Philipp Matthäus Hahn und seine Zeit

Das Jahrhundert, in welchem Hahn und seine Genossen im Werke des HErrn lebten, gehört im Allgemeinen dem Zeitalter der Reformation an, das von Luther bis auf unsre Zeit sich erstreckt, aber verschiedene Zeitstufen oder Perioden in sich unterscheiden läßt. Die erste Periode war, wie wir sogleich sehen werden, die Periode der Lehre. Das Hauptwerk der Reformation oder der Reim, aus dem alles Andere von selbst sich ergeben mußte, war bekanntlich die Wiedereröffnung der Quelle alles Lichts und aller Wahrheit des Wortes Gottes für Jedermann. Die Reformation gab zunächst und vor Allem der Welt die Bibel, die heilige Schrift wieder, und nun galt es natürlich vor Allem, aus dieser Quelle des Lichts und der Wahrheit die rechte Lehre des christlichen Glaubens herauszufinden. Mußte es aber in der ersten Zeit der Reformation als das wichtigste und nöthigste Werk erscheinen, die rechte Lehre an’s Licht zu stellen, so lag es auch in der Natur der Sache, daß ihre erste Periode eine Periode der Lehre, der rechten Lehre der Orthodoxie werden und seyn mußte. Aber ebenso lag es auch in der Natur der Sache, daß man je länger je mehr es auch fühlen mußte, daß mit der rechten Lehre noch nicht Alles gethan sei, daß außer der Lehre auch noch etwas Anderes dazu gehöre, nämlich ein aus dem Worte Gottes gezeugtes Leben, und daß eine Lehre, die nicht zugleich in’s Leben übergeht und Leben wird, eine todte Lehre sei. Das fühlte schon Luther und konnte daher nicht genug alles Volk ermahnen, doch auch das Wort Gottes zu gebrauchen und im Herzen lebendig werden zu lassen, wenn sie es nicht wieder verlieren wollten. So ruft er z. B. unter Anderem irgendwo dem deutschen Volke zu:

„Liebe Deutschen! Kauft, weil der Markt da ist, sammelt ein, weil es scheinet und gut Wetter ist; braucht Gottes Wort und Gnade, weil es da ist. Denn das sollt ihr wissen: Gottes Wort und Gnade ist wie ein fahrender Platzregen, der nicht wieder kommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen; aber hin ist hin, sie haben nun Nichts! Paulus brachte ihn nach Griechenland; hin ist hin, sie haben nun den Türken! Rom und lateinisch Land hat ihn auch gehabt; hin ist hin, sie haben nun den Papst! Und ihr Deutsche dürfet nicht denken, daß ihr ihn ewig haben werdet, denn der Undank und die Verachtung wird ihn nicht lassen bleiben. Darum greifet zu und haltet zu, wer greifen und behalten kann; faule Hände müssen ein bös Jahr haben.“

Allein dieser ernste Mahnruf des Stifters der Reformation wurde im ersten Eifer um die rechte Lehre nicht gehört, und die geistlichen Nachfolger im Werke mußten je länger je mehr sehen, wie Alles im Streit um die Lehre sich verlor und des Lebens vergaß. Auf der einen Seite machte sich je länger je mehr die menschliche Vernunft geltend, die nichts glauben will, als was sie verstehen und begreifen kann, und suchte alles Wunderbare und Uebernatürliche im Worte Gottes hinweg zu disputiren, so daß als rechte Lehre nichts übrig blieb als eine kalte, todte Religions- und Sittenlehre, wie man sie auch bei den berühmtesten Lehrern der Heiden finden kann. Diese Richtung in der Lehre ist bekannt unter dem Namen Rationalismus, auf deutsch Vernunftlehre. Auf der andern Seite suchte man desto eifriger das Wunderbare und Uebernatürliche im Worte Gottes festzuhalten und gegen die Angriffe der Vernünftler in Schutz zu nehmen, und diejenigen die dieß thaten, bildeten sich dann ein wahre Christen zu seyn, weil siesich zum ganzen Inhalt des Wortes Gottes bekannten und ganz nach der Schrift lehrten. Diese Richtung ist bekannt unter dem Namen Supernaturalismus, zu deutsch Uebernatürlichkeitslehre, oder auch Orthodoxie, zu deutsch rechtgläubige Lehre.

