Gehet ein durch die enge Pforte (Härter)

Franz Heinrich Härter, Pfarrer an der Neuen Kirche, Straßburg

Eine Predigt über Matthäus 7, 13-23 und 29

13 Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis abführt; und ihrer sind viele, die darauf wandeln. 14 Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind ihrer, die ihn finden.
15 Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. 16 An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? 17 Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte. 18 Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. 19 Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. 20 Darum an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.
21 Es werden nicht alle, die zu mir sagen: HERR, HERR! ins Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. 22 Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: HERR, HERR! haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben, und haben wir nicht in deinem Namen viele Taten getan? 23 Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie erkannt; weichet alle von mir, ihr Übeltäter!

29 Denn er predigte gewaltig, und nicht wie die Schriftgelehrten.

(Bibeltext: Luther 1912)

Die Bergpredigt unsers Herrn JEsu, deren Schluß wir zur Betrachtung vor uns haben, bildet ein in sich begründetes Ganzes; es wäre irrig, wenn man meinte, der Evangelist Matthäus habe darin nur ein Gemenge von Lehren, die er aus dem Munde des HErrn bei verschiedenen Veranlassungen vernommen hat, wie Perlen an eine Schnur zusammen gereiht. Nein, in der ganzen Bergpredigt herrscht ein inniger Zusammenhang, und es ist wahrhaftig eine Predigt, durch welche, bei aller Mannigfaltigkeit der Darstellung, ein Hauptgedanke geht, nämlich: Daß die Gerechtigkeit, welche vor Gott gilt, eine andere und bessere ist, als die Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer.

Der Schluß dieser Predigt beginnt mit den Worten: „ Gehet ein durch die enge Pforte!”

Daraus entwickelt sich eine Gleichnisrede mit drei scharf bezeichneten Gegensätzen : weite Pforte, enge Pforte; breiter Weg, schmaler Weg; Richtung abwärts zur Verdammnis, Richtung aufwärts zum Leben. Nun folgt eine Warnung vor den falschen Propheten (Verkündiger des Wortes), den Wölfen im Schafspelz; das sind eben solche, die mit falschem Trösten die Seelen täuschen, indem sie vom Frieden predigen , wo doch kein Friede ist, und wobei sie nur den eigenen Vorteil suchen 1). Dann kommt eine strenge Rüge gegen die, welche Herr, Herr! zu Christo sagen, aber den Willen des Vaters im Himmel nicht tun; das sind keine falsche Propheten, denn sie sprechen die Wahrheit aus, und niemand kann JEesum einen Herrn heißen, ohne durch den heiligen Geist 2); aber sie haben ihre Rechtgläubigkeit nur im Kopfe, nicht im Herzen, und der HErr erkennt sie darum auch nicht als die Seinen. Endlich schildert der gewaltige Prediger auch noch in einem Gleichnis die verschiedenartigen Hörer, und zeigt, wie bedenklich der Zustand derer sei, welche zwar hören, aber nicht tun; nur der demütige Täter des Wortes besteht in der Glaubensprobe; der eitle Hörer hingegen wird fallen zur Zeit der Anfechtung, denn ihm fehlt der innere Gnadengrund.

Der Zusammenhang, in welchem diese verschiedenen Teile des Schlusses der Bergpredigt mit der Aufforderung stehen: Gehet ein durch die enge Pforte! ist leicht einzusehen; denn die falschen Propheten halten die Seelen ab vom Eingehen durch die enge Pforte; die Herr-Herr – Sager reden wohl davon, aber sie glauben nicht, daß auch sie nötig hätten einzugehen; und die müßigen Hörer scheuen sich vor der Anstrengung, welche die feste Begründung ihres Gnadenstandes fordert, darum bestehen sie nicht im Gerichte.

1). Hesekiel 13, 16—21. — 2) 1. Kor. 12, 3

Der Gesamtinhalt der Bergpredigt bietet uns zugleich eine Sammlung von Lebensregeln dar, für die eingegangenen und auf dem schmalen Wege wandelnden Gotteskinder. Wir haben darin einen, in seiner Art einzigen, großen Lebensspiegel, worin sich Jeder täglich betrachten soll, um zu bemerken, was ihm vorzüglich gebricht.

