leiden, und mich lassen von so viel hohen, trefflichen Leuten verdammen und dem Teufel geben? Wohlan, dazu (spricht er) mußt du gerüst sein, und dich solches nicht lassen anfechten, sondern gewiß sein, daß du habest den Geist der Wahrheit, welches die anderen, so dich verfolgen, nicht werth sein, ja ihn nicht können sehen noch kennen, wenn sie noch viel gelehrtere, weisere und höhere Leute wären, und daß dein Thun und Wesen soll gelten und recht sein und bleiben vor Gott, und ihres dagegen verdammt sein.

Ueber Joh. 15,8. Ihr seid nun rein um des Worts willen, so ich zu euch geredet habe. Er lehret mit diesem Spruche das rechte Hauptstück der Christlichen Lehre, wie und wodurch die Person vor Gott rein und gerecht werde und bleibe, also daß dieselbige Reinigkeit, so vor Gott gelten soll wider die Sünde, gar nicht soll gegeben und zugemessen werden unserm Thun oder Leiden, ob es gleich von denen, so Christen sind, geschieht, und nun rechte, gute, reine Früchte heissen. Denn er redet allhier eben mit seinen lieben Aposteln, so nun gläubig oder Christen waren, und spricht: Rein sey ihr, und doch nicht deßhalben, daß ihr gute Früchte traget, sondern um meines Worts willen.

Siehe, also zeiget er fein, daß die Reinigkeit der Christen nicht kommt aus den Früchten, so sie bringen; sondern wiederum ihre Früchte und Werke kommen aus der Reinigkeit, so sie zuvor haben aus dem Wort, dadurch das Herz gereinigt wird, wie St. Petrus, Apostelgesch. 15,9., sagt. Aus derselbigen folgen denn die Früchte, sind aber nicht selbst die Reinigkeit, ohne daß sie um des Glaubens willen auch rein und gut gerechnet werden und Gott wohlgefallen.

Ueber Joh. 15,5. Ohne mich könnt ihr nichts thun. Also ist hier beschlossen ein greulich Urtheil über alles Leben und thun, es sei, wie groß, herrlich und schön es wolle, so ausser Christo ist, daß es nichts thun könnte und nichts heißen soll. Groß und viel ist es wol vor der Welt, denn es heissen treffliche, köstliche Werke; aber hier, vor Gott, in dem Reiche Christi, ist es wahrhaftig nichts, weil es nicht aus ihm gewachsen ist, noch in ihm bleibt. Denn es ist nicht sein Wort, Taufe und Sacrament, sondern unser selbst gemacht Ding, das wir ausser dem Wort erwählet und erzwungen haben. Darum kann es nicht Früchte bringen, noch vor Gott bestehen bleiben, sondern muß, als ein fauler, verdorreter Baum ohne Saft und Kraft, ausgerottet und (wie er hernach sagt) ins Feuer geworfen werden. Darum, laß andere schnitzen und machen ohne ihn, was sie können, bis daß sie aus ihren Werken eine neue Geburt und aus der Frucht den Baum machen; sie sollen aber (ob Gott will) diesen Spruch wahr machen, und aus allem ein lauter Nichts werden.

Ueber Joh. 15,16. Ihr habt mich nicht erwählet. Siehe, das ist nun die große Herrlichkeit, so die Christen durch Christum haben. Erstlich, daß er sie durch sein Wort berufen und erwählet hat, daß sie sollen seine liebe Reben sein, und alles haben, was er erworben hat, Sieg und Herrschaft wider Sünde, Tod und des Teufels Gewalt. Zum andern, daß wir auch sollen seine Diener sein, und sein Reich helfen ausbreiten, viel Gutes schaffen und thun, welches er heisset: viel Früchte bringen, und solche Früchte, die da ewig sollen bleiben und vor Gott bestehen, ob sie wol vom Teufel angefochten und von der Welt gelästert und verfolget werden. Zum dritten, setzet er nun noch eines dazu,, und spricht: Auf daß, so ihr den Vater bittet in meinem Namen, daß er’s euch gebe. Das ist auch ein Stück, ja die Kraft und folge seiner Erwählung. Denn die Gnade haben wir in Christo, daß nicht allein wir durch ihn Gottes Freunde werden, und ihn zum Vater überkommen, sondern auch darzu erwählet sind, daß wir mögen von ihm bitten, was wir bedürfen, und gewiß sein sollen, daß es soll uns gegeben werden.

Ueber Joh. 16. Um die Gerechtigkeit, daß ich zum Vater gehe. Das ist ja eine wunderliche Gerechtigkeit, daß wir sollen gerecht heissen, oder Gerechtigkeit haben, welche doch kein Werk, kein Gedanken, und kurz, gar nicht in uns, sondern gar ausser uns in Christo ist, und doch wahrhaftig unser wird durch seine Gnade und Geschenk, und sogar unser eigen, als wäre sie durch uns selbst erlanget und erworben. Diese Sprache könnte freilich keine Vernunft verstehen, daß das soll Gerechtigkeit heissen, da ich nichts thue, noch leide, ja nichts gedenke, noch fühle, oder empfinde, und gar nichts in mir ist, um deßwillen ich Gott gefällig und selig werde, sondern, ausser mir und aller Menschen Gedanken, Werken und Vermögen, mich halte an den Christum, droben zur Rechten Gottes sitzend, den ich doch nicht sehe.

Aber der Glaube soll solches fassen, und sich darauf gründen und deß trösten in Anfechtung, da der Teufel und sein eigen Gewissen mit ihm also disputirt: Hörest du, was bist du für ein Christ? Wo ist deine Gerechtigkeit? Siehest und fühlest du nicht, daß du ein Sünder bist? Wie willst du denn vor Gott bestehen? – daß er hier wider sich auf diesen Spruch gründe und sage: Ich weiß sehr wohl, daß ich leider Sünde habe, und bei mir keine Gerechtigkeit (die vor Gott sollte gelten); ich soll und will sie auch bei mir nicht suchen noch wissen; denn damit würde ich nimmer vor Gott können kommen. Aber hier höre ich, daß Christus saget, daß meine Gerechtigkeit sei die, daß er einen Gang zum Vater gethan und gen Himmel gefahren. Daselbst ist sie hingesetzt, da sie mir der Teufel wohl muß bleiben lassen; denn er wird Christum nicht zu einem Sünder machen, noch seine Gerechtigkeit strafen oder tadeln. Bin ich ein Sünder, und mein Leben vor Gott nicht bestehet, und keine Gerechtigkeit in mir finde: so habe ich aber einen andern Schatz, welcher ist meine Gerechtigkeit, darauf ich rühme und trotze. Das ist dieser Gang Christi zum Vater, welchen er mir gegeben und geschenket hat. Was mangelt demselben, oder was kannst du daran tadeln? – Ja, siehest du doch und fühlest nichts davon! Antwort: Ja, eben also deutet und beschreibet er selbst die Gerechtigkeit, daß ich sie nicht fühlen, sondern mit dem Glauben fassen soll an dieß Wort Christi, da er spricht: daß ihr mich nicht sehet. Was dürfte ich sonst des Glaubens, wo ich solches gegenwärtig sehen, oder in mir selbst empfinden und fühlen könnte?

Darum lerne diesen Spruch wohl, daß du daraus könntest einen dürren Unterschied machen zwischen der Gerechtigkeit, die da heisset Christi, und aller andern, so man mag Gerechtigkeit nennen. Denn hier hörest du, daß die Gerechtigkeit, da Christus von sagt, nicht ist unser Werk noch Thun, sondern sein Gang oder Himmelfahrt. Nun ist es ja klar und greiflich, daß die zwei weit und ferne von einander sind. Unser Werk ist ja nicht Christus: so ist sein Gang nicht unser Thun noch Werk. Denn, was habe ich oder einig Mensch darzu gethan, daß er zum Vater gehet, das ist, daß er leidet und stirbt, und wieder auferstehet und sitzet zur Rechten Gottes?

Ueber Joh. 17,6. Sie waren Dein, und Du hast sie mir gegeben. Sie waren Dein, spricht er, das ist, wie gesagt, wer das Wort höret, Herz und Ohren aufthut, und die Offenbarung hinein schallen und klingen läßt, der gehöret nimmer in die Welt, sondern mich an. Weil nun das gewiß ist, daß sie mein sind, und ich ihr Herr, Meister und Heiland bin: so ists auch gewiß und kein Zweifel, daß sie Dein sind, ja nicht allein jetzt Dein sind, sondern vorhin von Anfang Dein gewesen und durch Dich zu mir kommen. Also ist mit einem Wort hinweggenommen aller Zorn und was man schreckliches denken mag im Himmel und auf Erden, und ein weiter Himmel voll Gnaden und Segen über dich aufgethan. Hangest du an dem Herr Christo, so bist du gewißlich unter dem Haufen, die Gott von Anfang dazu erwählet hat, daß sie sein eigen sein sollten; sonst würden sie nicht herzukommen, noch solche Offenbarung hören und annehmen.

Ueber Joh. 17,5. Das ist aber wiederum schrecklich, daß er spricht: Ich bitte nicht für die Welt. Da lasset uns je zusehen, daß wir nicht unter dem Haufen funden werden, für welche er nicht bitten will. Denn daher kann nichts anders folgen, ohne daß sie gar verloren sein, als derer sich Christus schlechts äussert und nichts von ihnen wissen will. Das sollte je die Welt schrecken, daß sie vor Zittern erstarrete für solchem Urtheil. Aber sie hälts nur für ihren Spott, machet ein Gelächter daraus und bleibet in der greulichen, verstockten Blindheit, daß sie es so sicher in den Wind schläget und lässets vor den Ohren fürüber gehen, als hätte es irgend ein Narr geredet.

Sondern für die, die Du mir gegeben hast, denn sie sind Dein.

Da wiederholet er noch einmal die Worte, die er zuvor angezogen hat, daß ers uns je wohl einbleue. Für die Welt kann ich nicht bitten (spricht er) denn sie sind nicht Dein, sondern hassen und verfolgen die, so Du mir gegeben hast; für sie aber bitte ich, denn sie sind Dein eigen Gut und Erbe, da habe ich Sorge für, da ist all mein Herz und Sinn. Nun ist genug gesagt, warum er die Worte also setzet: die Du mir gegeben hast. Denn wer Christi ist, der ist auch des Vaters. Die sind aber Christi, wie er selbst gesaget hat, die das Wort von ihm nehmen und behalten. Das ist das gewisseste Wahrzeichen eines gnädigen Vaters; denn niemand würde, (wie oft gesagt,) das Wort annehmen, noch dabei bleiben, wo er nicht Gottes Kind und dem Herrn Christo vom Vater gegeben wäre.

Joh. 17,19. Auf daß auch sie geheiliget sein in der Wahrheit. Siehe, wie er so deutlich redet von der wahrhaftigen Heiligkeit, uns zu warnen, daß man sich vorsehe und der rechten Heiligkeit nicht fehle, und zu wehren, daß man nicht anders predige, denn von seiner Heiligung, noch etwas erdenke und angreife, darinnen man Heiligkeit suche. Denn er hat wol gesehen, wie schwer es eingehet und so viel Anfechtung hat, so gar hängets uns an, auch denen, die Christen sind, daß man etwas bei sich selbst suchet, das wir selbst thun und die Heiligkeit erlangen möchten. Da will niemand an, daß er sich bloß ans Wort hänge, und in Christi Heiligkeit krieche. Darum hat er (sage ich,) so fleißig das Wörtlein: in der Wahrheit, wiederholt, und gesetzt wider alle Welt und menschliche Heiligkeit. Meine Heiligkeit, spricht er, machet sie wahrhaftig heilig.

Ueber Galat. 1,4. Er spricht: Der sich gegeben hat, als er für die Unverdienten, eine geschenkte und umsonst gegebene Gabe; er hat ja nicht bezahlet den Lohn, als denen, die des Lohns würdig wären; als Röm. 5, 10: Da wir noch Feinde waren, sind wir mit Gott versöhnet worden durch den Tod seines Sohnes.

Wo bleiben denn nun die grossen und hochmüthigen, aufgeblasenen Berühmer des freien Willens? Wo ist die Lehre der sittlichen Philosophen? Wo ist die Kraft und Macht beider Gesetze, geistlicher und weltlicher? Sind denn unsere Sünden groß, daß sie nicht haben weggenommen mögen werden, man bezahle denn so ein großes Lösegeld darum: was wollen wir denn, daß wir uns vornehmen, durch den freien Willen, Gesetze und Menschenlehre gerecht zu werden? Was thun wir doch mit solchen Gaukelwerken, denn daß wir unsere Sünde decken mit einer erdichteten und erlogenen Gerechtigkeit und Gestalt eines sittlichen und frommen Lebens, und machen also aus uns selbst verdammte Heuchler und Gleisner, welchen nicht zu helfen ist? Was bringt doch vor Nutz die Tugend, so doch nichts desto weniger die Sünde immerzu bleibet? So ist nun zu verzweifeln an diesen allen, und, wo der Glaube in Christum nicht gelehret wird, ist alle Tugend nichts anders zu achten und zu halten, denn wie ein Deckel und Vorhang aller Schlakheit und Unflaths, eben wie Christus, Matth. 23, 27., die Pharisäer beschreibet, da er sie den schönen und übertünchten Gräbern vergleichet, die von aussen schön und inwendig voller Unflaths und Greuel sein.

Ueber Gal. 1,9. Darum wollen wir auch mit St. Paulo muthig sein, und sprechen: Es soll verderben und vermaledeyet sein alle Lehre, sie kommen vom Himmel, oder von der Erden, oder wo sie denn herkommt und bracht wird, die da lehret die Menschen ihre Hoffnung und Vertrauen setzen in eigene Werke, eigene Gerechtigkeit, Verdienst und gute Werke, und nicht allein lauter in die Gnade, Tod und Verdienst Jesu Christi. Wir sind auch an dem nicht widerspenstig und sträflich gegen die Päpste und Nachkommen der Apostel, sondern gütig und wahrhaftig in Christum. Es ist ja billig und recht, daß wir Christum, Gottes Sohn, sollen Menschenlarven vorsetzen. Wollen sie es nicht dulden, sollen sie hinfort gemieden werden von uns, als eine höllische und ewige Vermaledeyung.

Ueber Gal. 1,15.16. Und siehe, wie gar ein dankbarer und aufrichtiger Prediger Paulus sei der Gnade Gottes. Er spricht nicht: Es ist mir geoffenbaret worden der Sohn Gottes, den ich hatte also zugenommen in der Gerechtigkeit des väterlichen Gesetzes; nicht: durch mein Verdienst, sondern darum, daß es Gott also gefallen hat, daß es geschehen soll, so ich doch weit anders verdienet hatte. Daß es aber Gott gefällig ist gewesen also, auch ohne mein Verdienst, beweiset das, daß er mich zu dem ausgesondert hat, ehe denn ich geboren war, und hat mich in dem Bauche meiner Mutter einen solchen zu sein bereitet, Jer. 1,5. Nachmals hat er mich auch berufen aus Gnaden, daß ihr durch solches alles erkennen möchtet, daß der Glaube und Erkenntniß Christi mir nicht kommen sei aus dem Gesetze, sondern aus der einigen göttlichen Vorsehung und aus seiner Gnade, dadurch er mich berufen hat. Daher wird auch euch die Seligkeit aus dem Gesetze nicht kommen können.

Am 9., 10. und 11. Capitel des Briefes an die Römer redet Paulus von der ewigen Versehung Gottes, daher es ursprünglich fleußt, wer glauben oder nicht glauben soll, von Sünden los oder nicht los werden kann, damit es je gar aus unseren Händen genommen und allein Gottes Hand gestellet sei, daß wir fromm werden. Und das ist auch aufs allerhöheste Noth; denn wir sind so schwach und ungewiß, daß wenn es bei uns stünde, würde freilich nicht ein Mensch selig, der Teufel würde sie gewißlich alle überwältigen. Aber nun Gott gewiß ist, daß ihm sein Versehen nicht fehlet, noch jemand ihm wehren kann, haben wir noch Hoffnung wider Sünde.

Aber hier ist den Freveln und hochfahrenden Geistern ein Mahl zu stecken, die ihren Verstand am ersten hieher führen und oben anfangen, zuvor den Abgrund göttlicher Versehung zu forschen, und vergeblich damit sich bekümmern, ob sie versehen sind; die müssen sich denn selbst stürzen, daß sie entweder verzagen, oder sich in die freie Schanze schlagen. Du aber folge dieser Epistel in ihrer Ordnung, bekümmere dich zuvor mit Christo und dem Evangelio, daß du deine Sünde und seine Gnade erkennest, darnach mit der Sünde streitest, wie hier das 1., 2., 3., 4., 5., 6., 7. und 8. Capitel gelehret haben. Darnach wenn du in das 8. Capitel kommen bist unter das Kreuz und Leiden, das wird dich recht lehren die Versehung im 9., 10. und 11. Capitel, wie tröstlich sie sei; denn ohne Leiden, Kreuz und Todesnöthen kann man die Versehung nicht ohne Schaden und heimlichen Zorn wider Gott handeln. Darum muß Adam zuvor wol todt sein, ehe er dieß Ding leide und den starken Wein trinke; darum siehe dich vor, daß du nicht Wein trinkst, wenn du noch ein Säugling bist. Eine jegliche Lehre hat ihr Maaß, Zeit und Alter.

Johannes Calvinus.
Von dem, was in der Schrift von der Wahl gelehret wird, sollen wir die Gläubigen keineswegs abhalten: damit es nicht den Anschein gewinne, als wollten wir sie entweder der Gnaden Gottes mißgünstigerweise berauben oder gar den Geist Gottes bezüchtigen, als habe er etwas gelehrt, das besser verschwiegen oder unterdrückt geblieben wäre. Nein, wir sollen vielmehr einem jeden Christen gestatten, allem und jedem Worte Gottes Herz und Ohr zu öffnen, doch allezeit mit der Bescheidenheit, daß, sobald der Herr seinen heiligen Mund zuthut, auch der Mensch den Weg, weiter nachzuforschen, verlasse. Das wird das beste Ziel der Bescheidenheit sein, daß wir nicht allein im Lernen Gott als dem vorgehenden Lehrmeister allezeit nachfolgen: sondern auch, daß wir sobald er aufhöret zu lehren, zugleich aufhören weiter nachzuforschen.

Mit welchem Scheine werden aber diejenigen, welche so gar witzig und sorgsam sind, daß sie die Erwählung ganz vergraben wollen, damit sie die schwachen Seelen nicht bekümmere, womit wollen solche ihre Vermessenheit beschönigen, da sie verdeckter Weise Gott einer thörichten Veranstaltung beschuldigen, als habe er eine Gefahr, der sie weislich begegnen wollen, nicht zuvor gesehen? Wer darum die Lehre von der Erwählung verhaßt macht, der lästert öffentlich Gott selbst, als wenn ihm unbesonnener Weise etwas entfallen wäre, das der Kirche schädlich sei.

Ich will nicht fragen, wie und woher Abrahams Samen den Vorgang gehabt vor allen andern Völkern, da doch in Wahrheit ausserhalb Gott keine Ursache mag gefunden werden; sie sollen mir nur darauf antworten, warum sie doch Menschen geworden sind, und nicht Ochsen oder Esel? Es stand Gott doch frei, Hunde aus ihnen zu machen, er hat sie aber gleichwol zu seinem Ebenbilde erschaffen. Wollen denn diese Leute zugeben, daß auch die unvernünftigen Thiere ihres Standes halber mit Gott hadern dürfen, als hätte er unbillig mit ihnen gehandelt? Ist Gott nicht befugt, seine Wohlthaten, nach dem Maaße seines Urtheils ungleich auszutheilen?

Demnach soll dieser Grund bei den Gläubigen feststehen, daß wir darum in Christo zur himmlischen Erbschaft erkoren sind, weil wir aus uns selbst solcher ehren nicht fähig waren. Solches zeigt der Apostel auch anderswo, da er die Colosser ermahnt zur Danksagung dafür, daß sie von oben herab tüchtig gemacht seien zum Erbtheil der Heiligen. Wenn nun die göttliche Wahl der Gnade vorangeht, dadurch wir tüchtig gemacht werden zur Herrlichkeit des künftigen Lebens: was wird dann Gott selbst wol in uns finden, dadurch er bewogen werden könnte, uns zu erwählen? Dasselbe wird noch in einem andern Spruch dargethan, da er sagt: Er hat uns erwählet, ehe der Welt Grund gelegt war, nach dem Wohlgefallen seines Willens, daß wir sein sollten heilig und unsträflich vor ihm. Auch in diesem Ausspruche setzt er Gottes Wohlgefallen all‘ unserm Verdienste entgegen.

Will aber jemand zum Hauptbrunnquell gehen, warum Einer mehr denn der Andere erwählet sei, so antwortet St. Paulus, da- es Gott also verordnet habe, und zwar nach dem Wohlgefallen seines Willens, mit welchen Worten er alle Mittel zunichte macht, dadurch die Menschen vermeinen, in sich selbst einige Ursache zu haben, weßhalb sie Gott erwählet habe. Denn er sagt ausdrücklich, daß alle Wohlthaten, welche uns Gott zum geistlichen Leben mittheilt, aus dem Brunnen herquillen, nemlich daß Gott erwählt habe, welche er gewollt, und daß er ihnen, ehe denn sie geboren wurden, die Gnade zubereitet und bewahrt habe, die er ihnen zu geben willens war.

Wo aber nun dieses Wohlgefallen Gottes den Vorgang hat, da gelten die Werke nichts. Diesen Gegensatz spricht zwar der Apostel hier nicht aus, aber er wird doch dabei verstanden, wie er dann anderswo von ihm gerade zu ausgesprochen wird: Er hat uns berufen (spricht er) mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Vorsatz und Gnade, die uns gegeben ist in Christo Jesu vor der Zeit der Welt. Sprichst du aber, er habe uns darum erwählet, weil er zuvor ersehen hat, daß wir heilig sein würden, so verkehrest du Pauli Ordnung. Demnach kannst du sicher also schließen: hat er uns erwählet, auf daß wir heilig würden: so hat er uns nicht erwählt in Ansehung und Voraussehung künftiger Heiligkeit. Denn diese beiden Dinge streiten wider einander. Wenn die Seligwerdenden es aus der Wahl haben, daß sie heilig werden, so können sie nicht vermittelst der Werke dazu kommen. Hier gilt auch jene wohlbekannte Ausflucht nicht, daß nämlich Gott, wiewohl er die Gnade der Erwählung den vorgehenden Werken nicht zuschreibe, dennoch den Menschen wegen der zukünftigen Werke erwähle. Denn da es heißt, die Gläubigen sind erwählet, auf daß sie heilig werden, so wird dadurch zugleich angezeigt, daß ihre folgende Heiligkeit aus der Gnadenwahl ihren Ursprung habe.

Die Worte Christi sind zu deutlich, als daß sie nebelicht und dunkel gemacht werden könnten: Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, daß ihn der Vater ziehe. Wer es aber höret vom Vater, und lernets, der kommt zu mir. Wenn sie allesammt Christo die Kniee beugten, so wäre die Wahl allgemein, aber die so kleine Anzahl der Gläubigen lehret augenscheinlich das Gegentheil.

Man hat die sehr schwere Frage aufgeworfen: ob Gott recht daran thue, daß er etlichen gewissen Leuten seine Gnade zutheile. Dieß hätte der Apostel mit Einem Wort sagen können, wenn er das Ansehen der Werke hätte vorwenden wollen. Warum thut er es aber nicht, warum vertieft er sich je länger je schwerer in seiner Rede? – Darum, daß er nicht anders thun sollte: Denn der heilige Geist, welcher durch seinen Mund redete, war nicht vergeßlich. Darum antwortet er frei und ohne Umschweif, daß Gott darum seinen Auserwählten gnädig sei, weil er will; daß er darum sich erbarme, weil er will. Denn der Spruch: Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich, sagt uns, daß Gott aus keiner anderen Ursache zur Erbarmung bewogen werde, als weil es also sein gnädiger Wille ist. Darum bleibt der Spruch Augustins wahr, daß Gottes Gnade die Seligwerdenden nicht finde, sondern mache.

Da die Versehung nichts anders ist, als eine Ordnung und Verwaltung der verborgenen, aber unsträflichen Gerechtigkeit Gottes: weil es ja gewiß ist, daß solche Leute der Verwerfung nicht unwürdig waren; so ist es eben sowohl gewiß, daß auch ihr Verderben ganz gerecht sei, worein sie aus Gottes Versehung gekommen sind. Ihr Verderben geht freilich also aus Gottes Versehung hervor, daß die Ursache und Schuld in ihnen selbst haftet.

Es fällt der Mensch zwar aus Ordnung der göttlichen Versehung, aber doch fällt er aus eigener Schuld. Der Herr hatte kurz zuvor gesprochen, daß Alles, was er gemacht habe, sehr gut sei. Woher kommt nun dem Menschen die böse Art, denn daher, daß er von seinem Gott abfiel? Damit nun niemand meine, dieß habe in der Schöpfung seinen Ursprung, so lobt Gott vorher seine Werke. Demnach hat der Mensch durch eigene Bosheit die von Gott gut empfangene Natur verderbt, und durch seinen Abfall all‘ sein Geschlecht mit sich in Unheil gestürzt. Darum thun wir besser, wenn wir in der verderbten Natur des menschlichen Geschlechts die augenscheinliche Ursache der Verdammniß in der Nähe anschauen, als daß wir die verborgene und unbegreifliche in Gottes Versehung erforschen: sollen uns aber zugleich nicht verdriessen lassen, der unendlichen Weisheit Gottes unsern Verstand zu unterwerfen, weil er ja in vielen seiner Geheimnisse erliegt. Denn in den Dingen, die wir nicht wissen können noch sollen, ist Unwissenheit eine Kunst, und kunstreich sein wollen, eine Unsinnigkeit. Denn ob wohl der Mensch aus Gottes ewiger Versehung zu dem Jammer, der ihn trifft, erschaffen ist, so hat er doch das Grundübel desselben von sich selbst und nicht von Gott bekommen, weil er ja darum also verderbt worden ist, daß er von der reinen Natur, die ihm der Schöpfer gab, in diese unreine, böse Unart gefallen ist. –

Man fragt, wie es komme, daß unter zweien, von welchen der eine nichts besser ist, denn der andere, Gott dennoch in seiner Erwählung einen überhüpfe, und den andern annehme. Dagegen frage ich wiederum, ob sie denn meinen, daß in dem Erwählten etwas sei, dadurch Gottes Gemüth zu ihm geneigt werde. Wenn sie sagen, es sei nichts, (wie sie denn bekennen müssen) so wird folgen, daß Gott nicht den Menschen ansehe, sondern von seiner Güte die Ursache nehme, warum er ihm wohlthue. Daß nun Gott einen Menschen erwählt mit Uebergehung des andern, das kommt nicht daher, weil er die Person ansiehet, sondern von seiner bloßen Gnade, der ja freisteht, sich zu erzeigen wo und wann sie will. Denn wir wissen ja, daß von Anfang her nicht viel Edle, oder Weise, oder Gewaltige berufen wurden, damit Gott des Fleisches Hoffarth demüthigte, geschweige daß seine Gunst an die Personen gebunden sein sollte.

Wenn Gott über die Verworfenen verdiente Strafen verhängt, den Berufenen aber unverdiente Gnade schenkt, so ist er in diesem Fall von aller Anklage frei, wie das Gleichniß von einem Schuldherrn lehrt, welcher ja Macht hat, dem einen die Schulden zu erlassen, dem andern hingegen nicht. So kann auch der Herr seine Gnade schenken, wem er will, weil er barmherzig ist; und wiederum nicht allen schenken, weil er ein gerechter Richter ist.

Die Feinde der göttlichen Wahrheit hängen der ewigen Versehung Gottes auch diesen Schandfleck an, daß, so lange sie besteht, alle Sorge und jeder Fleiß, fromm zu sein, hinweg falle. Denn wer sollte, (sprechen sie) wenn er hört, daß ihm durch Gottes ewigen, unwandelbaren Beschluß entweder das Leben oder der Tod schon zuerkannt sei, nicht bald in solche Gedanken fallen: es gelte gleich, wie er sich halte; da ja Gottes Versehung durch sein Thun weder gehindert noch befördert werden könne? Auf solche Weise werden ja die Leute alle zaumlos dahin rennen, und verruchter Weise sich in allen Muthwillen stürzen. – Nur ja, das ist freilich so ganz erlogen nicht. Denn es giebt viele solcher Säue, welche die Lehre von der Wahl mit diesen unfläthigen Lästerungen besudeln, und unter dem Schein derselben alle Vermahnungen und Strafen verlachen. Gott weiß wohl, was er einmal mit uns machen will; will er uns selig haben, so wird er uns zu seiner Zeit selig machen. Will er uns aber verdammen, so sperren wir uns umsonst dawider. Aber die Schrift, die da gebeut, daß wir mit grosser Ehrerbietung und Andacht an dieses Geheimniß denken sollen, unterweiset die Kinder Gottes ganz anders, und wehret den gottlosen Muthwillen gewaltig ab. Denn sie predigt uns nicht darum von der Versehung, daß wir frech werden, und die verborgenen Geheimnisse Gottes freventlicherweise ergrübeln: sondern dazu vielmehr, daß wir demüthig und niedrig vor seinen Gerichten erzittern, und die Barmherzigkeit groß achten lernen. nach diesem Ziele sollen die Gläubigen sich ausstrecken. Aber den unfläthigen Schweinen, welche Gottes Geheimnisse zum Deckmantel ihrer Bosheit in den Koth treten, wird trefflich von St. Paulus begegnet. Sie geben vor, daß sie weidlich forttaumeln wollen in ihren Lastern, weil ihnen ja doch, da sie aus der Zahl der Auserwählten seien, nichts hinderlich sein könne, daß sie nicht endlich das Leben erreichen sollten. Aber St. Paulus erinnert uns, daß wir zu diesem endlichen Ziele erwählet sind, damit wir ein heiliges unsträfliches Leben führen. Wenn nun das Ziel der Erwählung ein heiliger Wandel ist, so soll sie uns vielmehr erwecken, demselben wacker nachzujagen, als daß sie eine Faulheit verursachen sollte. Dann diese beiden Dinge, daß man sich um die Frömmigkeit wenig bekümmern soll, weil die Wahl zur Seligkeit hinreichend ist, und daß der Mensch dazu erwählet sei, daß er sich des Guten befleißige, sind gar weit von einander unterschieden. Darum hinweg mit solchen Gotteslästerungen, die den ganzen Prozeß der göttlichen Wahl muthwillig verkehren. Daß sie aber ihr Lästermaul weiter aufsperren, indem sie sagen, daß derjenige, welcher von Gott verstoßen sei, umsonst arbeite, wenn er ihm auch mit unschuldigen frommen Wandel treulich diene, das ist schändlich erlogen. Denn wo sollte ein solcher Fleiß herkommen, als aus der Erwählung? Denn die, welche zu der Zahl der Verworfenen gehören, sind Zorngefäße zu Unehren zugerichtet, und darum hören sie auch nicht auf, mit unablässigem Lästern Gottes Zorn wider sich zu reizen, und mit augenscheinlichen Merkzeichen kund zu thun, daß Gottes Urtheil wider sie schon gefällt sei: geschweige, daß sie vergebens sich abarbeiten sollten, Gottes Gerichten zu entrinnen.

