Sprüche 8, 22-31 (Hermann Friedrich Kohlbrügge)

22 Der HERR hat mich gehabt im Anfang seiner Wege; ehe er etwas schuf, war ich da.
23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit, von Anfang, vor der Erde.
24 Da die Tiefen noch nicht waren, da war ich schon geboren, da die Brunnen noch nicht mit Wasser quollen.
25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln war ich geboren,
26 da er die Erde noch nicht gemacht hatte und was darauf ist, noch die Berge des Erdbodens.
27 Da er die Himmel bereitete, war ich daselbst, da er die Tiefe mit seinem Ziel faßte.
28 Da er die Wolken droben festete, da er festigte die Brunnen der Tiefe,
29 da er dem Meer das Ziel setzte und den Wassern, daß sie nicht überschreiten seinen Befehl, da er den Grund der Erde legte:
30 da war ich der Werkmeister bei ihm und hatte meine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit
31 und spielte auf seinem Erdboden, und meine Lust ist bei den Menschenkindern.

Meine Lieben! Wir betrachteten am vergangenen Tage des Herrn, nach Anleitung der ersten zwanzig Verse des achten Capitels der Sprüche, wie Christus als ewige Weisheit nicht müde wird, uns thörichte Menschenkinder zu laden und zu locken. Wir sahen, wie er mit Rufen und Schreien nicht aufhört, uns Alberne zu nöthigen, auf daß wir zu ihm gekommen seien, um bei und in ihm geborgen zu sein. Wir vernahmen, wie Christus denen, die ihm nicht vertrauen, alles Vertrauen zu ihm einstößt, und uns seine Allgenugsamkeit, seine Macht, seine Treue, seine Leutseligkeit und die Fülle für dieses wie für jenes Leben vorhält. Wir kamen so an den 21. Vers, und lernten daraus, wie Christus darum unser Weg und unsere Gerechtigkeit sein will, auf daß er uns, so wir denn ihn lieben, das Erbe zu schauen gebe dessen, was wesentlich ist, und auf daß wir gegen alles Entblößt- und Leersein aus seiner Fülle bekämen Gnade für Gnade.

Betrachten wir nunmehr, welche Schätze und Geheimnisse seiner Liebe und Gnade unser Herr uns eröffnet von Vers 22 bis 31.

Betrachten wir das alles, was wir aus diesen Worten vernehmen, mit andächtigem Herzen und dankbarem Gemüthe, so werden wir deß inne, daß der Herr unsere leeren Schatzkammern voll macht, nach allen Seiten voll macht, indem er uns sich offenbaret.

als den, der vor allen Dingen bei Gott war;
als Gottes Schooßkind, und wie er vor ihm spielete;
in seinem Spiel auf Gottes Erdboden;
in seiner Lust, um bei uns Menschenkindern zu sein.

I.

Hören wir zu unserm Trost, was Christus, unser Leben, uns eröffnet in dem 22. und 23. Verse; auf daß wir es verstehen, wie er vor allen Dingen bei Gott war: Der Herr hat mich gehabt im Anfang seiner Wege; ehe er was machte, war ich da. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit, von Anfang vor der Erde.

Was das haben bedeutet in der Aussage: „der Herr hat mich gehabt“, lehrt uns Eva, wenn sie spricht, 1. Buch Mose Cap. 4, V. 1: „Ich habe den Mann, den Herrn“; und desgleichen Moses, wenn er bezeugt in seinem fünften Buch, Cap. 32 V. 6: „Ist er nicht dein Vater und dein Herr?“ Hebräisch: Ist er nicht dein Vater, der dich als den Seinen erworben? – vergl. 2. Buch Mose Cap. 15, V. 16. Es ist demnach ein Haben als besonderes Eigenthum, wie man sein Kind hat, aber ein Haben, das man durch Zeugung und Geburt bekommen hat, und nun als ein einig geliebtes Eigenthum und anderes Ich besitzt.

