Traugott Hahn (1875-1919)

Pfarrer Traugott Hahn

Gotthilf Traugott Hahn war ein deutsch-baltischer, evangelisch-lutherischer Theologe und Pfarrer. Er wurde am 13. Februar 1875 in Rõuge (dt.: Rauge) in der estnischen Landschaft Livland als ältestes von insgesamt sechs überlebenden Kindern geboren und starb als christlicher Märtyrer. Er wurde am 14. Januar 1919 durch Bolschewiken an seiner estnischen Wirkungsstätte Dorpat (heute Tartu) ermordet.

Traugott Hahns Geburtsort Rõuge im estnischen Livland mit Kirche

Elieser Traugott Hahn

Sein Vater war der deutsch-baltische Pastor Elieser Traugott Hahn (1848-1939), der sich sehr für die Evangelisation und Innere Mission einsetzte. Schon sein Großvater Carl Hugo Hahn war Missionar bei den Herero in Deutsch-Südwestafrika gewesen. Traugott Hahns  Mutter war Rosalie „Lalla“ Hahn, geb. Paling (1850–1904), die in der Gemeinde des Vaters ebenso als Seelsorgerin galt wie ihr Mann. Rosalie Hahn war, bedingt durch ihr schweres Gichtleiden, an den Rollstuhl gefesselt und eine über viele Jahre hinweg schwer leidende Dulderin, die ihre Kinder liebevoll zur Bescheidenheit, aber auch zu Pflichterfüllung und Selbstüberwindung erzog. Traugott Hahn erhielt seinen ersten Unterricht von ihr; sie war es auch, die als erste ihm die Liebe zu Gott und seinem Wort ins Herz gab.

St.-Olai-Kirche, Reval/Estland

Traugott Hahn senior wurde, als Traugott 12 Jahre alt war, von seiner ländlichen Pfarrei in Livland an die St.-Olai-Gemeinde in der estnischen Hauptstadt Reval (heute Talinn) berufen. Nach dem häuslichen Unterricht besuchte Traugott Hahn von 1891-1896 das Gouvernements-Gymnasium in Reval. Von der untersten Klassenstufe an saß er mit seinem Bruder Willy auf derselben Schulbank. Als die beiden Brüder vom russischen Direktor gezwungen werden sollten, an einem griechisch-katholischen Gottesdienst teilzunehmen, widerstanden die Knaben in fester Weise. Wegen der nachfolgenden Ungerechtigkeiten und Zurücksetzungen gab der Vater seine Söhne auf die St.-Petri-Schule in St. Petersburg, wo beide 1893 ihr Abitur hervorragend abschlossen.

Die nachfolgenden Jahre (bis 1897) studierte Traugott Hahn in Dorpat Theologie; 1898/99 verbrachte er zu Studien und einem Probejahr b.V. in Göttingen, wo er auch seine kirchengeschichtliche Lizentiatsarbeit über Tyconius anfertigte, die Grundlage seiner späteren Promotion zum Magister werden sollte (Dorpat, 1902), und zwar trotz des erbitterten Widerstandes des dort lehrenden tschechischen Kirchengeschichtlers Prof. Kwacala.

Hauptgebäude der Universität von Dorpat (heute Tartu)

Im selben Jahr wurde Traugott Hahn zum Pastor an die Universitäts-Kirche in Dorpat berufen, zugleich lehrte er bis zum Jahr 1908 als Privatdozent für historische Theologie; in diesem Jahr erfolgte die Verleihung des Grades D. theol. h. c. der Univ. Rostock. 1909 wurde er in Dorpat zum a.o. Professor für praktische Thologie ernannt, eine Stellung, die er bis zum Jahr 1918 innehatte.

Während der Bolschewistischen Revolution 1917 wurde Traugott Hahn im Januar zur Flucht und ins Versteck getrieben, kehrte aber bereits vor der Besetzung Dorpats durch deutsche Truppen am 24. Februar 1918 wieder in die Stadt zurück. Die Deutsche Universität Dorpat wurde wiedereröffnet und die zuvor verbotenen Korporationen entstanden wieder. Hahn trat 1918, wie schon zuvor sein Vater 1867, der christlichen Wingolfsverbindung Arminia Dorpatensis bei. Als sich die deutschen Truppen nach dem Waffenstillstand mit der Entente zurückzogen und der Anmarsch der bolschewistischen Roten Armee bevorstand, flüchteten viele Deutsche und Esten aus Dorpat. Hahn, der bei seiner Gemeinde ausharren wollte, blieb jedoch.

Als alle kirchlichen Veranstaltungen von den Bolschewiken verboten wurden, predigte Hahn im Pfarrhaus und in den Wohnungen der Gemeindemitglieder, wobei er sich der Gefahr einer Verhaftung und Hinrichtung wohl bewusst war. Am 3. Januar 1919 wurde er schließlich inhaftiert. Im Gefängnis der Rotarmisten vertiefte er sich in das Gebet und wandte sich auch seelsorgerlich den Mitgefangenen zu.

Einen tiefen Eindruck machte es auf alle Anwesenden, als Traugott Hahn das “Gebet” von Geibel vortrug:

Herr, in dieser Zeit Gewog,
da die Stürme rastlos schnauben,
wahr’, o wahre mir den Glauben,
der noch nimmer mich betrog,

Der noch sieht in Macht und Fluch
eine Spur von deinem Lichte,
ohne den die Weltgeschichte
wüster Greuel nur ein Buch;

Daß, wo trostlos, unbeschränkt
dunkle Willkür scheint zu spielen,
Liebe doch nach ew’gen Zielen
die verborg’nen Fäden lenkt;

Daß, ob wir nur Einsturz schau’n,
Trümmer, schwarz geraucht vom Brande,
doch schon leise durch die Lande
waltet ein geheimes Bau’n;

Daß auch in der Völker Gang
Wehen deuten auf Gebären,
und wo Tausend weinten Zähren,
einst Millionen singen Dank;

Ja, daß blind und unbewußt
deiner Gnade heil’gen Schlüssen
selbst die Teufel dienen müssen,
wenn sie tun nach ihrer Lust.