Das ärgste Gebrechen wäre, wenn ein Mensch sich einbildete, er bedürfe dieser Belehrungen nicht mehr, und hoffte mit seinen Werken vor Gott zu bestehen.

Für einen solchen wäre die Bergpredigt vergebens, wie ein Spiegel für den Blinden. Wer aber nach der Rettung seiner Seele verlangt, wer ernstlich fragt : was muß ich tun, daß ich selig werde? – der vernehme auf diese wichtigste aller Fragen die Antwort unseres Heilandes in dem Zuruf:

Gehet ein durch die enge Pforte!

Um diesen Befehl des HErrn in seiner umfassenden Bedeutung zu erwägen, müssen wir folgende vier Stücke untersuchen:

1. Wo befindet sich der Mensch von Natur?

2. Was ist die enge Pforte?

3. Wie geht man in dieselbe ein?

4. Wohin führt dieses Eingehen?

Wo befindet sich der Mensch von Natur? — Außerhalb der engen Pforte, das ist offenbar; sonst würde der Herr nicht so allgemein gesprochen haben: Gehet ein! — Der Mensch ist von Natur außerhalb des Gottesreiches, selbst das, wie man zu sagen pflegt, noch “unschuldige” Kind; deswegen ergeht auch das Gebot der Umkehr und des Glaubens an Alle ohne Unterschied.

Die so genannte “Unschuld” des Kindes ist nicht “Unsünde”, sondern Unwissenheit: Sobald es anfängt, Gutes und Böses zu unterscheiden, ist auch in ihm die Sündennatur, und es widerstrebt dem heiligen Gottesgesetz. Darum, wenn Ihr ein zartes Kindlein unseres Menschengeschlechtes seht, dichtet ihm nur nicht himmlische Reinheit an, denkt vielmehr: Liebes Kind, du mußt auch eingehen durch die enge Pforte, und mußt absterben deiner sündlichen Natur, sonst kommst du nicht ins Reich Gottes, obgleich du demselben jetzt noch näher sein magst als mancher Erwachsene. Die Richtigkeit dieses Gedankens wird uns durch unseren und unserer Kinder Heiland bezeugt, in dem so oft mißdeuteten und so selten befolgten Worte:

Lasset die Kindlein zu mir kommen, und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes.

Er will, daß wir sie zu ihm bringen, weil er auch für sie zur Erlösung gekommen ist. Die Kinder sind also nicht ferne vom Reiche Gottes, darinnen sind sie nicht; ein Kindlein ist weder durch die enge Pforte eingedrungen, noch durch die weite hinabgesunken; der Zustand der Kindheit liegt zwischen beiden Pforten in sorgloser Unentschiedenheit; wenn aber die Gnade Gottes eine junge Seele nicht frühzeitig erfassen und aufwärts ziehen kann, so geht das heranwachsende, sich selbst überlassene Kind gedankenlos abwärts, dem verkehrten Zuge folgend, bis es an der weiten Pforte steht. Da hört die kindliche Unwissenheit auf, und das Bewußtsein der verbotenen Lust erfaßt sein Herz mit geheimnisvoller Macht, es gefangen zu nehmen in eine Welt der Sünde und des Todes.

Der Eingang in diese Welt ist von außen gar nicht schauderhaft anzusehen: Der Knabe, das Mädchen stehen davor voll Staunen, und betrachten mit Verlangen die Herrlichkeiten, womit das immer offene Höllentor ausgeziert ist; alles was die Unerfahrenheit verblenden, die Sinnlichkeit reizen und berauschen, das jugendliche Herz anködern und betören kann, ist hier angekündigt, und wird vom Geiste der Welt der neugierigen Seele zugeflüstert, um in ihr eine brennende Begierde anzufachen nach dem, was ihr bisher verboten war, und was sie schauen, haben, genießen möchte, um den Erwachsenen gleich zu sein. Ach, bei weitem die meisten jungen Leute unterliegen diesen Versuchungen, und ohne mehr darauf zu achten, was Gottes guter Geist ihnen warnend zuruft, stürzen sie sich mit einer Art von Wildheit hinaus in die Sünde, in den Strudel der Welt, wo geheimnisvolle Geisterhände sie umwickeln und furchtbar festhalten in einem Zustand der Betäubung.

