2. Mose 23, 9: Der Fremdling

Ihr wisset um der Fremdlinge Herz, dieweil Ihr auch seid Fremdlinge im Egyptenlande gewesen. 2. Mose 23, 9

Um mit Andern leben, lieben und fühlen zu können, ist Aehnlichkeit des Charakters, der Empfindungsweise, der Lage, der Umstände oder der Erfahrungen nötig. Unser allmächtiger Schöpfer selbst hat in Seinem Wort und Seinen Werken diesen Grundsatz anerkannt. Umgeben von Genüssen und Freuden jeder Art, selbst fähig mit himmlischen Wesen zu verkehren, war Adam doch allein ein Fremdling, gleichsam in seiner eigenen Welt der Fremdling des Weltalls ohne Möglichkeit der Verbindung oder des Austauschs gleicher Gefühle mit irgend einem lebenden Wesen.

Ueberlegenheit, Macht und Herrschaft über die erschaffene Welt genügte nicht. Verkehr mit Wesen anderer Natur genügte nicht, wie hoch und heilig und wohlthuend, wie willkommene Gäste sie auch sein mochten für den Einsiedler der Schöpfung.

Gott sprach: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm eine Gehülfin machen, die um ihn sei. Nicht ein anderes, ihm ähnliches Wesen, nein, Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch, ein Theil seiner selbst, das höchstmögliche Nahestehen, damit zwischen ihnen eine vollkommene Uebereinstimmung sein möge, wie es vielleicht nie mehr zwischen zwei Erdgebornen stattgefunden hat, seit das Paradies verscherzt worden ist.

Der Schlag, der den Stamm von seiner ewigen Wurzel losriß, hat auch die verschiedenen Zweige zerrissen, und zerstreut wir fügen sie zusammen, aber sie passen nicht mehr ineinander wie damals; wir pflanzen sie vereint, aber sie wachsen nicht in Eins. Schaut auf das Loos der zwei nächstgebornen Erdenbürger! Uneinigkeit war die erste Folge des Falls; wieder ein Fremdling zu sein, war die erste Strafe des Verbrechens. Unstät und flüchtig sollst du sein auf Erden. Es ist derselbe Grundsatz, den die oben angeführten Schriftworte aussprechen: der Fremdling allein kann des Fremdlings Herz kennen, kann das leise Weh ungetheilter Gefühle begreifen, das schwere Gewicht eines Leides, einer Mühe und Arbeit, die allein getragen werden muß, die tiefe Ermattung der Sorgen, um die sich niemand kümmert, die Freudlosigkeit selbst ungetheilter Freuden, die Leblosigkeit eines einsamen Daseins.

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