Klagelieder 2, 19 (Bezzel)

Stehe des Nachts auf und schreie; schütte dein Herz aus in der ersten Wache gegen den HERRN wie Wasser; hebe deine Hände gegen ihn auf um der Seelen willen deiner jungen Kinder, die vor Hunger verschmachten vorn an allen Gassen! (Klagelieder Jeremiae 2, 19)

Denkst du vielleicht, wenn du abends dich zur Ruhe legst, an die Seelen deines Volkes in den Gefängnissen, an die Einsamen, denen der Raum verengt ist, und die kein Fenster nach Jerusalem offen haben? Denkst du an die Weglosen, die jetzt auf Sündenstraßen ziehen, während du deinen nächtlichen Schlaf der Treue des nie schlummernden Hüters empfiehlst? Erinnerst du dich aller der Heimatlosen, Opfer böser Dinge, auch Münzen, geprägt von ihrem Herrn, auch teuer getauft und hoch erkauft und ganz von ihrem Eicher zurückgewichen? Denkst du, ehe der Schlaf deine Augen bedeckt, an all den Notschrei, der aus tausend verhaltenen Tiefen emporschlägt, an all das ängstliche Harren der Kreatürlichkeit? Ach, daß wir mehr Mitleid mit unserer Volksseele empfänden und uns mehr in die Herzen der Enterbten, Verlassenen, Betrogenen und Umschmeichelten hineinbeteten, hineinempfänden!

(Hermann Bezzel)


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Eingestellt am 6. Mai 2022 – Letzte Überarbeitung am 10. Juli 2024