Vorwort.

Was ich in der Bolschewikenzeit während der Monate meines Gefäng­nisses erlebte und mit meinen Mitgefangenen miterleben durfte, das habe ich in einem Vortrage „Das Martyrium der baltischen Kirche“, den ich auf der evangelisch-lutherischen Konferenz zu Leipzig 1919 hielt, niedergelegt und versucht, das große Erleben unserer Kirche in jenen
Tagen als bedeutsam für die Christenheit zu erweisen. In meiner Bro­schüre „Märtyrer, der Leidensweg der baltischen Christen“ vom Jahre 1920, habe ich den Versuch gemacht, das Märtyrerleiden mei­ner baltischen Heimatkirche als einen vorläufigen Abschluß der geschichtlichen Entwicklung, die die baltische Landeskirche nach Gottes Willen genommen, darzustellen und die Christenheit auf die reiche Segensfrucht dieses Leidens um Christi willen aufmerksam zu machen. Ich hatte dazu vieles, was ich vom Leiden und Sterben meiner Brü­der vernommen, in die Darstellung verwoben und die Schlüsse daraus zu ziehen gesucht.

Zwei Fragen erhoben sich: war es recht, die hingemordeten Amts­brüder Märtyrer zu nennen, und andererseits, ist alles, was ich von ihnen geschrieben, was damals allein auf mündlichen Mitteilungen beruhte, authentisch?

Um die erste Frage lösen zu können, hatte ich mich im August 1922 von meinem Amte freigemacht, um mir in der Preußischen Staats­bibliothek das nötige Rüstzeug zu holen. Zwei Tage nach Beginn mei­ner Arbeit wurde die Bibliothek geschlossen (eine Revision wurde vor­genommen, weil zu viel Bücher gestohlen waren!). Es ist mir hernach nicht gelungen, mich wieder für diese Arbeit freizumachen, so war ich auf die dürftige Literatur angewiesen, die ich in Riga fand. In der geschichtlichen Einleitung, die ich dem Abschnitt der Märtyrerbilder vorausschicken zu müssen meinte, um der vielen willen, denen unsere
Verhältnisse unbekannt, habe ich auch die Antwort auf die erste Frage zu geben versucht: daß alle damals ermordeten Pastoren als Mär­tyrer zu gelten haben.

Um Klarheit in die andere Frage zu bringen, suchte ich mir schriftlich fixierte Zeugnisse über Leben, Leiden, Sterben der mir meist auch per­sönlich bekannten ermordeten Amtsbrüder zu verschaffen. Das war mit den verschiedensten Schwierigkeiten verbunden. In bezug auf die Verurteilung der Hingemordeten sagten die Akten, wenn sie über­haupt geführt waren, so gut wie gar nichts aus. Die Gerichtsverhand­lungen, wenn sie überhaupt stattfanden, waren fast immer geheim, das erforderte schon das schlechte Gewissen der Tribunalleute. Die Henker waren, wie wir sehen werden, von einzelnen Ausnahmen ab­
gesehen, innerlich nicht fähig, Aussagen zu machen. Viele von ihnen hat sehr bald nach dem Morde, bei der Niederwerfung des Bolschewis­mus im Baltenlande, der Tod als gerechte Strafe ereilt, oder Gott hat sie gerichtet durch böses schnelles Sterben. So kamen Akten gar nicht, Zeugen des Sterbens selten in Betracht. Ich habe gesammelt, was Mitgefangene aussagten, ferner was kleine, geheim gesandte Zet­tel der Ermordeten, sofern sie nicht vernichtet wurden, enthielten oder dem Inhalte nach von den Angehörigen im treuen Gedächtnis bewahrt wurde. Wenn die Alten „sich womöglich Aufzeichnungen der Konfessoren selbst aus den Gefängnissen verschafften“, um eine möglichst sichere Unterlage für die Märtyrerakte zu gewinnen, so habe auch ich die schriftlichen Äußerungen unserer Märtyrer, die mir von den An­gehörigen zur Verfügung gestellt worden sind, fast restlos, sofern sie nicht privaten Charakter trugen, in den Lebensbildern verwertet und in „—“ angeführt. Endlich habe ich gesammelt, was Angehörige bei der Verhaftung oder bei späteren spärlichen Zusammenkünften mit ihren lieben Gefangenen beim Essenbringen, beim Gräbergraben, beim Düngerführen usw. erlebt und erfahren.

