Das christliche Leben – Sechste Predigt (Friedrich Arndt)

Die Durchgangspunkte.

Predigttext: Hoseas II, V. 14. 15.

Darum siehe, ich will sie locken, und will sie in eine Wüste führen und freundlich mit ihr reden. Da will ich ihr geben ihre Weinberge an demselben Ort, und das Tal Achor, die Hoffnung aufzutun; und daselbst wird sie singen, wie zur Zeit ihrer Jugend, da sie aus Aegyptenland zog.

Diese lieblichen Worte sprach der Herr durch den Propheten Hoseas zu Israel, nachdem er in den vorhergehenden Versen unseres Kapitels die Bekehrung des von ihm abgefallenen Volks, vermittelt durch die Verkündigung des göttlichen Worts und durch den Einbruch göttlicher Strafgerichte, dargestellt hatte. Er schildert in ihnen den Zustand des Volks nach der Rückkehr zum Gott seiner Väter. Darum, damit Israel nicht gänzlich zu Grunde gehe, will ich sie locken, sie überreden, daß sie mein werden sollen, und will sie in eine Wüste führen, wie ich vorzeiten Israel aus Aegypten in eine Wüste geführt, und an Not und Errettung, an Wundern und Zeichen vierzig Jahre hindurch erzogen habe, und wenn ich sie in die Wüste geführt, ins Elend verstoßen, und treulich gedemütigt habe, dann will ich freundlich, oder wie es im Grundtexte heißt: ihr ans Herz reden und sie erquicken, dann will ich ihr von dorther ihre Weinberge wiedergeben, das Tal Achor, d. h. das Tal der Trübsal, soll die Tür der guten Hoffnung werden, und daselbst soll sie singen, wie zur Zeit ihrer Jugend, da sie aus Aegyptenland zog.

Der Herr sagt also, er wolle Israel nach seiner Bekehrung in eine Wüste hineinführen, aber dieser Zug in die Wüste solle nur ein Durchzug sein, nur ein Durch- und Uebergangspunkt, um ins Land der Verheißung zu gelangen. Aehnliche Wüsten gibt es auch noch immer für unser inneres Leben, und Gott führt uns in sie hinein, wenn wir uns zu ihm gewendet haben; aber Gottlob, sie sind nur Durchgangspunkte, nur Prüfungsschulen, nicht das innere Glaubensleben selbst.

Laßt uns denn diese Durchgangspunkte des innern Glaubenslebens heute näher kennen lernen, wie sie sich zeigen, 1) in schmerzlichen Entbehrungen, 2) in schweren Anfechtungen, 3) in bittern Rückfällen. Lauter Wüsten, aber durch Nacht geht’s zum Licht, durch Tod zum Leben, durch die Wüsten nach Canaan.

I.

Dreierlei waren, wie wir vor acht Tagen sahen, die Gefahren, welche mit den Tagen der ersten Liebe unzertrennlich verbunden sind; es war zuerst die Verwechselung menschlicher Gefühle mit dem Glauben, es war sodann die Neigung, andere zu richten und zu verdammen; es war endlich die Bekehrungssucht, die nicht ruhen kann, bis sie alles um sich herum in Bewegung gesetzt hat.

Drei große Hindernisse für die Entwicklung des Reiches Gottes in der Welt und im Herzen der Einzelnen. Sie müssen beseitigt werden. Darum führt Gott die Seele in die Wüste, und redet ihr ans Herz! Zuerst in die Wüste innerer Entbehrungen.

Diese innere Entbehrung offenbart sich auf zwiefache Weise, teils dadurch, daß Gott dem Menschen die Wirkung der Gnade, d. h. das Gefühl der Seligkeit in ihm, teils, daß er ihm das Mittel der Gnade, d. h. das Gebet und die Gebetslust entzieht. –