„Gottes Weg“ ist, wo er anfing außer sich zu wirken. Also Gott Vater hatte seinen einiggeliebten Sohn gezeugt und hatte ihn als seine Augenweide und als den, an dem er all sein Wohlgefallen fand, vor sich, und denselben ersah er sich als den Anfang, um von ihm aus zu wirken und darzustellen Alles, was er außer sich wirken und darstellen wollte. Ehe er was machte, war ich da. Bevor der Herr das Vornehmen faßte, Himmel und Erde zu schaffen, sah er auf seinen geliebten Sohn und nahm denselben zum Anfangspunkt aller seiner Werke, den, der ohne Anfang ist. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit, von Anfang vor der Erde – hebräisch: lange, lange vor der Erde. Das ist, so ewig wie Gott ist, so ewig bin ich, und wurde ewig gebildet, verordnet und eingesetzt als König zu schaffen, zu regieren, zu erhalten und das Gefallene wieder zu bringen zu Gott. Das geschah in der Zeit ohne Zeit, als es noch lange, lange währen würde, bevor die Erde gegründet und der Himmel ausgebreitet sein würde.

Da die Tiefen noch nicht waren, da war ich schon bereitet; hebräisch: gezeuget; da die Brunnen noch nicht mit Wasser quollen, hebräisch: mit Wasser schwanger gingen. Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln bin ich bereitet, hebräisch: gezeuget. Die Weisheit will sagen: Ehe die Tiefen waren, waren die Tiefen der Gottheit in Liebe beschäftigt, mich hervorzubringen als den Sohn Gottes; bevor noch die Mittel da waren, Etwas fruchtbar zu machen, war ich da als die Quelle aller Fruchtbarkeit. Und denket euch so tief oder so hoch wie ihr könnt, vor allen solchen Tiefen und Höhen war ich da als der gezeugte und gesalbte Sohn Gottes, ein Fürst und Schöpfer aller Tiefen und aller Höhen. Es ist nichts tief ohne mich, es quillt nichts ohne mich, es wird nichts eingesenkt, daß es hoch sei, ohne mich.

Das ist alles eine Lehre und Trostpredigt, und gleicht den Worten, mit denen das Evangelium Johannis anhebt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Alle Dinge sind durch dasselbige gemacht, und ohne dasselbige ist nichts gemacht, was gemacht ist“. Und ähnlich lautet das Evangelium bei Paulo an die Colosser: „Er ist vor Allem, und Alles besteht in ihm. Er ist der Erstgeborne vor aller Creatur. In ihm ist Alles erschaffen, beides, das Sichtbare und Unsichtbare, beides, die Thronen und die Fürstenthümer. Es ist Alles durch ihn und zu ihm geschaffen.“ (Col. 1, V. 15-17).

Halten wir das Dogma von der ewigen Gottheit Christi fest, verstehen wir es aber nach der Meinung des Geistes uns zum Heil, zum Trost der Seligkeit. Indem also die ewige Weisheit von Tiefen, von Brunnen und Bergen redet, und wie sie vor denselben gewesen, so redet sie doch von Tiefen, Quellen und Bergen, von Himmel und Erde, von allem Geschaffenen, wie wir das alles ansehen, nachdem die Sünde in die Welt gekommen. Da fragen wir denn: werden uns die Tiefen etwas hervorbringen? wird etwas also für uns quillen, daß wir den Segen des Herrn dabei erfahren? werden wir etwas von den Bergen und Hügeln einbringen ohne Christum? ohne die ewige Weisheit? wird es Gott gefallen? werden wir seinen Segen davon tragen, wenn wir dem nicht gehorchen, der vom Vater von Ewigkeit zum Fürsten aller Dinge eingesetzt ist? wenn wir nicht durch ihn Kinder Gottes geworden sind, den er ewig gezeuget, den er gehalten für sein liebstes und trautes alter ego (anderes Ich) im Anfang seiner Wege? Siehe, die Weisheit redet mit uns ganz menschlich, auf daß wir Menschen sie verstehen. Sie könnte sonst wohl anders reden. Auch zu Hiob redet der Herr am Ende von der Natur, von dem was Er geschaffen. Er redet mit ihm von der Erschaffung der Erde, von dem Meere und seinen Wundern, von den Tiefen, dem Licht, dem Regen, dem Donner, den Blitzen, von der Löwin, dem Einhorn, dem Roß, den Vögeln, dem Behemoth und dem Leviathan. – So redet hier die Weisheit, Christus, mit uns, auf daß wir es ja verstehen und zu Herzen nehmen, daß wir ohne ihn nichts vermögen, wie er auch gesagt hat in den Tagen seines Fleisches: „Wer in mir bleibet, und Ich in ihm, der bringet viele Frucht; denn ohne mich könnet ihr nichts thun“, Joh. 15, 5.