So geht es denn auf dem breiten Wege hinab; sie wandeln dahin, die Vielen, in Gleichgültigkeit, Hoffart, hochmütigem Frevel und Spott gegen das Heilige; sie schaffen sich prächtige Hoffnungen, Luftgebilde in die irdische Zukunft gebaut, und ihr Hauptbestreben geht darauf aus, ihr Ich überall geltend zu machen. Dabei geht es wohl bei Manchen recht wüste, bei Andern hingegen dem Anscheine nach ganz ehrbarlich zu; die kälteren Naturen nämlich verbinden nicht selten mit ihrem eiteln Wandel gewisse Rücksichten der Klugheit; sie berechnen, wie weit sie in der Sünde gehen können, ohne zeitlichen Nachteil zu haben, und wie sie sich vor den Augen der Welt verstellen müssen, um bei ihr nichts zu verlieren; denn auch die Welt will Moral haben, ja sogar Religion; sie verlangt, daß man in nichts gegen den Anstand verstoße, und daß man vorzüglich die wichtige Regel beobachte, sich gegen Andere so zu betragen , daß sie mit sich und uns zufrieden sein können.

Das ist die Religion der Welt, wodurch der breite Weg gebahnt wird, daß man leicht und ohne Anstoß hinunter kommt; und wenn einer gar mit zeitlichen Gütern hinreichend ausgestattet ist, und der Welt reichlich zu verdienen gibt, so braucht er nicht einmal zu gehen, denn er wird von der schmeichelnden Menge auf den Händen getragen, — abwärts, — der Verdammnis entgegen.

Die Art, wie die Menschen auf dem breiten Wege dahin ziehen, ist sehr verschieden: die Einen gehen in völliger Sicherheit, wie luftwandelnd; Andere stürzen in verzweifelnder Eile dem Abgrund zu; die Einen nahen der schauerlichen Tiefe mit Lachen und Scherzen; Andere lassen sich die Hölle recht sauer werden, und plagen sich mit Zorn oder Geiz bis zum furchtbaren Ziele.

Die Ausführung ins Einzelne wäre überflüssig; es ist an dem Gesagten genug, um den, der noch hören kann, zu überzeugen, daß der Ruf Christi: Gehet ein durch die enge Pforte! ohne Unterschied für Alle gilt; denn alle Menschen sind von Natur außerhalb des Gottesreiches, von dem Kinde bis zum Greise, und wandeln auf dem Wege, der zur Verdammnis abführt, dem Eigenwillen folgend und nach dem trachtend, das auf Erden ist. Aber es sind auch Alle eingeladen einzugehen durch die enge Pforte, und die noch übrige Gnadenzeit zu ihrer Rettung zu benutzen.

Wenn nun eine Seele auf diese Einladung merkt, so fragt sie gewöhnlich auch:

Was ist denn das für eine enge Pforte, durch welche ich eingehen soll? — Dies ist demnach zu untersuchen.

Was ist die enge Pforte? — Es ist der Eingang in das Himmelreich, das nicht in der Tiefe, sondern in der Höhe liegt. Da nun das neugeborene Kind dieser Welt angehört, so befindet es sich von Natur unterhalb der engen Pforte, und weil alle Menschenkinder auf dem eigenen Weg weniger oder mehr hinunter gehen, so müssen auch Alle nach oben umkehren, wenn sie wollen zur engen Pforte gelangen. Darum weist uns der heilige Geist an, zu trachten nach dem, was droben ist; und Jesus Christus straft seine hochfahrenden Jünger, die ihn fragten, wer der Größte im Himmelreiche sei, mit der bedeutsamen Antwort: „Wahrlich, ich sage euch, es sei denn, daß ihr euch umkehret, und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen!”