Andere suchen diese Lehre auf eine giftige und unverschämte Weise dadurch zu verläumden, daß sie vorgeben: es hebe dieselbe alle Vermahnungen zur Gottseligkeit auf. Darum ist Augustinus einst sehr verhaßt gewesen. Er hat sich aber darüber ausgesprochen in dem Buche de Correptione et Gratia ad Valentinum. Ich will daraus Einiges anführen, was alle wahren und friedliebenden Leser, wie ich hoffe, befriedigen wird: Was für ein stattlicher Prediger der Gnadenwahl Paulus gewesen sei, haben wir vernommen. Ist er aber darum kalt im Anhalten und Vermahnen? Möchten doch jene Eiferer sich spiegeln in seinem Ernst, so würden sie finden, daß ihre Andacht eitel Eiszapfen sind gegen seine Inbrunst. Nimmt nicht schon dieser Spruch allen Zweifel hinweg, daß wir nicht berufen sind zur Unreinigkeit, sondern daß ein jeder sein Gefäß in Ehren halte. Ferner daß wir Gottes Werk sind, geschaffen zu guten Werken, welche er bereitet hat, daß wir darin wandeln sollen. Ueberhaupt, wer nur ein wenig mit St. Paulus bekannt ist, der wird ohne weitläufigen Beweis verstehen, wie fein er an’s Licht stellt, was diesen streitig dünkt. Christus befiehlt, daß man an ihn glauben soll; diesem Gebot ist aber dennoch der andere Spruch nicht zuwider, da er sagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm dann von meinem Vater gegeben. Darum soll man allerdings predigen, wodurch die Leute zum Glauben gebracht, und in täglichem Zunehmen beharrlich erhalten werden. Nichts destoweniger soll daneben die Erkenntniß der Versehung Gottes ungehindert bleiben, damit die Gläubigen nicht mit dem Ihrigen prangen, sondern sich in dem Herrn rühmen. Christus spricht nicht vergebens: Wer Ohren hat zu hören, der höre. Demnach wenn wir vermahnend predigen, so gehorchen diejenigen gern, welche Ohren haben; an denen aber, welche keine haben, wird erfüllt, was geschrieben steht: daß sie hörend nicht hören. Warum habens jene, und diese nicht? spricht Augustinus. Wer hat den Sinn des Herrn erkannt? Soll man darum verneinen, was offenbar ist, weil nicht begriffen werden kann, was verborgen ist? – Wenn darum die Apostel (spricht er) und nachfolgenden Kirchenlehrer beides thaten, daß sie nemlich von der ewigen Wahl Gottes recht gelehrt und zugleich die Gläubigen unter der Zucht eines gottseligen Lebens gehalten haben: wie wollen denn diese neuen Lehrer behaupten, man solle dem Volk nicht predigen, was die gründliche Wahrheit ist von der göttlichen Versehung? Ja freilich muß es gepredigt sein, auf daß, wer Ohren hat zu hören, höre. Wer hat sie aber, er habe sie denn empfangen von dem, der sie zu geben verheissen hat? Freilich wer solche Gabe nicht empfangen hat, der verwerfe diese gute Lehre: wer aber solche Gabe hat, der nehme sie an und trinke, und trinke also, daß er lebe. Denn gleich wie man die guten Werke predigen muß, damit Gott recht geehret werde, also muß man auch die Erwählung Gottes predigen, auf daß, wer Ohren hat zu hören, von der Gnade Gottes in Gott und nicht von sich selber rühme. –

Weil wir nicht wissen, wer in die Zahl der Auserwählten gehört, oder nicht, so soll uns zu Muthe sein, als wollten wir alle selig werden. Das wird die Folge haben, daß wir uns befleißigen, einen jeglichen, der uns vorkommt, zum Friedgenossen zu machen. Aber unser Friede wird auf den Kindern des Friedens beruhen. Darum wollen wir, so viel an uns ist, Allen, damit sie sich nicht selbst verderben, oder auch andere verderben helfen, unsere heilsame und scharfe Strafe als eine nöthige Arznei mittheilen. Gott aber wird wol wissen, wie er dieselbe denen zu Nutz kommen lasse, welche er versehen und erwählet hat.

Was für Leuten Gott sein Wort anbiete, sehen wir bei dem Propheten: Ich bin gefunden worden von denen, die mich nicht suchten: Und bin erschienen denen, so nicht nach mir fragten. Zu dem Volk, das meinen Namen nicht anruft, habe ich gesagt: Siehe da bin ich. Und damit die Juden nicht meinten, solche Gnade erstrecke sich allein auf die Heiden, so führt er auch ihnen selbst zu Gemüthe, woher er ihren Vater Abraham genommen habe, als er ihn zu Gnaden annehmen wollte, nämlich mitten aus der Abgötterei, darin er sammt allen den Seinigen ersoffen war. Indem er verdienstlosen Leuten durch das Licht seines Wortes erscheint, beweiset er offenbar seine lautere Gnade. Da zeigt sich nun Gottes unermeßliche Güte, wiewol nicht Allen zur Seligkeit; indem ja die Verworfenen ein desto schwereres Urtheil auf sich laden, weil sie die Urkunde der göttlichen Liebe von sich stoßen, und andrerseits auch Gott ihnen die Kraft seines Geistes entzieht, auf daß er seine Gnade gegen die Andern desto scheinbarer mache. Deßhalb ist der innerliche Beruf das rechte Pfand der Seligkeit, welches nicht betrügen kann. Hieher gehört der Spruch Johannis: Daraus erkennen wir, daß wir seine Kinder sind, nämlich aus dem Geiste, welchen er uns gegeben hat. Und damit das Fleisch sich nicht rühme, als ob es selbst dem Rufenden geantwortet habe, so bezeugt er, daß es weder Ohren zu hören, noch Augen zu sehen gehabt habe, die der Herr selbst geben muß. Und er giebt sie nicht nach eines jeden Dankbarkeit, sondern nach seiner Wohl. Davon finden wir ein schönes Exempel bei Lucas, da die Predigt des Paulus und Barnabas zugleich von Juden und Griechen gehört wird. Obwohl sie mit demselben Worte unterwiesen werden, so stehet doch geschrieben, daß allein geglaubet haben, so viel ihrer zum ewigen Leben verordnet waren.

Durch keine Anfechtungen setzt der Teufel den Gläubigen heftiger zu, als dadurch, daß er sie mit Zweifeln an ihre Erwählung unruhig macht, und zu verkehrtem Vorwitz reizt, dieselbe neben dem Wege zu erforschen. Neben dem Wege erforschen nenne ich das, wann ein elender Mensch in die innere Canzley göttlicher Weisheit dringen, und sich hinauf schwingen will bis in die höchste Ewigkeit, damit er wisse, was in dem Kammergericht Gottes über ihn beschlossen sei. Denn alsdann stürzt er sich in einen so tiefen Abgrund, darin man untergehen muß; er verwirret sich in solche Stricke, daraus man sich nicht herauswinden mag, er wird mit so dickem Nebel überfallen, daß man erblinden muß. Aber mit solchem schrecklichen Unfall muß die Thorheit des menschlichen Gehirns gestraft werden, wenn es aus eigner Kraft auf den hohen Berg der göttlichen Weisheit sich versteigen will. Und diese Anfechtung ist um so schädlicher, weil wir fast allesammt zu keiner mehr geneigt sind. Denn es ist selten einer, dessen Herz nicht etwa von den Gedanken bestürmt würde: „Woher kommt dir deine Seligkeit, denn aus Gottes Erwählung? Wer will dir aber sagen, ob du erwählet seist?“ Nimmt nun dieser Gedanke bei jemand Ueberhand, so hat er grausame Plage davon, so daß er entweder in Verzweiflung geräth oder kleinmüthig wird. Es giebt aber kein schädlicheres Gift für das Herz des Menschen, als wenn dem Gewissen der Friede und die Ruhe zu Gott gebrochen wird. Wollen wir darum nicht Schiffbruch erleiden, so müssen wir uns vor diesem Fels hüten, an welchem man nimmer ohne Schaden anstößt. Und obwohl diese Lehre von der Wahl Gottes als ein gefährliches Meer gilt, so kann man doch zu ihrer Beschauung eine sichere, stille, ja liebliche Fahrt halten, außer wenn jemand sich muthwillig in Gefahr begeben wollte. Denn wie diejenigen sich in einen verderblichen Abgrund stürzen, welche, um ihre Erwählung gewiß zu erkunden, den ewigen Rath Gottes ausserhalb dem Worte ergründen, so empfinden diejenigen, welche der Sache recht und ordentlich nachgehen, nach dem Inhalt des Wortes, einen gar herrlichen und nützlichen Trost.

Wenn wir Gottes väterliche Huld und gnädiges Herz suchen, so müssen wir unsere Augen auf Christum wenden, an welchem allein der Vater ein herzliches Wohlgefallen hat. Wollen wir die Seligkeit, das Leben, und des ewigen Reichs Unsterblichkeit haben, so müssen wir uns ebenfalls nicht anders wohin kehren: sintemal er allein der Brunnen des Lebens, des Heils Anker, und ein Erbe des Himmelreichs ist. Worauf gehet aber die Erwählung, denn darauf, daß wir an Kindesstatt von dem himmlischen Vater angenommen werden und durch seine Huld die Seligkeit und Unsterblichkeit erlangen? Ueberschlag’s und bedenk’s, so lang du immer willst, so wirst du dennoch finden, daß das eigentliche Ziel unserer Erwählung sich weiter nicht erstrecke. Darum heißt es, daß Gott diejenigen, welche Er zu Kindern angenommen hat, nicht erwählet habe in ihnen selbst, sondern in seinem Sohne Christo, weil er sie allein in ihm lieben, und sie nicht eher zur Erbschaft seines Reichs zulassen konnte, als bis er sie zuvor zu seinen Mitgenossen gemacht. Weil wir dann in ihm erwählt sind, so werden wir nicht in uns selbst die Versicherung unserer Erwählung finden, ja auch in dem Vater selbst nicht, so wir uns ihn außerhalb dem Sohn einbilden. Deßhalb ist Christus der Spiegel, darin wir unsere Erwählung erblicken sollen, und sicher dürfen. Denn weil Er die Person ist, dessen Leibe der Vater die Seligwerdenden einzuleiben beschlossen hat, auf daß er die für seine Kinder halte, welche er unter seines Sohnes Gliedmaßen erkennet: so haben wir daran ein augenscheinliches und starkes Zeugniß, daß wir im Buche des Lebens geschrieben stehen, wenn wir mit Christo Gemeinschaft haben. Nun hat er uns aber solche Gemeinschaft mit ihm geschenkt, indem er durch die Predigt des Evangelii bezeugt hat, er sei uns vom Vater gegeben, damit er sammt allen seinen Gütern unser sein solle. Es wird gesagt: daß wir ihn anziehen, in ihm wachsen sollen, auf daß wir leben; sintemal er lebet. Es wird uns oft wiederholt: “Der Vater hat seines eingebornen Sohnes nicht verschont, auf daß ein jeder, der an ihn glaubet, nicht verloren werde. Und wer an ihn glaubt, der sei vom Tod in das Leben gedrungen.“ In dieser Hinsicht nennt er sich das Brod des Lebens, so daß jeder, der davon esse, nimmermehr sterben werde.

Es möchte aber jemand sagen, daß uns die Angst vor der Zukunft viel zu schaffen mache, indem uns doch Mancherlei wegen unserer Schwachheit begegnen könne. Denn wie Paulus lehret, daß die berufen werden, welche vorher erwählt worden sind, so bezeug dagegen Christus, daß viele berufen sind, aber wenige auserwählet. Ja auch Paulus selbst warnt anderswo vor Sicherheit, da er spricht: Wer da stehet, der sehe wohl zu, daß er nicht falle. Ferner: du bist eingepfropft in das Volk Gottes? Sei nicht stolz, sondern fürchte dich. Denn Gott kann dich bald aushauen, und andere wieder einpfropfen. Zudem lehrt uns die Erfahrung selbst genugsam, daß der Beruf und der Glaube wenig helfen, wenn nicht die Beharrung dazu kommt, welche nicht allen widerfährt. Darauf antworte ich, daß uns Christus dieser Angst entledigt hat. Denn seine Verheißungen gehen allerdings auch auf zukünftige Zeiten, wenn er spricht: Alles, was mir der Vater gibt, das kommt zu mir, und wer zu mir kommt, den will ich nicht hinausstoßen. Ferner: Das ist der Wille des Vaters, der mich gesandt hat, daß ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern daß ich’s auferwecke am jüngsten Tage. – Meine Schafe hören meine Stimme, und folgen mir. Ich kenne sie, und gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Der Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer denn alles, und niemand kann sie aus meines Vaters Hand reißen. Weiter spricht er, daß ein jeder Baum, welchen der Vater nicht gepflanzet, ausgerottet werden soll, womit er zugleich anzeigt, daß die, welche in Gott gewurzelt sind, aus der Seligkeit nicht fallen können. Damit stimmt der Spruch Johannis: Wären sie aus uns gewesen, so würden sie freilich bei uns geblieben sein. Daher rührt auch der herrliche Ruhm Pauli wider das Leben und Tod, wider Gegenwärtiges und Zukünftiges, woraus erhellt, daß er dieses Geschenkes Gottes, nämlich, der endlichen Beharrung versichert war. Und gewiß ist, daß er diesen Spruch auf alle Auserwählten bezogen. Ferner sagt derselbe Paulus: Welcher in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Jesu Christi. Auch David fußte, als sein Glaube schwankte, auf diesen Grund: Das Werk Deiner Hände wollest Du nicht verlassen. Es leidet auch keinen Zweifel, daß Christus für alle Auserwählten bittet, wenn er dem Petrus wünscht, daß sein Glaube nimmer aufhöre. Daraus schliessen wir, daß sie keinen Abfall zu besorgen haben: da ja der Sohn Gottes, wenn er für ihre beständige Beharrung bittet, ohne Zweifel erhört worden ist. Was hat uns denn Christus hiemit lehren wollen, als daß wir festiglich glauben sollen, daß wir ewig selig bleiben werden, weil wir einmal sein Eigenthum geworden sind?

Es begiebt sich freilich täglich, daß die, welche für Christen gehalten wurden, wiederum ab und dahin fallen. Ja eben an der Stelle, da er sagt, es sei niemand umgekommen von denen, die ihm vom Vater gegeben wären, wird doch das Kind der Verdammniß ausgenommen. Das ist wahr, aber daneben ist nicht minder gewiß, daß solche Abfallende Christo nimmer mit wahrem Vertrauen ihres Herzens zugethan waren, und gerade in solchem Vertrauen sagen wir, daß unsere Erwählung uns versichert werde. Sie sind von uns ausgegangen, (spricht Johannes) aber sie waren nicht aus uns, denn, so sie aus uns gewesen wären, so würden sie freilich bei uns geblieben sein.

Dieselbe Bewandtniß hat es mit jener Ausnahme, wenn Christus sagt: Daß niemand umgekommen sei, denn das verlorene Kind. Das ist zwar eine ungewöhnliche, aber doch gar nicht unverständliche Redeweise. Denn er ward ja nicht gezählt unter die Schafe Christi als ein solcher, der es in der Wahrheit gewesen wäre. Wenn aber der Herr anderswo sagt, er sei von ihm sammt den andern Aposteln erwählt, so haben wir dieß allein vom Apostelamt zu verstehen: Hab ich nicht euch zwölfe erwählet, und euer einer ist ein Teufel? Redet Christo von der Erwählung zur Seligkeit, da nimmt er ihn ausdrücklich von der Zahl der Auserwählten aus. Ich rede nicht von allen, ich weiß, welche ich erwählet habe.

Ferner führt man den Spruch Pauli an, da er sagt: daß Gott alle Menschen selig haben will. Antwort: Es ist aus dem Text klar, wie er alle selig haben wolle. Denn Paulus setzt beides zusammen, daß er sie selig haben wolle, und daß sie zur Erkenntniß der Wahrheit kommen. Wenn man nun daraus schliessen will, es sei dieß also im ewigen Rathe Gottes beschlossen, daß Alle die Lehre des Heils annehmen, wie stimmt das denn mit Moses: „Wo ist so ein herrlich Volk, zu dem sich Gott so nahe thut, als zu dir?“ Wie kommts, daß Gott so viele Völker des evangelischen Lichts beraubt hat, dessen andere genossen haben? Wie ists zugegangen, daß die Erkenntniß heilsamer Lehre zu etlichen nie gekommen ist, etliche aber kaum einen dunkeln Schimmer empfingen? Daraus ist leicht abzunehmen, worauf Paulus geht. Er hatte dem Timotheus befohlen, daß man in der Kirche ein allgemeines Gebet verrichten solle für Könige und Fürsten. Weil es aber fast ungereimt schien, für ein fast verruchtes Volk zu bitten, das nicht allein von dem Leibe Christi fremd war, sondern auch mit aller Macht wider sein Reich stürmte, so fügt er hinzu, solches sei Gott angenehm, der da alle Menschen selig haben will. Damit will er denn anzeigen, daß er keinem Stande der Menschen den Weg zur Seligkeit versperrt, sondern vielmehr seine Barmherzigkeit dermaßen ausgeschüttet habe, daß er sie keinem versagen will.

Aber warum nennet er sie denn Alle? Theils damit der Gläubigen Gewissen desto sicherer und ruhiger sein möge, indem kein Unterschied der Sünder sei, so fern nur Glaube da ist, theils, damit die Gottlosen nicht zu klagen haben, als hätten sie keine Freistadt, dahin sie vor dem Sündenjoch fliehen möchten, da sie vielmehr die angebotene aus Undankbarkeit verachten. Demnach, obwohl Gottes Barmherzigkeit durch Evangelium beiden angeboten wird, so ist doch der Glaube, das ist, Gottes Erleuchtung, das Mittel, welches zwischen Gottseligen und Gottlosen unterscheidet, also, daß jene die Kraft des Evangeliums empfinden, diese aber keinen Nutzen davon bekommen. Diese Erleuchtung aber richtet sich nach der Wahl Gottes. – (Wer sie empfangen hat, der hat sie umsonst.)

Philippus Melanchthon.
Es sind im Willen und Herzen alle gute Tugenden gegen Gott verloschen, nämlich, Gottes Liebe, Vertrauen auf Gott, rechte ernstliche Furcht Gottes. Denn Gott wird nicht angenommen, wo nicht der heilige Geist Verstand, Willen und Herzen erleuchtet und anzündet; und können die Menschen aus eigenen Kräften diese Tugenden und Werke ohne den heiligen Geist nicht wirken, nämlich: rechten Glauben, Gottes Liebe, Vertrauen auf Gott und rechte Gottesfurcht. Und stehet also das elende menschliche Herz gleichwie ein ödes, wüstes, altes und zerfallenes Häuslein, da Gott nicht mehr inne wohnet, gehen die Winde an allen Orten durch, d.i. allerlei unordentliche Neigungen und Flammen treiben das Herz zu mancherlei Sünden, zu unordentlicher Liebe, Haß, Neid und Stolz u.s.w. Und blasen die Teufel ihre Gifte auch darein.

Dieses ist ganz öffentlich, daß kein Mensch aus natürlichen Kräften den Tod und die angeborne böse Neigung von dieser Natur wegnehmen kann, sondern dieses wirket allein der Sohn Gottes, der spricht: „O Tod, ich will dein Tod sein“, und ist hierin keine Wirkung unserer Kräfte. Weiter ist auch gewißlich wahr, daß kein Mensch Vergebung der Sünden verdienen kann, wie klar geschrieben stehet Tit. 5.: “Nicht aus den Werken der Gerechtigkeit, die wir gethan haben, sondern aus seiner Barmherzigkeit hat Er uns selig gemacht.“

Stelle dir vor Augen Adam und Eva nach dem Falle, da sie Gott vor Gericht stellt, und sie beide in großes Schrecken und Zagen fallen; da sehen sie selbst, daß keine Hülfe noch Rath da war von allen Kreaturen. Sie hatten Gottes Zorn und den ewigen Tod verdienet, und wären also versunken in den ewigen Tod, wo Gott nicht aus großer Barmherzigkeit die Verheißung vom Samen, der der Schlange den Kopf zertreten würde, eröffnet und der Sohn Gottes in ihnen Trost und Leben gewirket hätte.

Da haben Adam und Eva selbst befunden, daß sie nicht durch ihre eigenen Kräfte und freien Willen von Sünde und Tod errettet sind. Aus diesem Exempel lernen wir, wie solche Errettung auch in uns geschieht.

Weiter ist auch dieses wahr, daß wir Gottes Gesetz nicht können noch vermögen genug thun; auch können wir den innerlichen Gehorsam im Herzen nicht ohne göttliche Wirkung, und ohne den heiligen Geist anfangen. Wir können auch den selbigen Gehorsam hernach nicht wirken ohne den heiligen Geist, als nämlich: festen Glauben zu Gott, wahrhaftige, brennende Liebe zu Gott, Vertrauen auf Gott, Geduld in Leiden und Freude an Gott, und andere mehr Tugenden zu Gott im Herzen, können wir nicht von uns selbst anzünden, sondern Gott wird nicht erkannt noch geliebt, wo nicht der Sohn Gottes durch den heiligen Geist unsere Seele und Herz erleuchtet, und dieses Licht, Trost und Feuer zuvor anzündet. Dieses beweisen die nachfolgenden Sprüche:

Röm. 8.: “Es ist unmöglich, daß uns das Gesetz könne gerecht machen.“

1 Kor. 2.: “Der natürliche Mensch begreift nicht den Geist Gottes,“ d.i., alle natürliche Kräfte in uns, Seele und Herz, so sie ohne Gott sind, sind sie voll Zweifels, und ist nicht fester Glaube in ihnen zu Gott; sie achten nicht Gottes Zorn, sind sicher und hart, und so sie gleich die Strafe fühlen, wenn sie nicht durch das Evangelium und heiligen Geist getröstet werden; und ist allein natürlicher Kräfte Wirkung in ihnen, so ists eitel Verzweifelung und ewiger Tod, wie in Saul, Ahitophel, Juda, und sind oft schreckliche dergleichen Exempel zu sehen.

Also wirket der Sohn Gottes für und für durch sein Evangelium und heiligen Geist in seinen Heiligen in seiner Kirche, und will bei ihnen und in ihnen wohnen.. Diese gnädige Gegenwärtigkeit Gottes in uns sollen wir erkennen, und Gott herzlich danken, daß er diese elende schwache Natur so gnädiglich um des Mittlers willen annimmt, und also in uns wohnet, Glauben, Licht und rechten Gehorsam in unserer Seele und Herzen anzündet, unsere Schwachheit heilet, Sünde und Tod wegnimmt, und wirket ewiges Leben und bewahret uns, daß die Teufel uns nicht stürzen und ermorden.

Und sind solche gleichlautende Zeugnisse sehr viel. Denn Gott will, daß wir wissen sollen, daß der Sohn Gottes in seinen Heiligen in seiner Kirche wohnet, und durch den Heiligen Geist in ihnen wirket, und daß solcher Unterschied sei zwischen den Heiligen und allen Gottlosen. Und sind diese Zusagungen von göttlicher Wirkung in uns nicht darum geschrieben, daß wir sollen wüste und wilde werden, wie etliche dichten: so sie zu Gott nicht kommen können, sie werden denn zu ihm durch den heiligen Geist gezogen, so wollen sie warten, bis sie bei den Haaren zu Gott gerissen werden, und mittlere Zeit ihre Lust suchen.

Auf diese Gedanken wäre Viel zu antworten. Aber jetzund sei diese Erinnerung genug: die Sprüche von göttlicher Wirkung sind uns zu großem Trost gesprochen. Du sollst nicht gedenken, daß ein Mensch ein Holz oder Stein sei, sondern so du Gottes Wort hörest, darin Strafe und Trost vorgetragen sind, sollst du dasselbige nicht verachten, und sollst ihm nicht widerstreben; du sollst auch zugleich dein herz zu ernstlichem Gebet erwecken, wie der Herr Christus spricht: „Wie viel mehr will euch der himmlische Vater seinen heiligen Geist geben, so ihr ich darum bittet!“ Er spricht nicht, den Verächtern, die in ihren Sünden wider ihr Gewissen fortfahren, die der Strafe und dem Trost widerstreben. Diese Erinnerung ist hoch von Nöthen, und wohl zu merken.

Etliche schreien: Man mache die Leute faul; item: Man führe sie in Verzweifelung, wenn man also redet von unserm Unvermögen. Aber diese Klage ist Unwahrheit; denn erstlich bleibet dieses für und für wahr: Aeußerliche Zucht können und sollen für und für alle Menschen halten, und wird den Wiedergebornen leichter, denn den Andern; denn die Wiedergebornen haben Hülfe von Christo, und Schutz wider den Teufel. In denen auch, die zu Gott bekehret sind, ist die Wiedergeburt darum angefangen, daß hernach dein Wille und Herz auch wirken. Denn der heilige Geist ist nicht ein faules Wesen, sondern zündet an Licht und Flammen in der Seele und im Herzen, daß nun die Seele und das Herz auch eine bessere Erkenntniß Gottes, und eine angefangene Liebe und Sehnen zu Gott haben, wie St. Paulus spricht: Das Bildniß Gottes in uns soll wiederum verneuet werden in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit u.s.w.

Du sollst aber diesen Spruch recht verstehen. Erstlich sollst du wissen, daß das Wort (Gnade) nicht allein heißet die Hülfe, die der heilige Geist im Menschen wirket, sondern Gnade heißet auch Barmherzigkeit und gnädige Annehmung um Christi willen, ob gleich unsere Werke noch schwach und unrein sind, und ist nicht genug, daß du den Spruch also deutest: wenn der heilige Geist hilft, so kann der Mensch das Gesetz halten; denn obgleich in den Wiedergebornen der Gehorsam angefangen ist, so bleibt dennoch in ihnen in diesem Leben noch viel Schwachheit, Unreinigkeit und Sünde, und können auch die Heiligen das Gesetz in diesem Leben nicht erfüllen. Darum müssen sie noch diesen Trost haben, daß sie dennoch Gott gefällig sind durch die Gnade, das ist, durch die Barmherzigkeit und gnädige Annehmung, die ihnen zugesagt ist um des Mittlers Jesu Christi willen.

Weiter ist noth zu wissen, so man spricht: Durch den Glauben haben wir Vergebung der Sünden, und sind gerecht, daß man dieses nicht also verstehen soll, daß wir Vergebung haben um dieses Werkes willen, welches genennet ist, Glaube; sondern um des Herrn Christi willen, auf welches Gehorsam und Verdienst das Vertrauen gegründet ist. Aber der Glaube ist dieses Mittel, damit wir den Herrn Christum anschauen, und uns sein Verdienst adpliciren und zueignen.

Und zu Verhütung irriger Deutung ist gewöhnlich in unsern Kirchen, daß man spricht: diese Rede: „Durch den Glauben haben wir Vergebung und sind gerecht, d.i. Gott gefällig,“ soll correlative verstanden werden, d.i. um des Herrn Christi willen, nicht, daß das Werk, nämlich, Glauben, das Verdienst sei.

Auch ist die kraft, lebendig machen, Frieden und Trost im Herzen geben, nicht des Glaubens Kraft, sondern des Herrn Christi selbst, der hier mit wirket, spricht den Trost, und gibt seinen heiligen Geist in das Herz. Aber der Herr Christus will also wirken und nicht anders, nämlich durch’s Evangelium und den Glauben.

Wenn menschliche Augen ohne Gottes Wort und ohne Glauben das elende menschliche Leben auf Erden ansehen und merken, daß alle Menschen viele Gebrechen haben, und daß allerlei Unfall über böse und ehrliche Menschen kommt, wird die Vernunft irre, und fragt: ob auch ein Theil Menschen besonders Gott gefällig sei, und ob eine Kirche Gottes sei? u.s.w. Wider diese Anfechtung insgemein sollen wir Trost wissen, und anschauen die Zeugnisse, darin sich Gott von Anfang geoffenbaret hat, nämlich alle Wunderwerke, die Ausführung des Volks aus Aegypten, Auferweckung der Todten und alle andere Mirakel, die zur Stärkung des Glaubens für und für geschehen sind, und sollen unsere Herzen Gottes Wort fest glauben, und wissen, daß gewißlich Gott sich eine ewige Kirche im menschlichen Geschlecht in diesem Leben durch das Evangelium sammelt, und sollen lernen, welche Menschen lebendige Gliedmaßen der wahrhaftigen Kirche sind, und daß nach diesem Leben der Sohn Gottes richten wird u.s.w.; und ist hochnöthig zu wissen, daß Gott um seines Sohnes Jesu Christi willen, aus großer Barmherzigkeit sich eine ewige Kirche sammelt, der für die armen Menschen gebeten hat im Anfang, wie im andern Psalm geschrieben ist, und wie er selbst bittet im 16. Psalm „für die Heiligen, die auf Erden sind.“ Dazu hat er auch alsbald die Verheißungen geoffenbaret und oft erholet, und in aller Welt predigen lassen, und sind allezeit diese Gottes Kinder geworden, die diese Verheißung mit rechtem Glauben angenommen haben; wer aber nicht hat glauben wollen, oder nicht glaubet, der ist verdammt, wie diese Regel ausgedrückt ist Joh. 3. Diese Erinnerung insgemein ist erstlich zu betrachten; darnach frage dein eigenes herz, ob du selbst zu ewiger Seligkeit berufen seist, und welche Ursache sei der Erwählung zu ewiger Seligkeit.