Es ist etwas sehr Schweres, wenn plötzlich nach den Tagen der ersten Liebe das geistliche Leben im Menschen stille zu stehen scheint, und die Gnadenströme von oben, die so lieblich und erquicklich waren, und den Vorschmack himmlischer Seligkeit enthielten, ausbleiben, und alle Quellen der Süßigkeit, des Friedens und des Trostes versiegen, wenn der Glaube, der zuvor jauchzen konnte, jetzt nur in matten Seufzern sich Luft macht: „Ach, Gott, sei du mir nur nicht schrecklich, meine Zuversicht in der Not“; wenn die Liebe erkaltet und zu Reif und Eise wird und man im Dunkeln wandeln soll. Das sind Tage der innern Dürre und Oede, das sind Wüsten für den Glauben! Noch schwerer jedoch ist es, wenn nicht nur von oben herab kein Tröpflein göttlicher Gnade kommt, sondern auch von unten herauf kein Gebet sich hervorringen will oder doch ohne Lust und Drang bleibt, und man nichts weiter vernimmt, als fortwährende, den Glauben nur immer mehr ertötende Klagen über das eigene Unvermögen und die große Sündhaftigkeit, und die niedergeschlagene Seele nicht weiß, wie und was sie beten soll.

Da sitzt der arme Mensch, leer, empfindungslos da und hängt die Harfen an die Weiden. Er geht wohl in die Kirche, aber die frühere Erbauung, der große Segen, in welchem sonst die Seele schwelgte, ist vorüber. Er erscheint wohl am Tische des Herrn zum Genuß des heiligen Abendmahls, aber es ist ihm, als genösse er bloß Brot und Wein, nicht Leib und Blut des Herrn. Er schlägt wohl die Bibel auf und liest darin, aber ein dichter Schleier liegt über seinen Augen, und er liest nur Buchstaben heraus und keinen Geist und kein Leben.

Er sucht wohl Umgang mit andern frommen Menschen und bespricht sich mit ihnen über seinen Zustand, aber doch bleibt’s immer beim Alten und wird um kein Haarbreit besser. Er beugt wohl seine Knie zum Gebet, aber entflohn ist jede Inbrunst, jede Andacht, jeder Fluß der Gedanken und der Worte, und alle Merkmale des Gnadenstandes haben ihr Gepräge verloren. Er muß seufzen mit Asaph: „Ist’s denn ganz und gar aus mit des Herrn Güte? und hat die Verheißung ein Ende? Hat denn Gott vergessen, gnädig zu sein und seine Barmherzigkeit vor Zorn verschlossen?“ – Alles ist wie erstarrt und versteinert in seinem Innern, und fällt einmal ein Gnadentropfen wieder auf die Seele, empfindet man im Gebet oder im Worte einmal eine Erquickung, bringt man mit einem christlichen Freunde ein gesegnetes Stündlein zu, so ist das gleich einem Tropfen, der auf einen glühend heißen Stein fällt und in demselben Augenblick schon wieder spurlos verschwindet und verzehrt wird. Nicht wahr, Geliebte? Das sind schwere, angstvolle Stunden, voll Seelenangst, Gewissensnot, Schwermut und Traurigkeit; das Herz möchte einem da im Leibe zerspringen, es liegt in lauter Klammern und eisernen Banden, wie mit einem großen Steine beschwert. Das sind schaurige Nächte für den Glauben, harte Fasttage für den innern Menschen und wahrhafte Wüsteneien für den Wanderer nach Salem. –

Und doch dürfen sie nicht ausbleiben in der Erziehungsschule des h. Geistes, es ist gut, sehr gut, daß sie kommen. Wie leicht konnte die Seele durch die fortwährende Süße des göttlichen Labsals sicher zu werden beginnen? Wie nahe war sie daran, die Gnade als ihr Eigentum anzusehen, oder solche Gnadenblicke, die ihr nur als Mittel verliehen waren, zur höchsten Gnade, der Vereinigung mit Gott, zu gelangen, für diese höchste Gnade selbst zu halten! Wie verwechselte sie schon das Unwesentliche mit dem Wesentlichen, die Gefühle des Friedens mit dem Frieden selbst! Jenes lebhafte Gefühl der Liebe Gottes in den ersten Tagen ihrer Bekehrung war der Seele nur gegeben, um sie von den vielen Banden der Sünde und der Welt, die sie umschlungen hielten, desto leichter zu befreien; aber nachdem dieser Zweck erreicht worden, durfte sie bei diesen ersten Erfahrungen nicht stehen bleiben, sonst wäre sie aus dem Gnadenstande herausgefallen; denn Stillstand auf dem Wege des Lebens ist Rückfall.