Die Abwärtsgegangenen müssen erst wieder kindlich werden, bevor sie die enge Pforte und den schmalen Weg finden können; daher sehnt sich manche gefallene Seele, wenn die Sündenbetäubung für einige Augenblicke weicht, in den kindlichen Zustand zurück. Ach, könntest du wiederkehren, holde Jugendzeit, verlorenes Paradies meiner Kinderjahre! So seufzen nicht selten die von Ahnungen der Reue Gequälten; doch ihre Wehklage verhallt im Geräusch der Welt, und sie gehen trostlos weiter auf dem Wege des Verderbens, weil sie es für unmöglich halten, zu werden wie die Kinder; sie sagen mit jenem Schriftgelehrten: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er auch wiederum „in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?”

Was unserer Vernunft undenkbar scheint, hat Gott durch ein Wunder der Gnade möglich gemacht, wie denn Jesus selber spricht: „Bei den Menschen ist es unmöglich, aber alle Dinge sind möglich bei Gott.” Wer diesem Worte glaubt, und den Rückweg einschlägt, macht die beglückende Erfahrung, daß es nicht nur möglich ist, mit Hilfe der Gnade wieder aufwärts zu wandeln, trotz des Widerstandes der Mächte der Finsternis, die sich entgegen stemmen wollen, sondern daß die Seele, ungeachtet des alternden Leibes, wieder jugendlich wird, wenn ihr ihre Sünden vergeben werden, ja – daß sie eine Unschuld erlangen kann, die viel schöner ist als die des Kindesalters, weil sie als eine Gnadengabe mit vollem Bewußtsein verbunden ist, und dem Gewissen einen vorher nie gekannten Frieden gewährt.

Aber nun erst wird dem Bekehrten klar, was denn eigentlich unter der engen Pforte verstanden werde; er lernt jetzt Christum erkennen in seiner tiefen Erniedrigung als Menschensohn, und das Rätselwort, welches dieser einst sagte: „Ich bin die Tür; so jemand durch mich eingeht, der wird selig werden!” ist ihm gelöst. Er erkennt nämlich, daß das Eingehen durch die enge Pforte nichts Anderes ist, als das Eingehen in die innigste Gemeinschaft mit dem Sohne Gottes, der darum Mensch geworden ist, damit solche Gemeinschaft den Menschen möglich würde. Jesus Christus ist die enge Pforte selbst; niemand kommt zum Vater denn durch ihn; es gibt nur Eine Türe, die zur Gemeinschaft mit Gott führt, so wie es nur Einen Weg, Eine Wahrheit und Ein Leben gibt, die in dem Sohn uns dargeboten werden.

Wer den Sohn Gottes in der Martergestalt des Menschensohnes erkennt, so daß ihm das Wort vom Kreuze aufhört eine Torheit zu sein, der sieht die enge Pforte. Doch das Sehen ist nicht genug, um einzugehen; es kommt darauf an, ob dem Sehenden die enge Pforte sich aufschließt; dies geschieht nur, wenn in seiner Seele ein aufrichtiger Wille sich bildet, und ein ernstes Verlangen ihn treibt betend anzuklopfen: Mein Heiland, ich möchte mich gerne dir ergeben, ich möchte dein Eigentum und in deiner Gemeinschaft auf ewig geborgen sein! O nimm mich, HErr, aus Gnaden an!

Manche müssen lange so stehen und warten, Andern wird bald Gehör gegeben, je nachdem eine Seele schwer oder leichter von dem natürlichen Hochmut herunter in die Selbsterniedrigung geht; die stolzen Naturen sind für die enge Pforte zu groß; sobald aber der Mensch im Glauben recht demütig und kindlich klein geworden ist, öffnet sich das Pförtlein oft unerwartet schnell, und nun ist die Entscheidung da, und der Herr ruft nachdrücklicher als je: Gehe ein durch die enge Pforte!