Wiewohl nun mancherlei Disputationen davon geschrieben sind, so ist doch dieses die unwandelbare Wahrheit: wir sollen von Gottes Wesen und Willen dieses gewißlich schließen, das er durch sein Wort, nämlich durch seinen eingebornen Sohn Jesum Christum, durch die Propheten und Apostel geoffenbaret hat, und sollen nicht außer Gottes Wort eigene Gedanken dichten von seinem Wesen und Willen.

Nach diesem Fundament setzen wir nun klar, daß die Sünden Ursache sind der Verwerfung, d.i. wer nicht zum Herrn Christo bekehret wird, ist gewißlich verworfen, wie die Sprüche bezeugen Joh. 2.: “Wer nicht glaubet, der ist jetzt und wird gerichtet.“ Und im zweiten Psalm und im 5. B. Mose 18: “Wer ihn nicht hören will, den will ich ausrotten;“ item: Hoseas 13: “Die Verderbung ist durch dich; allein durch Mich ist dein Heil.“

Dagegen ist wahr, daß allein Gottes Barmherzigkeit um des Herrn Christi willen Ursache ist der Erwählung zu ewiger Seligkeit, darum der Sohn Gottes gesandt ist, und die Gnade geoffenbart ist, sonst würde Niemand selig; denn so den ersten Menschen, Adam und Eva, der Heiland und die Gnade nicht wäre offenbart worden, so wären sie im ewigen Tode und Zorn geblieben. Bei dieser Offenbarung aber ist ernstlich und unwandelbarlich geboten, daß wir die Verheißung mit dem Glauben annehmen sollen, wie im zweiten Psalm klar ausgedrückt ist, und in vielen Sprüchen im Johannes, als nämlich: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingebornen Sohn gab, daß Alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben;“ und Röm. 4: Darum aus Glauben, ohne Verdienst, daß die Verheißung fest bleibe. Und ist kein Zweifel, daß allerhöchstes und ernstliches Gebot ist, daß wir den Sohn Gottes hören und ihm glauben; wie der ewige Vater spricht: „Diesen sollt ihr hören!“ Item Joh. 16: „Der Heilige Geist straft die Welt von wegen der Sünde, nämlich von wegen dieser Sünde, daß sie nicht an mich glauben.“ Daraus sollst du nun wissen diese wahrhaftige Regel, daß gewiß Alle diese zu ewiger Seligkeit erwählet sind, die durch Glauben an den Herrn Christum in der Bekehrung in diesem Leben Trost empfangen, und nicht davon abfallen vor ihrem Sterben; denn also spricht der Text: „Selig sind die Verstorbenen, die im Herrn sterben.“

Bei dieser Regel sollst du bleiben, und dichte nicht andre Gedanken von Gottes Willen außerhalb seines Wortes. Die Erwählung zu ewiger Seligkeit ist nicht von wegen des Gesetzes, sondern um des Herrn Christi willen durch den Glauben, und wie wir zuvor von Vergebung der Sünden und Gerechtigkeit geredet haben, also reden wir auch von der Erwählung, nämlich: daß du Vergebung der Sünden, heiligen Geist und ewige Seligkeit hast um des Herrn Jesu Christi willen, aus Gnaden durch den Glauben, also bist auch du auserwählt zu ewiger Seligkeit um des Herrn Jesu Christi willen, durch den Glauben ohne dein Verdienst, und nicht von wegen des Gesetzes; du sollst aber redlich in diesem Glauben erfunden werden.

Huldreich Zwingli.
In Gottes Eigenschaften ist keine Trennung; und da Gott ein einfaches Wesen ist: so kann nichts von ihm geschehen, ohne daß dieselben alle in gleichem Grade dazu mitwirken. Doch wird der einen Eigenschaft etwas zugeschrieben, was das Werk Aller ist. So wird dem Willen zugeschrieben die Erwählung und Vorherbestimmung zum seligen Leben, obgleich Weisheit und Vorsehung eben so gut mitwirken. Es ist nämlich bei der Bestimmung der Menschen zur Seligkeit der Wille die Hauptkraft, dem die Weisheit, Güte, Gerechtigkeit und übrige Eigenschaften dienen. Daher wird die Erwählung dem Willen und nicht der Weisheit zugeschrieben, denn sonst würde Gottes Gabe und Bestimmung von unserm Handeln abhangen. Nicht der Gerechtigkeit: denn sonst würde wiederum die ewige Seligkeit von der Gerechtigkeit der Werke und nicht von der göttlichen Huld herzuleiten sein.

2. Buch Mose 33,19. spricht Gott zu Moses: „Ich erbarme mich, wessen ich will, und bin gnädig, wem ich will.“ Was heißt dieß anders, als nach der Art Herrscher bestimmen und sich äußern: Ich ertheile Erbarmen nach meinem Gefallen, nicht bewogen durch die Gebete, oder das Elend derer, die mich darum anflehen; sondern aus freiem Gnadengeschenk der Erwählung. Denn auch die Gottlosen flehen zuweilen um Hülfe. Diese Meinung wird noch klarer und verständlicher, wenn wir die worte des Herrn selbst erwägen, die er zu Moses sprach, um ihm Muth zu machen: „Ich will das Herz Pharao’s verhärten, damit ich meine Wunder und Zeichen mehr ein Egypten. Dennoch wird Pharao euch nicht gehorchen.“ Und diese Worte wiederholte er öfters, nicht hyperbolisch, als Drohung, sondern als eigentliche Warnung und Offenbarung des Geheimnisses seiner Selbstbestimmung, zufolge welcher er beschlossen hatte, Pharaos Verwerfung und Verdammung durch dessen Widerspenstigkeit und Treulosigkeit der Welt zu offenbaren, wie er sie schon vor Erschaffung der Welt bei sich beschlossen hatte. Denn er setzt noch hinzu: „Dazu habe ich dich Pharao erhoben und verhärtet, damit ich meine Kraft an dir offenbar mache, und mein Name gepriesen werde auf der ganzen Erde.“ Hieraus kann man klar erkennen, daß Gott an solchen Beispielen der Verwegenheit und Hartnäckigkeit der Welt seine Macht sowohl, als seine Gerechtigkeit zeigt. Denn wenn er die Menschen verhärtet, daß sie widerstreben: so leidet es keinen Zweifel, daß er dieß aus keiner andern Ursache thut, als um sie der Welt als Exempel der Gerechtigkeit aufzustellen. Daraus folgt auch umgekehrt, wenn er Moses zum Führer des Volks macht, und David zum Könige; wenn er sich des am Kreuze sterbenden Schächers, und des ihn nicht nur in der Gefahr im Stich lassenden, sondern selbst noch frech verläugnenden Petrus erbarmt; daß er an ihnen Exempel seiner Güte aufstellt. Darauf deutet auch der heilige Paulus hin, wenn er spricht: Röm. 9,18. „Er erbarmt sich wessen er will, und verstockt wen er will.“ Was will er damit anders sagen, als: die Erwählung und Verwerfung sei ein Werk des freien Willens. Diese ersten Zeugnisse der Schrift bestätigen den zweiten Theil unserer Erklärung von der Erwählung: daß nämlich die Selbstbestimmung der Wahl das Werk des göttlichen Willens sei. – Am gleichen Orte sagt Paulus auch folgendes: „als Rebekka von unserm Vater Isaak schwanger ging, ehe noch die Zwillinge geboren waren, geschweige daß sie etwas Gutes oder Böses gethan hatten (damit nämlich der Vorsatz der göttlichen Erwählung unverletzt bleibe, die nicht aus den Werken, sondern von dem Rufenden kommt), ward ihr gesagt, der Aeltere werde dem Jüngern dienen. Mit diesen Worten sagt Paulus offenbar, daß die Erwählung auf unsern Entschluß oder unsere Beschaffenheit so wenig Rücksicht nehme, daß die Zwillinge der Rebekka, ehe sie geboren, ja ehe sie empfangen waren, selbst ehe noch die Welt geschaffen ward, seien erwählt worden durch Gottes unveränderlichen Rathschluß. Daraus lernen wir, daß die göttliche Selbstbestimmung frei ist, und von keiner Rücksicht oder Mittelursache abhange. Und dieß machte den andern Theil unserer Erklärung aus.“ Die Erwählung schließt alles eigene Verdienst aus. –

Durch jene Worte des Paulus wird nun auch aller Streit über das Verdienst unserer Werke gehoben. Denn er sagt eben so klar, daß die Erwählung nicht komme aus den Werken, sondern von dem Rufenden. Damit fällt das Verdienst unserer Werke hin. Entweder muß nämlich die Erwählung aus freier Gnade hinfallen, oder unser Verdienst. Denn wenn die Seligkeit durch die Werke erworben wird, so wird sie nicht umsonst geschenkt; wird sie hingegen dieß, so ist sie kein Lohn unseres Werks; wie auch Paulus dieß aufs klarste entwickelt, Röm. 11. Da aber nichts destoweniger die Heilige Schrift so oft unsern Werken die Seligkeit als Lohn verheißt: so verfallen die Ungeübten in Zank; daher jener Streit über den freien Willen und das Verdienst, der ehemals entstand und jetzt noch fortdauert, indem der eine Theil die stärkern Gründe für die Versehung und die freie Wahl der Gnade streiten sieht, der andere die Meinung von dem freien Willen und dem Lohne der Werke hegt. Dieser Streit würde sich aber bald legen, wenn sie zur Betrachtung der Gottheit, als zu der sichersten Burg der Religion ihre Zuflucht nähmen. – Daß übrigens die H. Schrift unsern Werken Lohn verheißt, darf uns nicht irre machen, da wir schon gehört haben, daß Gottes Güte sich nach menschlicher Gewohnheit richtet, so daß dem Werkzeug zugeschrieben wird, was doch im Grunde Sache des Urhebers und Künstlers ist. Wenn also den Werken das als Lohn verheissen wird, was die göttliche Güte aus freier Gnade schenkt, so ist der Grund hiervon nicht in der Natur der Sache, sondern in der göttlichen Güte zu suchen, welche sich herabläßt, uns zuzueignen, was doch allein ihre Sache ist. Unserm Verdienste wird also zugeschrieben, was wir allein der göttlichen Huld zu danken haben.

Wie kommt es aber, daß die Befreiung von Sünden und ewige Seligkeit in so vielen Stellen der H. Schrift dem Glauben zugeschrieben wird? Laßt uns sehen, wem der Glaube, dieß freie Geschenk Gottes, gegeben werde. Der Glaube wird denen gegeben, die zum ewigen Leben erwählt und bestimmt sind; jedoch so, daß die Erwählung vorhergeht, und der Glaube derselben als Wahrzeichen (symbolum) nachfolge. Denn so sagt Paulus, Röm. 8.: „Welche er vorher bestimmt oder geordnet hat, die hat er auch berufen; welche er aber berufen hat, die hat er auch gerecht oder frei gesprochen; welche er aber gerecht gesprochen, die hat er auch herrlich gemacht.“ Dieser Ausspruch des Paulus erklärt unsere Meinung vortrefflich. Er will nämlich zeigen, daß die Vorherbestimmung und Wahl Gottes der Grund und die Ursache sei, daß wir mit ewiger Herrlichkeit begabt werden. Sei diese Bestimmung und Erwählung beschlossen, so werde der Mensch von Gott berufen, nicht bloß vermittelst jener allgemeinen Berufung, welche in der äußern Predigt der Apostel besteht, sondern auch noch so, daß der Geist den Erwählten das Ohr öffne, daß sie begierig werden, dem zu gehorchen, was Gott gebeut oder verheißt. Die, welche nun Gott so beruft, die spricht er auch gerecht, d.i. macht sie frei von Sünden. Kann es also eine andere Rechtfertigung geben, als die des Glaubens? Denn darauf zielt die ganze Lehre Christi und der Apostel hin, zu erweisen, es gebe keine andere Lossprechung oder Rechtfertigung, als die des Glaubens. Die aber, welche den Glauben haben, sind auch Erben ewiger Herrlichkeit. Aus welchem allem wir lernen, daß denjenigen, welche erwählt sind, der Glaube gegeben werde. Die nun den Glauben haben, sind gerecht, d.i. frei gesprochen, so daß nichts Verdammliches mehr an ihnen ist. Nicht als ob der Glaube ein Werk sei, dem Vergebung der Sünden gebühre; sondern weil die, welche Glauben an Gott haben, ohne allen Zweifel wissen, daß Gott ihnen durch seinen Sohn versöhnt, und die Handschrift der Sündenschuld zernichtet sei. Denn nur die Sünde ist es, die uns von der Besitznehmung des Erbes ausschließt und abhält. Ist sie weggenommen, so vereinigen wir uns wieder mit Gott, gerade so, wie zwei Gewässer zusammen fliessen, nachdem der Damm oder die Scheidewände weggehoben worden. Welche dieß Licht und diese Kraft des Glaubens haben, die sind gewiß, daß weder Tod noch Leben ihnen diesen Schatz rauben können, den sie sich mit Aufgebung aller Andern erworben haben. Diese also sind so erwählt, daß ihre Erwählung nicht Gott allein nur bekannt ist, sondern auch ihnen, den Erwählten selbst. Ein anderes Zeugniß, aus welchem wir lernen, daß der Glaube allein den Erwählten gegeben werde, ist folgendes: In den Geschichten der Apostel steht geschrieben (Cap. 13.): “Und es glaubten, so viele ihrer verordnet waren zum ewigen Leben.“ Siehe da, die, welche zum ewigen Leben bestimmt und verordnet waren, die glaubten. Es ist also ausgemacht, daß die, welche glauben, wissen, daß sie erwählt sein; denn welche glauben, die sind erwählt.

Wenn also dem Glauben der Gewinn des ewigen Lebens zugeschrieben wird, so wird hier dem Spätern, das nur zum Siegel dient, beigelegt, was eigentlich dem Frühern, als dem Mittel, zukommt. Der Glaube ist das Zeichen der Erwählung, durch die wir wahrhaftig selig werden. Wäre die Erwählung nicht als Blüthe vorangegangen, so würde der Glaube niemals gefolgt sein. Eben so wird auch den Werken ein Verdienst beigemessen, die, wiewohl sie aus dem Glauben herkommen, wie z.B. Abrahams Werke, doch die Seligkeit nicht verdienen. Wenn aber die Schrift sagt: “Thu das, so wirst du leben.“ Und: “Willst du zum ewigen Leben eingehen, so halte die Gebote!“ so müssen wir wissen, daß diese und ähnliche Aussprüche nur die Folge ausdrücken. So wie nämlich dem Glauben Gerechtmachung und Seligkeit beigelegt wird, da doch dieselbe nur aus der Erwählung und göttlicher Güte herkommt, der Glaube aber auf die Erwählung so folgt, daß, wer ihn hat, es weiß – gleichsam durch Siegel und Pfand dessen versichert – daß er erwählt sei; eben so geben die, welche Werke des Glaubens thun – insofern sie aus freier Liebe zu Gott und dem Nächsten, und nicht aus eitler Ruhmsucht handeln – damit sowohl sich selbst als Andern einen Beweis, daß sie Gott ehren, d.h. daß sie den Glauben haben. Denn es ist so gewiß, daß wo Glaube ist, da auch gute Werke folgen, als es gewiß ist, daß der Ofen Wärme verbreitet, wenn Feuer in ihm angezündet ist.

Bei dem von Gott Verworfenen gehen alle seine Anschläge dahin, Reichthümer und Sinneslust sich zu verschaffen; und da er den Namen eines braven Mannes zu erwerben sucht, oder ihn beizubehalten sich Mühe gibt, so verbirgt er alle seine Laster durch Heuchelei, oder sucht sie durch Verfälschung und Ausschmückung für Tugenden auszugeben. – Wer wird nun solche Anschläge für gering achten, da sie die Thaten selbst gerade um so viel an Wichtigkeit übertreffen, als die Ursache wichtiger als das Werk ist? Denn gehen keine Anschläge vorher, so erfolgen auch keine Thaten. Und wenn Jemand ohne Wissen oder Vorsatz etwas thut, so wird es ihm nicht zugerechnet: so viel höher wird der Anschlag gewerthet, als die That selbst. Sollten wir nun zugeben, daß die Handlungen des Gottlosen und des Frommen von der Versehung geleitet werden, aber dieß von seinen Anschlägen und Ueberlegungen läugnen? Wenn wir es aber in Hinsicht auf diese zugeben, müssen wir denn nicht mit gleichem Recht dieß auch auf alles das ausdehnen, was mit demselben in Verbindung steht? – Der von Gott Erwählte richtet sein ganzes Bestreben dahin, daß er die wahre, nicht erheuchelte Tugend sich eigen mache, nicht um seinetwillen, sondern zur Ehre Gottes und zum Nutzen des Nächsten. Denn ihnen widmet er sein Thun, für sie geschieht es, nicht für ihn. Denn ihm ist’s höchstes Vergnügen, Gott verherrlicht, oder das Wohl des Nächsten befördert zu haben. Was er also höret, denkt, unternimmt, das behandelt er geschickt und würdig; er läßt sich nicht schrecken, tritt nicht zurück; sondern was immer sich zuträgt, erkennt er als etwas, das so habe geschehen müssen, und daß dadurch das Ziel erreicht werde, nach welchem er strebt. Wer wollte leugnen, daß die gesammten Anschläge, Gedanken und Unternehmungen eines solches, der die Gottheit in Allem bemerkt und ehrt, von Gott seien? Und dieß in dem Maße, daß er, wenn er aus Schwachheit sündigt, selbst seine Sünde auf die Ehre Gottes bezieht, wie sich dieß an Davids Beispiel zeigt. Durch bloßen Zufall scheint Bathseba ins Bad gegangen zu sein, und David dorthin geblickt zu haben: aber wenn wir den Ausgang dieser Trauergeschichte hören, welch ein Schauer der Verwunderung ergreift uns! David hatte das Weib seines treuesten Streiters geschändet, und da er durch diese That seine Begierde mehr entzündet als gestillet hatte, faßt er den verbrecherischen Anschlag, den unschuldigen, auf keine Rache denkenden Gatten aus dem Wege zu räumen, um sich des Weibes zu versichern. Alles gelingt nach Wunsch, so daß der Prophet die Größe des Verbrechens, die keine noch so reiche und kräftige Rede hinreichend hätte schildern können, in die zwei Worte zusammenfaßte: Du hast geraubt und gemordet! Da ging David in sich selbst, und demüthigte sich so sehr, daß dieser schwere Fall ihm bis an’s Ende zur Verwahrung gegen jede Selbsterhebung diente. David war ein Erwählter Gottes, ein Mann nach seinem Herzen, darum gedieh ihm die schwere Sünde zum Besten. (Hier erinnern wir aber an das Wort: So wir muthwillig sündigen, nachdem etc. Ebr. 10,26.27.- – )

Darum darf aber Niemand sagen: „Wohlan, so will ich thun, was mich gelüstet. Denn ich bin erwählt, so werde ich selig, ich mag leben, wie ich will.“ Wer so spricht, der legt damit das Zeugniß ab, entweder daß er kein Erwählter sei, oder daß er den Glauben und die Erkenntniß Gottes noch nicht habe. Denn wer Gott erkennt, der weiß, daß man das Leben nach Gottes Willen einrichten soll; und wer den Glauben hat, der weiß, daß er erwählt ist. Die Erwählten aber, die dieß wissen, die müssen nothwendig einsehen, daß sie sich vor allem dem zu hüten haben, was das Gesetz verbietet.

Die Erwählung Gottes will weder Böses, noch lehrt sie Böses. Niemand sage also: „Wenn ich erwählt bin, so kann ich sündigen, wie jener Schächer, und werde dennoch selig, wie er.“ Oder umgekehrt: „Wenn ich nicht erwählt bin, mag ich noch so viel Gutes thun, es wird mir doch nichts nützen; ich werde sterben und verdammt werden; denn alles hängt von der Erwählung Gottes ab. Will er mir das ewige Leben geben, so werde ich’s erhalten, wenn ich auch noch so gottlos bin: bin ich nicht erwählt, so sind alle meine guten Werke umsonst. ich mag also Buße thun oder nicht, ich mag gut oder böse sein, es wird immer Eins sein.“ Wer solche gottlose Reden ausstößt, der kommt zuletzt so weit, daß er Gott zum Urheber der Sünde macht, und laut klagt, er habe ihn unrecht verdammt: „Warum,“ heißt es dann bei solchen, „warum verdammt mich Gott, da ich doch nicht anders handeln konnte? Denn alles hängt ja von seiner Versehung und Erwählung ab, und niemand kann seinem Willen widerstehen.“ Ich antworte darauf: Wie Gott voraus sah, daß jener Schächer oder ein Anderer sündigen werde; so sah und bestimmte er auch dessen Strafe zum voraus: Dieß hätte Gott aber nicht gethan, wenn er das Böse gewollt hätte. Da also Gott die Strafe für die Lasterhaften zum voraus bestimmt hat, so ist dieß ein Beweis, daß Gott keine Freude noch Wohlgefallen an der Sünde habe, daß sie ihm vielmehr mißfalle. Auch hört die Vorsehung ja nicht auf, thätig zu sein, wenn der Gottlose die böse That nun vollbringt, sondern sie fährt weiter fort, und bestimmt dem Sünder zum voraus die Strafe. Darum gab Gott jenes Gesetz: Thut das Böse aus eurer Mitte hinweg! und darum sind auch im göttlichen Gesetze beinahe für jede einzelne Vergebung besondere Strafen verordnet; denn Gott will, daß die Lasterhaften den Uebrigen zum Exempel dienen.

Daß aber die H. Schrift noch unsern Werken Lohn verheißt, darf uns nicht irre machen, da wir bereits gehört haben, daß die göttliche Güte dort sich nach menschlicher Gewohnheit richtet, und so dem Werkzeuge zuschreibt, was eigentlich des Urhebers und Künstlers ist. So wird die Sündenvergebung den Aposteln, welche sie nur verkündigten, zugeschrieben, da doch Gott allein es ist, der nicht nur die Sünden vergibt, sondern auch durch seinen Geist das Gewissen der erlangten Vergebung versichert. Da also die Schrift den Aposteln die Verzeihung der Sünden und die Gabe, Wunder zu thun, beilegt, was doch einzig Wirkung der göttlichen Kraft sein kann, so ist es nicht zu verwundern, wenn sie den guten Werken gleichsam einen Lohn verheißt, was doch nur Gottes Majestät und Glanz ist, weil er selbst nicht allein zur Thätigkeit antreibt, sondern auch das leben nicht nur gibt, sondern erhält. Damit das menschliche Gemüth sich desto stärker erweckt fühle, ihn zu lieben, macht er uns so zu Theilhabern und Erben seiner Güter, daß er uns nicht nur bereichert, sondern sogar noch ehrt, indem er das unsern guten Werken zusichert, was er uns aus freier Güte schenkt. man kann also, der Sache nach, nicht von einem freien Rathschlage oder vom Verdienst reden, obschon sich die Namen hievon unläugbar in der H. Schrift finden, aber wahrhaftig nur als Namen von Dingen, die Gott allein zugehören, ja als freundliche und vertrauliche Anbequemungen (accommodationes) und gleichsam Leibgeschenke, und hauptsächlich darum ertheilt, weil Alles ihm gehört, Alles auf ihn zurückgeht (denn nichts kann ihm abhanden gehen), und weil die Gläubigen aus dieser Mittheilung von seiner Seite, mehr die Güte Gottes, als ihre eigene erkennen lernen.

Thomas a Kempis.
Sobald du dich selbst in irgend einem Dinge suchest, so findest du dich auch, das ist, lauter Dürre, und Ohnmacht zum Guten. So mußt du denn alle Dinge zu Mir, als dem Urquell zurückführen, denn ich bin ja – der eine Geber aller Dinge. Lerne alle Dinge so ansehen, als so viele Bächlein, die aus dem höchsten Gut ausfließen, und leite eben darum alle Dinge zu mir, als ihrem Ursprunge, wieder zurück.

Groß und Klein, Arm und Reich – alle schöpfen aus mir, spricht der Herr, als ihrer lebendigen Brunnquelle, lebendiges Wasser. Und, die mir aus freier Liebe dienen, die nehmen Gnade um Gnade von mir. Wer aber anderswo als in mir Ehre sucht, oder in einem andern Gut als mir, in einem Gut, das ihm besonders angehören soll, Freude finden will, der suchet umsonst; nirgend wird er dauerhafte Freude finden; überall wird es seinem Herzen zu enge sein, und auf allen seinen Wegen wird ihm Hinderniß und Herzeleid begegnen. Du mußt also das Gute, das etwa in dir sein mag, nicht dir, und die Tugend, die du in irgend einem Menschen findest, nicht dem Menschen, du mußt alles Gute Gott (als der Quelle alles Guten) zuschreiben; denn ohne Gott hat der Mensch nichts Gutes. „Ich habe alles gegeben, was gut ist; und ich will alles wieder haben – und ich fordere den Dank, der mir alles wiedergibt, von allen, die Gutes empfangen haben, und treibe diesen Dank mit großer Strenge ein.“ Hast du einmal die rechte Weisheit gefunden, dann findest du keine Freude mehr, als in mir allein, dann ruht alle deine Hoffnung auf mir allein. Denn Niemand ist gut als Gott allein, und wer der Alleingute ist, der soll auch über alles gelobet und in allem verherrlicht werden.

Ein Gebet des Demüthigen, aus tiefem Gefühle des eigenen Unwerthes:

Mein Herr, was ist der Mensch, daß Du sein gedenkst, oder ein Menschensohn, daß Du ihn heimsuchest? Wie hätte der Mensch je verdienen können, daß Du ihm Deine Huld angedeihen ließest? Wie könnt‘ ich klagen, wenn Du mir Deine Huld entzögest? Was dürfte ich mit Grunde dagegen einwenden, wenn Du meine Bitten nicht erhörtest? Wahrhaftig, dies Eine kann und darf ich mit aller Wahrheit denken und sagen: Aus mir allein und ohne Dich, bin ich nichts, und vermag ich nichts und habe nichts Gutes an mir; aus mir allein, und ohne Dich bin ich brechlich und ohnmächtig zum Guten, und strebe immer nach dem, was nichts ist: und, wenn Deine Macht mich nicht unterstützet, Dein Licht mich nicht im Innern erleuchtet, so werde ich noch ganz lau und zuchtlos. Dank Dir für alles Gute, das ich zu Stande bringe, denn alles Gute kommet von Dir! Ich bin aus mir und vor Dir – eitel Nichts, ein Mensch unstät und schwach. Was habe ich nun für Grund und Recht, von mir selbst groß zu sprechen, oder andere von mir große sprechen zu lassen? Vielleicht – weil ich aus mir, Nichts bin? Ein Ruhm – auf Nichts gebaut – wäre doch unter allem, was eitel ist, das Eitelste. O, die eitele Ehre, sie ist wahrhaftig, die erste Eitelkeit, und eine Seelenpest, die alles Gute tödtet; denn sie entblößt uns von der Gnade des Himmels, und raubt uns das Kleinod der wahren, innern Herrlichkeit. Denn, sobald der Mensch an sich selbst sein Wohlgefallen findet, hast Du Mißfallen an ihm. Und, wenn er dem Lobe der Menschen nacheilet, so verliert er darüber den wahren Werth, den ihm nur die wahre Tugend verschaffen kann.

Es giebt aber doch auch einen wahren Ruhm, und eine heilige Freude: Und der wahre Ruhm besteht darin, daß der Mensch nicht sich, sondern Dich, seinen Herrn allein, verherrliche; die wahre Freude besteht darin, daß der Mensch nicht an seinem Namen, oder an seiner Tugend, oder an irgend einem Geschöpfe, sondern an Dir, und nur um Deinetwegen, an dem Guten, das von Dir kommt, Freude habe. Dein Name werde gelobet, nicht der meine! Dein Werk werde verherrlicht, nicht das meine! Dein heiliger Name werde in aller Welt ausgerufen in Lobgesängen der Liebe, und alles Lob, das die Menschen etwa bringen, bleibe nicht bei mir stehen, sondern gehe auf Dich zurück! Denn Du bist mein Ruhm, du die Jubelfreude meines Herzens. Deiner will ich mich immer rühmen, Deiner will ich mich reuen den ganzen Tag. Und, wenn ich mich meiner rühme, so will ich mich meiner Schwachheit rühmen, an der sich Deine allvermögende Gnade so herrlich offenbaret, indem sie den Schwachen stärket, und dem Gestärkten ein Loblied auf Deine Erbarmungen in den Mund legt.

Mein Herr, ich bin Deines Trostes, Deiner göttlichen Heimsuchung nicht werth! Und wenn Du mich noch so lang in meinem Elend ohne Trost schmachten ließest, so müßt ich doch bekennen, daß Du nach Gerechtigkeit handeltest. Denn, könnte ich auch Thränen der Reue vergießen, so viel als Wassertropfen im Weltmeer sein mögen: so wäre ich doch noch Deiner Tröstung unwerth. Geißel und Strafe – das ist es eigentlich, was ich verdienet habe, weil ich Deine Liebe, so oft und undankbar, beleidigt, viele und große Fehltritte gethan habe. Also, wenn ich die Vernunft, nicht die Einbildung, in mir entscheiden lasse, so darf ich mich auch des geringsten Trostes nicht würdig achten. Aber Du mein Gott, reich an Güte und Erbarmung, Du willst ja nicht, daß die Werke Deiner Hände zu Grunde gehen sollen; Du willst vielmehr den ganzen Reichthum Deiner Güte an uns Sündern, als an so vielen Gefäßen Deiner Barmherzigkeit, offenbar machen; und deßwegen sendest Du Deinem Knechte, ohne all sein Verdienst und über alle Begriffe des menschlichen Verstandes, Trost und Erweckung in sein Herz.

