Offenbarung 21, 7: Das Erbe, das unser wartet

«Wer überwindet, der wird alles erben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein» (Offenbarung 21, 7)

Das Totenfest [gemeint ist der Totensonntag] hat in diesen Jahren an Bedeutung für uns gewonnen, aber um das diesjährige ist es noch etwas ganz Besonderes. Auch dieses Jahr gab’s eine riesige Todesernte daheim wie auf den Schlachtfeldern. Aber früher gedachten wir unserer Gefallenen als solcher, die sich für das Aufsteigen unseres Volkes geopfert, und die in dieser Zuversicht oft freudig gefallen waren; heute will ein furchtbarer Druck sich auf uns legen: Sank nicht die beste Kraft unseres Volkes, Millionen frischer Mannesleben vergebens dahin! Jetzt erst empfinden wir all dieses Sterben und Töten der letzten Jahre in seiner ganzen Entsetzlichkeit.

Aber geben wir dieser Stimmung nicht nach! Besinnen wir uns darauf, daß wir Christen sind. Mit an uns liegt es, daß jener Blut auch für die irdische Zukunft unseres Volkes nicht vergeblich geflossen ist, wenn all dies Todeselend, wie einst vor hundert Jahren, doch noch die Ursache des Allernötigsten, der Volkswiedergeburt, würde.

Heute aber stehe anderes im Vordergrunde! Der Totensonntag sei der Christengemeinde ganz besonders ein Fest des Lebens, er richte unsere Herzen auf das ewige Leben und belebe und vertiefe unsere Ewigkeitshoffnung. Dazu diene uns heute unser Offenbarungsspruch, eines der kürzesten und zugleich inhaltschwersten Gottesworte vom ewigen Leben.

I.

Worauf lehrt dieses Wort uns hoffen an den Gräbern unserer Lieben? Und auch dann noch, wenn einst für dich wie mich jede Hoffnung irdischen Fortlebens erlöschen wird?

Jedes Mal, wenn wir in die Zukunft schauen, sollten wir immer die Möglichkeit zweier Wege vor Augen haben: Einen weiteren Erdenweg, aber auch stets einen anderen, hoch über die Erde hinaus, dessen Eingang das rätselhafte Todestor bildet. Unser Gotteswort bezeugt uns: Für den Todesfall haben wir zu erwarten ein Erbe. Horcht auf! Es kommt für uns noch ein Erbe – jedenfalls ist jedem von uns ein Erbe zugedacht. Unser Leben soll noch reich werden.

Wie groß ist diese Botschaft gerade für unsere Generation, von der wir den Eindruck haben, daß ihr ein andauernd karges, leidvolles Erdenlos bestimmt ist. Aber erwarten wir das Erbe nicht auf dieser Welt; auch für sie wollen wir nicht hoffnungslos werden, aber machen wir, belehrt durch bitterste Enttäuschungen, unsere eigentliche Lebenshoffnung von ihr los. Was unser Herz vom Leben erhoffen muss, kann nicht auf dieser Sünden- und Todeserde uns werden, sondern nur als ein Erbe über ihr.

Was für ein Erbe ist das?

Treffend übersetzt Luther: «Wir werden dieses alles ererben.» Alles dürfen wir also als Erbe erwarten, als Erfüllung des großen Pauluswortes: «Gott hat seinen eigenen Sohn für uns dahingegeben; wie sollte er nicht in ihm uns alles schenken?» (Römer 8, 32). Von diesem «Alles» nehmen wir nichts weg. Das Erbe ist ein neues All. Genauer ist es, nach dem Zusammenhang der Offenbarung, ein neuer Himmel und eine neue Erde und mitten darin das neue Jerusalem, die hochgebaute, selige Gottesstadt. Eine ganz neue Welt soll aufsteigen, aber in ihr soll wiederkommen alles, was Gott geschaffen hat, soweit er es hat erlösen können. All das wird kommen als ein Erbe für dich wie mich. Jeder, der dahin emporgelangt, darf dort einen Platz für sich erhoffen. Und das in der Stadt Gottes, in der ewigen Gemeinschaft des Volkes Gottes, des Volkes der Söhne und Töchter Gottes, also eines Volkes so innig verbunden, daß es zugleich eine traute Familie Gottes sein wird, und Jerusalem für sie alle das eine Gottesheim.

Wie wundervoll und doch zugleich wie konkret ist diese Hoffnung! – Aber das Herz des Erbes ist noch etwas anderes: Ich werde diesem Erben sein Gott, und er wird mein Sohn sein. Ja, zu Gott zu kommen, Gott für ewig zu haben – das sollte auch unser eigentlichstes Hoffnungsgut sein, die Sonne, vor der alle anderen Erbstücke gleich Sternen, ob auch noch so schön glitzernden Sternen, verblassen. Weißt du schon, was das in sich schließt, ein Tag hienieden, wo ich Gott gehabt, mich wie ein Kind zu ihm, dem lieben Vater, hielt, ein Tag wirklich mit und aus Gott gelebt! Darum ein Tag des Voll-Lebens, weil mich Gott, als Quell alles Lebens, mächtig von innen heraus belebte, daß auch in mir alle Lebensquellen frisch, ja mächtig strömten. Dazu ein Tag, an dem ich Gott als Geist recht haben durfte, und wo darum auch in mir das Geistige ganz überwog. Vor allem ewige, göttliche Zeiten schon hienieden, da wir Gott als die Liebe gehabt, die uns äußerlich wie innerlich eine Kette von Liebesführungen und Liebesoffenbarungen Gottes waren. Endlich Tage, wo ich Gott, den Heiligen, gehabt, der mir Lust zu allem möglichen Guten verlieh, wie Energie zum Vollbringen, so daß es, wenn auch nie ganz fleckenlose, so doch heilige Stunden und Tage wurden.