Die Erfahrung beweiset es sattsam, daß wir so thöricht bestrebt sind, um unser Heil für dieses, wie für jenes Leben durch uns selbst, durch unsere Weisheit und Kraft, aus der Tiefe, aus den Quellen und aus der Höhe darzustellen. Selbst darstellen wollen wir es, anstatt es der ewigen Weisheit, Christo, zu überlassen, und nur darauf aus zu sein, in ihm erfunden zu werden, der den an ihn Glaubenden Alles vor ihnen her schafft und darstellt. Da wird aber nichts d’raus, als daß wir Gottes Fluch über uns herbeiholen. Wir Menschen haben einen Anfang und ein Ende, wir sind endlich, und bedürfen das Hinübergesetztsein, das Hineingepflanztsein in den Sohn der ewigen Liebe. Wir müssen gegen unsern ewigen Tod ein Opfer haben, das ewig ist und ewiglich gilt, das von einer ewigen Wirkung, Kraft und Geltung vor Gott ist. Gott will von uns nichts wissen, es sei denn, daß wir erfunden seien in Ihm und glauben an die ewige Weisheit, an den, der uns von Gott zur Weisheit gemacht ist (1. Cor. 1, V. 30), an den ewigen Sohn seiner ewigen Liebe. Nur dann werden uns die Tiefen, die Brunnen, die Berge und Hügel Heil bringen, wenn wir eins geworden sind mit dem, den Gott gezeugt und gehabt hat als sein einziges, trautes, liebes anderes Ich, bevor wir und alles Erschaffene einen Anfang nahmen. Darum gilt es für das Sichtbare, sowohl als für das Unsichtbare, für das Zeitliche sowohl als für das Ewige, was Moses und Paulus bezeugen und was da geschrieben steht, 5. Mose 30, 12. 14. und Röm. 10, 6-10; und was David von Christo bezeugt, Ps. 36, 10: Bei dir ist die lebendige Quelle; und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

So ist denn dies Alles uns endlichen und sterblichen Sündern zum Trost gesagt, damit wir es für dieses wie für jenes Leben bei ihm suchen, der vor allen Dingen bei Gott war, und durch den alle Dinge sind. – Um diesen Trost zu erhärten, offenbaret sich uns die ewige Weisheit

II.

Als Gottes Schooßkind, und wie sie vor ihm spielete.

So lesen wir von Vers 26-30: „Er hatte die Erde noch nicht gegründet, und was darinnen ist, noch die Tiefen des Erdbodens. Da er die Himmel bereitete, war Ich daselbst; da er die Tiefen mit seinem Zirkel verfassete; da er die Wolken droben festete, da er befestigte die Brunnen der Tiefe; da er dem Meer das Ziel setzte, und den Wassern, daß sie nicht übergehen seinen Befehl; und er den Grund der Erde legte: da war Ich der Werkmeister bei ihm, und hatte meine Lust täglich, (hebräisch: und ich war sein stetes Ergötzen Tag für Tag) und spielete vor ihm allezeit.“

Was Luther und Viele nach ihm durch „Werkmeister“ übersetzt, bedeutet zunächst „ein Säugling“, „Pflege- oder Schooßkind“; Andere übersetzen das Wort durch „Pfleger“; noch Andere: „ein steter und treuer.“ Es liegen die Bedeutungen wohl alle in dem Wort. Wir jedoch heben die Bedeutung hervor von „Pflege- oder Schooßkind“, wie der Evangelist Johannes Cap. 1, 18 Jesum Christum nennt: den eingebornen Sohn, der in dem Schooß des Vaters ist; griechisch: der Seiende an dem Busen des Vaters. Indem es nun heißt: „Da war ich das Schooßkind bei ihm, und war seine Ergötzung täglich, und spielete vor ihn: allezeit“; so ist das Bild genommen von einem Kinde, das durch seinen Liebreiz die Mutter bewegt, es auf den Schooß zu nehmen. Ein Kind ist gemeint, welches stets um die Mutter ist, und sich dann über die Maßen glücklich fühlet; welches ferner die Mutter ergötzt durch sein Liebkosen, Geplauder und seine Vorschläge, und in Gegenwart der Mutter die ernsten Dinge des Lebens scherzend und im Spiel aufführt.