Was habe ich für alle meine Sünden anders verdienst, als die Hölle, das ewige Feuer? Wahrhaftig, ich bekenne, daß ich Schmach und Hohn verdient habe, und, daß ich der Stelle unter Deinen andächtigen Freunden unwerth bin. Und, ob sich gleich meine Natur dagegen sträubt, und es nicht hören mag, so muß ich doch wider mich, und für die Wahrheit reden, muß meine Sünden bekennen, muß mich selbst anklagen, damit ich tüchtiger werde, Gnade und Erbarmung bei Dir zu finden.

Diese Gnade, die so große Dinge thut, und die Natur selbst sich unterwirft, kann nicht das Werk der Natur sein, sie ist ein Licht, höher als alles Licht der Natur, ist eine besondere Gabe Gottes, ist das eigenste Siegel der Auserwählten, ist das rechte Unterpfand des ewigen Heils, hebt den Menschen über ihn und über alles Irdische, daß er das Himmlische lieben kann, und schafft aus dem sinnlichen Menschen einen geistlichen. Eben deßwegen wird sie, diese Gnade, dem Menschen desto reichlicher mitgetheilt, je mehr er die sinnliche Natur beherrschet und besieget. Täglich erhält alsdann der innere Mensch neue Zuflüsse dieser Gnade, wodurch das Ebenbild Gottes eine herrliche Gestalt gewinnt, und nach dem heiligen Urbilde erneuert wird.

O, wie höchst nothwendig habe ich Deine Gnade, um das Gute anzufangen, fortzusetzen und zu vollenden! Gutes kann ich ohne diese Gnade nichts thun: aber wenn mich diese Gnade stärkt, dann vermag ich durch dich – Alles. O, du wahrhaft himmlische Gnade! ohne doch hat keine Naturgabe, keine Schönheit, keine Leibesstärke, keine Kunst, keine Wissenschaft, keine Beredsamkeit, kein eigenes Verdienst – ein Gewicht, einen Werth vor dem Herrn, denn die Gaben der Natur haben gute und böse Menschen miteinander gemein; aber die Gnade, das ist, die heilige Liebe, die den Menschen des ewigen Lebens würdig macht, ist das rechte Unterscheidungszeichen der Auserwählten. So unübertrefflich ist diese Gnade, daß ohne sie selbst die Gabe der Weissagung und die Gabe, Wunder zu wirken, und das tiefste Forschen – so viel als nichts gelten. Noch mehr: ohne diese Gnade, ohne diese Liebe ist weder Glaube, noch Hoffnung, noch eine andere Tugend gottgefällig. Sie ist die Lehrerin der Wahrheit, sie ist die Mutter der Zucht, sie ist das Licht des Herzens; sie schaffet Raum im Gedränge, verjaget die Traurigkeit, verscheuchet die Furcht, nähret die Andacht und feuchtet das Auge mit Thränen. Was bin ich ohne sie anders, als ein dürres Holz, ein abgestandener Stock, der zu nichts taugt, als hinausgeworfen zu werden“ Also Deine Gnade komme mir allezeit bevor, Deine Gnade begleite mich überall, Deine Gnade folge mir überall nach, und lasse mich nie müde werden, Gutes zu thun, durch Jesum Christum, unsern Herrn. Amen. –

Die Lehre von der Gnade von Peter du Bose.
Das Verhalten Gottes gegen das alte Volk Israel ist in der That bewunderungswürdig in jeder Hinsicht, und wenn man es mit Aufmerksamkeit betrachtet, so sieht man daraus eine göttliche und unvergleichliche Weisheit hervorleuchten. Dieß tritt dann ganz vorzüglich hervor, wenn wir festhalten, daß die Befreiungen und alle günstigen Umstände dieses Volkes keineswegs ihm selbst und seinen Anstrengungen, sondern Gott und seiner Güte zuzuschreiben sind. Denn wenn der Tyrann, der dieses Volk in Egypten unterdrückte, gezwungen ward, es in Freiheit zu setzen, so geschah dies nicht, weil Israel die Waffen ergriff, um sich von seinem Joche loszumachen, nicht, weil man Truppen aushob, Schlachten lieferte, Belagerungen unternahm und Pharao und seine Stadt blokirte oder ihn in seinem Pallaste dazu zwang; sondern Gott war es allein, der für die Befreiung des Volkes kämpfte; Er war es, der seine Engel mit dem Racheschwert bewaffnete, und durch ihre unsichtbare Hand die Erstgebornen dieses großen Königreichs erwürgte, um den König zu zwingen, sein Volk ziehen zu lassen. – Wenn man ferner das Volk durch das rothe Meer ziehen sieht, so geschieht dieß nicht dadurch, daß es eine Flotte gerüstet, Schiffe erbaut, erfahrene Steuerleute und Matrosen sammlet, Steuer oder Ruder in Bewegung setzt. Nein, durch eine bewunderungswürdige Gunst zertheilt Gott vor ihm das Meer und bereitet ihm einen trocknen Weg mitten durch die Wasser hindurch. – Wenn es in der Wüste seinen nöthigen Unterhalt findet, so geschieht dieß wiederum nicht dadurch, daß es die Erde bebaut, Getreide säet, Bäume pflanzet, Korn erndtet oder Früchte einsammelt, welche ihm zur Nahrung dienen: Gott ist es, der ihnen Brodt gibt, er sendet es alle Morgen an dem Thore des Heiligthums herab durch einen wunderbaren Regen, der vom Himmel fällt. – Wenn es von den giftigen Bissen feuriger Schlangen geheilt wird, so geschieht dieß nicht durch Anwendung von Heilmitteln, durch Arzneien, nicht dadurch, daß es sich der Heilkraft der Kräuter oder der Kraft der Mineralien und Gegengifte bedient: Gott selbst ist es, der ihm Medicin darreicht; Er befreit es auf eine wunderbare Weise durch das Anschauen einer ehernen Schlange, die er vor seinen Augen aufrichten lässet. Wenn es glücklich den Jordan durchschreitet, so geschieht dieß nicht dadurch, daß es Brücken baut über diesen Strom, daß es die Furten aufsucht; nicht durch Schwimmen, nicht vermittelst der Arme oder Ruder sucht es das entgegengesetzte Ufer zu erreichen, sondern Gott ist gegenwärtig in seiner Bundeslade, diesem Sinnbilde seiner Majestät; Er hält den Strom mitten in seinem Bette auf, Er drängt ihn zu seiner Quelle zurück, und macht durch dieses Mittel den Durchgang frei. Wenn sich endlich dieses Volk der Stadt Jericho bemächtiget, die sich seiner Niederlassung und Eroberung widersetzte, so geschieht dieß nicht durch gewaltige Bestürmungen, durch Aufwerfen von Laufgräben, nicht durch Handhabung von Mauernbrechern und anderen Eroberungswerkzeugen, auch nicht dadurch, daß es die Streitkräfte aller Stämme gegen dieselbe ins Feld stellt. Der Gott der Schlachten stürzt durch seinen mächtigen Arm die Mauern dieser übermüthigen Stadt danieder und dadurch macht er seine Kinder zu Siegern; nicht durch das Schwert der Krieger, nicht durch die Tapferkeit der Hauptleute, sondern bloß durch den Odem seiner Opferpriester.

Was hat nun dieses merkwürdige und wunderbare Verhalten Gottes zu bedeuten? – Was anders, als daß Israel sein Glück keineswegs sich selbst, seinen Kräften, seinen Anstrengungen zuzuschreiben hat. Nicht seinen Waffen verdankte es seine Befreiungen; nicht seiner Industrie, seinen Arbeiten hat es seine Erhaltung und Ernährung zuzuschreiben, auch nicht seinen Kämpfen darf es die Ehre seiner Siege und Triumphe beimessen. Der ganze Ruhm davon gebühret allein der Gnade des Herrn. Dieser große Befreier, der es durch so viele und erhabene Wirkungen seiner unendlichen Macht errettete, verdient allein alles Lob. Und da die Befreiung Israels eine vorbildliche Darstellung war von dem Heile der Kirche, so wollte uns Gott eben dadurch zu einem noch weit höheren und herrlicheren Geheimnisse erheben: nämlich zu der Wahrheit, daß das Heil der Menschen nicht von ihnen selbst kommt, daß sie es nicht durch ihre Kräfte erlangen, daß es nicht von ihren Werken abhängt und daß es keineswegs erlangt wird durch das Verdienst ihrer Arbeiten und Tugenden; sondern daß es ganz allein von der Gnade des Herrn abhängig ist, der es uns durch eine reine Wirkung seiner barmherzigen Güte zu Theil werden lässet.

Diese wichtige Wahrheit ist es, welche unter andern der Apostel der Heiden im Briefe an die Epheser im 2. Cap. im 8. V. uns lehrt, wo er diesen Fundamentalsatz aufstellt: daß wir aus Gnaden selig werden, um uns zu lehren, daß wir keineswegs gerettet werden durch unsere Werke, wie er sich denn selbst darüber ganz unumwunden in dem folgenden ausdrückt. Denn nachdem er diesen herrlichen Ausspruch gethan, daß wir aus Gnaden selig werden, so setzt er, um sich noch deutlicher darüber zu erklären, hinzu: durch den Glauben, und dasselbige nicht aus uns, sondern Gottes Gabe ist es, nicht aus den Werken, auf daß sich nicht jemand rühme.

Es thut Noth, diese heilsame Lehre oft darzustellen: denn es ist gewiß, daß der Mensch von Natur eben so elend als stolz ist. In seinem Unglück ist er fortwährend übermüthig und hoffährtig, er vertraut seinen eigenen Kräften auf eine unverschämte Weise; nur mit Widerstreben leitet er sein Glück anderwärts her; er thut Alles was er kann, um es sich selber zuzuschreiben. Und nicht bloß die blinden Philosophen des Heidenthums haben sich als die Urheber ihrer Tugend und ihres Glückes betrachtet, sondern selbst in der christlichen Kirche, wo die Stimme der Gnade die Menschen besser unterwiesen haben sollte, haben sich zu allen Zeiten manche betrachtet als die selbstständigen Begründer ihres Heils. Ein Irrthum aber in diesem Punkte ziehet die schlimmsten und traurigsten Folgen nach sich: denn er raubt Gott die Ehre, welche ihm allein gebühret; und dieser Raub ist ohne Widerspruch der schreiendste und schrecklichste von allen. Denn wenn es eine entsetzliche Gottlosigkeit und Heiligthumsschänderei ist: die Tempel zu berauben, die Altäre zu plündern, die heiligen Gefäße zu stehlen, was wird es dann sein, wenn man sich untersteht, dem Herrn selbst die Ehre unserer Errettung zu rauben, um uns auf eine ungerechte Weise zu seinem Nachtheile zu bereichern. Liebt ihr also die Ehre des Ewigen, seid ihr darob eifersüchtig, wollet ihr Gott geben, was Gottes ist, wollet ihr ihn nicht durch Eigendünkel und durch eine ihn entehrende Unerkenntlichkeit beleidigen, so gilt es, daß ihr festhaltet diese apostolische Unterweisung, daß wir aus Gnaden selig werden. Ich weiß wohl, daß man diesen heiligen Lehrspruch nicht vertheidigen kann, ohne die Gedanken Mehrerer zu bestreiten, welche der Gnade nicht zuschreiben, was sie sollten. Allein ich trete dessenungeachtet jetzt hier keinesweges auf mit einem Geiste des Streites und der Controversen. Nur die Wahrheit ist mein Ziel, und ich will sie vorstellen einfältig ohne die geringste Absicht, zu betrüben oder zu widersprechen. Mein Vorhaben gehet lediglich dahin, mich anzuschließen an den heil. Paulus, und wenn ich in dem Folgenden von der Ansicht des Einen oder Andern abweichen sollte, so mögen sie sich an diesen Apostel wenden und nicht an mich, der ich weiter nichts thun will, als seine Schritte beobachten und seinen Fußstapfen nachfolgen. Endlich, indem ich mich erinnere, daß ich von der Gnade handle, werde ich es thun als ein solcher, der da selbst an dem Busen dieser Gnade ruhet. Ferne sei es, Bitterkeit in eine Materie zu tragen, die da ganz voller Süßigkeit ist und von Milch und Honig überfließt; nur in solchen Ausdrücken werde ich davon reden, welche mit der Holdseligkeit dieser Gnade sich reimen; ich werde ihre Rechte behaupten, ohne ihre Gegner zu kränken, wie ich denn auch in der That weit entfernt bin, sie zu hassen oder ihnen unartig begegnen zu wollen. Vielmehr bitten wir Gott mit Inbrunst, daß es ihm gefallen wolle, sie zu überhäufen mit allen Segnungen dieser Gnade, die wir verkünden, und daß er sie einst retten wolle in sein himmlisches Reich durch eben diese Gnade, welche Paulus predigt und wir nach ihm. Lasset uns denn hier sehen mit all‘ der Liebe, welche dem Herzen eines Christen und dem Geiste der Lehre, welche wir darstellen wollen, geziemt; lasset uns sehen: zuerst, was das für eine Gnade ist, welche der Apostel hier im Sinne hat, und darnach, wie wahr es ist, daß wir nur durch diese Gnade selig werden.

Indem Augustinus einstens von dem Frieden redete (De civit. Die Lib. 19. Cap. XI.), fand er dieses Gut so groß und herrlich, daß selbst der Name desselben einen köstlichen Klang habe, und daß man in der Welt nichts Angenehmeres hören könne. Gewißlich kann man von der Gnade wohl dasselbe sagen; sie ist so lieblich und so hinreißend, daß auch ihr Name, ich weiß nicht, was für eine wundersame Lieblichkeit hat; man kann ihn nur mit Wonne anhören, und ich bin versichert, wenn ihr das Wort Gnade vernehmet, so stellt ihr euch sogleich eine bewunderungswürdige Süßigkeit, eine unvergleichliche Güte, eine unendliche Barmherzigkeit, eine unermeßliche Liebe, und eine unerschöpfliche Freigebigkeit vor; und in Wahrheit, die Gnade schließet Alles dasjenige in sich, was in der Güte das Süßeste, in der Barmherzigkeit das Zarteste, in der Liebe das Nachsichtsvollste und das Mittheilsamste in der Freigebigkeit ist. Um nun ganz genau zu bezeichnen, was die Gnade ist, so bedeutet dieser Ausdruck eigentlich so viel, als Gewogenheit oder Huld, und darum sagt die H. Schrift so häufig: Gnade vor jemand finden, was so viel ist, als seine Gewogenheit gewinnen und erhalten. Wir müssen uns aber wohl erinnern, daß die Gnade eine umsonst erlangte, (eine freie) nicht verdiente Gewogenheit bezeichnet, eine Huld, die nicht auf die Vortrefflichkeit und Würdigkeit der Person sich gründet, welche sie empfängt, sondern lediglich in der Wohlgewogenheit dessen, der sie mittheilt. Darin unterscheidet sich die Gnade von der Liebe: denn die Liebe kann verdient sein, und man ist dazu oft so nothwendig verpflichtet, daß man sie ohne Ungerechtigkeit und Frevel nicht verweigern kann. So lieben die Kinder ihre Väter, die Diener ihre Herren, die Unterthanen ihren König und die Menschen lieben Gott, weil es ihre Verpflichtung und Schuldigkeit ist. Aber die Gnade ist immerdar frei und handelt ohne Verpflichtung. Darum ist also die Zuneigung der Unterthanen zu ihrem Fürsten, der Creaturen zu ihrem Schöpfer im eigentlichen Sinne des Wortes wohl Liebe, aber keineswegs Gnade, weil sie auf eine strenge und unumgängliche Weise dazu verbunden sind. Auf der andern Seite ist aber die Zuneigung eines Monarchen gegen seine Unterthanen und die Zuneigung Gottes gegen den Menschen nicht sowohl Liebe als Gnade, weil die Könige nicht behindert sind, diejenigen, welche sie zu ihren Günstlingen auserwählen, mit besonderen Gunstbezeugungen zu ehren und zumal Gott, der unumschränkte König aller Könige, auf keine Weise seiner Creatur irgendwie verpflichtet sein kann.

Hierauf müssen wir nun bemerken, daß es zwei Arten von Gnade giebt. Die eine nennen wir ganz einfach die unverdiente; die andre ist zugleich eine erbarmende. Die erstere erweiset Gott der unschuldigen Creatur; die andre entfaltet er der elenden sündigen Creatur. Denn auch das Gute, welches Gott selbst den reinsten, gerechtesten und vollkommensten Creaturen erweiset, ist immer Gnade, weil Er ihnen nichts schuldig ist, sie aber Ihm Alles verdanken. Daß er den Engeln im Himmel ihre Wohnung anweiset, daß er sie hinzulässet zu dem Beschauen seines Antlitzes, daß er sie erhalten hat in ihrer ursprünglichen Unschuld, daß er sie ehret mit seiner Vertraulichkeit, mit der Offenbarung seiner Geheimnisse, das ist Gnade, weil ihn ja nichts dazu verpflichtete, diese Geister auf solchen hohen Gipfelpunkt der Herrlichkeit und Ehre zu erheben, wodurch sie die ersten und edelsten Wesen der Welt werden. – Daß er den Adam in das Paradies setzte, daß er ihm die Herrschaft und das Reich über die Werke seiner Hände gab, daß er ihn zu seinem Stellvertreter machte und ihn den sichtbaren Gott der Erde sein ließ, das war Gnade, weil er ihm ja auch diese großen Huldbezeugungen nicht hätte mittheilen, ja weil er sich, da er ihn aus dem Nichts hervorzog, damit hätte begnügen können, ihn in den Rang der Ochsen und Elephanten, ja der Raupen und Schnecken zu setzen. Und wenn Adam immerdar in seiner ursprünglichen Gerechtigkeit beharret wäre, so würde doch Alles, was er an Glück und Vorzügen besessen hätte, nur Gnade gewesen sein, weil er ja Alles dieß nur von der Hand Gottes als eine Gabe, als ein Geschenk seiner Freigebigkeit empfangen konnte. Aber freilich wäre dieß nicht Barmherzigkeit gewesen, weil er Gott nicht beleidiget hätte und er also der Güte, welche den Verbrechern verzeiht, nicht bedürftig gewesen wäre. Darum hat man zwischen der schaffenden und rettenden Gnade unterschieden. Die schaffende Gnade verlieh den Engeln ihr Wesen nebst den unvergleichlichen Vorrechten ihrer himmlischen Natur; eben diese Gnade gab dem Menschen das Leben nebst den wunderbaren Vorzügen, womit sie sie im Anfange adelte. Die rettende Gnade ist diejenige, durch welche er uns aus unserem Falle emporgehoben, durch welche er uns seinen Sohn gegeben hat, seinen Geist verleiht, uns die Sünden vergiebt und uns endlich einführet in sein Paradies. Das ist die Barmherzigkeit übende oder erbarmende Gnade, welche die Theologen bald die befreiende nennen, weil sie uns von der Sclaverei des Teufels, der Sünde und des Todes erlöst, bald die heilende, weil sie uns von unseren Uebeln heilt. Die heilige Schrift bezeichnet diese rettende Gnade mit einem Ausdruck, der eigentlich so viel bedeutet als Eingeweide, indem sie Gott eine Gesinnung zuschreibt, die derjenigen Regung ähnlich ist, welche wir in unseren Eingeweiden bei dem Anblick der Unglücklichen empfinden, und deren Wirkungen besonders heftig die Mütter in ihren Eingeweiden erfahren, wenn sie ein Unheil über ihre Kinder hereinbrechen sehen. Von dieser Gnade will nun der Apostel in der angeführten Stelle reden: Aus Gnaden seid ihr selig worden, durch eine freiwillige, unverdiente, barmherzige Huld. – Gnade ist das Asyl der Sünder, der Zufluchtsort der Elenden, der wahre Schatz des Ablasses, die Quelle aller Güter, aller Gaben, aller Vorzüge, die wir in dieser Welt besitzen; daher kommt es denn auch, daß alle Gaben Gottes in uns nach dem Namen der Gnade genannt werden. Die Gnade kann man sich vorstellen als eine himmlische Tugend, deren freigebige Hände immerdar in Segnungen geöffnet sind, deren geheiligter Mund nur von Vergebung und Befreiung redet, deren Eingeweide immerdar von Mitleid brausen, deren sanfte und gütige Augen nur von Blicken des Mitgefühls und der Zärtlichkeit leuchten; – fürwahr eine angenehme und willkommene Tugend, sie thront auf einem Gnadenstuhle, dem wir uns nahen können mit Freudigkeit, auf daß wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden auf die Zeit, wenn uns Hülfe noth sein wird; – eine hülfreiche Tugend, die sich nur damit beschäftigt, Kranke zu heilen, Betrübte zu trösten, Gefangene zu befreien, Blinde zu erleuchten, Verirrte zurechtzuführen, Elende aufzurichten und solche Seelen zu retten, die da verloren sind im Abgrund der Sünde; – eine reine uneigennützige Tugend, die nur in sich selber die Beweggründe zum Wohlthun findet. Mit einem Wort, um die Gnade richtig zu kennen, müssen wir hauptsächlich diese Regel festhalten: daß in der h. Schrift die Gnade den Werken als eine durchaus entgegengesetzte Sache gegenüber steht. Das ist es, was uns jenes ausdrückliche Axiom unsers göttlichen Apostels lehrt: Ists aus Gnade, so ist es nicht durch die Werke, sonst würde Gnade nicht Gnade sein (Röm. 11,6.); woraus wir aufs deutlichste erkennen, daß die Gnade die Gerechtigkeit der Werke ausschließet und daß beides sich nothwendigerweise gegenseitig aufhebt und vernichtet. Dieß erhellt noch ausdrücklich aus Ephes. 2,8. unsrer Schriftstelle, wo Paulus, nachdem er gesagt hat: Aus Gnaden seid ihr selig worden, sogleich hinzufügt: nicht durch die Werke, indem er beides, als sich augenscheinlich widerstreitende Dinge, entgegensetzt. Und hier sehen wir denn, was er eigentlich sage will in dieser Stelle: daß wir selig geworden sind, hat keineswegs seinen Grund in unserer Tugend, in irgend einem Verdienste unserer Werke, sondern allein in der Gnade, in der freiwilligen unverdienten Wohlgewogenheit, in der barmherzigen Güte unseres Gottes.

Wollt ihr diese Wahrheit deutlich erkennen und sie in ihrem vollen Lichte schauen? Lasset uns alle einzelnen Stücke des Heils erwägen, lasset sie uns durchgehen nach allen ihren Graden, lasset uns alle Perioden desselben einer genauen Prüfung unterwerfen und ihr werdet’s einsehen, daß wir wirklich durch die Gnade gerettet sind. Wenn wir die Heilsordnung unter dem Bilde jener großen Jacobsleiter betrachten können, die von der Erde in den Himmel reichte, so werdet ihr finden, daß sich nicht eine einzige Sprosse an dieser wunderbaren Leiter findet, auf der man nicht: Gnade! Gnade! schreien müßte -, nur durch die Gnade Gottes ganz allein werden wir gerettet. Denn die Heilsordnung hat hauptsächlich vier Staffeln: die Erwählung, die Berufung, die Rechtfertigung und die Verherrlichung. Die Erwählung ist die Quelle, die Berufung ist der Bach, die Rechtfertigung ist der Strom und die Verherrlichung ist der Ort, wo Alles zusammenfließt und dieser ist wie der Ocean, in welchem jener Strom von Entzückungen durch alle Ewigkeiten hindurch fesselfrei hinströmen wird. Die Erwählung ist das Fundament, die Berufung ist der Vorhof, die Rechtfertigung ist das Heilige und die Verherrlichung ist das Allerheiligste, jenes wundersame Heiligthum, wo man Gott in seiner Herrlichkeit schauet. Die Erwählung ist die Wurzel, die Berufung der Zweig, die Rechtfertigung die Frucht, die Verherrlichung de Erndte, da wir in reichem Ueberfluß die wundersamen Früchte sammlen und sie in ihrer vollen Reife und Süßigkeit genießen werden. Erwäget denn diese 4 Staffeln des Heils und ihr werdet unfehlbar den paulinischen Ausspruch unterschreiben, daß wir aus Gnaden und nicht durch die Werke selig werden.

Denn was die Erwählung und die Vorherbestimmung zur Seligkeit anbelangt, so wird dieselbe ausdrücklich eine Erwählung der Gnade genannt, um uns damit zu lehren, daß Gott weder durch die Berücksichtigung unserer Werke noch durch das Vorhersehen unserer Verdienste erwählt, sondern lediglich nach dem Wohlgefallen seiner Barmherzigkeit. Dieser große Gott handelt nicht wie die Menschen. Diese wählen die Dinge, weil sie dieselben für gut halten oder weil sie voraussehen, daß sie es einst werden. Wenn z.B. ein Fürst seinen Staat organisirt, so lenkt er seine blicke auf diejenigen Personen, von welchen er glaubt, daß sie mit den tüchtigsten und zur Verwirklichung seiner Plane dienlichsten Eigenschaften versehen sind. Wenn aber Gott die Menschen erwählt, so erwählt er sie nicht darum, weil sie gut sind, sondern weil er den Vorsatz, den Plan hat, sie gut zu machen, und er sah in ihnen keine Tugenden voraus, als diejenigen, welche er ihnen durch seine Gnade schenken würde. Das bezeugen diese so ausdrücklichen Worte des h. Paulus: Gott hat uns erwählet, daß wir sollten heilig sein. Ephes. 1,4. Er sagt nicht, daß er uns erwählt habe, weil er habe vorausgesehen, daß wir heilig werden würden, sondern: damit wir es würden. So ist also die Heiligkeit nicht die Ursache, die Bedingung, der Beweggrund, welcher der Erwählung vorangeht, sondern sie ist im Gegentheil die Wirkung, welche der Erwählung folgt. Dieß beweist unwidersprechlich jener rechtsgültige Urtheilsspruch desselben Apostels: Es ist nicht des laufenden oder des wollenden sondern des erbarmenden Gottes. (Wörtliche Uebersetzung von Röm. 9,16. – Die genaue holländ. Uebersetzung also: Soo [en is’t] niet des genen die will, noch des genen die loopt, maer des ontfermenden Gods.) Heißt das nicht Alles der Gnade zuschreiben und nichts den Werken lassen? und was wäre dann nun nach jenem Grundsatz jenes eingebildete Vorhersehen, das man sich bei der Erwählung Gottes vorstellt? Etwa das Vorsehen der ersten Regungen unseres Willens zum Guten? Aber siehe, Paulus ruft ja aus, daß es gar nicht an jemandes Wollen liege! Oder wäre es das Vorhersehen des Fortgangs unseres Glaubens und des Ausharrens in unserer Liebe? – Paulus erklärt sich dagegen. Er sagt, es liege nicht an jemandes Laufen. worauf sollte denn nun jenes vorgegebene Vorhersehen sich gründen, da es sich doch weder auf den Anfang noch auf den Fortgang unserer Heiligung gründen kann? Dieß geht klarer als der Tag hervor aus dem Exempel der kleinen Kinder gläubiger Eltern, die in den ersten Tagen ihres Lebens vor dem Gebrauch ihrer Vernunft dahin sterben. Denn in diesem Zustande der Schwachheit, wo der Mensch gleichsam nur ein Entwurf von einem Menschen ist, sind doch die Kinder weder des Glaubens noch der guten Werke fähig. Sie treten hinein in die Welt, sie gehen wieder hinaus, ohne jemals irgend eine der christlichen Tugenden gekannt, geschweige denn geübt zu haben. Wenn nun Gott die Menschen nur darum erwählte, weil er ihre Werke voraussah, so müßte man ja annehmen, daß nicht eins dieser kleinen und unschuldigen Geschöpfe, welche der Tod aus ihrer Wiege hinwegträgt, zur göttlichen Wahl gehören könnte, demnach wären alle diese jungfräulichen Seelen, welche sich noch gar nicht mit den Unreinigkeiten dieser Welt befleckt haben, welche die Erde so zu sagen noch nicht berührten und die in dem Wasser der Taufe von der Erbsünde frei wurden, unwiderbringlich verloren, was ja mit der Erklärung des Sohnes Gottes gar nicht übereinstimmt, der uns im Evangelio versichert, daß das Königreich der Himmel ihnen zugehöre (Matth. 19,14.). Dieß ist am Ende dasselbe, was uns der Apostel der Heiden in dem Exempel Jacobs und Esaus vorstellt. “Ehe die Kinder geboren waren, sagt er, und weder Gutes noch Böses gethan hatten, auf daß der Vorsatz Gottes bestände nach der Wahl; ward zu ihr gesagt: nicht aus Verdienst der Werke, sondern aus Gnaden des Berufers, also: der Größere soll dienstbar werden dem Kleinern, wie denn geschrieben stehet: Jacob habe ich geliebet, aber Esau habe ich gehasset. Röm. 9, V. 11-13. Dieser große Apostel hatte im Vorhergehenden das Exempel Isaaks angeführt, welchen Gott erwählet hatte; daß er der gesegnete Same und der Erbe der Verheißungen sein sollte, während er den Ismael verworfen hatte. Weil man ihm aber nun erwiedern konnte, daß man sich nicht wundern könne, wenn diese beiden Kinder so verschiedentlich betrachtet wurden, weil Ismael nur von einer Magd geboren sei, Isaak hingegen von einer freien Frau, welche Abrahams wirkliche Gattin und die Herrin seines Hauses war; ja daß Isaak noch nicht zur Welt geboren sei, als Ismael schon Zeichen seines bösen Charakters und somit dem Herrn gerechten Grund zu seiner Verwerfung gegeben habe, so fährt der heilige Paulus fort, indem er gleichsam sagt: Wohlan, wir wollen denn ein anderes Exempel wählen, welches diesen Einwurf sogleich widerlegt und die Welt überzeugen muß, daß die Erwählung derer, die zum Leben verordnet sind, einzig und allein von der unverdienten Liebe Gottes ausgeht. Schauet an, spricht er, Jacob und Esau, von welchen er den Einen liebe, den Andern haßte. Was für eine Ursache zur Unterscheidung dieser beiden Kinder werdet ihr finden? Beide waren von einem Vater gezeugt, von einer Mutter geboren; beide wurden in einem Hause empfangen, beide wurden zu einer Zeit geboren, in einem Hause ernährt, in einer Schule unterwiesen, beide von denselben Eltern gebildet. Und damit niemand dem Gedanken Raum gebe, es sei die Erwägung ihrer Werke der Grund ihrer verschiedenen Behandlung gewesen, so sagt Gott ausdrücklich zu ihrem Vater Isaak, bevor sie Böses und Gutes gethan hatten: Der Größere soll dem Kleineren dienstbar werden. Somit bekennen wir, daß wir in Rücksicht der Erwählung wahrhaftig durch die Gnade selig geworden sind, und darum sagt Paulus im Beginn des Briefes an die Epheser, daß Gott uns verordnet habe zur Kindschaft gegen ihn selbst durch Jesum Christum, nach dem Wohlgefallen seines Willens zu Lobe seiner herrlichen Gnade. Bewunderungswürdige Worte, aus welchen die Weisheit des Geistes Gottes auf eine herrliche Weise hervorleuchtet; kein einziges Wort, aus welchem nicht irgend ein schöner Strahl hervorblitzte. Denn der h. Paulus sagt uns, daß Gott uns in sich verordnet habe; er hat demnach keinen Grund der Erwählung in uns gefunden, er hat ihn keinesweges außer sich selbst gefunden; er sagt, daß Er uns erwählet habe nach dem Wohlgefallen seines Willens, nicht also, nachdem er unsere Werke vorausgesehen. Er sagt endlich, daß er uns erwählet habe zum Preise des Ruhmes seiner Gnade, keinesweges also durch einen Act der Gerechtigkeit, der auf unsere Werke gegründet gewesen wäre, sondern rein bewogen durch seine Barmherzigkeit, und daß man’s also lediglich seiner Gnade zuzuschreiben habe.

