Mystik

Der Ausdruck Mystik (von altgriechisch μυστικός mystikós ‚geheimnisvoll‘, zu myein ‚Mund oder Augen schließen‘) bezeichnet (nach Wikipedia) Berichte und Aussagen über die Erfahrung einer göttlichen oder absoluten Wirklichkeit sowie die Bemühungen um eine solche Erfahrung. Im alltäglichen Sprachgebrauch sowie in populärer Literatur versteht man unter Mystik meist spirituelle Erlebnisse und Aussagen, die als solche wissenschaftlich nicht objektivierbar sind („echte“ mystische Erfahrung).

Armin Hippel schreibt über die Wurzeln des Mystizismus:

»Der Mystizismus ist eine Geistesbewegung, die ein ganz bestimmtes Denksystem mit sich brachte, verbunden mit einer Übung des menschlichen Geistes (Versenkung), um zu “höherer Gotteserkenntnis” zu gelangen. Die Wurzel des mystischen Denksystems liegt nicht im “hebräisch-biblischen” Denken, sondern in der griechischen Philosophie. Meister Eckhart, der bedeutendste deutsche Mystiker um 1300, war ein Schüler von Thomas von Aquino, der in seiner Philosophie auf Aristoteles zurückgriff […]  Die andere Wurzel liegt im Orientalismus, der die größten Meister der Magie hervorgebracht hat und auch heute noch besitzt. Er kennt jene bestimmte “Versenkungsübung” des menschlichen Geistes seit Jahrtausenden. So ist es eine charakteristische Erscheinung des Mystizismus, daß sich hier höchste Logik des menschlichen Verstandes mit meditativer Versenkungsübung des menschlichen Geistes verbindet«.

Zur Beurteilung aus biblischer Sicht verweisen wir auf den ausführlichen Artikel in “Handbuch Orientierung” von Dr. Lothar Gassmann:

Der biblische Theologe Gassmann schreibt darin über das Erlösungsverständnis der Mystik:

»Der bei allen Mystikern am meisten zu kritisierende Punkt ist das Heils- und Erlösungsverständnis. Mystik ist das Streben nach Heil oder Erlösung unter Umgehung von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi im biblischen Sinn. Durch Suche nach Direktkontakt mit Gott, dem Seinsgrund, Tao, der Geschichte, dem absoluten Geist, der Macht des Unterbewusstseins usw. will man zu Erlösung, Vollkommenheit, Erkenntnis, Heil, Heilung usw. gelangen. Im Grunde ist Mystik, auch wo von einer transzendenten Macht die Rede ist, immer der Weg von unten nach oben, die Selbsterhebung des Menschen zu einer höheren Daseinsstufe. Auch wenn diese Daseinsstufe “Gott” genannt wird, wird deutlich, dass damit nicht der persönliche, sich offenbarende, ansprechbare Gott der Bibel gemeint ist.«

Über den biblischen Weg zitieren wir nochmals aus  Armin Hippels Buch:

»Der Weg geht über die Kreuzes- und Lammesnachfolge. Dieses aber nicht in mystischer Versenkung. Vielmehr sind sie [die Schafe der kleinen Herde] als ein Brandopfer Gott angenehm, geachtet wie Schlachtschafe (Röm. 6, 38). Hat “Jesus, auf daß Er durch sein Blut das Volk heiligte, außerhalb des Tores gelitten” (Hebr. 13, 12-13), so ist auch dieses Witwen-Völkchen zu ihm hinausgegangen, Seine Schmach zu tragen. Es ist aus allem “Babylonischen” hinausgegangen, aus allem mystischen Denken und Sich-Versenken, aus allen mystisch-religiösen Gefühlen, aus aller Begeisterung, Beseeligung, und jeglichem religiösen, politischen oder sonstigen Rausch. Kein weltlicher, geistiger noch geistlicher Machteindruck kann sie mehr gefangennehmen. Sie wachen und beten in Geduld und Glauben und warten auf ihren HErrn, der das Reich einnehmen wird… […] Angesichts der letzten Mobilmachung der Heere Satans – mit allen seinen Geistern, Mächten und Kräften auch das Glaubensvolk, wenn möglich, zu verderben – heißt es mehr denn je: Wachen und beten und sich wappnen mit der Waffenrüstung Gottes.«

Friedrich Meyer stellt die Mystik in einprägsamer Weise dem biblischen Rechtfertigungsglauben gegenüber; er notiert in seinem Buch “Der Tag des Herrn”:

Wer die Mystik des Mittelalters kennt […] und wer die reformatorischen Schriften und Lieder kennt, der muß sagen:

»Dort ist, bei aller Beständigkeit in einem göttlichen Leben,
doch gelassener weiblicher,
hier ist männlicher Charakter;
dort ist Gehorsam gegen die Oberen,
hier ist Gehorsam gegen das ‘Wort’;
dort ist Führung durch Menschen,
hier ist Treue gegenüber dem eigenen Gewissen;
dort ist harte Gefangenschaft,
hier die Freiheit der Persönlichkeit;
dort ist Liebe zur ‘Mutter Kirche’,
hier zum Haupt der Gemeinde;
dort ist Tragen eines unermeßlichen Wustes von Irrtümern,
hier ist Zeugenmut bis zum Tod;
dort ist Pracht und Herrlichkeit der Kirchen und Klöster,
hier nüchterne Anbetung im Geist ohne Mittel;
dort ist viel Umgang mit dem Werk,
hier der einfache Glaube;
dort verbürgt man einem die Seligkeit,
hier steht der Mann für sich;
dort ist der ‘Stellvertreter’,
hier ist Christus ganz allein;
dort findet man unter vielen ‘Heiligen’ den Heiligen nicht mehr,
hier ist niemand heilig;
dort kann kaum einer ‘heilig’ werden durch soviel Leiden und Sich-kreuzigen,
hier sind alle heilig, die an den Einen glauben;
dort muß man sich abermals fürchten, und Menschen dienen,
hier ist männliche Freiheit und damit die einzig mögliche Freude des Geistes.«

Zwar haben die Mystiker durch ihre Schriften die Reformation befruchtet, doch die Reformation selbst hervorzurufen haben sie nicht vermocht.