Deshalb mußte sie die Hülle verlieren, um zum Wesen weiter vorzudringen; die Blüte mußte fallen und der Baum zu trauern scheinen, aber statt der Blüte sollte er Frucht ansetzen; jeder falsche Trost mußte sinken, und der begnadigte Mensch nicht sowohl die Gaben des Herrn verlangen, als Ihn selber. Scheinbar nur war der Verlust, den er erlitt, als die ersten Seligkeitsgefühle schwanden und die Tätigkeiten des geistl. Lebens in ihm zu ruhen schienen; wirklich aber der Gewinn, denn die Seele wurde aus der Gefahr der Verwechselung und Selbsttäuschung gerissen, und für höhere Seligkeiten in der Gemeinschaft mit Gott vorbereitet. Nicht hoch gnug anzuschlagen ist der Fortschritt, den in solchen Augenblicken innerer Entbehrung die Seele macht. Das Ueberschwängliche der Empfindungen ist freilich vernichtet; aber siehe, an ihre Stelle ist Ruhe und Stille getreten, die Seele ist stille zu Gott, der ihr hilft (Psalm 62, 1),und durch Stillesein und Hoffen wird sie stark (Jesaja 30, 15). Das laute Jauchzen, Loben und Preisen Gottes hat freilich ein Ende; aber siehe, das Seufzen des zerschlagenen und gedemütigten Herzens um Erbarmung ist lieblich und fördert den Glauben, und der Geist selbst vertritt das schweigende Gemüt mit unaussprechlichem Seufzen. Was menschlich herrlich und angenehm war, ist freilich zu Grabe gegangen; aber siehe, Christus und sein Wort ist nun der Fels, auf dem die Seele steht, und durch die Wolke dringt sie mit ihrem nackten Glauben, und findet die Sonne wieder hinter der Wolke; denn sie weiß, daß, wenn auch Berge weichen und Hügel hinfallen, Gottes Gnade nicht von ihr weichen und der Bund seines Friedens nicht hinfallen wird (Jesaja 54, 10). So ging’s dem Thomas, als er Jesum am Kreuze verloren hatte und an den Auferstandenen noch nicht glauben konnte; er irrte ohne Frieden und Kraft umher, bis er endlich glauben lernte, ohne zu sehen und im nichts-sehenden Glauben selig zu sein.

II.

Eine andere Wüste, in welche der Geist Gottes den erweckten und bekehrten Menschen führt, ist die Wüste schwerer Anfechtungen und Versuchungen. Von zwei Seiten her werden sie dem Menschen bereitet, von der Welt außer uns und von der Welt in uns.

Kaum hat er nämlich sich für Christum bestimmt entschieden, so muß er es auch sehen und erleben, wie die, welche sonst freundlich gegen ihn standen, plötzlich die Achseln zucken und den Kopf schütteln, und es nicht begreifen können, wie ein sonst so gescheuter und erfahrener Mann sich habe so vergessen und zum alten Aberglauben zurückkehren können; sie suchen nun Alles aufzubieten, um ihn auf ihre Wege der vermeinten gesunden Vernunft, der wahren Aufklärung und rechten Bildung zurückzuführen; sie dringen in ihn mit ihren Bitten, doch sich selbst und seinen Verwandten durch solche Schwärmerei und Frömmelei keine Schande zu machen; sie fragen ihn, ob er denn meine, allein Recht zu haben und sie Alle Unrecht; sie machen ihn aufmerksam auf die vielen Schwächen und Gebrechen der Kinder Gottes auf Erden, auf so manche Heuchelei, grobe Sünden und Ausschweifungen, derer sie sich schuldig gemacht; sie weinen herzbewegend über seinen Verlust oder spotten erniedrigend über seinen Irrtum, und suchen das Heilige ins Gebiet des Lächerlichen zu ziehen. Wahrlich, wer unter euch je in einem solchen Kampf sich befunden hat, weiß, wie schwer es ist für ein noch ungeübtes, schwaches und wankendes Kind der Gnade, da festzustehen, und trotz aller Anforderungen, welche Liebe, Dankbarkeit und Ehrerbietung an Einen machen können, trotz aller Scheinbeweise, die aufgebracht werden, und aller Kränkungen, die Einem widerfahren, sich nicht irre machen zu lassen, und weder in der Geduld und Liebe gegen sie, noch in der Treue und im Mut zu ermüden. Nur im Glauben vermag der Mensch mit Mose die Schmach Christi für größern Reichtum zu achten denn die Schätze Aegyptens (Hebräer 11, 26); aber dieser Glaube ist eben noch in seinen Anfängen, und bedarf der Stützen allüberall.