Von der Erwählung gehen wir zur Berufung über, durch welche Gott uns zu sich ruft, in die Gemeinschaft seines Sohnes zieht, seiner Kirche einverleibt, uns mit seiner Erkenntniß erleuchtet, mit seiner Liebe erwärmt und mit seiner Furcht erfüllt. Auch hier wird es nicht minder klar einleuchten, daß wir aus Gnaden selig worden sind. Denn was sagen anders diese Worte, welche werth wären, daß man sie mit goldenen Buchstaben auf Marmor eingrübe: Gott hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem Vorsatz und Gnade, die uns gegeben ist in Christo Jesu vor der Zeit der Welt. Hier muß man nun keineswegs sich einbilden, daß Gott darum die einen vor den Andern in seine Kirche und zu seinem Heile beruft, weil er in ihnen bessere Anlagen und Vorbereitungen für die Gnade erblickt, weil sie das Licht und die Kräfte ihrer Natur besser benutzen, weil sie ein moralisch reineres und lobenswertheres Leben führen, und daß Gott dadurch sich bewogen finde, ihnen übernatürliche Gnadenbezeugungen und die himmlischen und heilsamen Erleuchtungen des Glaubens mitzutheilen. Denn was für Anlagen finden sich in einem Todten, sich aus dem Grabe zu erheben, bei einem Blinden, die Farben, bei einem Tauben, die Töne zu unterscheiden; was für Anlagen bei einem Menschen, sich selber zu zeugen? Und solche Leute sind wir nach den Unterweisungen des göttlichen Wortes, todt in unseren Sünden und Missethaten, blind für die himmlischen Dinge, taub für das Wort Christi, und unsere Bekehrung wird häufig eine neue Geburt genannt. Und weil nun nach der Lehre des h. Paulus Alles, was man thut, ohne den Glauben Sünde ist, weil es ohne denselben unmöglich ist, Gott zu gefallen, muß man da nicht nothwendigerweise den Schluß ziehen, daß vor der himmlischen Berufung, durch welche wir den Glauben überkommen, nichts in uns ist als Sündliches, Verabscheuungswürdiges und Mißfälliges in den Augen des Herrn, nichts, was ihn verbinden oder geneigt machen könnte, uns wohlzuthun? Folglich ist es Gott, der uns nach seiner puren Gnade, ohne im Geringsten durch unsere Tugenden angezogen zu werden, zu seiner Erkenntniß und zur Theilnahme an seinen Wohlthaten beruft. Ich preise Dich, o Vater, sagt darum die Wahrheit selbst, daß Du solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den Unmündigen offenbaret. Und was ist der Grund dieser verschiedenen Behandlungsweise? Vater, es ist also wohlgefällig gewesen vor Dir. – Die Gnade der Berufung findet uns demnach nicht als solche, die mit Anlagen ausgestattet wären, sie aufzunehmen; im Gegentheil, sie findet uns in einem völlig elenden Zustande, indem wir in unserem Verstande nur dicke Finsterniß haben, in unserem Willen eine beklagenswerthe Verkehrtheit, in unsern Begierden eine schreckliche Unordnung und in allen Kräften unserer Seele nichts als Verderbtheit und eine abscheuliche Entstelltheit. Darum sagt der Prophet Ezechiel, indem er uns in bildlichen Ausdrücken Gott vorstellt, wie er mit seiner Kirche den Bund schließt, daß, als er zuerst an ihr vorüberging, sie wie ein Kind war, daniedergeworfen auf ein Feld, besudelt von seinem Blut, versunken in Schmutz, in einer scheußlichen Nacktheit daliegend, ein Gräuel in den Augen eines Jeden; indem er uns dadurch bedeuten will, daß, wenn Gott uns seiner Liebe, dieß keinesweges darum geschieht, weil er irgend eine Vortrefflichkeit an unsern Personen wahrnimmt. Auch sieht man bei den herrlichen Berufungen, von welchen die H. Schrift redet, daß es Gott gefiel, die Menschen anzunehmen und zu berufen, als sie sich in dem jämmerlichsten Zustande befanden, in welchem sie sich nur befinden konnten. Was war zum Exempel Abraham, als Gott ihn berief, der Vater aller Gläubigen, der Stammvater der ganzen Kirche, ja die Wurzel an dem Baume des Lebens zu werden? Antwort: Er war ein Götzendiener, hinuntergetaucht in die Gräuel seiner Väter und in den verbrecherischen Cultus seines Vaterlandes Ur in Chaldäa, welches höchstwahrscheinlich seinen Namen daher hat, weil die Chaldäer daselbst das Feuer anbeteten, und weil sie diesem Element, dessen Anbeter sie immer waren, mit den größten Feierlichkeiten ihre Huldigungen darbrachten: denn das Wort Ur bezeichnet im Hebräischen Feuer, so daß also Gott mitten aus dem Schooße des Götzendienstes, aus dem übelberüchtigten Schauplatz des Irrthums, ja mitten aus den unreinen Flammen des Aberglaubens diesen Patriarchen in seinen Bund berief. Was war Matthäus für ein Mann, als Jesus Christus das Wort an ihn richtete und ihm seine Gnade entgegenbot? Er war ein Zöllner, ein elender Erpresser, ein öffentlicher Diener der Unterdrückung und der Tyranney, er war grade damals mit der Verwaltung dieses gehässigen Gewerbes beschäftigt, war an seine Zöllnerbank gefesselt und saß an dem ungerechten Zähltisch, brennend beschäftigt mit seinen Erpressungen, als Jesus ihn mit jenem wunderbaren Blicke begnadete, der in einem Moment die Heiligkeit in die Herzen trägt. So berief er ihn vom Zöllner- zum Apostelamt, und machte mit einem Male aus einem großen Sünder einen großen Heiligen. – Wer war Maria Magdalena, als der Herr sie bekehrte? Sie war von sieben Teufeln besessen, sie war ein schauerlicher Aufenthalt unreiner Geister. – Wer war der h. Paulus, als der Sohn Gottes ihn vom Himmel berief? Er war ein brüllender Löwe, ein wüthender Eber, ein Tiger, durstig nach dem Blute der Gläubigen, Mord und Zerfleischung athmend. Er war auf dem Zuge, Alles zu verderben; er eilte zum Mord, das Herz voller Wuth, den Mund voll Lästerung, in den Händen Schwerter und Banden; und gerade in diesem merkwürdigen Moment war es, als Christus ihn seinen Ruf erfahren ließ, und ihn dahinnahm, daß er ihm ein auserwähltes Rüstzeug und der herrlichste Herold seiner Gnade sein möchte. Wer waren die Epheser, von den Paulus redet in jener Hauptstelle? Sie waren in der ganzen Welt berüchtigt durch ihre Zauberei, sie waren die größten Götzendiener der Erde; es waren Leute, welche aus allen Kräften schrieen: Groß ist die Diana der Epheser! Was konnte nun Gott wohl bewegen, sie zum Christenthum zu berufen, sie zu Miterben seines Sohnes zu machen? Was anders als diese Barmherzigkeit, diese freie Gnade, welche der Apostel ihnen vor die Seele hält in jenen Worten: Aus Gnaden seid ihr selig worden.

Und hier ist es, wo man sich wohl hüten mag, der Gnade Unrecht zu thun, und ihr nichts von ihrer Ehre und ihrem Lobe zu nehmen. Denn das hieße ihr Unrecht thun und ihr eine tödtliche Wunde beibringen, wenn wir derselben unser Heil nur etwa zur Hälfte zuschreiben und ihr wohl den Beginn unserer Berufung zugestehen wollten, ohne ihr den weitern Erfolg, die Erhaltung der geistlichen Gesundheit, ohne ihr die Handlungen oder jene Kraft zuzuschreiben, die uns fähig macht, zu glauben und wohl zu leben. Nein, das ist das rechte Verständniß der Gnade nicht. Nicht bloß einen Theil unserer Heiligung und Berufung haben wir ihr zuzuschreiben, sondern wir müssen ihr durchaus das Ganze zuschreiben, und zwar ohne Rückhalt. Anfang, Fortgang, Entwickelung, Ende, die Fertigkeit, die Handlungen selbst, die Kraft dazu, die Ausübung und Wirkung – Alles haben wir ihr in gleicher Weise zuzuschreiben. Betreten wir den Weg des Heils, so ist es die Gnade, welche uns darauf führt; wandeln wir darauf, die Gnade ist es, welche uns geleitet; laufen wir, so treibt die Gnade uns voran; beharren wir darauf, die Gnade gibt uns die Kraft dazu; erreichen wir das Ziel, die Gnade führt uns ihm entgegen, so daß also von dem ersten bis zum letzten Schritt die Gnade uns leitet und zum Guten treibt. Denn von uns selbst, sagt St. Paulus sind wir nicht einmal tüchtig, etwas zu denken (2 Cor. III,5.). Wenn wir also etwas Lobenswerthes denken, reden und thun, so haben wir dieß nothwendigerweise nicht von uns selbst, sondern durch den Beistand, durch die Wirkung der Gnade. – Nicht als ob man deßhalb den freien Willen in den Werken der Liebe verkennen müßte; denn derselbe ist von dem Menschen unzertrennlich, und es hieße seine Natur zerstören und sein Wesen vernichten, wenn man ihm dieses schöne, mit seiner Seele unzertrennlich verknüpfte Vorrecht absprechen wollte. Aber dieser freie Wille vermag nichts in übernatürlichen Dingen ohne die Wirkung des Geistes Gottes, von welchem er alle seine Kräfte erhält und alle seine Regungen empfängt. Darum ruft der berühmte Bernhardus, den man unter die Zahl der Heiligen gerechnet, eben so wahr als schön aus: Was thut der freie Wille? ich antworte kurz: er wird geheilt! Nimm die Gnade weg, und es findet sich nichts, das ihn heile; nimm den freien Willen weg, und es wird sich nichts finden, das gerettet würde. – Er will zeigen, daß in dem Werke unseres Heils diese beiden Dinge: die Sünde und der freie Wille sich begegnen; aber jene als ein actives (thätiges) Prinzip, welches das Gute hervorbringt, dieser als ein passives (leidendes) Prinzip, welches seine Wirkung erfährt. Nicht als ob unser Wille nicht auch seinestheils in den guten Werken thätig wäre, denn er wirkt mit Gott zusammen; aber er handelt nur durch die Kraft, durch den Eindruck und Einfluß der Gnade. Wenn wir Almosen geben, so ist es die Gnade, welche uns die Hand öffnet und entfesselt; wenn wir auf eine würdige Weise das Lob des Herrn singen, so ist es die Gnade, welche uns die Zunge löset und unsere Stimme belebt, wenn wir unsere Gebrechen bereuen und bitterlich unsere Sünden beweinen, so ist es die Gnade, welche uns das Herz zerbricht; sie ist es, welche uns die Zerknirschung gibt und die Thränen aus unseren Augen hervorruft. Mit einem Wort, was wir nur Gutes und Tugendsames verrichten mögen, wir müssen mit dem h. Paulus sagen: ich bin es nicht, sondern Gottes Gnade, die in mir ist. (1 Cor. 15,10.) Denn ich bitte euch, meine herzlich geliebten Brüder, wenn die Gnade sich damit begnügte, uns in den Stand zu setzen, gut leben zu können, und überließe in der Folge das Uebrige unserem Willen zu thun, wie könnte dann der Apostel sagen: Wer ist es, der dich vorgezogen? wer ist es, der einen Unterschied gemacht hat zwischen dir und einem andern? (1 Cor. 4,7.) Könnte darauf nicht ein Gläubiger antworten: Ich selbst habe mich abgesondert, ich bin es, ich habe mich durch meine Tüchtigkeit, durch meine guten Neigungen von den lasterhaften Leuten losgetrennt. Es ist nicht die Gnade Gottes, welche mich in diesen heiligen Zustand versetzt hat, in welchem ich mich befinde: denn diese Gnade ist eine allgemeine, eine allen gemeinsame, jeder besitzt sie in hinreichendem Maaße, sie thut nichts weiter, als daß sie die Menschen in den Zustand der Indifferenz setzt, in ein Verhältniß des Gleichgewichtes zwischen gut und böse. Ich aber habe mich durch die Anwendung, welche ich von meinem freien Willen gemacht habe zur Liebe, aus der Zahl der Unheiligen und Bösen herausgezogen. – So hätte man denn nicht mehr vonnöthen, auszurufen: Was hast du, o Mensch, das du nicht empfangen hast, und wenn du es empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen? Denn darauf könnte ja ein Christ sehr wohl erwiedern: „ich habe hundert Dinge, die ich nicht von oben empfangen, sondern kraft meiner Freiheit erlangt habe. Ich habe Liebe geübt gegen die Armen, ich habe Gebete gesprochen mit Inbrunst, ich habe Leiden ertragen mit Geduld und Muth, ich habe meinen Leib betäubt, gefastet und Enthaltsamkeiten geübt, wodurch ich mein Fleisch gekreuzigt und meine Begierden gedämpft habe; ich besitze mit einem Wort verschiedene Tugenden, deren ich mich auf eine rechtmäßige Weise rühmen kann, weil ich, wenn ich gewollt hätte, dieselben nicht ausgeübt haben würde; weil der Trieb, sie zu lieben und die Regung, welche meinen Willen bestimmte, ihnen nachzustreben, von meinem freien Willen herrührte, nicht aber von der Gnade. Auf solche Weise kann ich sie betrachten als meine Werke und mich derselben rühmen als eines Erzeugnisses meines Geistes.“ – Doch nun genug, genug der Reden und Gedanken, welche die Ehre unseres Heils zwischen den Kräften der Menschen und der Gnade Gottes theilen wollen. Das ist jene falsche Mutter, die ihr Kind von einander hauen wollte. Die wahre Mutter erbat es sich ganz. Auch unsere Natur, die nichts ist als eine falsche Mutter, thut Alles was sie kann, um sich wenigstens einen Theil des neuen Menschen zuzueignen, dieses glückseligen Kindes, welches die Wiedergeburt in den Gläubigen bildet. Aber die Gnade will es haben ohne Theilung und Trennung und der große und himmlische Salomo urtheilt zu ihren Gunsten. Er erklärt, daß niemand ein Recht hat, dieses geistliche Kind in Anspruch zu nehmen, weil die Gnade es ist, die ihm die Geburt giebt und die es ganz allein in uns hervorruft. Darum geht auch Augustinus, den man wohl den zweiten Botschafter der Gnade nennen kann, weil nach dem heil. Paulus niemand sie besser verkündigt hat denn er, in seinen Unterweisungen beständig darauf aus, darzuthun, daß die Gnade ebensowohl eine zuvorkommende ist, welche den guten Werken vorangeht, als eine vorbereitende, welche uns dazu fähig macht; er stellt sie ferner dar als eine wirkende, welche die Handlungen in derselben Zeit hervorbringt, da unser Wille sie empfängt und ausführt; als eine nachfolgende, welche uns darin bestärkt und uns das Beharren giebt, auf daß wir erkennen, daß das ganze Wunderwerk unserer Rettung, unsers Heils und unserer Heiligung von Gott kommt und daß wir für alles Einzelne der Gnade zum tiefsten Danke verpflichtet sind. –

Dieß gebührt uns eben so offenbar in dem Werke der Rechtfertigung. Und dieß ist abermals eine Wahrheit, welche ganz deutlich in jenen Worten ausgesprochen liegt, daß wir aus Gnaden selig worden sind. Denn an einer andern Stelle sagt unser Apostel: Wir werden umsonst gerechtfertiget durch die Gnade Gottes (Röm. 3,23). In der That es ist unmöglich, daß wir es durch die Werke werden: denn die ganze heilige Schrift bezeugt uns: daß es keinen Menschen auf Erden giebt, der nicht sündige, daß wir alle mannichfaltiglich fehlen, so daß, wenn jemand sagen wolle, er habe nicht gesündiget, er Gott zum Lügner mache, sich selbst verführe und die Wahrheit nicht in ihm sei; und der h. Jacobus unterweiset uns ausdrücklich, daß derjenige, welcher nur in einem Punkte das Gesetz breche, des ganzen Gesetzes schuldig sei. Da also kein Mensch auf Erden ist, der nicht wenigstens einige Fehler begeht, so giebt es keinen, der nach der Richtschnur des Gesetzes vor Gott für unschuldig gelten und in seinem Gerichte Absolution erlangen könnte. So protestirt ein Mann, der der gerechteste war unter allen seinen Zeitgenossen. Wie mag ein sterblicher Mensch, spricht Hiob (9,2.3.), rechtfertig bestehen vor dem starken Gott? Will er rechten mit ihm, so kann er auf Tausend nicht Eins antworten. Das ist die Erklärung des Heiligsten unter den Königen: Gehe nicht ins Gericht mit Deinem Knecht, spricht David, denn vor Dir ist kein Lebendiger gerecht. Das ist allenthalben die Erklärung des größten aller Lehrer. Denn nachdem der h. Paulus eine lange Zeit hindurch diese Materie betrachtet und sie auf das ausführlichste und bündigste erklärt hat, macht er endlich mit diesen so merkwürdigen Worten den Beschluß: So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. Allenthalben schließt dieser bewunderungswürdige Lehrer der Gnade von der Rechtfertigung alle Arten von Werken ohne Ausnahme, wie sie auch heißen mögen, rein aus. Den wird man etwa sagen wollen, daß er nur die Werke des Ceremonialgesetzes verwerfe, deren Gerechtigkeit eine typische, eine vorbildliche und darum unfähig war, uns vor Gott zu halten? – Aber er erklärt ja ausdrücklich, daß das Gesetz, von welchem er redet, dasjenige sei, welches verbietet zu stehlen, zu ehebrechen und den Götzen zu dienen; und das sind doch, wie jeder weiß, Gebote, die dem Sittengesetz angehören. Oder will man sagen, daß er nur diejenigen Werke verdamme, welche in dem Stande der Natur und durch die bloßen Kräfte des freien Willens geschehen, wie die Tugenden der Heiden, nicht aber diejenigen, welche im Stande der Gnade gethan werden, wie z.B. die der Gerechten? – Aber auch darüber entdeckt er uns eben so klar seine Meinung, wenn er das Beispiel Abrahams und Davids anführt, welche keinesweges durch die Werke gerecht geworden seien. Denn befanden sich Abraham und David nicht im Stande der Gnade, gehörten sie nicht zu der Zahl der Heiligen? War nicht der Eine der Vater aller Gläubigen und der Andere der Mann nach dem Herzen Gottes? und dennoch sind die Werke dieser beiden ausgezeichneten Patriarchen keinesweges die Ursache ihrer Rechtfertigung gewesen nach der Bemerkung des h. Paulus. Da also der Mensch durch seine Werke nicht gerechtfertiget werden kann, so bleibt ihm nur ein Weg offen, das ist die Gnade seines Gottes, die Barmherzigkeit seines Richters, es ist die Huld seines Herrn. Wir werden also in der That gerechtfertiget durch Gnade, durch Barmherzigkeit, durch die Güte und Liebe des himmlischen Vaters, der, während er in uns keine Gerechtigkeit findet, in seinem Mitleid den Beweggrund unserer Rechtfertigung findet und uns durch einen Act der Nachsicht losspricht wie ein Fürst, der einem Verbrecher Gnade erweiset. Daher läßt dann auch die h. Schrift die Rechtfertigung in der Vergebung der Sünden bestehen; wie es der Apostel durch diese Worte des Psalmisten beweist: Wohl dem, dem die Uebertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist. Wohl dem Menschen, dem der Herr die Missethat nicht zurechnet Ps. 32,1.2.). Er sagt nicht: Glückselig sind die, welche eine vollendete Heiligkeit, eine fleckenlose Reinheit besitzen, von denen die Augen des Allerheiligsten nicht hinwegblicken können: denn auch solche Glückselige giebt es nicht; es ist eine eingebildete, ideelle Glückseligkeit, die man in der Wirklichkeit hier auf Erden nicht antrifft. Das wahre Glück des Menschen besteht in der Vergebung seiner Sünden und in der Gnade seines Gottes. Hier war es, wo jener große Prophet seine Rechtfertigung suchte, wenn er ausrief: O Ewiger, wenn Du auf unsere Ungerechtigkeit achtest, wer mag bestehen? Aber es ist Vergebung bei Dir. O mein Gott, spricht er, ich finde nichts in mir selbst, wodurch ich mich in Deiner Gegenwart rechtfertigen könnte. Wenn ich mich anschaue, so erblicke ich in mir nur Stoff zur Verzweiflung, das Blut des Urias, die Schändung der Bathseba, die Zählung meines Volkes, und tausend andere schwarze und schreckliche Sünden stellen sich meinen Augen dar; mein Gewissen klagt mich an, das Gesetz verdammt mich, jeder Tag meines Lebens wirft mir Verirrungen vor, ich schaudere vor dem Gedanken an die Zahl und Größe meiner Sünden – voll Scham vor mir selbst wende ich mich zu Dir, o mein Gott, um anzuflehen Deine Barmherzigkeit, und um das von Deiner Gnade zu erlangen, was ich von meiner Gerechtigkeit nicht hoffen kann. Auf dieselbe Weise redet uns der apostolische Verfasser des Briefes an die Hebräer an, indem er ausruft: Lasset uns hinzugehen zum Gnadenthron, damit wir Barmherzigkeit erlangen. Er will nicht, daß wir zum Thron der Gerechtigkeit gehen, denn da könnten wir nicht bestehen und würden nichts zurückbringen als ein verwirrtes Angesicht. Das ist ein Thron, viel fürchterlicher als der des Salomo, zu dessen Seiten zwölf Löwen standen, und wohl möchten wir hier auch schreien wie jene Unglücklichen in der Offenbarung: Ihr Berge fallet über uns und bedecket uns vor dem Angesichte dessen, der auf dem Throne sitzet. Der Barmherzigkeit müssen wir uns darstellen, nicht um von ihr die Erklärung unsrer Unschuld zu erlangen, sondern die Verzeihung unsrer Sünde. Der h. Bernhard erkannte die Sache also und in diesem Gefühle sprach er das schöne und wahre Wort: die Gerechtigkeit des Menschen ist die Vergebung Gottes. In dieser göttlichen Nachsicht und Vergebung, spricht der wahre Gläubige, will ich mein ganzes Verdienst suchen. Wenn ich vor Gott erscheinen werde, so will ich mich keineswegs berufen auf die Reinheit meiner Worte: denn ich bin unreiner Lippen, auch nicht auf die Heiligkeit meiner Gedanken: denn ich bin von Natur unbeschnittenen Herzens; eben so wenig auf die Unbescholtenheit meiner Handlungen, denn das Gute, das ich will, thue ich nicht; was mich aber vor dem Richterstuhle dieses allerhöchsten Richters trösten und sichern wird, das wird seine Barmherzigkeit und seine väterliche Güte sein. oder wenn ich eine Gerechtigkeit bedarf, um vor seinem Richterthrone zu bestehen, wo ich nothwendigerweise Rechenschaft geben muß von meinen Handlungen, so wird es nicht die meinige sein, welche ich zum Vorschein bringen werde, denn ach! – alle meine Gerechtigkeit ist wie ein besudeltes Kleid, sondern es wird die Gerechtigkeit meines Heilandes sein, welche allein in dem scharfen Gerichte des Ewigen die Probe hält und allein von Gewicht ist auf der Waage seines Heiligthums, um ihr zu meinen Gunsten das Uebergewicht auf der Seite des Lebens und des Heils zu geben; eine Gerechtigkeit, welche weit entfernt der Gnade entgegengesetzt zu sein, vielmehr die erste und höchste Bedingung aller Gnade ist. Denn die Gnade bietet uns dieselbe entgegen, die Gnade schenkt sie uns, die Gnade verschafft sie uns auf allerlei Weise, und wir sind dafür ganz allein der Gnade dessen verbunden, der seinen Sohn für uns zur Sünde gemacht hat, auf daß wir in ihm würden die Gerechtigkeit Gottes. – Diese bewunderungswürdige Gerechtigkeit war es, welche Paulus selbst, der heilige Paulus, dieses auserwählte Rüstzeug, dieser große Wiedergeborene zu seiner Rechtfertigung wünschte, wenn er den sehnsüchtigen Wunsch aussprach: erfunden zu werden als ein solcher, der da habe seine Gerechtigkeit nicht aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christum kommt. (Phil. 3,9.).

Steigen wir denn endlich zu der letzten Staffel des Heils hinauf – zur Verherrlichung. – Hier werden wir die Gnade in ihrer ganzen Herrlichkeit strahlen sehen und der unschätzbar Werth derselben wird uns ohne Zweifel dringen, anzuerkennen, daß wir aus Gnaden selig worden sind. Denn wenn man die unaussprechliche Größe und unendliche Herrlichkeit der Gnade und des ewigen Lebens wohl erwägt, so wird man wohl eingestehen müssen, daß dieß nicht ein verdienter Lohn ist, daß wir es nicht erhalten als eine Sache, die wir erworben haben, sondern als eine pure Gnade, und daß Gott uns dasselbe giebt, nicht, weil er es schuldig ist, sondern aus Liebe; es ist eher eine Verschwendung seiner Freigebigkeit, als eine Belohnung seiner Gerechtigkeit. Auch der glückselige Apostel Paulus versichert uns, daß es eine Gabe und noch dazu eine ganz freiwillige Gnadengabe sei. Denn was bedeutet das Wort, welches sich in der merkwürdigen Stelle: der Tod ist der Sünde Sold, aber die Gabe Gottes ist das ewige Leben. Warum ändert er hier die Ausdrücke, hier, wo er doch einen Gegensatz aufstellt, wo also die Worte genau sein, und sich bestimmt und deutlich einander entsprechen müssen? Darum, weil er uns den Gedanken eindrücklich machen will, daß bei Sündern wohl von einem Solde die Rede sein kann, daß aber bei den Gerechten das Leben nur eine Gabe, eine Gnadengabe ist. Und in der That, wie sollten doch unsere Werke uns das ewige Leben verdienen können? Wenn von Verdienst die Rede sein sollte, so wäre es doch nothwendig, daß unsere Werke von uns selbst, von unseren eignen Kräften herrührten, da es ja augenscheinlich am Tage liegt, daß wenn sie anderwärts ihren Ursprung haben, der, welcher sie in uns vollbringt, uns nicht verpflichtet ist, sondern im Gegentheil, wir sind ihm zum danke verbunden. Und kommen denn nicht alle unsere Werke von Gott? Sind sie nicht Wirkungen seines Geistes und Erzeugnisse seiner Gnade? Er ist es ja, der in uns mit Kraft das Wollen und Vollbringen schafft nach seinem Wohlgefallen, und es kann sogar niemand Jesum einen Herrn heißen ohne den heil. Geist. Wenn von Verdient die Rede sein sollte, so müßten unsere Werke vollkommen und unsere Personen fehlerlos sein. Denn wo Unvollkommenheit und Sünde ist, da ist man der Vergebung bedürftig; Vergebung aber und Verdienst sind gänzlich unvereinbare Dinge. Es ist folglich den Menschen unmöglich, etwas zu verdienen; denn wer könnte wohl sagen: ich habe mein Herz gereiniget und bin frei von Sünden? Wo ist die Seele auf Erden, die so geheiliget wäre, daß ihr der Herr nicht den Vorwurf machen könnte, den er an den Engel der Gemeinde von Asien richtet: ich habe etwas wider dich!? – Wenn von Verdienst die Rede sein sollte, so müßte doch einigermaßen ein Verhältniß statt finden zwischen unseren Werken und der Herrlichkeit und diese beiden Dinge müßten doch von einem ohngefähr gleichen Werthe sein: denn das müßte doch ein unvernünftiger Mensch sein, der, wenn er seinem Fürsten eine Hand voll Gras oder ein Glas Wasser darreichte, behaupten wollte, er habe damit seinen Thron und sein Diadem verdient. Und wie groß und offenbar ist nicht die Ungleichheit zwischen unseren Werken und dem ewigen Leben? Die einen sind endlich und das andere unendlich; die einen sind vorübergehend und dauern nur einen Augenblick, das andere ist ewig und dauernd durch alle Aeonen hindurch; die einen sind unvollkommen und mangelhaft und das Andere ist die Vollkommenheit selbst. – Ohne Zweifel ist das Martyrerthum unter allen guten Werken das herrlichste und bewunderungswürdigste für die Menschen wie für die Engel. Das ist ja die Krone der Heiligkeit, es ist die letzte Anstrengung der höchsten Tugend, es ist das schwerste und kostbarste Opfer der Gläubigen. Indessen auch das Martyrerthum steht nicht im Verhältniß zu der unfaßbaren Herrlichkeit der himmlischen Glückseligkeit, weil ja der Apostel, nachdem er die Waage zur Hand genommen, um diese dinge gegen einander abzuwägen, findet, daß wohlerwogen die Leiden dieser Zeit nicht von gerne abgewogen werden können gegen die Zukünftige Herrlichkeit, die an uns soll geoffenbaret werden (Röm. 8,18.) – Ferner, um zu verdienen, dürften wir auch nicht zu den guten Werken verpflichtet sein, welche wir vollbringen: denn das Verpflichtetsein hebt das Verdienst auf: ein Mensch verdient gar nichts von seinem Gläubiger, wenn er ihm bezahlt, was er ihm schuldig ist; ja wenn derselbe ihn vor Gericht belangte, um sich bezahlt zu machen, so würde der Schuldner zuverlässig keinen guten Empfang zu erwarten haben. Und sind wir denn Gott nicht unsere Personen, unser Wesen, unser Leben, unsere Gedanken, Worte und Werke schuldig? Mit einem unwiderleglichen Grunde schlägt der ewige Sohn Gottes alles Verdienst danieder und stürzt es von Grund aus über den Haufen in diesen Worten des Evangeliums: Wenn ihr Alles gethan habt, was ihr zu thun schuldig seid, so sprechet: wir sind unnütze Knechte, – warum? – weil ihr nur gethan habt, was ihr zu thun schuldig seid. (Luc. 17, V. 10.)

