Römer 8, 3 (Rosenius)

Denn was dem Gesetz unmöglich war (sintemal es durch das Fleisch geschwächt ward), das tat Gott und sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches und der Sünde halben und verdammte die Sünde im Fleisch; (Römer 8, 3)

In diesen Worten öffnet sich eine ganze Welt der herrlichsten, seligsten Freudengegenstände. Sie stellen uns auf einmal die unzählige Menge der göttlichen Offenbarungen, Verheißungen und Vorbilder auf Christus vor das geistliche Auge, von denen die lange Wartezeit des alten Bundes erfüllt war. Die „vom Vater bestimmte Zeit“ (Galater 4, 2) war jetzt erschienen, in der das Kindesalter und die Vormundschaft des alten Bundes ihr Ende haben und in der alle prophetischen Worte und Vorbilder in Erfüllung gehen sollten.

Als die Engelbotschaft über das bethlehemitische Feld erscholl: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren“ (Lukas 2, 10f), war das Wort Fleisch geworden, sah man in der uns so teuren Krippe den Inhalt aller Verheißungen. Hier lag nun „des Weibes Same, der der Schlange den Kopf zertreten sollte“ (Genesis 3, 15), vor Augen; hier lag „der Same Abrahams, in welchem alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollten“ (Genesis 12, 3; 22, 17+18, 28, 14; Apostelgeschichte 3, 25); hier „der Held aus Juda, dem die Völker anhangen würden“; hier „Davids Sohn“, der zu gleicher Zeit „Davids Herr“ war; hier der Zemach, der Zweig aus der alten Isaiwurzel und das Zeichen, daß eine Jungfrau einen Sohn gebiert, der da heißt Immanuel, Gott mit uns; hier „das Kind“, welches Herrschaft auf Seiner Schulter ist, und welches heißt: „Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friedefürst“ (Jesaja 9, 6), hier der Herr Israels, der in Bethlehem geboren werden sollte, aber – „welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist“ (Micha 5, 2; Psalm 93, 2), ja, hier das Lamm, das aus der Herde genommen werden sollte und dessen Blut, auf die Türpfosten gestrichen, gegen den Verderber schützte.

Mit solchen Weissagungen und Bildern war die Zeit des alten Bundes erfüllt. Und was bedeutet es, daß durch ein langes Weltalter von viertausend Jahren hindurch sich eine Kette von Weissagungen zieht von einem großen Mann, der da kommen, der der Schlange den Kopf zertreten und die Sünden der Welt tragen sollte, und in dem alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollten? Hier werden die Zweifel und Widersprüche meines finsteren Herzens den unzähligen Zeugnissen dieser Jahrtausende gegenüber wie das vor dem Wind dahinfliegende Stäubchen und wie ein Strohhalm dem alten, festen Berg gegenüber.

„Gott sandte Seinen Sohn“. Hier ist der eigentliche Kernpunkt in unserem Spruch wie auch in unserem ganzen christlichen Glauben. Hier ist aber auch der Punkt, den wir nie recht in unser Herz hineinbringen können. Hier ist der Punkt, über den man mit großem Geschrei Gebete anstellen sollte, daß Gott sich über uns erbarmen und unsere Sinne öffnen möge, auf daß wir etwas von den unermeßlichen Tiefen der Gnadenwunder Gottes sehen und betrachten könnten, die sich in der Hingabe Seines Sohnes an ein armes, gefallenes Geschlecht äußerte.

Laßt uns sehen, wie die Worte lauten. Es heißt: „Da sandte Gott Seinen Sohn“. Beachte! Es steht nicht: Da wurde Gottes Sohn geboren, sondern es heißt: „Gott sandte Seinen Sohn, geboren von einem Weibe“. Das Kind, das du im Geist in der Krippe schaust, ist nicht ein Kind, das ein so großes Maß des Geistes Gottes und Seines Wohlgefallens erhalten hat, daß Gott es darum Seinen Sohn nennt. Die Schrift redet anders: Dieses Kind war der ewige Sohn Gottes, der „beim Vater war, bevor die Welt erschaffen wurde“ (Kolosser 1, 15). In Bethlehem sollte der geboren werden, dessen „Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.“„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen Seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (Johannes 1, 1-16).

Das liegt in dem Worte „sandte“. – Gott sandte Seinen Sohn, – also einen Sohn, der zuvor da war, der aber jetzt in der Fülle der Zeit auf die Erde gesandt wurde. Jesus selbst sagt: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn gab.“ – „Vater, verkläre Deinen Sohn mit der Klarheit, die Ich bei Dir hatte, ehe die Welt war.“„Ich bin vom Vater ausgegangen und gekommen in die Welt, wiederum verlasse Ich die Welt und gehe zum Vater“. So sagt auch der Apostel Johannes: „Daran ist erschienen die Liebe Gottes gegen uns, daß Gott Seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, daß wir durch Ihn leben sollen“. Er hat uns geliebt und Seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden gesandt.

Und der Apostel Paulus sagt: „Das tat Gott und sandte Seinen Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches.“ Das mußt du verstehen, wenn du im Geist an der Krippe in Bethlehem stehst und das wunderbare Kind schaust, dessen Geburt von der ganzen himmlischen Heerschar den armen Hirten auf dem Felde und durch den wunderbaren Stern den Weisen aus dem Morgenland verkündigt wurde. Dank und Lob und Ehre und Preis und Stärke sei unserem Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit für Seine unaussprechliche Gabe!

„Gott sandte Seinen Sohn!“

Nun Er liegt in Seiner Krippen,
Ruft zu sich Mich und dich,
Spricht mit süßen Lippen:
Lasset fahr’n, o liebe Brüder,
Was euch quält!
Was euch fehlt,
Bring ich alles wieder.

(Carl Olof Rosenius)


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Eingestellt am 13. Februar 2024