Und doch ist dieser Kampf gegen die Welt außer uns eine wahre Kleinigkeit gegen den Kampf, welchen die Welt in uns uns bereitet, und gegen die schweren Anfechtungen, die furchtbaren Zweifel, die bangen Schreckensgedanken, welche in der Seele der Gläubigen erwachen und vor welchen ihnen alle Gebeine erbeben. Kein Kind der Welt hat es so schwer in seinem Leben, wie der Christ, wenn er es aufrichtig und treu meint im Dienste seines Herrn; und nicht ohne tiefen Grund erklärte der Herr jenem Schriftgelehrten, der ihm so leichtfertig sich anschließen und nachfolgen wollte: „bedenke wohl, was du tust, und was du bei mir zu erwarten hast; die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel ihre Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlege“.

Die Kinder der Welt und des Unglaubens hat der Teufel in seiner Gewalt, darum schont er sie mit seinen Angriffen und macht ihnen das Leben leicht, um sie festzuhalten in seinem Dienste. Die Kinder Gottes aber hat er verloren, darum martert und quält er sie auf alle mögliche Weise, ob es ihm gelinge, ihnen das Aushalten bei Christo zu verleiden und unter seine Fahnen sie zurückzuführen. Eine Quelle furchtbarer Kämpfe und Anfechtungen sind zunächst die Gedanken und Bilder früherer Sünden, welche der Satan zuerst in unbewachten Augenblicken, dann unaufhörlich in der Seele hervorzurufen weiß, jenes Heer von unfreiwilligen Vorstellungen unedler und abschreckender Art, besonders bei lebhaften Gemütern, wo die Phantasie sehr rege ist, oder nach einem lange in der Welt und ihren Gelüsten zugebrachten Leben. O wie sind sie so quälend, diese verwirrenden Gedanken, diese verführerischen Bilder! Wie erwachen sie oft schon mit uns des Morgens in aller Frühe, durchbrechen am Tage, mitten bei der Arbeit, mitten unter Menschen, jeden andern Gedankengang, gestalten sich allgemach zu Affekten, zu Leidenschaften, zu Sorgen, verpflanzen sich in die Wirklichkeit des Lebens hinüber, und bereiten unsägliche Qual!

Man möchte gern einer Leidenschaft entsagen, die im Herzen wohnt; aber alles, was man sieht und hört, bringt sie wieder in Bewegung. Man möchte gern eine ängstliche Sorge los werden, die auf dem Herzen wie ein Gebirge festliegt; aber die Verhältnisse, wodurch sie erregt wird, wollen sich nicht ändern und treten immer wieder hin vor das Auge des Geistes. Man möchte gern eine Beleidigung, eine Kränkung vergeben, vergessen; aber unwillkührlich wird man immer wider seinen Willen daran erinnert. Selbst in der Stunde des Gebets, in der Kirche, am Altar ist man nicht frei von höllischen Anwandlungen. Furchtbarer Zustand! – Arme Seele, höre auf, mit eignen Waffen zu kämpfen, du gehest sonst unter und bist verloren; demütige dich wegen der Sünden deines vergangenen Lebens immer von neuem, traue dir immer weniger, traue dir nichts zu; und wirf dich ganz deinem Heilande Jesu Christo in die Arme, daß Er durch sein heiliges, göttliches Bild die unheiligen, sündlichen Bilder deiner Seele verscheuche und die Begehrungen deines Herzens adle und hebe, daß Er der unaufhörliche, der würdigste und erhabenste Gegenstand deiner Betrachtungen werde, daß seine Kraft in deiner Schwachheit mächtig sei, schreie zu ihm:

Herrscher, herrsche, Sieger, siege,
König, brauch dein Regiment,
Führe deines Reiches Kriege,
Mach der Sklaverei ein End‘!