Wie geht man denn in dieselbe ein? — Man kann durch die enge Pforte nicht mit Roß und Wagen fahren, auch kein Gepäck durch dieselbe mitnehmen, sondern man muß sich vorher von Allem entblößen, und noch dazu sich schmiegen und bücken, sonst kommt man nicht hindurch. Die enge Pforte heißt: Hingang in die Gemeinschaft mit Christo, das ist in die Nachfolge, denn diese ist das Himmelreich. Weil es aber kein Freudenreich, sondern ein Kreuzesreich auf Erden ist, darum spricht auch der Menschensohn zu Allen, die seine Jünger zu werden wünschen: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst, und nehme sein Kreuz auf sich täglich, und folge mir nach!”

In diesen wenigen Worten liegt ein tiefer, umfassender Sinn, der wohl erwogen werden muß; es ist. als sagte der HErr jedem seiner Berufenen: Willst du mein Auserwählter werden, so trinke meinen Kelch und laß dich weihen mit meiner Taufe. Du hast bereits erfahren, wie ich dich erquicken und dir Ruhe geben kann für deine Seele; nun aber gib im Glauben auch diese Erquickungen hin, verleugne dich selbst, verdränge die stolzen zweifelnden Gedanken, und nimm unbedingt meine Worte im Glaubensgehorsam auf. Nur durch die Gemeinschaft meines Todes kommst du in das wahre Leben; die Bitterkeit meines Kelches hat heilende Kraft, und die Feuerglut meiner Taufe wird dein ganzes Wesen durchläutern. Ich habe dir keine Süßigkeiten versprochen beim Eingang durch die enge Pforte, sondern dir gesagt, daß ein Reicher schwerlich in das Himmelreich kommt. Darum verkaufe, was du hast; betrachte deinen Besitz als geliehenes Gut, damit du geistlich arm werdest, und in deinem Innern frei und los von den lästigen Banden der Welt. Warum zagest und zauderst du einzugehen? Verzweifle an dir, aber zweifle nicht an mir! Mutig hindurch! Fürchte dich nicht, glaube nur, und folge mir nach!

So spricht der Herr durch seinen heiligen guten Geist zu den Seelen, die vor der engen Pforte angelangt sind, und denen der Eingang bereits aufgeschlossen ist. Aber der Feind der Seelen ist auch da, und stellt ihnen das, was sie verlassen sollen, in den reizendsten Farben dar; lügt ihnen vor, das geforderte Opfer sei zu groß, die Verheißung der Zukunft des Reiches Gottes sei ungewiß, sei wohl gar eine schwärmerische Täuschung, und sie könnten es dereinst sehr bereuen, auf den Genuß der Gegenwart verzichtet zu haben. — Ach! wie manche Seelen haben schon diesen Einflüsterungen Gehör gegeben, und sind wieder zurückgesunken in die Welt, wo sie dann mit stärkeren Fesseln als früher gebunden wurden, die ihnen der Versucher zwar mit Blumen umwindet; nachdem aber die Blumen verwelkt sind, bleiben die Fesseln hart und kahl an den Gebundenen hangen, die nun ihre verlorenen Gnadenstunden schmerzlich betrauern.

Doch auch an denen, die sich nicht wieder abbringen lassen, versucht der böse Geist seine Gewalt und List, um sie zu verhindern durch die enge Pforte einzugehen; er regt in ihnen die Sünden mächtig auf, und verklagt sie zugleich in ihrem Gewissen, so daß ein eigentliches Gericht über sie ergeht; da werden sie erst recht in die Buße getrieben, denn es heißt nun nicht: Tue Buße über diese oder jene Vergehung, sondern : Tue Buße über Alles, denn Alles ist Sünde an dir! — So lange eine Seele nicht demütig genug ist, dies einzugestehen, und sich unbedingt in die rettende Gnade ihres Heilandes zu werfen, kann der Feind sie betören, daß sie im Gesetzeswerke sich mühsam abarbeitet, und nicht durchzudringen vermag. Sowie sie aber sich selber im Glauben völlig aufgibt, und in gründlicher Buße sich ganz erniedrigt, so geht sie auch durch die enge Pforte ein.