Lasset es uns denn nun eingestehen, lasset es uns anerkennen in jeder Beziehung, daß wir selig worden sind aus Gnaden. Unser Heil ist so vollständig das Werk der Gnade, daß man es, von welchem Standpunkt man es betrachten, von welcher Seite man es anschauen mag, nimmermehr aus einer andern Quelle ableiten kann. So sagt auch herrlich jener Kirchenvater, dessen Worte wir durchweg als gewichtige Belege über diesen Gegenstand angeführt haben: Die Gnade ist auf keine andre Weise Gnade, als wenn sie in jeder Beziehung eine freie (gratuita) ist. Hinweggeschleudert werde der Wahn von der Würdigkeit unserer Werke; verbannt sei aus unserm Glauben und aus unserm Geiste der Gedanke an Verdienst, oder wenn wirs festhalten wollen, so geschehe es einzig und allein in dem Sinne des frommen und geistreichen Abtes von Clairvaux, den ich mit Absicht über diesen Gegenstand reden lasse, weil sein Zeugniß nicht im mindesten verdächtig sein kann. “Mein Verdienst,“ spricht er, “ist die Barmherzigkeit des Herrn; ich bin nicht gänzlich von Verdienst entblößt; soll ich nicht, so lange Er es nicht ist von Barmherzigkeit, meine Gerechtigkeit preisen? Herr, ich will die Deinige erzählen und ich will ewig Deiner Barmherzigkeit lobsingen.“ Siehe, das ist das einzige unbescholtene und rechtgläubige Verdienst. Lasset uns nimmermehr ein anderes anerkennen, lasset uns nimmer einen Anspruch machen auf den Himmel, als wenn er uns wie eine Eroberung kraft unserer Anstrengungen gebühre. Nimmer dürfen wir hoffen, durch unsere Kräfte hineinzusteigen, und wenn wir auch Berge auf Berge thürmen und Werke auf Werke häufen. Das wäre eine Giganten-Unternehmeung, welche Gott sonder Zweifel mit seinem Blitz treffen müßte. – Erinnern wir uns wohl daran, daß Esau, als er auf die Jagd lief, Wildpret zu fangen, den väterlichen Segen einbüßte, daß aber Jacob, während er bei seiner Mutter blieb, sich in seines älteren Bruders Kleider hüllete und sich nur von einem Zicklein aus der Heerde nährete, diesen so kostbaren und ersehnten Segen empfing. Das deutet darauf hin, daß diejenigen, welche ihr glück durch die Werke erjagen wollen und nach der Gerechtigkeit des Gesetzes rennen, ganz ohne Zweifel verlieren, was sie zu finden meinen. Diejenigen aber, welche sich festhalten und anschmiegen an die Gnade, diese gütige Mutter, deren Zärtlichkeiten unendlich sind; die sich kleiden in die lieblich duftenden Gewänder ihres älteren Bruders, Jesu Christi unseres Herrn, dessen Gerechtigkeit unsere Sünden bedeckt; die da vor Gott bringen als eine angenehme Speise dieses Lamm seiner Heerde, dieses Lamm, sonder Makel und Flecken, welches die Sünden der Welt trägt, – sie sind es, welche ganz zuverlässig den Segen des himmlischen Vaters davon tragen. – Oder, um mich eines andern Beispiels von demselben Jacob zu bedienen, so wissen wir ja, daß er mit dem Ewigen rang und in diesem Kampfe Sieger blieb. (Hos. 12,5.). Aber wißt ihr auch, wie er diesen allmächtigen Gegner besiegte? Er weinte, sagt der Prophet Hoseas, und flehete um Gnade; seine Waffen waren bloß Thränen; seine Kraft: das aufrichtige Bekenntniß seiner Schwachheit. So müssen wir kämpfen mit Gott, wenn wir den Sieg in seinem Gerichte davon tragen wollen. Nicht dadurch soll es geschehen, daß wir stolz unsere Unschuld behaupten, sondern daß wir unsere Sünden beweinen; nicht dadurch, daß wir Recht behalten wollen vor seiner Gerechtigkeit, sondern dadurch, daß wir um Gnade bitten und ihn demüthig anflehen, daß er barmherzig mit uns handeln wolle. Lasset uns das Heil in Wahrheit anschauen als eine Gnade, laßt uns in die Fußstapfen jener vierundzwanzig Aeltesten in der Offenbarung treten, durch welche der heilige Geist uns den ganzen Körper der Kirche des Alten wie des Neuen Testamentes vor Augen stellt; sie werden ihre Kronen vor den Thron Gottes nieder und erkennen es an, daß sie dieselben ganz allein von seiner Freigebigkeit empfangen. niemals wollen wir an die versprochene und im Himmel aufbehaltene Seligkeit gedenken, ohne zugleich in unserm Herzen mit David zu sprechen: Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern Deinem Namen gebühret alle Ehre um Deiner Gnade und Wahrheit willen. (Ps. 65,1.) Du könntest uns verderben, und machst uns selig; Du könntest uns mit Deinem Blitz zu Boden schlagen, und krönest uns; Du könntest uns in den Abgrund der Hölle werfen, und erhebst uns in Dein Paradies. So ist es denn Deine Barmherzigkeit, o Herr, daß wir nicht gar aus sind. Und wir wüßten ja keinen andern Grund anzuführen, als allein Deine Gnade.

In unserem Herrn Jesus Christus geliebte Brüder! O, welche Gedanken und Empfindungen muß nicht diese herrliche Lehre in uns hervorrufen! Wahrlich, sie ist so fruchtbar, sie ist so überschwänglich reich an Unterweisungen, daß man sie wohl mit jenen Springbrunnen vergleichen mag, welche ihr Wasser durch verschiedene Röhren emportreiben, das nach der Zahl der verschiedenen Ableiter herauszuströmen suchte. Denn auch die Gnade ist ein ins ewige Leben quillende Wasser, welche sich auf verschiedene Weise von allen Seiten her ausbreitet. Wir müssen jetzt noch ein wenig bei dieser göttlichen Quelle verweilen, um vollends unser Gefäß daraus zu füllen, und um einige der hauptsächlichsten Lehren daraus zu schöpfen, welche sie uns darbietet, theils für die Belehrung und Unterweisung unseres Geistes, theils zum Trost für unser Gewissen, theils zur Heiligung unserer Seelen.

Zuerst mögen wir hier wohl vor allen Dingen den Vorzug unserer Religion ins Auge fassen, und ein Urtheil fällen, welche von beiden Lehren die beste und sicherste ist, ob die eine, welche dem Menschen die Ehre seiner Rettung zuschreibt, oder die andere, welche sie allein Gott anheimgibt. Denn welches muß das Endziel einer guten und wahren Religion sein? – Ohne Zweifel die Verherrlichung Gottes. Und wie können wir ihn besser verherrlichen, als wenn wir unser ganzes Heil seiner Gnade zuschreiben? Man wird doch immer eingestehen müssen, daß dieser Glaube von einem guten Grundsatz, von einer heiligen Demuth, von einer frommen Ehrfurcht vor Gott, von einem lobenswerthen Begehren herzuleiten ist, Ihn zu verherrlichen und seine Güte zu rühmen. Ich will den Fall stellen, wir täuschten uns in diesem Gedanken; ich will annehmen, es wäre ein Irrthum, dem Ewigen eine Ehre zu geben, die ihm nicht gebührte. Nun, dieser Irrthum wäre doch in der That unschuldig und heilig, unmöglich könnte er den Augen dessen mißfällig sein, der den Demüthigen seine Gnade schenkt. Mein Verbrechen wäre, daß ich meinem Gott zu viel gäbe, zu viel seiner Gnade zuschriebe, indem ich ihn als den Urheber alles Guten in mir anerkennte. Nun, das ist ein glückseliger Fehler, den ich niemals bereuen werde, und ich fürchte auch nicht, jemals darüber gestraft zu werden. Weit lieber will ich mich also in Demuth erniedrigen, als mich stolz erheben. Es ist mir weit sicherer, meiner eigenen Ehre zu entsagen, deren Verachtung offenbar unschuldig ist, als die Ehre Gottes anzutasten, wo der geringste Eingriff unendlich strafwürdig ist. Wenn ich vom Himmel gerufen wäre, wie der h. Paulus, durch einen außerordentlich glänzenden Ruf, wenn ich Apostel wäre, wie er es war, ja wenn ich auch durch ein unvergleichliches Vorrecht in das Paradies entzückt wäre, so wollte ich mich doch lieber mit ihm für den vornehmsten unter allen Sündern achten und anerkennen, daß die Barmherzigkeit Gottes mich gemacht hätte, als mich mit jenem Pharisäer rühmen, daß ich nicht sei wie die andern Leute und irgend eine besondere Eigenschaft zu besitzen, welche Gott verpflichten sollte, mich den andern vorzuziehen. Segnen wir denn, lieben Brüder, segnen wir unsere Religion auch in dieser Hinsicht, welche uns eine so heilige und heilsame Gesinnung einflößt. Erkennen wir an, daß sie nur von Gott kommen kann, weil sie sich ganz auf Gott bezieht und nur auf die Verherrlichung seiner Ehre abzielt. Gestehen wir ein, daß sie ein Werk der Gnade ist, weil sie nur Gnade predigt, Gnade athmet, und weil sie, indem sie der Natur jeden Anlaß zur Selbsterhebung raubt, uns in eine heilige Niedrigkeit versetzt, welche dem, der den Hoffährtigen widersteht, nur wohlgefällig sein kann.

Es muß also diese Lehre von der Gnade uns in die Demuth treiben, sie muß uns jede Meinung von uns selber nehmen, sie muß uns von Herzen glauben und mit dem Munde bekennen lehren, daß die Ursache alles dessen, was wir sind, und alles dessen, was wir besitzen, die Gnade des Herrn ist. Wenn wir gerecht, wenn wir gläubig sind, wenn wir eine lautere Religion bekennen, wenn wir ein heiliges und rechtschaffenes Leben führen, wenn wir irgend Vorzüge besitzen, die uns eine wichtige Stellung geben auf Erden, und die uns dem Himmel werth machen, so laßt uns nicht so blind und undankbar sein, daß wir uns den Ruhm davon selber beimessen. Lasset uns nicht in unsere Stricke fallen und in unseren eignen Netzen ein Opfer werden. Alles ist von Gott und von dem Vater der Lichter kommt alle gute und vollkommene Gabe herab. Alle unsere Talente haben wir aus seinen Schatzkammern, es sind Geschenke seiner Hand und nicht Zinsen unserer Capitalien. Denn in uns selbst ist von Natur nichts als Böses,in unserem Fleische wohnet nichts Gutes (Röm. 7,18.), und wohl mag man von unserm Fleische mit Nachdruck bejahen, was Nathanael von Nazareth nur zweifelnd aussprach: Was kann daher Gutes kommen? (Joh. 1,46.) Die Tugenden sind keineswegs Pflanzen, welche von selbst auf unserm Herzensacker wachsen; auch ist unser Sorgen und Arbeiten nicht im Stande, sie keinem zu machen. Der Aufgang aus der Höhe hat sie ins Leben gerufen, der himmlische Vater selbst ist es, der sie mit seiner Hand in uns pflanzt, der sie bethaut mit seiner Gnade und ihnen das Wachsthum gibt durch seine Geist. Wie David, nachdem er den Goliath besiegt, das Schwert dieses Riesen in das Haus des Herrn niederlegte, um Ihm die Huldigung für seinen Sieg darzubringen, und um es laut zu bezeugen, daß er die Erlangung desselben nicht seinem Muth, seiner Kraft, seiner Geschicklichkeit, sondern allein dem Beistande des Gottes der Heerscharen zuschreibe, eben so sollen auch wir Ihm die Ehre darbringen von allem, was uns glücklich geräth und ihm den gerechten Tribut entrichten durch demüthige Dankbarkeit. Unsere ganze Tüchtigkeit kommt von Ihm, und wir ziehen sie nicht aus unserer Natur, wie die Spinne ihr Netz ziehet aus ihren eigenen Eingeweiden, sondern von seiner Gnade, wie die Biene ihren Honig zieht aus dem süßen Manna des Himmels, welches auf die Blumen herabrieselt. Wir müssen sie ganz allein auf diesen bewunderungswürdigen Urheber zurückführen, ihm müssen wir jede empfehlenswerthe Eigenschaft, die wir besitzen, und jede gute Handlung, die wir verrichten, zuschreiben – und alles das ist nicht aus uns, sondern Gottes Gabe ist es. (Ephes. 2,8.) Seid ihr also darniedergebeugt in eine heilige Niedrigkeit durch die Betrachtung der Gnade? O erhebt euch nur alsbald, ihr Gläubigen, durch eine feste und christliche Zuversicht. Denn diese ist noch eine der hauptsächlichsten Wirkungen, welche die Gnade in euern Herzen hervorbringen muß. Freilich, hättet ihr es mit der Gerechtigkeit Gottes zu thun, solltet ihr nach der Strenge des Gesetzes gerichtet werden, wäre euer Heil von der Vortrefflichkeit und Würdigkeit eurer Werke abhängig, ach so müßtet ihr schaudern, müßtet euch abhärmen und in steter Ungewißheit, in lauter Zweifeln leben. Alsdann möchtet auch ihr wohl ausrufen wie Moses auf dem Sinai, als er den unerträglichen Glanz der Majestät Gottes erblickte und die Donner seiner fürchterlichen Gerechtigkeit rollen hörte: Ich zittre und bin ganz erschrocken! Aber ihr seid aus Gnaden selig worden, und folglich dürft ihr eure Besorgniß verbannen, ihr habt es mit einem barmherzigen und gütigen Gott zu thun, der nicht liebt den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe, der unsere Schwächen entschuldiget und unsere Unvollkommenheiten trägt, der uns umsonst unsere Missethaten vergibt, und der gleichwie ein Vater über seine Kinder über diejenigen sich erbarmet, die ihn fürchten. (Ps. 51,13.) Darum Muth, ihr armen Sünder, wenn euch eure Sünden den Schrei auspressen: Ich elender Mensch; die Barmherzigkeit Gottes soll euch schon alsbald in den angenehmen Triumphgesang einstimmen lehren: Wir danken Gott durch Jesum Christum unsern Herrn. Und sagt nur nicht, daß eure Sünden groß sind und ihre Anzahl euch in Schrecken setzt. Denn wie groß und zahlreich sie auch sein mögen, die Gnade, welche euch rettet, ist noch weit größer, denn sie. Sie ist unermeßlich, sie ist unendlich, und wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden. (Röm. 5,20.) Sie ist ein Abgrund, der grundlos ist; sie ist ein Ocean ohne Gestade, und gleichwie die Sündfluth die ganze Welt überschwemmte und ebensowohl die Gipfel des Caucasus und des Ararat, die Höhen der Alpen und Pyrenäen, als die niedrigeren Lande und die tiefsten Gegenden der Erde bedeckte, so ist auch die Gnade Gottes eine glückselige und heilvolle Fluth, welche die größten Sünden ebensowohl als die kleinsten verbirgt. Diese Gnade ist eine Stadt der Zuflucht, wo nicht nur die Fehler der Unachtsamkeit, sondern sogar die schrecklichsten Verbrechen geschirmt sind vor den Verfolgungen der göttlichen Rache, wenn man sich dahin in wahrer Reue zurückzieht. Es ist ein Tempel der Barmherzigkeit, wo auch selbst die Zöllner, d.i. die größten unter allen Sündern, kaum in dem Gefühle einer wahrhaftigen Zerknirschung an ihre Brust schlugen, als sie auch schon gerechtfertiget hinabgingen in ihr Haus. Der Thron dieser wunderbaren Gnade ist ein Thron, an dessen Stufen man Ablaßbriefe findet für alle Schuldigen, und die Unkeuschen, wie Lot, die Ehebrecher, wie David, die Verfolger, wie Saul, die Liederlichen, wie jene Sünderin im Evangelio, gehen sie nur in ernstlicher Buße dahin, werden mit offenen Armen aufgenommen und erhalten die Lossprechung, deren sie bedürfen. In dieser Gnade kann ich mich also meines Gottes versichert halten, wie groß auch die Unwürdigkeit meines Lebens sein mag. Ich werde mit David denken und sprechen: Herr, in mir ist Sünde, aber bei Dir ist Vergebung; ich bin ein Uebertreter vom Mutterleibe an, aber Du bist barmherzig in alle Ewigkeit; meiner Sünden sind mehr, als Haare auf meinem Scheitel, aber Deiner Barmherzigkeiten sind mehr als Sterne am Himmelszelt, als Sand am Meeresufer. Sie ist es, welche dem Gewissen die wahre Ruhe gibt, in dem Schooße der Gnade, da findet sich die wahre Friedlichkeit der Seele. Sonst ist allenthalben nichts als Unruhe und Furcht, und die Erfahrung lehrt es, wie diejenigen, welche ihr Heil in dem Verdienste der Werke suchen, mit Zweifeln offenbar ihr Gewerbe treiben, und freilich, sie müssen auch wohl und können nicht anders. Denn was sie auch immer sagen und thun mögen, ihr Gewissen bezüchtiget sie innerlich, daß sie gegen den Himmel und vor Gott gesündiget haben und keine Gerechtigkeit besitzen, welche in der Prüfung des Weltenrichters Stand halten könnte. Daher jene Zweifel, die nicht gelöst werden können, daher diese Ursache, die sich nicht will besänftigen lassen, diese Angst, diese Schrecken, welche den Sünder in unheilbare Unruhe werden vor Allem, wenn der Tod seine Hand ausstreckt und man sich nun anschicken muß, vor dem furchtbaren Richterstuhl zu erscheinen, wo das letzte Urtheil gesprochen wird. Denn wie gutes Muthes sich auch die Menschen während ihres Lebens anstellen mögen, rücken die letzten Stunden heran, dann erschreckt sie das Gericht Gottes, das sie nahe vor sich sehen; das fürchterliche Schwert seiner Gerechtigkeit macht sie beben, sie fühlen sich schuldig in ihrem Gewissen, und wenn sie alsdann keine andere Zuflucht haben als ihre Werke, so fehlt nicht viel, daß sie in den Convulsionen, Zuckungen und Aengsten dahinsterben, welche nicht sowohl von dem sich auflösenden Körper, als von der Zerrüttung und Niedergeschlagenheit ihrer armen Seele herrühren. Darum hat denn auch ein gelehrter und berühmter Cardinal, gedrungen von der Kraft der Wahrheit, nachdem er zuvor den Stand der guten Werke aus aller Macht behauptet und alle Anstrengung seines Geistes daran gesetzt hatte, das Verdienst und die Würdigkeit derselben zu vertheidigen, endlich nicht umhin gekonnt, das Bekenntniß abzulegen: „daß es wegen der Unsicherheit unserer eigenen Gerechtigkeit, und wegen der Gefahr eines nichtigen eitelen Ruhmes das sicherste sei, sein ganzes Vertrauen einzig und allein auf die Barmherzigkeit und Güte Gottes zu setzen.“ Ach mein Gott, warum wollten wir uns denn damit abquälen, die Verdienstlichkeit der guten Werke zu behaupten, da deren Gerechtigkeit ungewiß ist und die Gefahr des eitlen Rühmens klar am Tage liegt? Und wenn es das Sicherste ist, sich ganz allein der Barmherzigkeit Gottes anzuvertrauen, kann man uns dann wohl tadeln, daß wir das Sicherste wählen, daß wir das Gewisse dem Ungewissen, das Untrügliche dem Gefährlichen vorziehen, und daß wir, statt auf beweglichen Sand, der da betrügen kann alle, die sich darauf wagen, auf den ewigen Felsen treten, der da festiglich hält Alle, die sich auf ihn stützen? So findet man also ganz allein in den Armen der Gnade die vollkommene Ruhe. Wer sich durch einen wahren Glauben dahin wirft, dahin flüchtet, der genießt eines göttlichen Friedens, welcher höher ist, denn alle Vernunft. Er weiß, daß Gott sein Vater, Jesus Christus sein Heiland, daß seine Versöhnung geschehen, seine Verdammniß abgethan, seine Vergebung ihm versichert ist; er siehet im Geiste die Himmel offen und den Jesus, der ihm die Arme reicht von der Höhe seines Thrones, und daher kommt eine wundersame Stille in sein Herz, welche alle Ungewitter des Lebens und alle Schrecken des Todes nicht zu stören vermögen. Er ruft mit dem h. Paulus aus: Wer will eine Beschuldigung wider mich anbringen? Gott ist hier, der gerecht gemacht. Wer will mich verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher sitzet zur Rechten Gottes und vertritt mich. Ich bin also gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges mich scheiden können von der Liebe Gottes, welche er uns bezeuget hat in Christo Jesu. (Röm. 8.)

Aber, o ihr Gläubigen, wenn die Lehre von der Gnade uns eine solche selige Versicherung giebt, so darf sie uns keineswegs einschläfern. Wenn sie uns eine süße Zuversicht schenkt, so darf sie uns keineswegs in den Schlaf der Sicherheit versenken und die Liebe und den Eifer der Heiligung mindern und schwächen. Ich weiß wohl, daß man zu allen Zeiten die Gnade in übeln Ruf zu bringen trachtete; man hat sie immerdar beschuldigt, als öffne sie dem Leichtsinn der Menschen die Thüre, als begünstige sie die Ausschweifungen, Laster und Schlaffheiten der Weltkinder, als erzeuge sie eine Verachtung der guten Werke. Aber es ist schon lange her, daß der h. Paulus die Lehre von der Gnade von diesem Vorwurf freigesprochen, und wenn man ihn jetzt aufs Neue wider laut werden lässet, so dient das, Gott sei gepriesen! nur dazu, um die Gleichförmigkeit unserer Lehre mit der Lehre dieses großen Apostels einleuchtend darzuthun. Denn man hat ihm seit seinen Lebzeiten den Vorwurf gemacht, als verleite seine Theologie die Menschen zu sagen: Lasset uns in der Sünde beharren, damit die Gnade desto mächtiger werde. (Röm. 6,1.) Aber er wirft diesen lästerlichen Gedanken durch jene ihm eigenthümliche und gewöhnliche Verabscheuungsformel: Das sei ferne! weit hinweg und wir sprechen eben so nach ihm: das sei ferne, daß die Gnade die Sünde gut heiße, denn diese Gnade ist wohl ein Zufluchtsort für bekümmerte Seelen, nicht aber für die unbändigen und unverbesserlichen Rebellen. Sie ist nachsichtsvoll gegen Diejenigen, welche sich bessern, nimmermehr aber übersieht sie die Frevel derer, welche hartnäckig in der Sünde beharren. Es ist Vergebung bei Gott, aber nur darum, daß man ihn fürchte; darum erklärt der Apostel, daß die Gnade Gottes, welche allen Menschen erschienen sei, uns züchtige, zu verläugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste, und züchtig, gerecht und gottselig zu leben in dieser Welt. (Tit. 2,11.12.) Denn was fordert die Gnade? Wahrlich, sie verbindet uns zur Dankbarkeit, zur Erkenntlichkeit, zu liebreichen Handlungen, damit wir ihr unsere Gegenliebe für ihre Segnungen an den Tag legen. Und wie zeigt sich diese Gegenliebe? vorzüglich durch ein gutes und heiliges Leben. Wie? Sollte Gott uns in Frieden aufgenommen haben, damit wir ihm den Krieg erklärten und eine feindselige und ewige Verbindung schlössen mit seinen Feinden, dem Satan, dem Fleisch und der Welt? Er sollte uns von unsern Unreinigkeiten rein gewaschen haben, damit wir wieder zurückkehrten in unseren Morast und jeden Tag aufs Neue beginnen, uns in den Koth und Gestand unserer Laster zu wälzen? Er sollte uns die Arme seiner Barmherzigkeit öffnen, damit wir ihm das Herz durchbohrten und ihn durch unsere Missethaten wie mit Dolchstichen verwundeten? Wir sollten so unsinnig sein, zu glauben, daß er uns die Sünden vergab, damit wir nur um so frecher und unverschämter würden, ihn zu kränken? Er sollte uns seinen Himmel öffnen, damit wir die Finsternisse und den Gestand der Hölle dahintrügen? Er sollte uns in Empfang nehmen an den Stufen seines Thrones, damit wir dort unsere Götzenbilder aufpflanzten, dem Mammon opferten, der Astarte Weihrauch anzündeten, dieser schamlosen Venus, welche die Mutter der Hurereyen ist? Ach, der Herr bewahre uns vor diesem schändlichen Gedanken, der die Gnade Gottes auf Muthwillen zieht und uns schlechter machen würde, als die Teufel selbst. Denn diese Geister der Finsterniß, da sie keinen Theil an der Gnade haben, könnten sie auch nicht mißbrauchen, während diejenigen, welche sie durch ein schändliches Leben entheiligen, sich in einem solchen Stande der Bosheit befinden, der sich noch schlechte rund verdammungswürdiger macht, als die Teufel selbst. Wisset denn, daß wir, obgleich wir nur aus Gnaden selig werden, dennoch die unumgängliche Nothwendigkeit der guten Werke anerkennen müssen. Denn, um noch einmal mit dem h. Bernhard zu reden, „sie sind nicht die Ursache aber wohl der Weg zum Himmelreich, weil man mit Nichten auf dem Wege der Hölle zum Himmel kommt.“ Wollen wir demnach zu dem großen Heile gelangen, welches die Gnade des Vaters uns verschafft, das Verdienst des Sohnes uns erworben hat und die Wirkung des H. Geistes uns zueignet, so gilt es, daß wir uns ohne aufhören dahin auf den Weg machen durch die wahre Heiligung, ohne welche niemand den Herrn sehen wird. Das ist auch die wahre Meinung des h. Paulus: denn nachdem er diesen für die Reinheit der Lehre so wichtigen Glaubenssatz dargethan, daß wir aus Gnaden selig worden sind und nicht durch die Werke, so stellt er sogleich den anderen Satz fest, der da nöthig ist für die Heiligkeit des Lebens: daß wir Gottes Werk sind, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, zu welchen Gott uns zuvor bereitet hat, daß wir darin wandeln sollen. (Eph. 2,10.). Er erkennt es an, daß wir nicht durch die Werke selig worden sind, indessen er erklärt, daß sie geboten seien, auf daß wir darinnen wandeln sollen. Es gilt demnach, daß wir diesen Weg betreten und diese königliche Straße verfolgen, die uns allein dem Ziele der himmlischen Berufung entgegen führen kann. Weit entfernt also, einzustimmen in jene vermaledeite Sprache der Unheiligen: lasset uns Sünde thun, damit die Gnade desto mächtiger werde, sollen wir vielmehr im Gegentheil sagen: lasset uns nicht mehr sündigen, weil die Gnade auf eine so überschwänglich barmherzige Weise in uns mächtig geworden ist. Gott hat uns aus lauter Liebe unsere Missethaten vergeben, lasset uns nicht wieder anfangen, ihn zu erzürnen und zu beleidigen durch neue Sünden. Er hat uns befreit von dem Fluch, den wir verdient hatten, wohlan, nun wollen wir leben als die Gesegneten des Herrn und ihn loben fort und fort aus allen Kräften unserer Seele. Er hat uns theuer erkauft, nun wollen wir ihn preisen an unserm Leibe und an unserem Geiste, welche ihm gehören. Er hat uns gerettet aus Gnaden, nun wollen wir ihm zur Wiedervergeltung dienen aus Lust und Liebe, damit wir einst aus Seiner Gnade hinübergehen in Seine Herrlichkeit, wo unser Heil, unsre Heiligkeit, unsre Seligkeit vollendet und unser Triumph ewig sein wird. Dort, wo wir keine Uebel mehr zu fürchten, nach keinen Gütern mehr zu verlangen haben, dort werden wir dann von Ewigkeit zu Ewigkeit das Lob dieses großen Gottes singen, der uns hat selig gemacht aus Gnaden.

Worte des h. Augustinus:
Lasset uns beten, meine Geliebtesten, lasset uns beten, daß Gott seine Gnade schenke auch unseren Feinden, damit sie erkennen und bekennen, daß aus dem großen und unaussprechlichen Verderben, in welches wir uns Alle ohne Ausnahme gestürzt haben, nichts als die Gnade Gottes uns befreie, und daß er dieselbe nicht nach den Verdiensten derer, welche sie empfangen, verleihet, als eine schuldige Gabe, sondern daß er sie umsonst und ohne daß irgend ein Verdienst vorangegangen wäre, schenke als eine wahrhaftige Gnade.

De bono perseverantiae p. 24.

Johann Jacob Saurin.
Ueber Röm. 9,10,11.