„Her zu mir, ihr alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken; ich will euch Ruhe geben für eure Seele“. Giebt es einen Heiland ohne ihn, einen- Seligmacher außer ihm? Wer ist ihm gleich? O wir Thoren, wenden wir uns zu ihm! Als der Herr sich vornahm, Himmel und Erde und das Meer und Alles was darinnen ist, zu schaffen, waren ihm da nicht alle seine Werke von vorne herein bekannt? Da wußte Er es ja, wie bald Er diese seine Werke würde verfluchen und zum Endgericht verdammen müssen, der Sünde des Menschen wegen. Er wußte es ja, wie bald seine ganze Schöpfung durch Verführung des Teufels und des Menschen muthwilligen Ungehorsam würde zerstöret werden. Was bewegte ihn da dennoch Etwas außer sich zu wirken, Himmel, Erde und Meer und was darinnen ist, zu machen, wo nicht dieses, daß er dabei auf seinen eingebornen Sohn, auf dieses sein einziges Schooß- und Pflegekind sah, auf dieses sein Ebenbild und sein aus sich Gezeugtes? „Verkläre mich, du Vater, bei dir selbst, mit der Klarheit (Herrlichkeit), die ich bei dir hatte, ehe die Welt war“ bittet unser Hohepriester, Joh. 17, 5. An diesem eingebornen Sohn hatte Gott Vater sein Wohlgefallen, als er sich vornahm, Himmel und Erde zu schaffen. Gegen Alles an, was der Teufel und was der Mensch mit seiner Sünde wider Gott anstiften würde, hatte Gott Vater all‘ sein Ergötzen an diesem Sohn seiner Liebe, an dieser ewigen Weisheit. Sie war es, die es auf sich nahm, der ewigen Liebe alle Genugthuung durch sich selbst zu bringen. Sie war es, in welcher der Vater das glorreiche Ende seiner Schöpfung sah; sie war es, welche den Vater fortwährend ergötzte und sein Herz bewegte, den Rath seiner Liebe auszuführen. – Ja, das war wie ein Spielen und Scherzen, wie ein heiliges, fortwährendes, freudiges Lachen. Denn das Wort Spielen bedeutet ein Scherzen und Lachen, wie es zu Sarah hieß: „Warum hast du gelacht?“ – O der ewigen Freude, des heiligen Lachens, das allen Auserwählten eigen ist, so oft sie vom hohen Himmel her gegen alles Widerspiel an getröstet werden mit Heil auf Heil, mit Seligkeit auf Seligkeit, so daß sie anfangen zu singen und zu spielen, Gott zu loben und zu preisen für seine ewige Gnade, daß alle Saiten der Himmelsharfen davon erklingen. Dieses Lachens und Spielens war die ewige Weisheit voll vor dem Vater, ihm vorzuhalten, wie das Kundthun seiner Macht an den Gefäßen des Zorns und das Kundthun des Reichthums seiner Herrlichkeit an den Gefäßen seiner Barmherzigkeit, ihn als den Ursprung und das Endziel alles Erschaffenen verherrlichen würde. Das muß ein ewiges Lachen und Spielen im Himmel gewesen sein, als der Sohn sich an des Vaters Busen legte und alle Liebe und Barmherzigkeit des Vaters in Bewegung brachte, um zu schaffen und zu wirken außer sich! Und welch seliges Lachen muß es gewesen sein, als der Sohn es dem Vater gelobte, Alle wiederzubringen, die der Vater zum ewigen Leben bestimmen und ihm geben würde, um sie auf ewig so zu erretten, daß sie ewig Gott würden genießen können, und daß Gott sie auf ewig erfüllete mit der ganzen Herrlichkeit seiner Gnade! – Ja das muß ein Lachen, Scherzen und Spielen im Himmel gewesen sein, indem die ewige Weisheit es dem Vater vorhielt, wie sie es auf sich nehme, seine Tugenden und Vollkommenheiten im Himmel und auf Erden und gegen die Hölle rc. zu verherrlichen. O, was muß das eitel Freude und ein göttliches Lachen und Spielen gewesen sein, wenn wir nachsinnen dem, was geschrieben steht: „Und der Engel sprach zu ihnen: Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren; – und: Alsobald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerschaaren, die lobten Gott, und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe.“ (Luc. 2.) Es ist im Hinblick auf dieses Spielen, daß Paulus, der Apostel, an die Epheser schreibt Cap. 3, 8-10:

„Zu verkündigen den unausforschlichen Reichthum Christi, und zu erleuchten Jedermann, welche da sei die Gemeinschaft (Verwaltung) des Geheimnisses, das von der Welt her in Gott verborgen gewesen ist, der alle Dinge geschaffen hat durch Jesum Christum, auf daß jetzt kund würde den Fürstenthümern und Herrschaften in dem Himmel an der Gemeinde die mannigfaltige Weisheit Gottes nach dem Vorsatz von der Welt her, welche er bewiesen hat in Christo Jesu, unserm Herrn“.