Allein während so Alles, Gelehrte und Ungelehrte, in diesen Streit um die Lehre sich einmischte, und entweder auf dieser oder jener Seite eifrig mitkämpfte, in der Meinung, es komme im Christenthum nur darauf an, daß man die rechte Ansicht, die rechte Lehre bekenne und ausspreche, bekümmerte man sich um’s Leben, um das Thun des Wortes Gottes immer weniger, so daß allmälig in dieser unfruchtbaren Periode der Lehre die Klage und das Verlangen nach dem Leben immer lauter und herzzerschneidender wurde. So klagt z. B. im tiefsten Schmerze Joh. Meyfart, der Verfasser des herrlichen Liedes Jerusalem du hocherbaute Stadt übereinstimmend mit so vielen andern Zeugen der Wahrheit aus jener Zeit: „Unsere Kirche, die eine Jungfrau an Kraft und eine Mutter an der Nachkommenschaft seyn sollte, ach wie ist sie herabgesunken! Viele kennen zwar die Form des Glaubens (die Lehre), aber Wenige haben die Kraft und das Wesen desselben (das Leben). Die Länge der Kirche im Glauben ist sehr gemindert, die Breite in der Hoffnung äußerst eingeschränkt, die Höhe in der Liebe unglaublich niedergedrückt, die Tiefe in der Demuth fast ganz zugeworfen!“

Andere pflegen den damaligen Zustand der Kirche mit Sodom und Gomorra zu vergleichen, und Joh. Schmid ging sogar so weit, der damaligen Christen ganzes Eigenthum im Hause Gottes als einen einzigen Nagel zu beschreiben, den Gott aus Barmherzigkeit noch übrig gelassen. Solcher Klagestimmen könnten noch eine Menge beigebracht werden, von einem Gerhard Scriver, Arndt, Heinrich Müller u.s.w. Sie bilden, wie ein Verfasser sagt, einen fortwährenden lebendigen Bußaltar, der sich von Luther an durch vier oder fünf Menschenalter hindurch erstreckt, und dieselbe Klage nur immer lauter und lauter zum Throne Gottes aufsteigen und ertönen läßt. Es waren Klagen und Seufzer nach dem Leben, das fehlte, die immer tiefer und herzzerschneidender wurden, bis der ins Mittel trat, der schon seinem alten Bundesvolke in ähnlicher Zeit zuruft: „Rühme, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst, freue dich mit Ruhm und jauchze, die du nicht schwanger bist. Denn die Einsame hat mehr Kinder, weder die den Mann hat, spricht der HErr.“ Und wie trat er in’s Mittel? Durch einen gar einfachen und in sich ganz unscheinbaren Gedanken, den er, als die Zeit erfüllet und Alles dazu vorbereitet war, im Jahre 1683 einem Jedermann wohlbekannten Manne, dem frommen und gottseligen Philipp Jakob Spener, geboren zu Rappoltsweiler im Elsaß, den 13 Januar 1635 eingab, während er als Prediger in Frankfurt stand, Dieser Mann eröffnete in besagtem Jahr 1683, getrieben von dem herzlichen Verlangen, in seiner Gemeinde mehr lebendige Frömmigkeit zu pflanzen, collegia pietatis, oder erbauliche Privatversammlungen, d. h. er entschloß sich, mit einigen gleichgesinnten Seelen von Zeit zu Zeit in einem Privathaus zusammenzukommen, um das Wort Gottes mit ihnen zu lesen und zu betrachten, mit ihnen zu singen und zu beten. Das ist auf den ersten Anblick eine ganz harmlose und unbedeutende Sache, und höchstens eine vielleicht neue Art der Verwirklichung des apostolischen Wortes: „Lasset das Wort Christi reichlich unter euch wohnen, in aller Weisheit lehret und vermahnet euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern und singet dem HErrn in euren Herzen“, Kol. 3, 16.

Quelle:

Philipp Matthäus Hahn: Ein Pfarrer aus dem vorigen Jahrhundert nach seinem Leben und Wirken aus seinen Schriften und hinterlassenen Papieren, geschildert von Ernst Philipp Paulus, V.D.M., Director einer Knabenerziehungsanstalt auf dem Salon bei Ludwigsburg. Stuttgart 1858. Druck und Verlag von J.F. Steinkopf.
[Digitalisat]

Weblinks und Verweise:

Philipp Matthäus Hahn (1739-1790), in: Wikipedia (DE); Wikipedia (EN)

Friedrich Wilhelm Bautz: Philipp Matthäus Hahn; in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL), Band II (1990) Spalten 471-472 (externer Link: Archivfassung vom 08.05.2008 im Web Archive)

Philipp Matthäus Hahn: Hinterlassene Schriften. Hrsg. von Christoph Ulrich Hahn. J. D. Claß, Heilbronn/Rothenburg an der Tauber, 1828.

Eingestellt am 2. September 2021