Es sei uns genug, wenn wir, die Meinung von der Vorhersehung ohne Prädestination zu widerlegen, eure Augen auf die drei Capitel der Epistel an die Römer leiten werden. Ich weiß wohl, was man uns einwendet. Man sagt, wir erdichteten uns etwas, damit wir wider sie streiten könnten; die Meinung des Apostels sei daselbst ganz klar, und erscheine in ihrer größten Deutlichkeit, wenn man nur auf den Endzweck sehe, den er sich vorgesetzt. Dieser Endzweck aber hänge mit den unbedingten Rathschlüssen Gottes gar nicht zusammen: folglich könne er um so viel weniger zum Beweise derselben dienen. Der Apostel hatte diesen Satz vorgetragen: von nun an sei das Evangelium der einzige Bund, der die Menschen zur Seligkeit führe; hingegen ziehe die Beibehaltung des levitischen Gottesdienstes das Verderben nach sich. Wider diesen Satz schreien die Juden; sie können es nicht begreifen, wie die Beibehaltung eines Gesetzes, welches von Gott gekommen war, zum Verderben führen könne. Paulus beantwortet diese Klagen. Er sagt, Gott habe ja das Recht, seine Gnade mit solchen Bedingungen zu verbinden, wie ers für gut befinde. Und weil nun die Juden den Messias, der ihnen die Seligkeit brächte, verworfen: so hätten sie nicht Ursache, sich zu beklagen, wenn sie Gott schon der Früchte eines Bundes beraubte, dessen Bedingung sie verworfen. Dieß ist nach der Meinung dieser Gottesgelehrten das ganze Geheimniß dieser Capitel, worinnen, wie sie sagen, nicht das geringste Merkmal von der Prädestination zu finden sei.

Wie kann man doch aber dem Endzweck des Apostels hierinnen Gränzen setzen? Bildet euch nur ein, als wenn ein Jude in dieser Gemeine erschiene, und uns folgenden Einwurf machte: ihr Christen machet euch einen widersprechenden Begriff von Gott. Er hat gesagt, der mosaische Dienst soll ewig bleiben, und ihr behauptet gleichwohl, er habe denselben abgeschafft. Gott hat gesagt: Wer dieses thut, der wird dadurch leben, und ihr sprecht: Die Beobachtung desselben führe zum ewigen Verderben. Gott hat gesagt: der Messias würde dem Samen Abrahams zu gute erscheinen, und ihr sprecht: er sein von seiner Nachkommenschaft gewichen, und habe mit fremden Völkern einen Bund gemacht. Bildet euch ein, es mache uns ein Jude diese Einwürfe, und wir wollten sie blos, ohne uns auf die ewigen Rathschlüsse, die wir in Gott voraussetzen, zu berufen, auflösen; was würden wir diesem Juden wohl antworten? Anfangs würden wir sagen, er habe den Verstand des Gesetzes sehr übel eingesehen. Diese Ewigkeit, die dem mosaischen Dienste versprochen war, sollte nicht weiter, als bis zur Zukunft des Messias gehen. Vornehmlich würden wir sagen, seine Klagen über den Messias wären sehr übel gegründet. Ihr beschweret euch, würden wir sprechen, Gott handele wider seine Treue, wenn er euch verläßt. Aber eure Klage ist ungerecht. Gott hat seinen Bund mit euern Vätern gemacht, er hat versprochen, ihre Nachkommen zu segnen, er hat sich anheischig gemacht, euch einen Erlöser zu senden, der mit Segen und Gnade erfüllet sein sollte. Dieser Erlöser ist nicht nur gekommen, sondern er ist mitten unter euch, aus eurem Volke, aus einem eurer Stämme, aus einem eurer Geschlechter geboren worden; unter euch hat er seine Amtsverrichtungen angefangen; euch hat er die Seligkeit angeboten; ihr habt sie verworfen, ihr habt seine Lehren verachtet, ihr habt ihn Beelzebub geheißen, ihr habt um seinen Tod gebeten, ihr habt ihn gekreuziget, ihr habt ihn hernach in seinen Dienern und Jüngern verfolgt. Die Heiden hingegen nehmen sein Panier an, sie vergießen ihr Blut für seine Ehre. Darf man nun wohl erstaunen, wenn Gott auch in der Austheilung seiner Gnade zwei Völker unterscheidet, die in der Art und Weise, wie sie seiner Stimme gehorchen, so unendlich unterschieden gewesen? Was thut hingegen der h. Paulus? Laßt uns nur seine Worte anhören: Ehe die Kinder geboren waren, und weder Gutes noch Böses gethan hatten, auf daß der Vorsatz Gottes bestünde nach der Wahl, ward gesagt, der Größte soll dem Kleinen dienen. Jacob habe ich geliebet, Esau habe ich gehasset. Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, deß erbarme ich mich. Die Schrift sagt von Pharao: Eben darum habe ich dich erweckt, daß ich meine Macht an dir erzeige. So erbarmet sich denn, wessen er will, und verstocket, wen er will. Wer bist du, daß du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister, warum machst du mich so? Hat nicht ein Töpfer Macht, aus seinem Klumpen zu machen ein Gefäß zu Ehren, und eins zu Unehren? Was ists also, da Gott wollte Zorn erzeigen, und seine Macht kund thun, hat er mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns, die da zugerichtet sind zum Tage des Verderbens. In allen diesen Beantwortungen beruft sich Paulus auf die Rathschlüsse Gottes. Und daß er dieses denjenigen bekehrten Juden habe lehren wollen, ist daraus zu erweisen, weil ihm dieser Jude solche Einwürfe macht, die nach der Meinung, die wir angreifen, hier nicht statt finden, die aber eben dieselben sind, die man von allen Zeiten her wider die Gnadenwahl gemacht hat. Warum beklagt sich denn Gott über uns? Wer kann seinem Willen widerstehen? Also kann die Meinung von der Vorhersehung ohne die Vorherverordnung nicht mit der Schrift bestehen?

Allein wozu ist diese Meinung gut? Setzet sie die Wege der Vorsicht in ein größer Licht? Füllet sie auch einen einzigen von jenen Abgründen aus, worinnen unsere schwache Vernunft versinket? Und ist sie nicht eben so vielen Schwierigkeiten unterworfen, als die Lehre von der Vorherverordnung? Diese Schwierigkeiten aber sind folgende. Wie kann ein unendlich gütiger Gott Menschen erschaffen, von denen er doch weiß, daß sie einmal unendlich unglücklich sein werden? Wie kann ein unendlich heiliger Gott zulassen, daß die Sünde in die Welt komme? Warum giebt ein Gott, der eine unendliche Liebe zur Gerechtigkeit hat, nicht allen Menschen kräftige Mittel, die sie wahrhaftig heilig machen? Warum hat ein Gott, der da sagt, er wolle, daß allen Menschen geholfen werde, seine Gebote in einer Zeit von vier tausend Jahren nur allein dem einzigen jüdischen Volke bekannt sein lassen? Warum breitet er nicht noch heut zu Tage die Grenzen des Christenthums bis ans Ende der Welt aus, damit wir das Licht der christlichen Religion dahin tragen, und der Schall von unserm Predigen in den abgöttischen Gegenden bis ins Innerste ihrer Tempel eindringen möge? Wie kann er der Creatur seine Erhaltung gönnen, wenn sie sich den abscheulichen Lastern ergiebt, davor sich die Natur selbst erschüttert? Sehet, das sind die großen Schwierigkeiten, die man dem Scheine nach wider die Vorsehung machen kann. Man zeige uns eine Meinung, wobei dieselben nicht statt finden, so sind wir bereit, sie anzunehmen. Allein bei der Meinung, die wir bestritten haben, trifft man ebenfalls alle diese Schwierigkeiten an. Und wenn wir auch denen, so dieselbe annehmen, alles, was sie nur wollen, zugeben, so würden sie doch genöthigt sein, beim Anfange der Wege Gottes auszurufen: O welch eine Tiefe! –

August Hermann Francke.
Die Gnade ist ein bekanntes Wort, aber solches Wort ist mehr bekannt nach dem äußerlichen Laut und Schall, als nach der Herrlichkeit der Sache. Denn dieses Wort fasset so viel in sich, daß das menschliche Herz gleichsam in ein Meer des göttlichen Reichthums hinein gesetzt wird, wenn es nur ein wenig aufmerksam wird, und in Demuth erkennen lernt, was Gnade sei. Denn was bleibt doch, wenn die Gnade hinweggenommen wird? Aus Gnaden ist ja der Mensch erschaffen; aus Gnaden wird er erhalten; aus Gnaden erlöset; aus Gnaden wird er gerecht gemacht; aus Gnaden geheiligt; aus Gnaden selig gemacht. Wenn dann Gott alles wiederum wollte zurücknehmen, was er dem Menschen aus Gnaden verliehen hat, was würde der Mensch behalten? Leib und Seele und damit zugleich alles, was auch zum natürlichen Leben gehört, würde Gott heimfallen (ich geschweige die leiblichen Güter, welche zu des natürlichen Lebens Erhaltung geordnet sind,) als welches alles von Gott gegeben ist, aus lauter Gnade und Barmherzigkeit, ohne all unser Verdienst und Würdigkeit.

Wie hoch und wunderbarlich ist die Gnade? Aus Gnaden sprach Gott: Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei. Und als die Schlange diesen gnädigen Rath und Willen Gottes unterbrochen, daß der Mensch ein Bild des Teufels worden war, so war die Gnade und Erbarmung so groß, daß Gott eher selbst ein Mensch werden wollte, ehe er ihm den Menschen so schändlich rauben und ihn ihm Verderben stecken ließe. Denn Christus, welcher ist das Ebenbild Gottes, ward verheißen gleich nach dem Fall des Menschen, daß er der Schlange den Kopf zertreten sollte.

Und die Gnade, Huld, Liebe und Erbarmung Gottes ist nicht erst damals in dem Herzen Gottes geboren, als der Fall geschehen war, sondern diejenige Liebe, damit uns Gott geliebet hat in Christo Jesu, ist eine ewige Liebe, und die Gnade, die uns gegeben ist in Christo Jesu, ist uns vor der Zeit der Welt gegeben, ob sie wol in Gott und seinem Vorsatz verborgen gewesen ist. Und eben diese Liebe, Barmherzigkeit, Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes erstreckt sich auch bis in alle Ewigkeit, und wird sich in Ewigkeit in unendlicher Fülle an den Menschen offenbaren. Eben dieselbige Gnade und Liebe, damit er uns jetzo in diesem Augenblick geliebt, ist nicht wie eine menschliche Huld und Gnade, die vor kurzem angefangen und in kurzem wieder aufhöret, sondern sie ist keine andere als eben dieselbige ewige und unendliche Gnade Gottes. O daß wir denn die Gnade Gottes nach ihrer Würdigkeit schätzten! Bei Gott in Gnaden sein, ist die allerhöchste Glückseligkeit, und wird von uns blinden Menschen so geringe geschätzt.

Es ist auch unmöglich, daß des Menschen Herz nicht aufs allerinnigste bewegt werde, und für Liebe gegen Gott gleichsam überfließe, wann ihm diese ewige Quelle eröffnet wird. Darum wenn die heilige Schrift beschreiben will, wie uns Gott die Erkenntniß seiner Gnade gebe, so spricht sie: Die Liebe Gottes (mit welcher uns Gott geliebet hat von Ewigkeit her in Christo Jesu) werde ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist. Denn die Offenbarung der Gnade Gottes in unserem Herzen mag mit keiner Sache besser verglichen werden, als mit einem Strom lebendigen Wassers, welcher Strom durch den heiligen Geist, als das natürliche Wasser vom Winde, beweget wird, sich aus dem Herzen Gottes in unsere Herzen zu ergießen; und kann in solchem göttlichen Ausfluß dann nichts anders mit sich bringen als göttliche Freude, göttlichen Frieden, göttliche Wollust, göttliche Liebe und eine Vereinigung des menschlichen Herzens mit dem Herzen Gottes, gleichwie es im Schatten-Werk geschiehet, daß da nichts denn Liebe und Freude ist, wenn ein Freund dem andern sein Herz offenbaret, und ihm seine Liebe entdecket.

Aus seiner Fülle, spricht Johannes, nehmen wir Gnade. Dieses erklärt uns die Schrift in dem, daß sie das Wort Gnade auf viel und mancherlei Weise gebraucht. Denn nicht allein die Huld und Erbarmung Gottes gegen die Menschen wird Gnade genannt, sondern auch alles, was dem Menschen aus Gnaden zugetheilt wird, das nennt der H. Geist Gnade. Redet er von der Vergebung der Sünden, so nennet er’s Gnade. ist die Rede von den Gaben, die uns von dem H. Geist geschenkt werden, so nennet es die Schrift Gnade. Wird von dem Beistand oder von der Gegenwart Gottes geredet, welche den Menschen Gottes leitet und führet, und ihm hilft in aller seiner Arbeit, so heißt es Gnade; wird einer Wohlthat gedacht, die von begnadigten Menschen dem Nächsten widerfähret, so wird die Wohlthat selbst mit dem Namen Gnade beehret, ja so auch unbekehrte Menschen eine Wohlthat Andern beweisen wollen, behält dennoch die Wohlthat den Namen der Gnade, obwol bei solcher Gnade, als die nur ein bloßer Schatten ist, keine Wahrheit sich befindet. Auch wird die Dankbarkeit selbst in der Schrift Gnade genannt. Ist jemand für seinen Nächsten, sonderlich aber die Niedrigen für den Höheren angenehm, so ist es, nach der Redensart der Schrift, Gnade. Auch das Verdienst selbst, und die Belohnung, dieweil in dem Reiche Christi nichts gilt als Gnade, wird mit dem Namen der Gnade vom H. Geist benannt.

Und was wollen wir sagen? Wenn von dem ganzen Reiche Christi geredet wird, so wird es mit dem einigen Wort Gnade benannt. Daher wir es nicht unbillig ein Gnaden-Reich heißen: welchem das Reich der Glorie und Herrlichkeit, oder die Offenbarung des Reichthums der Gnade Gottes über uns in Christo Jesu die Hand bietet. Auch alle Mittel, welche uns dazu gegeben sind, daß wir zum Reich der Gnaden gelangen, und in demselbigen erhalten werden, die werden Gnaden-Mittel genannt. Darum ist das Wort Gottes ein Wort der Gnaden. Wenn Paulus von der Taufe redet, so führet er es aus dem Grunde der göttlichen Gnade, Freundlichkeit und Liebe. Und was ist das Abendmahl des Herrn als eine eucharistia, wie es die Aeltesten genennet, eine Gnaden- und Liebes-Tafel, und ein Denk- und Dank-Mahl, da das Gedächtniß der unendlichen Liebe, welche sich in dem Tode und Blutvergiessen Christi geoffenbaret hat, ja dadurch gleichsam versiegelt und bestätigt worden ist, über uns erneuert wird? Ja damit der Gnade in allen Dingen den Vorzug gegeben werde, und damit die Gläubigen ihre Augen stets darauf richten möchten, so wünschen die Apostel in allen ihren Briefen zuerst die Gnade an.

In Summa: weil der feste Grund Gottes allein in der ewigen Gnade bestehet, so führet uns der H. Geist auf so mancherlei Art und Weise auf die Erkenntniß der Gnade, ob wir durch diesen lieblichen Weg recht gründlich mögen gedemüthigt werden, in allen Stücken unsere Unwürdigkeit zu erkennen, und alles von der Hand des himmlischen Vaters, als eine Gnade anzunehmen, und demnach in allen Dingen Gelegenheit zu finden mit unserer ganzen Seele, und mit unserem ganzen Geiste, in diejenige Quelle wieder einzufliessen, welche sich ohne Unterlaß auf uns und in uns ergiesset; und ob wir durch solchen Reichthum der Gnade rechte Gnadenkinder möchten werden, die sich nicht durch ihre verderbte Natur, welche unter dem Zorn liegt, sondern durch den Geist der Gnaden alle Welt regieren liessen; ja ob wir uns möchten gewinnen lassen durch die Gnade, die Natur dergestalt zu tödten, daß, was wir leben, nicht Natur sei, sondern Gnade aus der Fülle der Gnaden, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn. Bei der Welt ists ein Großes, wenn sie von einem Menschen sagen darf, daß viel Verstand in ihm ist; aber in Gottes Wort werden wir auf etwas Besseres gewiesen, und wird gerühmt, wann viel Gnade bei einem ist, nach dem Exempel unsers Heilandes.

Was ist es aber, das Johannes spricht: Wir haben alle aus seiner Fülle genommen Gnade um Gnade? Er will sagen: in Christo Jesu widerfahre uns eine Gnade über die andere; wann dieser Strom einmal anfange zu fliessen, so ergiesse er sich ohne Unterlaß, weil er aus einer ewigen Quelle kommt, die wieder in die Ewigkeit gehet; wenn Gott sich erbarme, so sei des Erbarmens kein Ende; wenn er segne, so sei des Segnens kein Ende. Nicht allein aber will er dieses sagen, sondern, wie es eigentlich lautet, wir nehmen Gnade gegen Gnade, immer eine Gnade gegen die andere, also daß gleichsam Gnade mit Gnade belohnet und vergolten wird, da eine stetige additio und multiplicatio (Zusatz und Vermehrung) ist, und das in infinitum (unendlich). Gott gibt dem Menschen einen Blick seiner Gnaden; wenn er den mit demüthigem und gläubigem Herzen annimmt, so ist gleich dabei eine grössere Gnade, und ist er in derselbigen treu, so zeigt sich auch bald die unaussprechliche Treue Gottes mit Darreichung neuer Gnade, die noch herrlicher ist, als die vorige; auch die Prüfungen, welche dem Menschen gleichsam als in seinem Laufe begegnen, wie hart sie gleich dem blöden Fleische dünken, sind nichts denn Gnade, werden durch Gnade überwunden, und gleichwohl mit neuer Gnade vergolten, wie an dem gläubigen Abraham zu sehen. So öffnet sich in dem ganzen Gnadenreich Christi immer eine Pforte der Gnaden nach der andern, welche immer herrlicher sind, und immer größeren Reichthum der Gnade zeigen und offenbaren, bis sie den Menschen in die Ehren-Pforte einleiten, da die Gnade nicht mehr im Glauben, sondern im Schauen, nicht mehr in Begierde und Verlangen, sondern in ewiger Sättigung und in vollkommener unendlicher Fülle, mit unaussprechlicher und herrlicher Freude genossen wird. So bleibet in dem Reiche unsers Herrn Jesu Christi nichts denn Gnade, und alles menschliche Verdienst und menschlicher Ruhm wird aufgehoben, weil dieses Gnadenreichs Anfang stehet in der ewigen Begnadigung und Erbarmung, und dessen Fortgang ist in lauter Gnade, und des Begnadigens und Erbarmens so gar kein Ende ist, daß immer eine Gnade die andere herauslocket, und gleichsam anzündet, wie ein Fünklein eine Feuersbrunst erwecket. O welch eine Gluth und Flamme der Liebe und der Gnade wird das in alle Ewigkeit sein! Denn wir habens mit einem unendlichen Gott zu thun, dessen Gnade eine unendliche Gnade ist, und der seine Gnade auf eine unendliche Weise offenbaren kann, und sie auch auf eine unendliche Weise nach seiner Verheißung offenbaren wird.

Wer mag aber von der Gnade singen? Ist jemand gutes Muthes, spricht Jacobus, der singe Psalmen. So gehört nun ein fröhlich, das ist, ein gnadenvolles Herz dazu, so man in der Wahrheit von der Gnade singen soll. Die Rechtfertigung des armen Sünders vor Gott, so da bestehet in der Vergebung der Sünden, und in der Zurechnung der vollkommenen Gerechtigkeit unsers Herrn Jesu Christi (da Gott alle Sünden um Christi willen vergiebt, und da die göttliche Gnade in dem Herzen des Menschen, gleichwie die Sonne über dem Erdboden aufgehet, und alle Sünden wie einen Nebel vertilgt, Christus aber mit aller seiner Gerechtigkeit und mit der Fülle seiner Gnaden sich dem Menschen zu eigen schenkt und giebt,) ist gleichsam das Centrum oder Mittel-Punkt, darinnen alle Gnade Gottes bei dem Menschen zusammen fliesset. Darum ist Freude im Himmel über einen Sünder, der Buße thut, vor neun und neunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Da wird die Gnade Gottes in der Seele und im Geist des Menschen offenbar, da geschieht eine liebliche Gnaden-Vereinigung Gottes mit dem Menschen und eine Glaubens-Vereinigung des Menschen mit Gott; da fängt der Mensch an, die Gnade der Kindschaft zu schmäcken, und sich einen Sohn oder Tochter des lebendigen Gottes mit Demuth und wahrhaftigem Trost zu nennen; denn da fängt der Geist der Kindschaft an zu rufen das „Abba, lieber Vater“; da tritt er in alles Recht der wahrhaftigen Kinder Gottes, dieweil er errettet ist von der Obrigkeit der Finsterniß, und versetzet in das Reich des Sohnes der Liebe, in welchem er findet die Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden: Darum kann er sich eben sowohl der Gnade und Liebe Gottes trösten und freuen, als die heiligen Engel im Himmel, weil ihn Gott nun nicht mehr in seinem natürlichen Elende, sondern in der Gnade seines Sohnes ansiehet, denn er ist abgewaschen, er ist geheiliget, er ist gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesu, und durch den Geist unsers Gottes. Nun mag er mit Wahrheit sagen: Ich glaube an Gott den Vater; ich glaube an Jesum Christum; ich glaube eine Vergebung der Sünden; welches er vorhin auch sagte, aber ohne Kraft, ohne Geschmack, ohne wahre Erkenntniß, was das auf sich habe, dieses zu glauben.

Wer mag aber von dieser Gnade singen, und sich deren von Herzen erfreuen, wann er nicht vorhin erkannt hat (und dieses ist auch Gnade) wie er von Natur sein ein Kind des Zorns, unter dem Zorn und Fluch liege, und ihm demnach nichts so nothwendig zu sein erachtet, noch etwas so sehr gewünschet und begehret, als die Gnade Gottes? Das: Gott sei mir Sünder gnädig! muß vorher sein Bußgesang gewesen sein, und das nicht mit dem Munde allein, sondern vielmehr mit dem Herzen, welches dieses Klaglied bald formiret, wann es von Gott zur gründlichen Erkenntniß seines Elendes und Verderbens dergestalt gebracht ist, daß es in göttliche Traurigkeit geräth, da ihm um Trost bange wird, und durch keinen weltlichen Trost aufgerichtet werden mag, sondern allen Trost darinnen suchet, daß es sich der Gnade Gottes versichern könne, und sich ehe nicht zufrieden giebt, bis es diese Versicherung nicht allein von Menschen, sondern von Gott durch den Geist der Gnaden und Kindschaft erlanget hat.

Wann nun die Gnade Gottes einen wahrhaftigen Schein ins Herz des Menschen gegeben, und der Mensch sich aus dem Tode ins Leben versetzt findet, so mag er aus dieser seiner Rechtfertigung vor Gott, da er in Christo zu einem Gnaden-Kinde Gottes worden, gleichsam als aus dem Mittel-Punkte in die ganze Peripherie oder Circumferenz sein geistliches Gesichte, welches ihm dieser Anblick der Gnade Gottes verliehen, herum gehen lassen, und nach der Gnade, die ihm dazu gegeben wird, alle Schätze und Reichthümer der Gnade Gottes beschauen mit stillem und ruhigem Geiste, ja er mag in die Ewigkeit zurück, oder in die Ewigkeit vor sich sehen, und also erkennen, wie ihm Gott nach der unendlichen Fülle seiner Gnade gleichsam mit zweien Armen einer ewigen Gnade umfähet und beschliesset; auch mag er mit seinem ganzen Gemüthe in die gegenwärtige Seligkeit einschauen, in welche er bereits wahrhaftig (obwohl im Glauben und Hoffnung) ein- und aufgenommen ist; denn nun ist er kommen zu dem Berge Zion, und zu der Stadt des lebendigen Gottes, zu dem himmlischen Jerusalem, und zu der Menge vieler tausend Engel, und zu der Gemeine der Erstgebornen, die im Himmel angeschrieben sind, und zu Gott dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollkommenen Gerechten, und zu dem Mittler des neuen Testaments Jesu, und zu dem Blut der Besprengung, das da besser redet denn Abels. Wird der Mensch von diesem Mittelpunkt nicht abweichen, sondern in stetiger Vereinigung seines Glaubens mit der ewigen Gnade in Christo Jesu Gottes Liebeswesen, wie ers in seinem Wort geoffenbaret hat, beschauen, und seine Augen in großer Einfältigkeit darauf gerichtet sein lassen, so wird ihm die Sonne der Gnaden immer heller scheinen und leuchten, und ihm in allem vorgehen, sein Herz erwärmen, erhitzen, und gar durchfeuern in der Liebe Gottes, daß er freudig und heldenmüthig werde, zu laufen in den Wegen des Herrn, durch eine stets in ihm wirkende wahre Kraft der göttlichen Gnade, bis an ihm das Wort erfüllet würde: Die den Herrn lieb haben, müssen sein, wie die Sonne aufgehet in ihrer Macht.

Darum höre nicht im geringsten das Eingeben des Teufels, noch deiner falschen Vernunft, noch jemanden, wer es auch ist, der auf dich losstürmt, sondern bleibe stehen in deinem Mittelpunkt unbeweglich und unverrückt, und richte dein Auge als ein Adler in die Sonne der Gerechtigkeit. Braucht Satan noch andere Griffe, und stellet dir vor, wie fein fromm und tugendhaft du seist, wie du dich nun so meisterlich überwinden könnest, und so viel besser seist und frömmer als andere Menschen, so lasse dich eben so wenig mit ihm ein, sondern antworte ihm kurz. Hier gilt nichts denn Gnade, ich erkenne nichts als das Lamm Gottes, welches meine Sünden trägt; ich bin dir Satan weder fromm noch böse, denn die Gnade hat den Platz eingenommen, und ich muß nichts sein, damit Christus alles in allem sei. Hast auch du, o eitele Vernunft, von meinen Fehlern oder Tugenden etwas zu sagen, so sage es dem Mann, der mir gemacht ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung, und zur Erlösung. Denn um seinetwillen habe ich gelernet, mich keines Ruhms anzumaßen nach dem Fleisch, und mich Gottes zu rühmen, und aller seiner Gnade, Liebe und Erbarmung in Christo Jesu.

O es ist ein großer, starker, ernstlicher Kampf, welcher erfordert wird, daß die Seele des gläubigen Menschen sich nicht aus ihrem Mittelpunkt verrücken lasse! Denn auch das versuchet der Satan, ob er sie wieder in ein falsches Licht bringen könne, da sie sich (gleichwie Lucifer) in der Gnade erhebe, ihr selbst etwas zuschreibe, von der gründlichen Herzens-Demuth abweiche und sich für etwas halte. Und wenn der Mensch an dieser Seite dem Feind begegnen will, so wartet wieder an der andern Seite Furcht und Schrecken, davor er sich nicht gehütet. Wie ein Großes ist es dann, daß der Mensch in seinem Nichts, in seiner seligen Einfalt, in dem Frieden, der über alle Vernunft ist, in dem süßen, demüthigen Blick der lauteren Gnade und Erbarmung Gottes dergestalt feste stehe, daß er weder zur Rechten noch zur Linken weiche, und Gottes Gnade ihm alles in allem bleibe in Christo Jesu unserm Herrn.

Was ist es denn Wunder, daß Gott ein so herzlich Wohlgefallen hat, nicht allein an denen, die in seiner kindlichen Furcht feste gegründet, auf seine Güte hoffen? Was ist es Wunder, daß sogar oft und vielmal von dem heiligen Geiste selig gepriesen werden, die auf Gott ihr Vertrauen setzen? Was ist es Wunder, daß der glaube eine feste Stütze und Grundsäule des ganzen Gebäudes unserer Seligkeit genannt wird? Was ist es Wunder, daß die Alten durch den Glauben Zeugniß überkommen haben? Was ist es Wunder, daß Gott beides im Alten und im Neuen Testament, stets die Furcht seinen Kindern aus dem Herzen vertreibet, und, wann sie als noch im Fleische Lebende davon angefochten worden, ihnen zugerufen: Fürchte dich nicht, ich bin mit dir, sei nur freudig und sehr getrost, siehe, ich habe dir geboten, daß du sehr freudig seist, laß dir nicht grauen, und entsetze dich nicht. Denn Gott erkennet wohl, daß der Mensch keinen stärkern und härtern Kampf habe als diesen, daß er von dem Mittelpunkt, d.i. von dem Anblick der göttlichen Gnade und Erbarmung in der Erkenntniß seiner Nichtigkeit nicht verrücket werde. So ist nun aller äußerlicher Kampf, ja wenn er auch noch so innerlich schiene, nichts zu rechnen gegen diesen Kampf, in welchem man doch keine rauschende Waffen gebraucht, noch mit großem, äußerlichen Ansehen den Feind überwindet, sondern der Mensch stehet selbst in seiner Festung, und ist als ein Augapfel Gottes bewahret, den niemand anrühren noch ihm schaden darf, so lange er in diesem demüthigen Anblick der unendlichen Gnade und Huld Gottes beharret, so er diese Festung einmal als sein gar sicheres Schloß kennen lernet, so läuft er augenblicklich dahin (wenn ihn der Geist des Herrn seines Strauchelns erinnert) und wird beschirmt.

Wenn nun die Seele also gesegnet ist, im Paradiese der Gnaden Gottes sich mit Glaubens-Augen umzusehen, so wird ihr denn im Lichte Gottes offenbar, wie sie mit Gnade und Erbarmung Gottes umfangen sei, daß sie kein Kleid sogar bekleidet, ja die Luft selbst den Menschen nicht so gar umgeben und erfüllen könne, als sie sich mit lauter Gnade und Erbarmung umgeben siehet. Denn auch darinnen erkennt er die Gnade, daß er in Gott lebet, webet und ist, und lernet nun erstlich mit inniglicher Herzens-Demuth seinen rechten Vater, Schöpfer, Erhalter, Versorger und Beschirmer ehren und anbeten, und alles, was er von seiner milden Vaterhand genießet, ja alles, was ihm begegnet, es dünke ihm gleich süß oder bitter, das nimmt er an, als einen Ausfluß seiner Gnade.

