III. Anknüpfungspunkte für den Geist.

Es kann gar kein Zweifel darüber bestehen, daß die allermeisten Gotteskinder, die in
diese Bewegung hineingekommen sind, in guter Meinung hineingingen. Freilich kann
allen der Vorwurf gemacht werden, daß sie nicht wachsam waren. Dieser Mangel an
Wachsamkeit ist aber in den meisten Fällen mehr auf Unerfahrenheit als auf Leichtsinn
zurückzuführen.

Das aber muß gesagt werden und kann von mir um so eher gesagt werden, da ich
selbst auch in der Bewegung gewesen bin, daß alle, die in die Bewegung hineinkamen, in
irgendeinem Stück nicht bekleidet waren mit der Waffenrüstung Gottes.

Das Wort, welches Paulus in Epheser 6 ausspricht, ist in dieser Bewegung in
hervorragender Weise in Erfüllung gegangen: „Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu
kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in
der Finsternis dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel.“

Deshalb hat der Apostel in dem genannten Kapitel in Vers 11 ermahnt: „Ziehet an den Harnisch Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anläufe des Teufels,“ und wieder in Vers 13: „Um deswillen, so ergreifet den Harnisch Gottes, auf daß ihr an dem bösen Tage Widerstand tun und alles wohl ausrichten und das Feld behalten möget.“

Der Apostel nennt dann als erstes Stück der Waffenrüstung den  G u r t  der
W a h r h e i t.  Schon an diesem ersten Stück hat es bei vielen, die in die Bewegung
hineingekommen sind, gefehlt. In der landläufigen Wahrheit mochten vielleicht alle
stehen, aber in der biblischen Wahrheit standen sie nicht alle.

Ich selbst bin in die Bewegung dadurch hineingekommen, daß ich mich aus der biblischen Wahrheit herausbringen ließ. Ich kam unter den Geist der Bewegung dadurch, daß ich mich für die Irrlehre von der Hinwegnahme der Sündennatur innerlich entschied. Ich hatte diese Irrlehre stets verworfen. Als ein Bruder zu Anfang 1905 mit dieser Lehre auftrat (dieser Bruder ist heute noch ein Zungenredner), habe ich sie im Johanneumsboten (Nr. 6, Juni 1905) mit Entschiedenheit zurückgewiesen. Ebenso habe ich mit Entschiedenheit gegen die Lehre von der Geistestaufe, wie sie von einigen Brüdern unbiblisch vorgetragen wurde, Stellung genommen (Johanneumsbote Nr. 11, September 1906)

Im April 1907 evangelisierte ich 15 Tage in Oels in Schlesien. Danach nahm ich teil an der Brieger Woche. Auf dieser Brieger Woche, wo ich durch die 15– tägige Arbeit müde
und abgespannt ankam, bin ich unter den Irrgeist gekommen, der heute noch in der
Pfingstbewegung tätig ist.

Das geschah wie folgt: Ein Pastor hatte ein Referat gehalten über das Ausziehen des
alten Menschen. Nach Beendigung des Referats trat Pastor Paul auf, der damals schon in
Christiania gewesen und mit dem Zungengeist bereits umnebelt war und sagte wörtlich:
„Was wurde mir ausgezogen?  L u s t  wurde mir ausgezogen“ Dieser Satz brachte mich unter den Einfluß von Pastor Paul. Von Stund‘ an war ich für diese Lehre gewonnen und sagte mir: „Was Pastor Paul hat, das mußt du auch erleben.“

Diese Lehre aber von der Hinwegnahme der Sündennatur ist unbiblisch, sie bewegt
sich nicht in den Grenzen der biblischen Wahrheit, denn „so wir sagen, wir haben keine
Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ (1. Joh. 1, 8) „Wer
sich aber selbst verführt, der braucht sich nicht zu wundern, wenn ihn der Satan verführt“
(Stockmayer). Pastor Paul geht mit seiner Behauptung so weit, daß er in der
Februarnummer der „Heiligung“ 1908 schreibt, daß er das Blut Christi zur Reinigung nicht mehr gebraucht.

An einem späteren Abend saß ich in der Abendversammlung unter dem Vortrag von
Pastor Paul, als eine Macht über mich kam, die mir das Wort eindrückte: „Wenn ich die
Dämonen durch Gottes Geist austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.“ An diese beiden Worte knüpfte der Geist 8 Wochen später in Hamburg wieder bei mir
an. Das erste Wort aus Pastor Pauls Mund zog mich in die Bewegung hinein, und das
zweite Wort, das ich unter dem Vortrag von Pastor Paul empfing, obwohl er davon gar
nicht sprach, diente dazu, daß ich mich mit dem Lärm, der in der Bewegung war,
aussöhnte, denn ich dachte nach Apostelgesch. 8, 7, daß da, wo Geschrei entstand,
Dämonen ausgetrieben würden durch Gottes Geist.