Es bestand demnach dieses Spielen, Scherzen und Lachen in freudigen, aus Liebe und Barmherzigkeit hervorgehenden, des Vaters Ehre bezweckenden, eingehenden und ausgehenden Wirkungen seines allwissenden Verstandes und allmächtigen Willens, wodurch der Sohn sich in dem Vater belustiget und den Vater ergötzt hat, da er ihm Rath- und Vorschläge gethan, auch Bürge dafür geworden ist, daß der Vater sich im höchsten Grad nach Außen verklären könnte.

Daß wir uns etwas deutlicher ausdrücken um der Schwachen willen. In der ewigen Weisheit, in dem Sohne, sah der Vater den Entwurf und Abriß des ganzen Werts der Schöpfung und der Wiederbringung des Zerstörten, in seiner Zubereitung, Ausführung, Vollendung und im ewigen Sabbath. In dem Sohne war ihm das Alles genehm, zu Allem, wie der Sohn es vollenden würde, würde er sagen, nachdem er es gesehen: Es ist gut.

Der Sohn stellte ihm, als ewige Weisheit, die Ehre vor, die dem Vater daraus würde erwachsen, wenn nun verherrlichet würde seine Allmacht, Allgenugsamkeit, Weisheit und Güte, und wenn der Vater bei den Heiligen ein Ocean sein würde aller vollkommenen Seligkeit. –

Die Weisheit in ihrer Herrlichkeit, voller Gnade und Wahrheit, legte sich an Gottes Busen – und – Gott sprach – und es ward.

III.

Betrachten wir, wie die Weisheit sich uns offenbaret in ihrem Spielen auf Gottes Erdboden.

Vergessen wir es nicht, daß, als der Herr durch die ewige Weisheit Himmel und Erde schuf, er wohl gewußt, daß der Mensch mit seiner Sünde Alles zerstören, und daß das Gericht über Himmel und Erde kommen würde, wovon Petrus schreibt in seinem zweiten Briefe Cap. 3 V.?: „Also auch der Himmel jetzund und die Erde werden durch sein Wort gesparet, daß sie zum Feuer behalten werden am Tage des Gerichts und Verdammniß der gottlosen Menschen.“ – Was war denn das Spiel und das heilige Lachen der ewigen Weisheit vor Gott auf seinem Erdboden, der doch bald ein großes Grab und ein Thor der Hölle sein würde, wo nicht das Jauchzen über die Ehre Gottes wegen des Vorhabens seiner Gnade? wo nicht das Alles Uebertönende der hellen Posaune seines Lobs für Alles, was die Weisheit, Christus, den Auserwählten, den ihm vom Vater gegebenen, bereiten würde? – Himmel und Erde standen da, und die Weisheit hielt dem Vater die neuen Himmel und die neue Erde vor, worin Gerechtigkeit wohnen würde, als Wohnungen des Friedens für alle Erretteten. Es schwebete der Geist Gottes brütend wie eine Taube über dem Abgrunde, und es war ein Lachen und eine Freude der Weisheit vor dem Vater, als der Sohn die Verheißung des Geistes vom Vater bekam, seine in Sünden Todten lebendig zu machen. Eine Verheißung des Geistes, war es, die da dienet, die Klage und das flehentliche Gebet seiner Heiligen aus dem Abgrunde ihrer Verlorenheit zu erhören: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir!“ und: „Nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.“ Und als Gott, der Vater, sprach: „Es sei Licht!“ und es ward Licht, da spielte die Weisheit vor dem Vater und lachte und hüpfte vor Freude, daß sie dereinst rufen würde: „Ich bin das Licht der Welt.“ „Das Volk, das im Finstern sitzt, stehet ein großes Licht, und über die, so in Todesschatten sitzen, scheinet es helle“ (Jes. 9, 2). „Mache dich auf, werde Licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn gehet auf über dir. Denn siehe, Finsternis; bedecket das Erdreich und Dunkel die Völker, aber über dir gehet auf der Herr, und seine Herrlichkeit über dir“ (Jes. 60.). – Und es sah die Weisheit den einigen und ewigen Tag aufgehen über alle Geheiligten; und mit ewiger Nacht bedeckt werden Alle, die sich an ihr, der Weisheit, versündigen würden. Als die Weisheit die Veste machte und den Unterschied zwischen Wassern und Wassern, spielte sie und machte die Kluft und Scheidung zwischen ihrem und des Teufels Reich, und sie sah sich und den ihr Gegebenen das Reich bereitet und festgestellt, welches die Thore der Hölle nicht überwältigen werden. Und die von den Wassern befreite Erde war ihr die Kirche, und das Meer die Welt, dessen Schatz und Reichthum an Fischen in ihr Netz kommen würde. Und als die Erde aufgehen ließ Gras und Kraut, das sich besaamete, ein jegliches nach seiner Art; und Bäume, die da Frucht trugen, und ihren eigenen Saamen bei sich selbst hatten, ein jeglicher nach seiner Art: da spielete die Weisheit und schlug in die Saiten der Himmelsharfe der Fülle Gottes: So wird meine Kirche sein, sie wird erfüllet sein mit Früchten der Gerechtigkeit, die durch mich geschehen, Gotte zum Lobe. Sie werden wachsen und blühen, und in ihrem Alter noch Früchte tragen (Ps. 92, 15). Mein Saame bleibt in einem jeglichen, der aus mir geboren, und ein Feigenbaum bringt nicht Dornen. – Auch ist dieser Mond meine Kirche in meiner Reinigung, und ich bin ihre Sonne; und wie die Zahl der Sterne ist die Zahl meiner Kinder, und ich rufe sie alle mit Namen. Wie werden mich meine Thiere und meine Vögel loben, wenn ich sie alle, die da unrein sind, in das Tuch meiner Gerechtigkeit werfe, und sie also rein gesprochen werden von meinem Vater, und ich sie alle an dem Seil meiner Weisheit in den neuen Himmel und auf die neue Erde bringe! – Wie werden mich alle meine Fische loben, wenn ich meinen Lebensstrom hineinfließen lasse in ihr todtes Meer und sie alle leben und sich mehren, Kraft des Bundes ewiger Gnade (Hesekiel 47, 9). Und als endlich die Weisheit den Menschen bildete, da sprach sie: Nunmehr habe ich im Himmel einen Vater und auf Erden einen Bruder.