Diese Auseinandersetzung mit dem mystischen Geist ist bis heute nicht zum Erliegen gekommen. Der amerikanische Apologet T.A. McMahon warnt auch die Evangelikalen vor einer Annäherung an den Mystizismus der katholischen Kirche. Er schreibt in seinem Artikel “Der evangelikale Mystizismus”:

“Doch der katholische Mystizismus ist mit Macht zurückgekehrt. Seine okkulten Techniken findet man beinahe überall, von Youth Specialties über Richard Fosters Renovaré-Organisation bis zu Rick Warrens Leben mit Vision.”

„Viele christliche Führer begannen nach einem neuen Ansatz unter dem Banner von ‚spiritueller Formung’ zu suchen. Diese neue Suche hat viele von ihnen zurück zu katholischen, kontemplativen Praktiken und mittelalterlichen, klösterlichen Disziplinen geführt“, schreibt Brian McLaren zustimmend.

Emil Brunner schreibt in “Die Mystik und das Wort” (S. 887):

»Nicht der ist ein Mystiker, der ekstatische Erlebnisse hat, sondern, der, der sie sucht, der einen ‘Weg’ dazu kennt und geht und in ihnen sein Gottesverhältnis begründet. Paulus aber muß hören: ‘Laß dir an meiner Gnade genügen‘. Die Einheit mit Christus ist bei Paulus, so gut wie bei Johannes: immer die Einheit des Glaubens an das Tatwort Gottes in Jesus Christus. Darum: Mittlerglaube, Rechtfertigungsglaube.«

Das Fazit:

Die Mystik kann (und darf) keine Erkenntnisquelle jenseits von Jesus Christus sein!

Literatur- und Quellenangaben:

Wikipedia (DE): Mystik

Hippel, Armin: Mystischer Geist oder Christus-Geist: Herkunft und Ausreifen eines Abfallkultes (Hütten-Verlag, Hüttental-Weidenau), S. 36f; 89

Holzhauer, Rudi: Verführungsprinzipien. Taschenbuch – Neuauflage, 452 Seiten. Artos-Verlag, Best.-Nr.: 00309; ISBN: 978-3-945119-09-9

Kubsch, Ron: Mystik oder das Wort (Artikel als pdf auf theoblog.de)

Maleachi – Kreis (Hrsg.): Gefährliche Stille! – Wie die Mystik die Evangelikalen erobern will. Autoren: Skambraks, Ulrich; Seibel, Alexander; Antholzer, Roland; Platte, Eberhard; Vedder, Martin; Pflaum, Johannes; Nestvogel, Wolfgang; Schäfer, Lothar und andere.
Christliche Literaturverbreitung, 2013, Taschenbuch – ISBN: 9783866992269

McMahon, T.A.: Evangelikaler Mystizismus? (Artikel einsehbar unter www.horst-koch.de)

Die mystischen Erfahrungen der Ärztin Minna Popken:

Im Kampf um die Welt des Lichtes: Lebenserinnerungen und Bekenntnisse einer Ärztin. 6. Auflage, Furche Verlag, Berlin 1952; 1. Band ihrer Autobiographie (Neuauflage erschienen beim Severus Verlag, Hamburg 2010, ISBN 978-3-942382-39-7)

Unter dem siegenden Licht: Lebenserinnerungen und Zeugnisse. Furche Verlag, Berlin 1939; 2. Band ihrer Autobiographie

Laßt uns Schatzgräber sein in der Nachfolge Jesu. Von der ordnenden und heilenden Wirkung des Evangeliums auf das Leben der Seele. Furche Verlag, Berlin 1940. Neu verfügbar gemacht 2014 durch www.gnadenwerk.de [pdf-Download]

Seibel, Alexander: Anselm Grün – Esoteriklehrer für Evangelikale. Ein Einblick in den Lehren des bekannten Benediktinermönches Anselm Grün. Artikel, veröffentlicht am 21. April 2016 aus Bibel und Gemeinde 100, Band 4 (2000)

Walter, Georg: Evangelikale und die Mystik. Die unterschätzte Gefahr – Ein Leitfaden zur Orientierung.

Schriftstellen:

Sehet zu, daß nicht jemand sei, der euch als Beute wegführe durch die Philosophie und durch eitlen Betrug, nach der Überlieferung der Menschen, nach den Elementen der Welt, und nicht nach Christo. (Kolosser 2, 8)

Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viel falsche Propheten ausgegangen in die Welt. (1. Johannes 4, 1)

So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN.
Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohlgehen -, und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen. (Jeremia 23, Verse 16 und 17)

Erstellt am: 27.03.2019 * Letzte Änderung am: 21.06.2021

Quelle:

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