Alles das, was die Angehörigen aus persönlicher Kenntnis des Wirkens und Leidens der
Märtyrer wußten, haben sie auf meine Bitte möglichst bald nach dem Sterben ihrer Lieben zu Papier gebracht. Dieses schriftliche Material ist die Unterlage für die im Hauptteil dieses Buches gegebenen Lebens­bilder. In einzelnen Fällen, wo die Pastoren hermetisch abgeschlossen im Gefängnis leben mußten oder an einen ferneren Ort verschleppt
wurden, wo die Gemeinde und die Angehörigen jede Fühlung ver­loren, fehlen nähere Daten über Leiden und Sterben. Bei etlichen hat man erst beim Offnen eines Massengrabes den Tod konstatieren kön­ nen, und bei andern weiß man nicht einmal, wo sie ermordet und wo sie begraben worden sind. Aus den schriftlichen Mitteilungen der Angehörigen oder der bestinformierten Nächsten der Ermordeten habe ich ersehen, daß einzelne Geringfügigkeiten, die ich in meinem Märtyrerbüchlein von den Amtsbrüdern, auf Grund der mündlichen Nachrich­ten niedergeschrieben, die mir allein zur Verfügung standen, zurecht­zustellen sind. Wesentliches habe ich nicht zu berichtigen, wohl aber viel Neues, Erschütterndes und Erhebendes erfahren, das nun eben­falls veröffentlicht werden kann.

Das gesamte gesammelte und mir zur Verfügung gestellte Material habe ich in dem Archiv der Gesellschaft für Altertumskunde in Riga niedergelegt, als ein Originaldokument aus den blutigsten ‚Tagen, die über unser armes Land und seine schwer geprüfte Kirche gekommen, aber auch als vielstimmigen Chor des Lobes Gottes unseres Heilandes, der sich auch in diesem Sterben um seines Namens willen verherr­licht hat. Den Brüdern im Amt, die mir bei der Sammlung des Materials ge­holfen, sonderlich den Witwen, die mit blutendem Herzen von dem Teuersten und Schwersten, das sie erlebt, geschrieben, allen sei herz­licher Dank gesagt.

Möge dieses  Martyrologium balticum  nicht ein Archiv werden, darin die edlen Toten begraben liegen, sondern zu einer Kanzel wer­den, die einer der Zeugen nach dem andern besteigt, um der Christen­heit fort und fort die Wahrheit zu künden:

Christus, der Sein Leben für uns gegeben, will nicht nur, daß wir das Leben aus ihm nehmen, sondern, daß wir auch unser Leben ihm geben in jener echten evangelischen Märtyrergesinnung, die, ohne das Mar­tyrium zu suchen, doch stets bereit ist, wenn Gott es fordert, das Blut­martyrium getrost zu erdulden. Denn „der Herr braucht das Sterben
der Seinen je und je als die kostbarste Aussaat seines Reiches“, pre­digte Hahn kurz vor seinem Sterben.

Mir aber, von dem Gottes unerforschliche Gnade das Sterben um Christi willen nicht gefordert, mir ist es Ehre und Pflicht, diese Blät­ter zu einem schlichten Kranz zu winden, den ich auf die Gräber meiner lieben Brüder niederlege, ihnen in dankender Liebe, unserer Kirche, so Gott will, zum Segen, unserem Heiland zum Ruhm.

R i g a ,  Schwartzenhof 1925   O s k a r  S c h a b e r t

Schabert, Baltisches Märtyrerbuch