So spielete die Weisheit auf Gottes Erdboden, als die Erde gemacht wurde; als die Wolken ihre Nerven bekamen, um sich dort oben zu halten, von wo sie den triefenden Regen spenden sollten; als sie zu dem Meere sprach: Bis hieher und nicht weiter; hier soll sich legen der Stolz deiner Wellen! Die Weisheit spielte mit den Tiefen; so tief liegen meine Auserwählten nicht, daß ich sie nicht aus der Tiefe hervorholte, und es sollen ihnen die Tiefen dienen. Die Weisheit spielte mit den Brünnlein, die die Stadt Gottes erfreuen. Die Weisheit senkte die Berge ein und die Hügel dazwischen, und fest standen bei ihr die Worte: „Es sollen wohl Berge weichen, und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer. „Die Weisheit sah ihre Stadt an und sprach: sie ist fest gegründet auf den heiligen Bergen (Ps. 87). Und: in den letzten Tagen wird der Berg, darauf des Herrn Haus steht, gewiß sein, höher denn alle Berge, und über alle Hügel erhaben werden (Micha 4,1). „Die Himmel sollen die Ehre des Herrn erzählen, und ich lege die Tiefe in das Verborgene (Ps. 33, 7), daß meine Auserwählten nicht zu sorgen brauchen. Mit den Wollen komme ich dereinst, und bringe den Meinen die Krone der Gerechtigkeit mit, und sie sollen stehen an dem gläsernen Meere, und Gottes Harfen haben und mit mir singen und spielen, gleichwie ich, da noch keine Zeit geboren war, vor meinem Vater spielete, Gotte zur Herrlichkeit, den Meinigen zur Seligkeit. –

Und so waren Himmel und Erde geschaffen, Mann und Weib, Tag und Nacht, alles ein Bild des Zukünftigen. Das war der Weisheit Spiel.

Vernehmen wir endlich, wie sich die Weisheit uns offenbaret in ihrer Lust an uns Menschenkindern.
IV.

Halten wir es im Gedächtniß, daß die Weisheit hier nicht von den Ersteltern spricht vor dem Fall; sondern sie redet von uns, den Menschenkindern, in dem Sinne, wie der Herr von uns spricht: „Ihr nun, ihr Schafe, ihr Schafe meiner Weide, ihr seid Menschen“ (Hesekiel 34, 31). Menschenkinder sind Kinder Adams, die von ihm Gottes Zorn und Fluch, demnach ein vollständiges Verderben ererbt haben, und die von Gott abgekommen, zu allem Guten untüchtig, zu allem Bösen geneigt sind. Es sind Solche, die nicht anders vermögen, denn die ewige Weisheit zu hassen, zu schmähen, zu verwerfen und zu tödten.

