Philipper 2, 3

Durch Demut achtet euch unter einander einer den andern höher denn
sich selbst. (Philipper 2, 3)

Es gibt Kinder in Christo, welche Milch bedürfen und starke Speisen von sich weisen, auch nicht vertragen können, so daß nicht alle Wahrheiten gerade auch für alle sind. Es gibt Jünglinge, die stark sind, und den Bösewicht überwunden haben, so wie Väter, die den kennen, der von Anfang ist.

Dies muß uns bescheiden machen, nicht nur im Urteil über Andere, so daß wir tragsam sind, sondern auch im Urteil über uns selbst; vornehmlich zwar, daß wir uns ja nicht zu hoch setzen, welches beweisen würde, daß wir gar schlecht ständen; „denn wer da meint, er sei etwas, da er doch nichts ist, der betrügt sich selbst“, Gal. 6, 3; – sondern auch, daß wir der Vollkommenheit nachjagen, damit Christus recht Gestalt in uns gewinne. Aber die ängstlichen Seelen sollten doch auch nicht deshalb das Dasein der neuen Kreatur in ihrem Herzen bezweifeln, weil sie noch schwach ist, und zwischen der Vollkommenheit der Teile und des Maßes einen gehörigen Unterschied machen lernen, und bedenken, daß man Frucht bringe in Geduld.

Wer noch von eignen Höhen
Bei sich was kriegt zu sehen,
Denk‘ an den Weltversühner,
Der ward für uns ein Diener.

O bleibt doch gern recht kleine,
Er sei euch all’s alleine;
Denn das ist uns’re Ruhe,
Daß Jesus Alles tue.

Betrachtung zum 11. August, aus: Tägliches Manna für Pilger durch die Wüste. Schatzkästlein aus Gottfried Daniel Krummachers Predigten. Neu herausgegeben von J. Haarbeck, Pastor in Elberfeld, 1899, S. 225 (im Verlag der Buchhandlung des Erziehungsvereins, Neukirchen, Kreis Mörs)

Ist es nicht sehr bezeichnend, daß in manchen Sprachen der Heiden die Missionare kein Wort für Demut finden konnten? Der Begriff, die Vorstellung davon fehlte; darum gab’s auch kein Wort dafür. Ist es aber nicht ebenso bezeichnend, daß kein Vorwurf von der Welt gegen die Gläubigen so oft erhoben wird, als daß sie an geistlichem Hochmut leiden? Sollte das alles nur Mißverständnis und Verwechslung mit dem berechtigten Hochgefühl der geretteten Christen sein? In einer Versammlung von mehreren hundert Reichsgottesarbeitern stritt man sich lange über ernste Fragen der Heiligung; plötzlich bat ein erfahrener Christ ums Wort und sagte nur: “Brüder, wenn ihr die Adresse eines wahrhaft demütigen und dabei tüchtigen Pfarrers, Missionars, Evangelisten oder Stadtmissionars kennt, so seid so gut und schreibt sie mir auf jenen Bogen, den ich auf den Tisch am Ausgang niedergelegt habe.” Die Diskussion war zu Ende; jeder hatte nachzudenken bekommen, aber auf dem Bogen war später, wie ich mich überzeugte, keine einzige Adresse. Wo war der Demütige? Oder waren wir nicht demütig genug, einem andern dieses Lob zu spenden?

Herr, erbarme dich über uns! Wir leben doch alle von deiner Gnade; wir haben nichts, worauf wir uns was einbilden könnten. Ach, laß uns keine Demut heucheln, wenn wir sie nicht haben. Aber hilf uns, sie suchen. Amen.

Samuel Keller (1856-1924)