22. Oktober

Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie desselben vergäße, so will ich doch dein nicht vergessen. (Jesaja 49, 15)

Die Gläubigen scheinen wohl einmal wie vergessen, teils von andern Christen, die sie nicht besuchen, sich nicht nach ihnen umsehen, keine Teilnahme, kein Mitleid bezeugen, und dies fällt schmerzhaft; oder sie fühlen sich auch einsam, weil sie keinen finden, gegen welchen sie ganz offen sein könnten. Ich bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dache, klagt
David Psalm 102, oder gar wie eine Nachteule, worüber sich die andern Vögel hermachen. So lange er nun noch mit Asaph sagen kann: Du bist dennoch meines Herzens Trost, geht’s noch wohl an. Aber wie schmerzhaft ist es, wenn es das Ansehen gewinnt, als habe der Herr die Seele vergessen.

So klagt Zion Jes. 49 und David fragt Ps. 13: Wie lange willst du mein so gar vergessen, während ich so traurig hingehe und mein Feind mich dränget? Sein Zaum ist zerbrochen, dass alles ihn zerreißet, was vorüber geht, wie Asaph im 80. Psalm sagt, so daß das Herz nicht anders denkt, als dies und jenes würde sich nicht ereignen können und dürfen, wenn der Herr sich nur in etwa um seine Angelegenheiten bekümmere, und sie regiere. Der Herr aber spricht: Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie desselbigen vergäße, so will ich doch dein nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet. Zur rechten Zeit geht es wieder, wie es 5. Mose 2, 4 heißt: Der Herr hat dein Reisen durch die große Wüste zu Herzen genommen, daß dir nichts gemangelt hat, auch das Kreuz nicht, desto süßer ist dann sein
Andenken.

Mutterherze will zerbrechen
Über ihres Kindes Schmerz,
Du wirst dich an mir nicht rächen,
O du mehr als Mutterherz!

(Gottfried Daniel Krummacher)