Römer 8, 18

Denn ich halte es dafür, daß dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, die an uns soll offenbaret werden. (Röm. 8, 18 LUT)

Den Menschen dünken oft ihre eigenen Leiden, und die Leiden anderer Leute, welche sie mitleidig ansehen, sehr groß und schwer zu sein; und fürwahr, wenn man nur so geradezu auf diese Leiden hinsieht, und sie nicht mit etwas Anderem vergleicht, so kann man so davon urteilen; ja man kann in die Versuchung geraten, den großen Gott gleichsam bei Ihm selber zu verklagen, weil Er den Menschen und auch den Gerechten unter ihnen das Leben so sehr erschwere und verbittere, und Einige unter ihnen auch von dem Guten, welches Andern noch vergönnt ist, so wenig genießen lasse. Allein, wenn die Seele mehr Licht bekommt, und anstatt ihren Blick nur auf das Leiden zu heften, rückwärts, vorwärts und himmelwärts sehen kann, so urteilt sie gar anders.

Das Leiden, worüber sie Klage führte, ist ein Leiden dieser Zeit, folglich kein ewiges Leiden. Diese Zeit ist kurz. Von dieser kurzen Zeit ist gemeiniglich alsdann, wenn das Leiden langwierig und sehr schwer zu sein scheint, schon ein namhafter Teil verflossen. Der übrige Teil der Leidenszeit ist vielleicht kleiner, als der Leidende vermutet; gesetzt aber auch, er sei länger, so geht er doch auch schnell vorbei, und nimmt, weil das Leben eines Menschen nur einer Hand breit ist, bald ein Ende. Wenn man sich nun unter dem Leiden zu Gott wendet, fleißig betet, sich an Sein Wort hält, und sich von Ihm zerknirschen, erleuchten und läutern läßt, so folgt auf das Leiden etwas Neues; und was denn? Nicht nur ein Zustand, da man zwischen Freude und Leid gleichsam mitten inne säße, nicht nur eine kleine Erholung und Erquickung, sondern eine Herrlichkeit. Der Leidende wird aus der Tiefe seines Elends bis zu einer ewigen und über alle Maßen wichtigen Herrlichkeit, folglich bis zur Ähnlichkeit mit dem verherrlichten Heiland erhoben. Was kann Größeres gedacht und gesagt werden?

Vorher fiel man andern Leuten als ein Leidender in’s Gesicht, und wurde von Einigen mit Verachtung, von Andern aber mit Mitleiden angesehen: am Tage Jesu Christi aber wird die Herrlichkeit an denen, die durch das Leiden bewährt worden sind, vor Engeln und Menschen offenbar werden, daß Niemand mehr Mitleiden mit ihnen haben, sondern Jedermann sie bewundern wird. Diese Herrlichkeit wird so groß sein, daß man schon jetzt, wenn man sie nach dem Wort Gottes betrachtet, sagen muß, dieser Zeit Leiden sei derselben nicht wert, oder es sei in der Vergleichung mit derselben für sehr klein, ja für nichts zu achten, und die Herrlichkeit sei insonderheit für keinen verdienten Lohn des Leidenden zu halten. Weil denn also “dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert ist, die an uns offenbaret werden soll”, so muß, weil Gott nichts ohne Ursache tut, etwas anderes die Ursache der Schenkung dieser Herrlichkeit sein; und was ist die Ursache?

Nichts als die Gerechtigkeit des eingebornen Sohnes Jesu Christi, des Mittlers zwischen Gott und den Menschen. Das Lamm, das geschlachtet worden, ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Herrlichkeit und Lob, Offenb. 5, 12. Weil nun Jesus würdig war, dieses Alles zu empfangen, so ist Er auch berechtigt, es denjenigen mitzuteilen, die Er für Seine Knechte, Kinder, Brüder und Miterben hält. Ihre Würdigkeit beruhet auf der Seinigen, ja sie ist in der Seinigen enthalten.

(M. Magnus Fr. Roos)

Mel.: O Durchbrecher aller Bande.

1) Christen! wenn das Kreuz uns drücket,
Rechnen wir die kurze Zeit;
Die Geduld und Hoffnung blicket
Auf die lange Herrlichkeit.
O, was wird sich offenbaren
An dem Ziel von uns’rer Bahn!
Denn man wird noch mehr erfahren,
Als der Pilgrim fassen kann.

2) Alle Ehre ist noch wenig,
Wenn man das dagegen stellt,
Daß der Ewigkeiten König
Uns für Seine Söhne hält;
Nichts ist, das dem Erbgut gleiche,
So wir kriegen in dem Licht;
Prinzen erben hier auch Reiche,
Doch sind die der Himmel nicht.

3) Seht auf Ahasveros Schlösser,
Die der beste Wein getränkt:
Weidet nicht das Lämmlein besser,
Das uns Lebenswasser schenkt?
Wenn an Salomonis Kleide
Auch der Lilien Schönheit wär’,
Dennoch wär’ die weiße Seide
Jener Heiligen noch mehr.

4) Uns’re Brüder, die einst glaubten,
Mögen uns ein Beispiel sein;
Denn sie ließen sich enthaupten,
Schliefen unter Steinen ein.
Dieses fassen wir zu Herzen,
Wie das Wort uns glauben lehrt,
Daß kein Spott und keine Schmerzen,
Noch ein Beilstreich Kronen wert!

Abend-Andacht zum 1. Oktober