2. Korinther 6, 10

…als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts innehaben, und doch alles haben.

Immer fröhlich! Ist mein Symbolum. Was fragst du darnach? Traure du und zernage immerhin dein Herz. Ich tue es nicht. Will mich der Teufel verzagt machen, ich biete ihm die Stirn und spreche: Weg von mir, Satan! Immer fröhlich! – ist mein Symbolum. Weißt du das nicht? Bin ich krank; unbetrübt. Lazarus, den Jesus lieb hatte, war auch krank (Johannes 11, 3). Die Liebe duldet Streiche. Je härter sie gegeben werden, je heilsamer sind sie. Gott hauet uns mit der Rute, aber er errettet uns von der Hölle (Sprüche 23, 14). So viel Jahre bin ich gesund gewesen, warum sollte ich nicht Gott zu Ehren auch ein paar Wochen krank sein? Abwechslung ist gut.

Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? (Hiob 2, 10). Die Seele ist, gottlob! gesund. Auf meinen kranken Leib hat Gott die allerzarteste Aufsicht. Für kranke Kinder sorgen die Eltern am meisten. „Gott erquicket mich auf meinem Siechbette und hilft mir von aller meiner Krankheit“ (Ps. 41, 4). Was will ich mehr? Werde ich verunglimpft: darum nicht traurig! Mußte nicht mein Jesus auch hören, daß er wäre ein Weinsäufer, der Zöllner und Sünder Gesell? (Matth. 11, 19). „Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten, der sendet vom Himmel und hilft mir und beschämt meinen Verschlinger“ (Ps. 57,  3.4). Mein Gewissen beißt mich nicht, das geht über tausend Zeugen. Sollt mich das betrüben, daß man Böses von mir redet, da ich kein Böses getan habe? Ach nein, vielmehr erfreuen. So mein Verleumder ein Buch wider mich schriebe, so wollt ichs auf meine Achseln nehmen, und mir wie eine Krone umbinden (Hiob 31, 35.36.) Ich weiß ja, was Jesus sagt: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen meinetwillen schmähen und reden allerlei Uebels wider euch, so sie daran lügen. Denn also haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind“ (Matth. 5, 11.12).

Ueberfällt euch allgemeine Not und Trübsal: unverzagt! Das Glied kann’s nicht besser haben, als der Leib. Wenn alle, die im Schiffe sind, zu Grunde gehen, warum sollt ich allein übrig bleiben? Laß trauern, die keinen Glauben haben. Ich bin versichert, daß „der Helfer Israels nicht schläft noch schlummert“ (Ps. 121, 4). Ist doch ein Gott im Himmel, der an mich denkt und für mich sorgt. Hab ich solch Leiden verdienet mit meinen Sünden, so will ich Buße tun und Gnade suchen. Der Gott, der allen bußfertigen Sündern Gnade und Vergebung zusagt, wird auch mich armen Sünder nicht verstoßen. Verlier ich meine Freunde, Weib und Kind: den Mut will ich doch nicht verlieren. „Gott hat’s gegeben, Gott hat’s genommen. Der Name des Herrn sei gelobet“ (Hiob 1, 21). Bleibt mir doch Gott noch.

Sterben ist nur ein Scheiden, nicht ein Verlust. Das ich liebte, liebt Jesus auch. Es war mit ihm näher vereinigt, als mit mir. Ich muß es meinem Jesu gönnen, und meinem Freund den Himmel nicht mißgönnen. Komm ich um das Meine: noch beherzt! Mein Gut ist nicht mein Gott. Was sag‘ ich, mein Gut? Wär‘ es ein wahres Gut gewesen, hätt‘ es nicht können verloren werden. War’s doch nicht mein, sondern meines Gottes. Warum sollt‘ mich verdrießen wieder zu geben, was mir nur geliehen ist? Leide ich doch noch keine Not. Ich danke Gott für das, was ich habe, und habe schon vergessen, was ich hatte. Mit Nahrung und Kleidung bin ich zufrieden (1 Tim. 6, 8). Der ist reich genug, der sich genügen läßt. Mir ist eine große Bürde abgenommen, daß ich desto behender zum Himmel steigen kann. Wie wohl ist mir! Manch Kornfeld ist verdorben durch allzu dicke Saat. Mancher schöne Ast zerbrochen unter der Last allzu vieler Früchte. Ich denke noch wohl an die Worte meines Heilandes: „Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!“ (Mark. 10, 24).

Der Kamelrücken ist weg, nun kann ich desto bequemer durch das Nadelöhrlein durchkriechen. Das Gut ist weg, die Sorge ist weg, die Verantwortung ist weg; ich bin noch eins so fröhlich, als ich vorher war. Ich will dies sagen mit Wenigem, was ich meine. Mein Herz ist mit Gott so fest vereiniget, daß mich nichts betrübet, denn nur – was Gott erzürnen kann.

(Heinrich Müller)

=================================

Wenn alles gut und glatt geht, sprechen auch viele Anfänger im Christentum solche große Worte dem Apostel ziemlich gedankenlos nach. Sobald etwas in ihrem leiblichen Befinden oder sonst im irdischen Ergehen drückt, werden sie kleinlaut, und wenn noch eine wirkliche Anfechtung oder eine längere Leidenszeit über sie kommt, dann klagen sie nach derselben Melodie wie die Weltmenschen. Es gehört schon mehr Erfahrung und mehr Glauben dazu, jeder der beiden Seiten dieses Wortes ihren inneren vollen Ton abzugewinnen. Traurige, die einen ständigen Grund haben; denn der Schmerz über eigene und fremde Sünde ist keine Augenblicksstimmung, sondern der dunkle Hintergrund, der uns nicht mehr verläßt, solange wir auf Erden bleiben. Man braucht nur diese Saite anzurühren, so klirrt sie leise mit in alles sonstige Erleben hinein. Daneben allezeit der Freudengrund der Erlösung – die starke Hoffnung auf das völlige zukünftige Heil – der Ton schlummert auch in der einen Saite unseres inneren Lebens und braucht nur gestreift zu werden, so klingt er hell hinein und schafft einen Wechsel der Stimmung. Regen bei Sonnenschein. Und der Sonnenschein wird zuletzt siegen.

Du, Herr Jesus, bist unserer Seele Sonnenschein! Es ist dir ein Kleines, unser trauerndes Herz froh zu machen. Wie du willst, so soll’s sein; wir sind dein, zum Dienst bereit in Tränen oder Jauchzen. Dein Name sei gepriesen! Amen.

(Samuel Keller)

Quelle: Glaubensstimme – Christliche Texte aus 2000 Jahren

Eingestellt am 7. Juni 2021