Was hier Lust bedeutet, lernen wir aus Psalm 119, V. 24: „Ich habe Lust zu deinen Zeugnissen, die sind meine Rathsleute. 35, 77: Laß mir deine Barmherzigkeit widerfahren, daß ich lebe: denn ich habe Lust zu deinem Gesetz. V. 92: Wo nicht dein Gesetz mein Trost (meine Lust) gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend. V. 143: Angst und Noth haben mich getroffen, ich habe aber Lust an deinen Geboten. V. 174: Herr, mich verlanget nach deinem Heil, und ich habe Lust an deinem Gesetz.“

Der Weisheit Lust ist bei uns Menschenkindern in dem Sinne, wie geschrieben steht Jes. 11, 8: „Und ein Säugling wird seine Lust haben am Loch der Otter“. Oder was sind wir Menschenkinder von Haus aus anderes als ein Otterngezüchte, ein Saame und Brut von Schlangen und Drachen? – Wie ist es möglich? und doch hat die Weisheit Lust bei uns. Ja er nennt sich selbst ein Menschenkind, er nennt sich selbst des Menschen Sohn! Und Lust sagt hier eine solche Lust, welcher Angst, Noth, Kummer und allerlei Leiden vorausging, so daß es mehr eine Erholung und Erquickung bedeutet von vielem und unsäglichem Leiden, wobei man Gott Dank sagt für seine Befreiung.

O ihr Thoren, die ihr die ewige Weisheit nicht wollt; ihr Hohen und Niedrigen, die ihr nur Heil sehet in euren Thorheiten, nur Lust habt bei den Hassern der ewigen Weisheit: küsset den Sohn, auf daß nicht sein Zorn bald entbrenne und ihr umkommet auf dem Wege! gehorchet doch der ewigen Weisheit, auf daß sie nicht endlich zu euch sagen muß: „Nun will ich auch lachen in euerm Verderben“ (Spr. 1, 26). „O, ihr Schlafenden und Lauen, ihr Sicheren und Sorglosen, die ihr meinet, die Weisheit zu kennen, und wollt doch nicht Nichts sein: wachet doch endlich auf, werdet doch endlich warm oder kalt, werdet Thörichte in dieser Welt, auf daß ihr klug werdet! – O, ihr schlafenden und schnarchenden Jungfrauen, die ihr kein Oel in euern Lampen habt: wie lange wollt ihr schnarchen? Und o, ihr Rath- und Rettungslosen, die ihr euch eurer Thorheiten wegen verklagt und verdammt: wie lange wollt ihr euer Herz verschlossen halten und euch von Sünde und Teufel niederhalten lassen; wie lange wollt ihr anstehen, es zu wagen, um mit einem: „komme ich um, so komme ich um!“ die ewige Weisheit zu umfassen und nicht zu lassen, die da spricht und zeugt: „Meine Lust ist bei den Menschenkindern?“ –

Kann Er mehr sagen, der leutselige Heiland, der freundliche Menschenhüter? Wer würde sich nicht schämen, es auszusprechen: Meine Lust ist bei den unreinen Thieren (Apostelgesch. 10, 15.); meine Lust ist bei den Zöllnern und Sündern, meine Lust ist bei den Götzendienern, bei den Ungehorsamen, den Hurern und Ehebrechern, den Dieben und Mördern? Sind wir Menschenkinder etwas anderes? Sind wir nicht Alle in Verdrehtheit gezeuget, in Sünden geboren? Giebt es noch etwas Gesundes an uns? Ist es nicht alles Ein Aussatz, worin die Menschenkinder sich befinden? – und doch will sie bei uns wohnen, die ewige Weisheit, ja ihre Lust ist bei uns. Sie schämt sich dessen nicht, es auszusagen vor Himmel, Erde und Hölle! O Tiefen der Weisheit, der Liebe und Barmherzigkeit! Den, der von Sünde gar nicht wußte, hat Gott Sünde für uns gemacht, auf daß wir Gerechtigkeit Gottes geworden seien in ihm! – Höret und nehmt es zu Herzen: wo die Weisheit spricht: „meine Lust“, da ist Angst, Tod, Noth und Leiden, allerlei schwere Betrübniß der Lust vorausgegangen. Nun hat aber die Weisheit doch nicht Betrübniß gekannt, die aus ihr hervorgegangen wäre! So war es denn unsere, der Auserwählten, Angst, Betrübniß, Kummer, Noth, Leiden und Tod, welche die Weisheit für Ihre Rechnung auf sich nahm; – dies Alles den Menschenkindern abzunehmen, das ist ihre Lust. Sie dagegen erfüllt ihre Menschenkinder mit dem, was sie hat, mit Heil und Hülfe, mit Trost und Freude, mit Frieden und Seligkeit, mit irdischen Gütern und mit unvergänglichen, himmlischen Schätzen. Ihre Lust ist bei den Menschenkindern, sie mit ihrer Gnade zu begnadigen, sie zu bekleiden und zu umfassen mit ewiger Huld und sie mit sich hinaufzuführen in des Vaters Schooß.

