Markus 6, 5

“Und Jesus konnte allda [in seiner Vaterstadt] nicht eine einzige Tat tun; außer wenig Siechen legte er die Hände auf und heilte sie.”

Betrachtung zum 6. Januar

Es gibt Christen, die eine eigentümliche Anschauung von der Wirksamkeit anderer haben. Sie meinen, wenn dieser oder jener berühmte Mann käme und predigen würde, so müßten viele sich bekehren; oder glauben sie, daß wenn sie diese und jene Organisation schaffen, die an andern Orten bestehe, so werden sie auch die Wirkung und den Segen haben, der an andern Orten zu sehen sei. Solche Anschauungen sind nach Schrift und Erfahrung nicht gesund. Selbst der Heiland konnte nicht überall dasselbe tun; auch bei ihm war es eine Frage, ob ihm Empfänglichkeit und Glaube entgegengebracht wurde, oder nicht. Nazareth war ihm gewiß lieb; er verlebte dort den größten Teil der Zeit, die er hienieden im Fleische zubrachte; es waren gewiß auch in Nazareth viele Hilfsbedürftige; aber trotz alledem konnte er in seiner Vaterstadt fast nichts tun, um ihres Unglaubens willen.

Nazareth
Bild: Stephanie Matthiessen bei Flickr, Liz. CC BY-NC-ND 2.0

Das ist bei uns gar nicht anders. Ein und derselbe Mann hat an dem einen Ort viel Frucht seiner Arbeit, an einem andern Ort wenig, obwohl er an letzterem ebenso treu gearbeitet hat. Oft ist es nicht nur Unglaube im gewöhnlichen Sinn, was die Arbeit an manchen Orten unfruchtbar macht, sondern ganz spezieller Bann, besonderer Fluch, der auf einem Ort liegt. So ist es Erfahrungstatsache, dass die Predigt an Orten, wo viel Zauberei getrieben wird, oft lange Zeit nicht viel wirkt, bis der Zauberbann durch Buße und Bekenntnis gebrochen ist. Auch Sünden der Ungerechtigkeit und des Fleisches können solchen Bann bilden. Wie solche Hindernisse in ganzen Gemeinden dem Herrn hinderlich sein können, so können sie es natürlich auch in vielen einzelnen Familien und Personen sein. Wie sehr ernst ist es doch, wenn der Heiland etwas, ja Großes tun möchte, aber er kann nicht, weil die Menschen ihn hindern, wie in Nazareth. Hinderst Du ihn nicht?

Ach Herr! Räume aus meinem Herzen und Haus alle Hindernisse hinweg, die Dir im Wege stehen.  Amen.

Aus: Tägliche Betrachtungen für das ganze Jahr mit Anhang, S. 6. Von E. Schrenk. 2. Auflage, 32. bis 36. Tausend. Kassel. Druck und Verlag von Ernst Röttger, 1892.