Wer das erlebt, der weiß, was diese Hoffnung umschließt: Eine Ewigkeit, wo ich als ein für die Gemeinschaft mit diesem Vater voll erzogenes und befähigtes Kind Gott ganz haben werde! Gott haben – das ist das Leben! Gott haben – ist der Himmel! Gott selbst ist mein ewiges Erbe, alles andere nur Zugabe.

II.

Aber wie kann ich Armer und Schwacher zu diesem hohen Erbe kommen?

Wiederum lautet die vielsagende Hauptantwort: «Sei getrost, du wirst es ererben.» Du kannst und sollst es dir nicht selbst schaffen und verdienen. Dein Gott bereitet es dir, und seinerzeit wird es dir zufallen wie ein Erbe, aus Gnaden, ohne Verdienst, wider Verdienst. Es wird über dich kommen, so wie der Frühling oder ein großes Liebesglück über Nacht kommt, so wie vom Tiefempfindenden alles wahrhaft Große als Geschenk, als herrliche Gnade hingenommen wird, – so unerwartet und groß, daß es einem eine Weile ist, als träumte man.

Aber ist all das nicht nur ein schöner Wahn?

Nein, es kann uns eine zuversichtliche Hoffnung werden. Zweierlei ist hier zu beherzigen:

1. Auch die Hoffnungsgewißheit beruht auf Gott allein. Lernen wir nur Gott erleben, an ihn glauben als an den Allmächtigen, der es vermag und will, uns immer wieder aus äußersten Gefahren, ja aus dem Tod heraus wie durchs Rote Meer hindurchzuretten. Lernen wir ihn noch mehr im Alltag kennen als den Gott, der Wunder tut, wahrhaftige Wunder, erkenntlich für schlichte, aber in echter Dankbarkeit hell sehende Glaubensaugen; als den Gott, der die ihm Gehorchenden immer wieder führt durch Tod zum Leben, der täglich tote, aber für seine Macht aufgeschlossene Sünder von den Toten erweckt und in ihnen Leben wirkt. Dazu erlebt der dankbare Glaube in den täglichen Führungen und noch mehr in den geistigen Evangeliumswirkungen ein ganz persönliches geistiges Lieben Gottes zu mir und meiner Seele. Die köstlichste Frucht solch hell sehenden Glaubens ist, dass bei jedem dankbaren Sichbesinnen auf diese Gotteserfahrungen nun auch gegenüber dem leiblichen Sterben über die Seele ein ewiges Vertrauen zu dieser Liebesallmacht kommt: Dieser liebende Gott kann mich, den von ihm treu, ja ewig Geliebten, gar nicht wirklich sterben lassen. Wer wahrhaftig für sich an Gottes Lieben glaubt, glaubt auch für sich an ein ewiges Leben. Und solches Glauben genügt ihm als Beweis. Ja, es ist ein so herrlicher, hoher, starker Beweis, daß er gar keinen anderen haben will.

2. Aber daneben gehört unbedingt auch von unserer Seite etwas dazu: «Wer überwindet, wird alles ererben.»

Es fällt also dieses Erbe nicht jedem zu, nur den Überwindern. Es sind in dieser Welt so viel Todesmächte, die es verhindern wollen und können, daß es bei dir wie mir zum ewigen Leben kommt. Gar leicht kann das Leben in uns vernichtet werden: Das Leben, das doch im Geist wurzelt, kann untergehen im Fleisch, im Materiellen und Eitlen. Daneben die heute besonders große Lebensgefahr von Sorgen und Verzagtheit, Furcht und Verzweiflung. Am größten aber ist doch die Gefahr, durch die irdischen Verderbensmächte von Gott, dem einigen Quell ewigen Lebens, wie von seinem Christus, dem alleinigen Erlöser alles von Natur todkranken Lebens, abgezogen zu werden.

So ruft uns der Totensonntag zum Kampf ums Leben, ums ewige Leben auf, aber nicht, um nur so nebenbei und matt darum zu kämpfen, sondern mit Einsatz der ganzen Persönlichkeit: Zum Überwinden ruft er uns. Sehen wir zu, daß wir Tag für Tag erfunden werden in sieghaftem Ringen um innere Lebendigkeit, um Geistesmacht, um ein Liebesleben in und aus der Gemeinschaft mit Gott, das allein Leben ist, und vor allem im Kampf um den Glauben, um Gott. Es ist das zugleich ein Kämpfen um die Hoffnung. Ewigkeitshoffnung haben und festhalten können wir auf dieser Erde nur im Kämpfen und Siegen. Wer aber in Christi Kraft sieghaft täglich sich erringt ein Erleben von Gottes Liebe wie vom überirdischen Wesen echten Menschenlebens, der wird immer wieder Ewigkeitshoffnung fassen können.

Aber vor allem wird das Erbe uns doch zuteil werden als ein Geschenk der Gnade. Ewig lebendig und selig werden wir doch allein aus Gnaden.

Amen.

Traugott Hahn (1875-1919)

Quelle:

Traugott Hahn: Glaubet an das Licht. Ein Jahrgang Predigten nebst Anhang (nach seinem Tode herausgegeben). C. Bertelsmann, Gütersloh, 1925

Externer Link: Schriftenarchiv / Bibelgruppe Langenthal (pdf)