O welch eine Tiefe der Weisheit, wie sie, die Weisheit, Alles unter den Ungehorsam verschließt, auf daß sie sich Aller erbarme! Ja, das ist der Weisheit eigen: was rettungslos verloren ist, zu Gott wiederzubringen; was unheilbar zerbrochen liegt, wieder zu heilen. Das ist der Weisheit Werk: Allen, die blind, lahm, taub und stumm geboren sind, Augen, Hände und Füße, Ohren und Zungen zu schaffen; das Verkehrte gerade und Todte lebendig zu machen. Die menschliche Thorheit versteht nichts besser, als Einem zur Hölle zu verhelfen; die göttliche Weisheit dagegen weiß noch Rath bis in die unterste Hölle hinein.

Laßt uns anbeten im Staube und dem Lamme die Weisheit geben und ihm die Weisheit lassen.

Die Weisheit bildete die Erde und sah dein Grab, o Voll des Herrn, und kündete die Auferstehung aus; sie zählte all dein Gebein, o Voll, wie sie den Staub der Erde zählte und den Sand am Meeresufer!

Die Weisheit bildete die Wolken, und sah deine Noth, o Voll des Herrn, und schuf gnädige Regen, die Wollen- und die Feuerfäule, Bächlein aus dem harten Felsen!

Die Weisheit bildete die Berge, und sie schuf den Ararat, auf dem Noah’s Kasten Ruhe fand; sie schuf den Sinai, daselbst die zehn Worte des Gesetzes vernehmen zu lassen und dem Most zu zeigen den Schatten zukünftiger Güter; – und sie sah den Berg, auf welchem sie den Versucher schlagen würde mit ihrem: „Es stehet geschrieben“ (Matth. c. 4.). Sie rief die Hügel hervor, und vor ihren Augen lagen Nebo und Thabor, der Hügel Sion, Golgatha und der Oelberg. Sie ließ den Garten Eden aus der Erde hervorgehen, den Baum des Erkenntnisses Gutes und Böses. Und nicht minder lag vor ihren Augen Gethsemane, und es stand da der Stamm des Kreuzes, und es ward gehauen das Grab, worin sie, der Fürst des Lebens, todt würde hineingetragen werden, und endlich, sie sah das neue Paradies.

Die Weisheit machte das Meer und vor ihr lag das Meer, wo ihr Voll trocknen Fußes hindurchging, und worin Pharao mit seinem Heer hineinsank wie Blei. Und desgleichen lag vor ihren Augen der See Tiberias, an dessen Ufern sie stand als König der neuen Erde, wo sie den Muthlosen Muth machte, daß sie dennoch das Netz wieder auswarfen auf sein Wort, und hundert drei und fünfzig Fische fingen; und das Netz, womit die spielende und siegende Weisheit fängt, zerreißt nicht. Ach ja, alle die an dieser Weisheit sündigen, verletzen ihre Seelen: alle, die sie hassen, lieben den Tod. Aber wohlan, machen wir uns auf den Weg mit ihren Worten und ihrer Betheuerung: „Wohl dem Menschen, der mir gehorchet, daß er wache an meiner (Gnaden-) Thür, daß er warte an den Pfosten meiner Thür (der Hoffnung). Wer mich findet, der findet das Leben, und wird Wohlgefallen von dem Herrn bekommen“ (Spr. 8, 34. 35).

Amen!

(Hermann Friedrich Kohlbrügge)

Quelle: Glaubensstimme – Sprüche 8

Siehe auch: Von der wesentlichen Weisheit (Sprüche 8, 20.21)


Eingestellt am 4. Mai 2024