Wie gesagt, Pastor Paul war damals schon in Christiania gewesen, als begeisterter Anhänger der Zungenbewegung zurückgekehrt und hatte in Ostdeutschland an
verschiedenen Orten Vorträge über die Bewegung gehalten, und mit diesem Geist war er
auch 1907 auf der Brieger Konferenz. 1908 hat Pastor Paul in Brieg evangelisiert.
Das erklärt es, daß die ganze Brieger Gemeinschaft mit ihrem Leiter diesem Geist
zum Opfer gefallen ist, denn Br. Edel stand nach unseren Erfahrungen in Kassel dem Geist
sehr skeptisch gegenüber, fiel ihm aber zum Opfer, weil er unter Pauls Einfluß stand,
wenn auch unbewußt. Ich weiß von einem Bruder, der auf dieser Brieger Woche 1907
unter einer Ansprache von Pastor Paul schon Bewegungen des Unterkiefers gespürt hat,
also einen Ansatz von Zungenreden. Geschwister, die sich zu der Irrlehre der Sündlosigkeit im Sinne von Pastor Paul bekannt haben oder sie guthießen, sind in die Bewegung dadurch hineingekommen, daß ihnen im biblischen Sinne der Gurt der Wahrheit fehlte.

Übrigens habe ich diese Tatsache, daß ich auf der Brieger Woche durch Pastor Paul
unter den Geist gekommen war, schon ausgesprochen, als ich noch in der Bewegung
stand, und zwar habe ich das damals ausgesprochen, um meine Dankbarkeit gegen Pastor
Paul zum Ausdruck zu bringen. Wo es nun aber an dem Gurt biblischer Wahrheit fehlt, fehlt es auch in der Regel

2. an dem Panzer der  G e r e c h t i g k e i t.  Ein Christenmensch, der glaubt, daß er wieder dahin gekommen ist, wo Adam vor dem Fall war, steht nicht mehr in dem Geist, den  Tersteegen in dem Vers zum Ausdruck gebracht hat: „Der ist fürwahr vor Gott ein tief erfahrener Christ, der gründlich glaubt, daß er ein großer Sünder ist, der, ganz entblößt in sich, auf pure Gnade traut und als ein Bettler stets Gott nach den Augen schaut.“

Wo aber eine solche Gesinnung nicht mehr ist, da fehlt auch mehr oder weniger der Panzer der Gerechtigkeit Christi. Man geht, wenn auch unbewußt, in die Schlacht hinein mit dem Pappkarton der eigenen Gerechtigkeit, der aber vom Satan schnell durchbohrt ist. Man ist offen für einen fremden Geist und

3. nicht mehr an den Beinen  g e s t i e f e l t,  als fertig, zu treiben das Evangelium des Friedens, denn an die Stelle der frohen Botschaft tritt Aufregung und Gewissenstreiberei, wie sie in dieser Pfingstbewegung so überreichlich vorhanden ist. Mir sagte z. B. ein junges Mädchen in Berlin, es habe sich ernstlich ausgestreckt, dahin zu kommen, Pastor Pauls Lehre auszuleben, es sei aber dabei beinahe ins Irrenhaus gekommen. Das ist aber keine frohe Botschaft mehr.

4. Der  S c h i l d  d e s  G l a u b e n s.  Er fehlte in manchen Fällen auch solchen, die unter
den Geist kamen. So sind mir Fälle bekannt, wo Personen über die Bewegung entrüstet
waren und doch von dem Geiste der Bewegung überwunden wurden. Ich weiß von einem
Manne, dessen Schwester in der Bewegung stand und der in fleischlichem Eifer gegen den
Geist vorging, dann aber von diesem zu Boden geworfen und überwunden wurde. Er
kämpfte gegen den Geist, ohne daß er Deckung hinter dem Schild des Glaubens hatte.
Ebenso erging es einer Schwester, die geradezu wütend auf die Bewegung war. Sie wurde von dem Geist überwunden, als sie in ihrer Wohnung auf dem Bette lag und bekam
sofort eine Gabe, die sie auch einige Zeit in den Dienst der Bewegung stellte. Sie hatte
wohl den klaren Blick: die Bewegung ist nicht von Gott, aber ihr Eifer gegen die Bewegung
zeigte sich, ohne daß sie sich mit dem Schild des Glaubens gegen die Bewegung gedeckt
hatte, und so konnte der feurige Pfeil des Bösewichts in ihr Inneres bringen, so daß sie
getroffen der Bewegung zum Opfer fiel.

Kurz, bei uns allen, die in die Bewegung hineingekommen sind, hat es in irgendeinem
Stück gefehlt an der ganzen Waffenrüstung Gottes. Es waren Anknüpfungspunkte vorhanden für den Feind. Und es ist wichtig, daß jeder einzelne, der in die Bewegung
hineinkam, sich vor seinem Gott klar wird, wo die unbedeckte Stelle bei ihm war, damit
niemand eine erneute Niederlage durch Satans Macht und List erlebt.

► weiter zu Seite 27: IV. Die Geistesgaben

Aus: Dallmeyer, Heinrich / Schrenk, Elias: Erfahrungen in der Pfingstbewegung, Neumünster, [1909]
Eingestellt am 3. Juli 2021