O welch eine Tiefe des Reichthums, der Gnade Gottes in Christo Jesu! Christus ist für uns Gottlose gestorben. Das ist ja pur lauter Gnade; denn wir hatten uns nicht durch Heiligkeit und Frömmigkeit um Gott so verdient gemacht, daß er daher Ursache gehabt hätte, uns so hoch zu lieben, daß er seinen eingebornen Sohn für uns in den Tod gäbe. Und wenn uns bloß und allein dieselbige Heiligkeit und Frömmigkeit gemangelt, sich aber gleichwohl nichts an uns gefunden hätte, welches des ewigen Zorns und Fluchs würdig gewesen wäre, so möchten wir uns doch nicht so sehr über diese hohe Gnade verwundern. Aber siehe diejenigen, die da waren Gottlose und Sünder, und zwar die wider Gott ihren Schöpfer mißgehandelt, die hat der, welcher doch selbst von ihnen beleidiget war, einer solchen Gnade gewürdiget, die mit keinem Dinge verglichen werden mag, und hat dieselbige Huld und Gnade nicht mit Worten, sondern mit der That selber gepriesen.

John Newton.
Daß der Richter aller Welt nicht unrecht richten wird, ist mir so einleuchtend und ausgemacht gewiß, als daß zweimal zwei vier sind. Ich glaube, daß er unumschränkt bemächtigt ist, mit den Seinigen zu thun, was er will, daß aber auch seine unumschränkte Gewalt nichts anders ist, als höchst freie Anwendung seiner Weisheit und Güte. Nichts destoweniger sind doch meine Urtheile oft so beschaffen, als wenn ich von diesen Grundwahrheiten nie gehört oder sie doch förmlich verleugnet hätte. Ich bemerke in mir einen vermessenen Geist, der von allem, was sich zuträgt, gerne Rechenschaft gethan hätte, und, was er nicht begreifen kann, zu bestreiten waget. Welch ein Elend ist es doch, daß die irdene Scherbe mit ihrem Töpfer rechten will! Gegen meine Nebenmenschen handle ich nicht so, die Aussprüche eines Richters oder die Einrichtungen eines Feldherrn tadle ich nicht, weil ich, ob ich gleich weiß, daß sie fehlen können, dennoch voraussetze, daß sie, jeder in seinem Fach, geübter sind, als ich bin. Da aber, wo es am unvernünftigsten und unverzeihlichsten ist, bin ich oft bereit, mir diese Freiheit herauszunehmen. O! daß man mit tausend Zungen den wichtigen Ausspruch unseres Herrn in die Ohren der gedankenlosen Sterblichen rufen könnte: „Eins ist Noth!“ doch auch tausend Zungen würden umsonst sein, und sind umsonst, wenn nicht der Herr nach seinem Wohlgefallen, durch die kraft und Wirkung seines Geistes, seine warnende Weckstimme ergehen läßt.

Nach dem Worte, daß du im Namen des Herrn uns sagest, wollen wir dir nicht gehorchen; sondern wir wollen thun nach alle dem Wort, das aus unserm Munde gehet. Jerem. 44,16.17. Wahrlich, wir müßten keine Erkenntniß von dem Werth der uns anvertrauten Seelen, und kein Mitleiden gegen dieselbigen haben, wenn dieses nicht schmerzliche Betrübniß bei uns verursachen sollte, und unsere Erfahrung muß uns zum Theil lehren, was der herzrührende Ausruf des Jeremias sagen will, Jerem. 9,1.: O, daß ich Wasser genug hätte in meinem Haupte, und meine Augen Thränenquellen wären, daß ich Tag und Nacht beweinen möchte die Erschlagenen in meinem Volk! Es kommt uns zu, wir sollten so bewegt darüber sein! Die Betrachtung der Weisheit und unumschränkten Oberherrschaft Gottes ist es, was noch allein dabei beruhigen kann. Er offenbaret sein Heil, wem er will, größtentheils den Unmündigen; der Menge von Weisen und Klugen ist es aber verborgen. So hat es ihm gefallen, und so muß es daher recht sein. Ja! es kommt ein Tag, an welchem er sich dazu herablassen wird, die Schicklichkeit und Billigkeit dieses Verfahrens gegen seine Geschöpfe zu rechtfertigen; dann wird ein jeder schweigen müssen, und keiner im Stande sein, etwas wider ihren Richter vorzubringen. Das Licht ist in die Welt gekommen, aber die Menschen lieben die Finsterniß mehr, denn das Licht. Sie hassen das Licht, widersetzen sich demselben, empören sich dawider. Es ist freilich wahr, daß alle es so machen, und wenn also sie alle zur Verdammniß verstoßen würden, so würden sie sich selbst die Schuld davon beimessen müssen. Daher ist es allein aus Gnaden, daß einige errettet und selig werden; und in Ansehung der Austheilung dieser Gnade thut Gott mit dem Seinigen, was er will. Ein Recht, welches die Mehrsten in ihren eigenen Angelegenheiten sich anmaßen, und doch wollen sie es dem, der der Herr ist über alles, nicht zugestehen. es sind über diese Materie viele hitzige und erbitternde Streitigkeiten geführt worden, aber die Erlöseten des Herrn sind berufen, nicht mit Worten zu streiten, sondern ihn in ihrem Herzen zu bewundern, sich seiner zu freuen, ihn zu lieben, anzubeten und zu gehorchen. Daß wir wissen, daß er uns geliebet, und sich selbst für uns dahingegeben hat, ist eine dringende Ursache und Bewegungsgrund, ihn wieder zu lieben und uns ihm hinzugeben, daß wir uns nicht als unser eigen ansehen, sondern uns ihm zu seinem Dienst und Ehre mit unserm ganzen Vermögen, mit allen unsern Kräften und Gaben aufopfern. Ja! er verdient, daß wir ihm alles aufopfern; denn er hat sich ganz mit allem für uns aufgeopfert. Er machte sich selbst arm, er erduldete Schande, Marter, Tod und den Fluch um unsertwillen, daß wir durch ihn ewiges Leben erwerben möchten. Ach, welche Härtigkeit meines Herzens, daß dieser Gedanke mich nicht noch weit mehr rührt, in Erstaunen setzt und überwältigt!

Moses, wenn er von den Mitteln redet, deren sich der Herr bediente, um Israel zu demüthigen, führt die Speisung desselben mit Manna als ein Mittel an. Ich konnte dieses eine Zeitlang nicht verstehen; ich dachte, sie wären eher in der Gefahr gewesen, stolz zu werden, als sie sahen, daß sie auf eine so außerordentliche Weise ernährt wurden. Allein das Manna wollte sich nicht halten, sie konnten es nicht aufbewahren, und daher befanden sie sich von Tag zu Tag in einer unvermeidlichen Abhängigkeit von ihm; diese Einrichtung war recht geschickt, sie zu demüthigen. Eben so verhält sich’s mit uns im Geistlichen. Es würde uns vielleicht besser gefallen, wenn wir auf einmal mit einem hinreichenden Vorrathe versehen würden, mit einem solchen, uns beständig verbleibenden Maaß von Weisheit und Kraft, worauf wir uns, wenigstens bei gemeinen Vorfällen, verlassen könnten, ohne durch eine Empfindung von Mangel gezwungen zu werden, für eine jede Sache, die uns fehlt, beständig unsere Zuflucht wieder zu dem Herrn zu nehmen. allein seine Weise ist die beste. Seine eigene Ehre wird am meisten geoffenbaret, und unser eigenes Wohl am besten dadurch gesichert, daß wir ganz arm und leer in uns selbst erhalten, und von einer Minute zur andern, je nachdem wir es bedürfen, unterstützt werden. Dieses wird, wen etwas es zu thun vermag, uns vor aller Ruhmredigkeit bewahren, und stets ein Gefühl der Dankbarkeit in unserm Herzen erhalten. Dieses ist besonders dienlich, uns fleißig und brünstig zum Gebet zu machen, und gibt uns tausend Veranlassungen zu seiner Lobpreisung, die unserer Aufmerksamkeit sonst gänzlich entgehen würden.

Aber wer oder was sind wir, daß der Allerhöchste unserer achten sollte? daß er uns alle Morgen besuchen, und uns alle Augenblicke begießen sollte? Es ist ein erstaunlicher Gedanke, daß Gott auf diese Weise bei Menschen wohnen sollte; daß Er, vor dem die mächtigsten Monarchen der Erde weniger als Nichts, und eine Eitelkeit sind, sich so herabneigen und zu den Umständen, Bedürfnissen und Fähigkeiten der schwächsten, der elendesten und ärmsten seiner Kinder bequemen sollte! Aber er hat Wohlgefallen daran. Er siehet nicht, wie der Mensch siehet.

– Sie mögen bemerkt haben, daß ich verschiedene Male von Prädestination oder Gnadenwahl zu reden, mit Fleiß vermieden habe, nicht als wenn ich mich der Lehre schämte, weil, wenn sie in der That dumm, schrecklich und ungerecht wäre, die Schuld davon mit Recht nicht auf mich, denn ich erfand sie ja nicht, sondern auf die H. Schrift fiele, worin sie, wie ich gewiß versichert bin, in eben so deutlichen Worten vorgetragen wird, als die Wahrheit, daß Gott Himmel und Erde schuf. Ich bekenne, daß ich nicht umhin kann, mich darüber zu verwundern, daß Leute, die Hochachtung gegen die Bibel vorgeben, so geradezu und stark ihren Abscheu an dem erklären sollen, was doch die Bibel so ausdrücklich lehret, nämlich: daß Gott nach seiner Gnade und seinem Wohlgefallen einen Unterschied unter den Menschen macht, wenn auch gleich von Natur kein Unterschied unter ihnen Statt findet, und daß alle Dinge, die die Seligkeit solcher Menschen betreffen, durch eine göttliche Prädestination oder Vorherbestimmung untrüglich gesichert sind.

Ich gebe dieses nicht für eine vernünftige Lehre aus, (wiewohl sie mir im höchsten Grade vernünftig vorkommt,) sondern sie ist eine Schriftlehre, oder wenn sie das nicht ist, ist die H. Schrift eine bloße wächserne Rose, und hat keinen entschiedenen Sinn. Was für Geschicklichkeit wird doch dazu erfordert, um viele Stellen so auszulegen und ihnen einen solchen Sinn zu geben, daß sie die Vorurtheile, die wir von Natur gegen Gottes unumschränkte Oberherrschaft hegen, besser begünstigen! Matth. 11,25.26. und 13,10-17. Marc. 13,20.22. Joh. 17, hin und wieder in diesem Capitel. Joh. 10,26. Röm. 8,28-30., und 9,13-24. und 11,7. Ephes. 1,4.5. 1 Petr. 1,2. Wäre ich sowohl ein Freund vom Disputiren, wie ich keiner bin, so deucht mir, ich könnte es einem Vernünftler, der alles auf das Genaueste nimmt, schwer machen, die Wahrheit der schriftlichen Prophezeiungen oder den Glauben an eine besondere Vorsehung, es sei denn, daß er eine göttliche Prädestination der Ursachen und Begebenheiten zum Grunde seiner Behauptungen legen wollte, zu behaupten. Jedoch, wie gesagt, ich habe mir vorgenommen, diesen Punkt dahin gestellt sein zu lassen, weil, so wahr und nothwendig auch immer derselbige an sich selbst ist, die Erkenntniß und das Begreifen desselben nicht nothwendig erfordert wird, um ein wahrer Christ zu sein, wiewohl ich auch fast nicht glauben kann, daß Einer, dem es daran fehlt, ein ächter, standhafter Gläubiger sein könne.

Es ist leicht, falsche Folgerungen zu machen, die ich weder zugebe, noch sich auch mit Recht aus meinen Grundsätzen herleiten lassen. Gott kann nicht der Urheber von der Sünde in dem Verstande sein, mit dem sie, wenn ich es so nähme, mich bald festgesetzt haben würden; allein ist es wohl möglich, daß Sie nach Ihrem Plan keine Schwierigkeiten in Ansehung dessen, was die H. Schrift uns von dieser Materie lehret, finden? Ich halte dafür, daß diejenigen, die etwas zu dem Tode Christi beitrugen, sehr große Sünder waren, und daß sie dadurch, daß sie ihn an das Kreuz nagelten, himmelschreienden Frevel begingen; dennoch, wenn wir dem Apostel glauben dürfen, geschahe dieß Alles aus bedachtem Rathe und Vorsehung Gottes, wie wir lesen Apostelg. 2,23. Und sie thaten nichts mehr, denn was seine Hand und sein Rath zuvor bedacht hatte, das geschehen sollte. Cap. 4,28. Sie werden auch zugeben, daß diese frevelhafte That (frevelhaft in Rücksicht auf diejenigen, die sie begingen,) nicht nur zugelassen wurde, sondern auch verordnet war, und zwar in der strengsten und eigentlichsten Bedeutung dieses Wortes; die Ehre Gottes und das Heil der Menschen hing davon ab, daß sie geschah, und zwar gerade auf die Weise und unter allen denen Umständen, die wirklich Statt fanden, und dennoch handelten Judas und die Uebrigen nach freiem Willen, und ihre Ruchlosigkeit war ganz eigentlich ihre eigene Ruchlosigkeit. Nun, mein Freund, werden die Gründe, die Ihnen zum Beweis hinlänglich sind, daß die H. Schrift Gott nicht als den Urheber der Sünde bei dieser Anordnung vorstelle, zu gleicher Zeit auch zu meiner Rechtfertigung dienen; und wenn Sie in der Meinung stehen, daß Sie leicht durch Vorlegung der Frage den Sieg über mich davon tragen würden: „Kann Gott der Urheber der Sünde sein?“ so fällt das, was Sie mir zur Last legen, geradezu auf das Wort Gottes selbst. Gott ist eben so wenig der Urheber der Sünde, als die Sonne die Ursache des Eises ist; sondern die Natur des Wassers bringt es so mit sich, daß es zu Eis gefrieret, wenn es auf eine Zeitlang in einem gewissen Grade der Kraft der Sonne entbehren muß. So ist auch in den Herzen der Menschen Sünde genug, um, wenn er aufhörte, an denselben seine Kraft zu beweisen, und sie im Zaum zu halten, die Erde der Hölle ähnlich zu machen, und zu zeigen, daß Menschen nicht besser denn eingefleischte Teufel sind. Manchmal und in einigen Fällen gefällt es ihm, es wirklich auf eine augenscheinliche Weise zu thun, und insofern er es thut, erscheint sogleich die menschliche Natur in ihrer wahren Gestalt. Zweifel dieser Art sind, ehe noch einer von uns geboren war, schon zu wiederholten Malen aufgeworfen und widerlegt worden, und der Apostel wußte augenscheinlich zum Voraus, daß sie wider seine Lehre vorgebracht werden würden, daher er mit der Frage selbst einem Jeden entgegenkömmt: Was schuldiget er denn uns? Wer kann seinem Willen widerstehen? Röm. 9,19. Und diesen, die so fragen, gibt er keine andere Antwort, denn daß er die Ursache davon in Gottes unumschränkte Obermacht, und in die Macht, die ein Töpfer über seinen Thon hat, setzt. Ich glaube, daß ich schon einmal in einem meiner vorigen Briefe die Beschuldigung, als bestünde ich mit Eigensinn auf meine eigenen Meinungen, von mir abzulehnen gesucht habe. Ich bekenne recht gern, daß ich mich irren kann, aber in Ansehung des Weges zur Seligkeit mache ich doch auch Anspruch auf eine Gewißheit. Ich bin von einigen Dingen eben so gewiß, als von meinem eigenen Dasein, und ich würde es sein, wenn außer mir keine menschliche Seele mehr in der Welt wäre. Jedoch meine Meinungen sind durch die Genehmigung vieler Tausende, die vor mir gelebt haben, und sehr vieler, mit denen ich an verschiedenen Orten und unter verschiedenen Umständen, so daß der eine den andern gar nicht kannte, umgegangen bin, bestätiget worden; sie hatten, so wenig sie auch miteinander bekannt waren, doch alle die nämlichen Einsichten erlangt, weil sie alle von dem nämlichen Geiste waren unterrichtet worden.

Sie haben Zweifel wider die Lehre von der Erwählung. Sie werden inzwischen darin mit mir einstimmen, daß die H. Schrift davon redet, und zwar in sehr starken und klaren Ausdrücken; besonders der Apostel Paulus. Es sind mir einige (wie ich nicht anders glaube) aufrichtige Leute vorgekommen, die mir gesagt haben, daß sie nicht ausstehen könnten, sein neuntes Kapitel an die Römer zu lesen, sondern allemal es überschlügen, – so daß also ihre Vorurtheile wider die Erwählung, ihnen auch Vorurtheile wider einen Theil der H. Schrift einflößten. Aber warum denn das? Warum wohl anders, als weil die Lehre, welche man scheuet, zu deutlich darin enthalten ist, als daß ihr ausgewichen werden könnte. Allein Sie werden sagen, daß doch manche Schriftsteller und Prediger es versuchten, den Worten des Apostels einen leichteren Sinn beizulegen. Lassen Sie uns denn (wie ich oben gerathen habe) aus der Erfahrung urtheilen. Wenn Sie das zugeben, was ich gewiß weiß, daß Sie zugeben werden, die gänzliche Verdorbenheit der menschlichen Natur, wie können wir uns auf die Bekehrung einer Seele zu Gott Rechnung machen, es sei denn, daß wir auch eine Gnadenwahl annehmen? Das Werk muß irgend von einer Seite den Anfang nehmen. Entweder sucht der Sünder zuerst den Herrn, oder der Herr zuerst den Sünder. Das erstere ist unmöglich, wenn wir von Natur todt sind in Sünden und Uebertretungen, wenn der Gott dieser Welt unsere Augen verblendet hat, und den Besitz von unsern Herzen behauptet, und wenn unsere fleischlichen Gesinnungen so sehr abgeneigt sind, Gott zu suchen, daß sie vielmehr eine Feindschaft wider ihn sind. Erlauben Sie mir, daß ich mich auf Sie selbst berufe. Mir deucht, Sie kennen sich selbst zu gut, als daß Sie sagen sollten, daß Sie zuerst den Herrn entweder gesucht oder geliebt hätten; vielleicht sind Sie sich’s bewußt, daß Sie für eine Zeitlang, und in soweit als es an Ihnen gelegen war, so gar sich seinem Rufe widersetzt haben, und daß Sie hätten verloren gehen müssen, wenn er Sie nicht am Tage seiner Macht willig gemacht hätte, und Sie Ihnen selbst zum Trotze errettet hätte. In Ihrem eigenen Fall erkennen Sie, daß er den Anfang bei Ihnen machte; und das muß auch durchgehends der Fall bei allen sein, die berufen werden, wenn das ganze Menschengeschlecht von Natur Feinde Gottes sind. Nun weiter: es muß eine Erwählung Statt finden, es sei denn, daß alle berufen werden. Allein wir werden versichert, daß der breite Weg, worauf der größte Haufe von Menschen sich dränget, zum Verderben führet. Befanden nicht Sie und ich uns auf diesem Wege? Waren wir besser, als diejenigen sind, die noch auf demselbigen fortwandeln? Was hat es gemacht, daß wir uns selbst so, wie wir ehemals waren, gar nicht mehr ähnlich sind? Gnade! Was hat es gemacht, daß wir so unähnlich sind denen, die jetzt so sind, wie wir ehemals waren? Gnade! So muß denn diese Gnade im eigentlichsten Sinne der Worte eine unterscheidende oder absondernde Gnade, d.i. mit andern Worten erwählende Gnade sein. Wenn wir nun auch annehmen wollten, daß Gott die Aussonderung oder Auswahl nur zur Zeit unserer Berufung machen sollte, so würde dieses nicht nur ganz unschriftmäßig, sondern auch den Aussprüchen der Vernunft und den Begriffen, die wir von den göttlichen Eigenschaften, besonders der Allwissenheit und Unveränderlichkeit Gottes haben, ganz zuwider sein. diejenigen, welche glauben, daß der Mensch von Natur einiges Vermögen besitze, nach welchem er sich zu Gott bekehren könne, mögen für eine Erwählung, mit Bedingung auf das Voraussehen des Glaubens und des Gehorsams streiten. Allein während Andere disputiren, lassen Sie uns beide die Sache bewundern; denn wir wissen, daß der Herr uns voraussahe (so wie wir waren) in dem Zustande des äußersten Unvermögens, sowohl zu glauben als auch gehorsam zu sein, bis es ihm gefallen würde, in uns das Wollen und das Vollbringen nach seinem eigenen Wohlgefallen zu wirken.

Was die Erhaltung bis ans Ende betrifft, so mögen wir von der Sache in einer gelehrten Hinsicht urtheilen, was wir wollen, so wird, wes sei denn, daß wir uns selbst so erhalten, unser Bekenntniß der Religion gänzlich vergebens sein; denn nur „die, die bis ans Ende beharren, werden selig.“ Matth. 10,22. Man sollte meinen, daß ein jeder, der dieses glaubet und von seiner eigenen Schwachheit, der Anzahl und Stärke seiner geistlichen Feinde, und von den Schwierigkeiten und Gefahren, die von seiner Lage in dieser bösen Welt herrühren, eine gehörige Erkenntniß hat, wenigstens es wünschen wird, (wo möglich) einige Sicherheit zu haben, daß seine Arbeit und seine Erwartung nicht vergebens sein werde. In einer Ungewißheit sich zu befinden, in Ansehung eines Punktes von so großer Wichtigkeit, nichts zu haben, worauf wir uns in Ansehung unserer Beständigkeit im Gutesthun verlassen könnten, als nur unsere eigene schwache Bemühungen, unsern partheiischen Fleiß und kurzsichtige Sorgfalt, das muß doch sicherlich für uns beunruhigend sein, wenn wir recht bedenken, wie unvermögend wir an uns selbst sind, den mächtigen Versuchungen der Welt, des Fleisches und des Teufels, die sich wider unseren Frieden vereinigen, Widerstand zu leisten. In dieser Hinsicht sollte ich erwarten, daß die Gegner dieser Lehre, wenn sei eine vollkommene Einsicht von ihrem Zustande und Umständen hätten, gesetzt, daß sie auch wirklich im Stande wären, sie als schriftwidrig und falsch zu beweisen, über ihren Sieg weinen und betrübt sein würden, daß eine Meinung, die so augenscheinlich geschickt ist, unsere Hoffnung anzufrischen und zu beleben, in der Wahrheit nicht gegründet sein sollte. Man darf sich ganz und gar nicht darüber wundern, daß diese Lehre, welche dem Herrn die Ehre giebt, die seinem Namen gebühret und seinem Volk so kräftige Beruhigung darbietet, von Menschen mit verdorbenen Herzen widersprochen und verschmähet wird. Aber wohl mag es uns sehr befremdend vorkommen, daß diejenigen, die es empfinden, wie nöthig sie dieselbige haben und ohne dieselbe nicht ruhig sein können, furchtsam oder abgeneigt sein sollten, sie anzunehmen. Dennoch giebt es viele Kinder des Lichts, die in diesem Stück in der Finsterniß wandeln. Entweder werden sie durch die Urtheile derer, von denen sie glauben, daß sie weiser wären als sie selbst, wankend gemacht, oder sie stoßen sich an dem Abfall der Christen, die einst Vertheidiger der Lehre waren, oder sie werden endlich verwirrt, weil sie jene Stellen der H. Schrift nicht verstehen können, die eine andere Sprache zu führen scheinen. Allein so wie Licht und Erkenntniß bei ihnen zunehmen, so nehmen diese Schwierigkeiten bei ihnen ab. Der Herr behauptet die Ehre, und er macht sich zur Vollendung eines vollkommenen Werkes der Seligkeit anheischig, daß keine Macht sein Volk aus seinen Händen reißen oder sie von seiner Liebe scheiden soll. Ihre Erhaltung in der Gnade kann, außerdem, daß sie in vielen ausdrücklichen Verheißungen versichert wird, auch noch bis zur vollkommensten Ueberzeugung aus der Unveränderlichkeit Gottes, aus der Stellvertretung Christi, aus der Vereinigung, die zwischen ihm und seinem Volk Statt findet und aus der Quelle des geistlichen Lebens, die er in ihren Herzen angerichtet hat, und die selbst ihrer Natur nach mit dem ewigen Leben in der genauesten Verbindung steht, (denn Gnade ist der Same der Herrlichkeit) bewiesen werden. Ich habe nicht Platz genug, von diesen einzelnen Stücken weitläuftig zu handeln, sondern verweise Sie auf folgende Schriftstellen, aus welchen starke und unumstößliche Beweise für ihre Gewißheit hergeleitet werden können: Luc. 14,28-30. Wer ist unter euch, der einen Thurm bauen will etc. Verglichen mit Phil. 1,6. Ich bin desselben in guter Zuversicht etc. Hebr. 7,25. Er kann selig machen immerdar etc. Röm. 8,24-39. Wer will verdammen? etc. Joh. 14,19. Es ist noch um ein Kleines etc. Joh. 15,1-2. Ich bin ein rechter Weinstock etc. Joh. 4,14. Wer des Wassers trinken wird etc. Warum sollten denn nun Sie, mein Freund, wenn Sie alle diese Gründe betrachten, da Sie Ihre Zuflucht zu der Hoffnung genommen haben, die Ihnen vorgehalten wurde, und Ihre Seele übergeben haben, sich nicht in ihrem Heil freuen und sagen: So lange Christus der Grundstein, die Wurzel, das Haupt und der Bräutigam seines Volkes ist, so lange das Wort Gottes Ja und Amen ist, so lange die Rathschlüsse unveränderlich sind, so lange wir einen Mittler und Hohenpriester vor dem Thron im Himmel haben, so lange der H. Geist bereit und vermögend ist, den Wahrheiten des Evangeliums Zeugniß zu geben, so lange Gott weiser ist, als die Menschen sind, und stärker als der Satan, so lange wird der Gläubige in Jesu sein, und ist sicher! Himmel und Erde müssen vergehen, aber die Verheißung, der Eid und das Blut, worauf sich meine Seele verläßt, giebt mir eine sichere Hoffnung, die mir niemals fehlschlagen kann.

So wie die Lehren von der Erwählung und beständigen Erhaltung in der Gnade tröstlich sind, so benehmen sie uns alles Recht zum Eigenruhm und zum Selbstvertrauen, wenn sie wahrhaftig in dem Herzen angenommen worden sind, und gereichen deßwegen natürlicherweise dazu, den Heiland zu erheben. Sie machen den Stolz alles menschlichen Ruhms zu Schanden, und lassen uns nichts über, dessen wir uns mit rühmen könnten, als den Herrn. Je mehr wir von unserer äußersten Verdorbenheit und Unvermögen in der Sache von Anfang an bis zu Ende überzeugt sind, desto vortrefflicher wird uns Jesus vorkommen. Der Gesunde mag wohl einmal dem Arzt ein gutes Wort geben, aber der Kranke allein weiß ihn recht zu schätzen, und hier kann ich nicht anders als einen Unterschied bemerken zwischen denen, die nichts haben, worauf sie ihr Vertrauen setzen, als nur die freie Gnade, und denen, die zum wenigsten ein Etwas, eine gewisse gute Anlage und Fähigkeit dem Menschen zuschreiben. Wir pflichten allem und jedem bei, was sie aus dem Wort Gottes über die Materie von der Heiligung herleiten. Wir gestehen ihre Wichtigkeit, ihre Vortrefflichkeit, ihre Schönheit ein. Aber wir möchten wünschen, daß sie sich mehr mit uns in Erhöhung des Namens des Erlösers vereinigen möchten. Ihre Erfahrung scheint sie zu verleiten, von sich selbst, von der Veränderung, die in ihnen gewirkt worden ist, und dem Vielen, das von ihrer eigenen Wachsamkeit und Bestreben abhängt, zu reden. Wir möchten auch gern dankbar dafür sein, wenn wir wahrnehmen können, daß eine Veränderung durch die Macht der Gnade in uns gewirkt worden ist; es ist unser Wunsch, daß wir auch wachsam erfunden werden mögen. Aber wenn unsere Hoffnungen am allerlebendigsten sind, so kommt es nicht sowohl von einer Erkenntniß der unvollkommenen Anfänger der Gnade in unsern Herzen her, als von Ergreifung dessen, der unser Alles in Allem ist. Seine Person, seine Liebe, seine Leiden, seine Stellvertretung, sein Mitleiden, seine Fülle und Treue – diese sind unsere ergötzliche Materien, die uns wenig Zeit übrig lassen (wenn wir uns in unserer besten Fassung befinden), von uns selbst zu reden. Wie zerschmelzen unsere Herzen, und unsere Augen gehen über, wenn wir meinen, einige Freiheit zu besitzen, an ihn zu denken und von ihm zu reden! Denn wir haben ehemals keine Hülfe gehabt, noch können wir künftig welche hoffen, als von Ihm allein. Wenn es irgendwo Menschen geben, die nur ein Scherflein zu ihrer eigenen Errettung und Seligkeit beigetragen haben, so haben sie mehr gethan, als wir thun können. Wenn irgendwo welche waren, die sich gegen den ersten Ruf gehorsam und treu bewiesen, so war das der Fall bei uns nicht. Wenn irgend welche gewesen sind, die zum Voraus bereit waren, ihn anzunehmen, so wissen wir, daß wir uns in einem Zustande der Entfremdung von ihm befunden haben. Wir hatten eine allgewaltige, unwiderstehliche Gnade zu unserer Errettung nöthig, oder wir würden auf ewig verloren gewesen sein. Wenn irgend einige sein sollten, die an sich selbst ein Vermögen besitzen, so müssen wir bekennen, daß wir ärmer sind als sie. Wir können nicht wachen, es sei denn, daß Er mit uns wacht; wir können nicht kämpfen, es sei denn, daß Er mit uns kämpft; wir können uns keinen Augenblick erhalten, es sei denn, daß Er uns festhält. Wir glauben auch, daß wir am Ende doch noch verloren gehen müßten, wenn seine Treue nicht geschäftig wäre, uns zu bewahren. Aber wir haben ein festes Vertrauen, daß er dieses thun werde, nicht um unserer Gerechtigkeit, sondern um seines eigenen Namens willen, und weil es ihm, da er uns mit einer ewigen Liebe geliebet hat, gefallen hat, mit liebreicher Güte uns zu sich zu ziehen und sich von uns finden zu lassen, da wir ihn nicht suchten.

Können Sie wohl, mein Theuerster, dem Gedanken bei sich Raum geben, daß ein Mensch, der unter dem Einfluß dieser Grundsätze lebet, ein Verlangen haben werde, in der Sünde zu beharren, weil die Gnade so viel mächt