Nur der stete, immer engere Umgang mit Christo setzt die Heiligung des Innern bis in den Vorhof aller Vorstellungen und Gedanken fort. Als Paulus einmal in ähnlicher Gemüthsnot war und den Pfahl im Fleische trug, des Satans Engel, der ihn mit Fäusten schlug, da flehte er dreimal den Herrn an, daß er von ihm wiche. Der Herr sprach: Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Und nun konnte er fortfahren zu bekennen:

Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf daß die Kraft Christi bei mir wohne, und bin gutes Muts in Schwachheiten, in Schmachen, in Nöten, in Verfolgungen, in Aengsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Indeß noch eine andere Richtung kann die Anfechtung in der Seele nehmen; sie kann sich nämlich nicht auf die Heiligung, sondern auf die Vergebung beziehen. Man kämpft und ringt und betet und seufzt, man widersieht bis auf’s Blut im Kampf gegen die Sünde; aber es scheint Alles vergeblich, die Sünde bleibt, und das Bewußtsein derselben steigt sogar von Zeit zu Zeit lebhafter und stärker in der Seele auf. Da wird man denn endlich bange um sein Seelenheil, man fängt an zu zweifeln an seinem Gnadenstande, man verzagt an Gottes Barmherzigkeit und Hülfe, der Angstruf: „meine Sünde ist zu groß, als daß sie mir vergeben werden könnte, für andere ist Heil da, für mich nicht, ich bin ewig verloren“, macht sich geltend und immer geltender, man liegt trostlos und ratlos am Boden, und weiß nicht mehr, wo aus noch ein. O ihr armen Seelen, gewahrt ihr denn die Kunst des Verführers nicht, der euch das Eine, was euch hält, entreißen will, um euch zur Verzweiflung und damit zu Falle zu bringen? Gottes Gnade ist euch ja gewiß genug, und kein Teufel und keine Anfechtung kann sie euch rauben. Jesus Christus ist ja für euch, auch für euch gestorben, und ist eure Sünde auch mächtig, seine Gnade ist noch viel mächtiger. Trauet doch diesem Worte und mißtraut euerm betrogenen und sich selbst betrügenden Herzen, und verkennet es nicht, daß euer Eigenwirken, euer euch Zuarbeiten in selbsterwählten Uebungen allein der Grund eurer Trauer und Verzagtheit ist; höret auf, auf euch zu schauen, schauet auf ihn, den Herrn, und ihr werdet dem Tode und der Hölle ins Angesicht rühmen können:

So wahr Gottes Sonne am Himmel noch prangt,
so wahr habe ich Sünder Vergebung erlangt.

Was meint ihr nun, wird dieser Schmelztiegel innerer Anfechtung nicht die Seele reinigen müssen von jeder Lust, andere zu richten und zu verdammen, die in der Regel in den Tagen der ersten Liebe uns Allen anklebt? wird er den Menschen nicht in sich selbst hineinführen, und da eine Schwäche, ein Elend, eine Armut, eine Hilfsbedürftigkeit gewahren lassen, die ihm jedes Blicken auf andere und deren Schwächen völlig verleidet? Seien sie immer schwer, die Stunden der Versuchung: sie gehören in Gottes Erziehungsplan hinein, und im Himmel werden wir Gott danken, daß er uns diesen und keinen andern Weg geführt hat.

III.

Am allerschwersten endlich ist es, wenn Gott es zuläßt, daß der Mensch in wirkliche Sünden hineinfallen und auf eine Zeitlang Schiffbruch leiden darf an seinem Glauben. Das ist die schauerlichste Wüste, in die wir geraten können, und sie tritt, wenn auch nicht bei Allen, doch bei Vielen ein. Unser ganzes Christentum ist eigentlich seinem Wesen nach nichts als ein beständiges Fallen und Aufstehen, Kampf inwendig und auswendig, Sieg und Niederlage in bunter Abwechselung.