Herr, der Erdball wankt und kreißt;
laß, o laß mir diesen Glauben,
diesen starken Hort nicht rauben,
bis mein Geist dich schauend preist!

(Emanuel Geibel: Gebet, September 1848)

Grabstein von Universitätsprediger Traugott Hahn (1875-1919)

Am Sonntag vor seiner Ermordung durften seine Kinder, darunter der spätere baden-württembergische Kultusminister Wilhelm Hahn, ihren Vater noch einmal im Gefängnis besuchen. Am 14. Januar 1919 befreiten estnische Truppen Dorpat und etwa 300 Gefangene. Im sogenannten Mordkeller fand man unter 21 weiteren Ermordeten auch die Leichen von Traugott Hahn und Pastor Wilhelm Schwartz jun., die noch kurz vor dem Abzug der Kommunisten erschossen worden waren.

Als der Getötete in sein Pfarrhaus getragen wurde, sang Anny Hahn mit ihren vier Kindern das in der Familie am meisten geliebte Weihnachtslied:

Kommt und laßt uns Christum ehren,
Herz und Sinnen zu ihm kehren;
singet fröhlich, laßt euch hören,
wertes Volk der Christenheit!

Sünd und Hölle mag sich grämen,
Tod und Teufel mag sich schämen;
wir, die unser Heil annehmen,
werfen allen Kummer hin.

Schönstes Kindlein in dem Stalle,
sei uns freundlich, bring uns alle
dahin, da mit süßem Schalle
dich der Engel Heer erhöht.

Bildnachweise:

Pfarrer Traugott Hahn: Joachim Schäfer, Ökumenisches Heiligenlexikon / Public Domain (auch: Estonian Evangelical Lutheran Church, Archiveintrag)

Die estnische Ortschaft Rõuge mit Kirche: KalervoK / Public domain

Elieser Traugott Hahn: Estonian Evangelical Lutheran Church, Archiveintrag

St.-Olai-Kirche in Reval/Estland: Olga Itenberg / CC-BY 2.0

Hauptgebäude der Universität Tartu / Estland: Ivar Leidus / CC-BY-SA 3.0 EE

Grabstein von Traugott Hahn: DMF-Muster / CC-BY-SA 4.0

Pfarrer Traugott Hahn, 1918: Archiv des Gießener Wingolf / Public Domain

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Tyconius-Studien. Ein Beitrag zur Kirchen- und Dogmengeschichte des vierten Jahrhunderts, Leipzig 1900.
  • Ist die Forderung eines modernen Christentums und einer modernen Theologie berechtigt? Vortrag zum Bestehen des Vereins Betharaba, Riga 1903.
  • Evangelisation und Gemeinschaftspflege. Mit besonderer Berücksichtigung der Lutherischen Kirche Rußlands. Teil I: Die Evangelisation, Reval 1909.
  • Die Bibelkritik im Religionsunterricht, in: Biblische Zeit- und Streitfragen, hg. von Prof. D. Kropatschek, Berlin 1910/1911, 37–54.
  • Glaubet an das Licht. Ein Jahrgang Predigten nebst Anhang, Gütersloh 1920; 1925
  • Dienet dem Herrn mit Freuden. Siebzehn Predigten, Gütersloh 1921.
  • Aus meiner Jugendzeit. Ch. Belser, Stuttgart 1921
  • „Komm o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist“. Kinderpredigten nach Aufzeichnungen aus dem Nachlaß von Prof. Pastor D. theol Traugott Hahn, Gütersloh 1922.
  • Die Seligpreisungen. Kurze Bibelstunden über Matt. 5, 1-12. Bertelsmann, Gütersloh 1924 (Digitalisat)
  • Lebenserinnerungen. Belser, Stuttgart 1940
  • Gott dennoch die Liebe! Predigten aus schwerer Zeit, Breklum 1955.
  • Wage es mit Christus! 14 Predigten, Wuppertal 1955.
  • Dennoch bleibe ich stets an dir. Predigten aus schwerer Zeit, Metzingen 1976.

Literatur

Quellen:

Seite “Traugott Hahn”, in: Wikipedia (DE)

BBLD – Baltisches Biographisches Lexikon Digital: Hahn, Gotthilf Traugott

Anny Hahn: D. Traugott Hahn, Ein Lebensbild aus der Leidenszeit der baltischen Kirche. Herausgegeben von Pastor W. Ilgenstein, Düsseldorf. 11.-15. Tsd. Verlag von Eugen Salzer in Heilbronn, 1929

Arno Pagel (Hrsg.): Sie riefen zum Leben, S. 17ff. Verlag der Francke-Buchhandlung, Marburg 1977 [Digitalisat]

Erik Thomson: Zeugen des gegenwärtigen Gottes – Band 064 und 065 – Traugott Hahn – Ein Märtyrer der baltischen Kirche. Brunnen-Verlag, Gießen und Basel [Digitalisat]

Auslegungen und Biblische Betrachtungen von Traugott Hahn:

Lukas 22, 31-34 : Jesu Wegweisung für Christen in Sichtungszeiten

Johannes 15, 1-7 : Entweder – oder

Offenbarung 21, 7 – Das Erbe, das unser wartet

Verweise:

T. Hahns Predigten aus dem Werk “Glaubet an das Licht” findet man im Schriftenarchiv.