Tun die Gläubigen auch gerade keine tatsächlichen Sünden, so haben sie doch Alle Sünden, und müssen allezeit seufzen: „So wir sagen: wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns“ (1. Joh. 1, 8). Doch von dieser bleibenden Sündhaftigkeit reden wir nicht; wir meinen das Geraten in wirkliche Sünden, dessen nicht selten sich diejenigen schuldig machen, die vorher zu viel Selbstvertrauen auf eigne Kraft bewiesen und nun die ganze Welt in einem Nu mit Gewalt bekehren wollten. O wie empfindlich weiß gerade sie der Herr zu demütigen! Die zu große Sicherheit und das Selbstvertrauen, in welchem sie leben, stürzt sie, ehe sie es sich versehen, in die Welt zurück; sie gewinnen sie von neuem lieb, sie suchen Christum und Belial zu vereinigen, sie denken nicht mehr an den Preis, durch den sie erkauft sind, und an die Verpflichtung, die dafür auf ihrem Herzen ruht; die Liebe, die sie für ihn empfinden, wird immer lauer und unkräftiger, sie fangen an zu schlafen und allmählich hat die Welt sie berückt und um ihr Kleinod betrogen, und sie gleichen den törichten Jungfrauen, die wohl Lampen, aber kein Oel in den Lampen hatten. Oder der Herr läßt sie noch tiefer sinken, sie fallen wirklich und sündigen; weil sie nachließen im Wachen und Beten und ihre Seele nicht mehr zitternd in Händen trugen, sündigen sie, unerachtet sie erlöset sind von ihrem eitlen Wandel durch das Blut Christi, sündigen wie Petrus, unerachtet ihrer erneuerten Gelübde, ihn niemals zu verlassen; sündigen tief und schwer, ungeachtet aller Gnade, die ihnen in unermeßlicher Fülle zuteil geworden, und fühlen es dann zu tiefer Beschämung, daß der Satan sie sichtet wie den Weizen, und daß sie weinend und betend kommen müssen zu dem Herrn, bei dem viel Vergebung ist. Aber sagt selbst, wird ein solches gefallenes Gemüt nun noch pochen können auf seinen Glauben? wird es noch Lust und Neigung fühlen, kaum halb bekehrt, schon andere bekehren zu wollen? wird es, unfähig selbst zu stehen, sich einbilden, andere zum Stehen zu bringen? Unmöglich! Gott hat viel in ihm zugelassen; aber aus dem Bösen weiß er Gutes hervorzuziehen, und demütig, stille, in sich gekehrt, zum Herrn schauend, tönt nun fort und fort aus der zerknirschten und wieder angenommenen Seele das Gebet auf: Herr, ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Der Mensch kommt los von sich selbst, und wird ein Eigentum Jesu Christi.

Die ihr nun in solcher Wüste seid, schauet auf Christum. Auch Er ist nach seiner Taufe versucht worden, allenthalben gleich wie ihr, doch ohne Sünde (Hebräer 4, 15), und nachdem er Alles bestanden, kamen die Engel und dienten ihm, und er ist fortan unser mitleidiger Hohepriester, der Mitleid haben kann mit unsrer Schwachheit. Ist euer Gang durch die Wüste auch schwer: das Ende und der Ausgang ist herrlich und preiswürdig. Schreiet ihr auch oft unterwegs: Herr, hilf uns, wir verderben (Matthäus 8, 25); zuletzt werdet ihr niedersinken mit dem Dankpsalm im Munde: gelobt sei Gott für Alles! Das Licht muß immer wieder aufgehen den Gerechten, und Freude den frommen Herzen (Psalm 97, 11). Einst soll’s noch besser werden. Wenn wir die Wüste hienieden werden durchgepilgert sein, dann gibt der Herr uns unsere Weinberge und Freudenquellen im Lande der Verheißung, und wir singen wie zur Zeit unserer Jugend, wie in den Tagen der ersten Liebe, da wir aus Aegyptenland zogen. Dann gibt’s keine Entbehrung mehr; denn bei ihm ist Freude die Fülle und liebliches Wesen zu seiner Rechten immer und ewiglich. (Psalm 16, 11). Dann haben die Anfechtungen ein Ende; wir haben überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort unseres Zeugnisses (Offenbarung 12, 11). Dann hört selbst die Möglichkeit zu sündigen auf; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden. Kämpfe denn fort, bald hast du ausgekämpft und wohl dir, wenn du, abtretend vom Kampfplatz, sprechen darfst:

„Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten; hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit, die mir der gerechte Richter an jenem Tage geben wird“
(2. Timotheus 4, 7)

Amen.

(Johann Friedrich Wilhelm Arndt)

Quelle: GlaubensstimmeDie Archive der Väter


Eingestellt am 20. Februar 2024 – Letzte Überarbeitung am 21.Februar 2024