Solches Eingehen ist also ein Ausgehen aus sich, ein Aufgeben und Hingeben seiner selbst an den HErrn JEsum Christum, in völliger Willigkeit seine Gnadenzucht anzunehmen. Es ist ein großer entscheidender Schritt, der bei Manchen einer langen Vorbereitung bedarf, bis sie kindlich genug werden, um demütig gläubig denselben zu tun. Wenn er aber getan ist, so ist auch die Seele gerettet, obgleich noch nicht vollendet; sie ist aus Gnaden selig geworden durch den Glauben, und ein neues Leben ist für sie aufgegangen, das verborgene Leben mit Christo in Gott.— Was das zu bedeuten habe, wollen wir schließlich sehen:

Wohin führet dieses Eingehen? — Der HErr gibt uns selbst den gewünschten Aufschluß in den Worten:

„Die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenige sind, die ihn finden.”

Der schmale Weg, welcher von wenigen gefunden wird, kommt erst nach der engen Pforte, wer nicht dadurch gegangen ist, lernt diesen Weg gar nicht kennen; aber dieser Weg ist es eben, auf welchen wir kommen sollen, sonst bleiben wir ferne vom Ziele unserer Berufung; es ist der Heiligungsweg, welcher zur Vollendung führt, nämlich zum Schauen des Angesichts Gottes in ewiger Herrlichkeit. Auf die Begnadigung muß die Heiligung folgen; dem Nichtgeheiligten wäre der Anblick der himmlischen Klarheit unerträglich. Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer für alles Unlautere; nur in der Verhüllung des erniedrigten Menschensohnes ist er dem Sünder zugänglich; wollen wir aber Ihn, den unsre Seele liebt, in seiner Glorie sehen, wie er im Allerheiligsten der Himmel thront zur Rechten der Majestät, so müssen wir zuvor uns heiligen lassen, darum ist uns ausdrücklich befohlen: „Jaget nach der Heiligung, ohne welche wird niemand den Herrn sehen;” und: „Nach dem der euch berufen hat, und heilig ist, seid auch ihr heilig in allem euren Wandel; denn es steht geschrieben: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig !”

Außerhalb der engen Pforte ist aber die Heiligung gar nicht möglich; zwar gibt es dort auch eingebildete Heilige, die ohne wahre Herzensbekehrung und gründliche Buße, in allerlei Äußerlichkeiten eine selbstgewählte Heiligkeit zu haben meinen; allein das ist, wenn nicht wissentlicher Heuchelschein, doch meistens beklagenswerte Selbsttäuschung in nutzlosen Gesetzeswerken, wodurch die Seelen in große Gefahr gebracht werden und sich meistens einen schweren Fall bereiten. Diese neuerweckten Anfänger im Christentum, welche geschwinde vollkommen sein möchten, werden sehr oft in diesen Höllenbetrug verwickelt, und dadurch lange aufgehalten oder wohl gar wieder zurückgeworfen; darum ist zu beherzigen, was der heilige Geist so nachdrücklich warnend spricht: „Lasset euch niemand das Ziel verrücken, der nach eigner Wahl einhergeht, in Demut und Geistlichkeit der Engel, deß er nie keins gesehen hat, und ist ohne Sache aufgeblasen in seinem fleischlichen Sinn”.

Die Heiligung kann erst dann beginnen, wenn der Mensch unter der Zucht des heiligen Geistes stehet, also nach der neuen Geburt ins innere Leben, oder nach dem Eingehen durch die enge Pforte; ein Wiedergeborener hat die Gewißheit seiner Gotteskindschaft, und die völlige Willigkeit, sich ziehen zu lassen; mit sehnlichem Verlangen nach dem Ziele seiner Berufung betritt er nun den schmalen Weg, und wächst heran im inneren Leben unter Arbeit und Kampf, bis aus seinem Wesen alles Sündliche ausgeschieden ist, das ihm anhing und ihn träge machte. In dieser Übungs- und Reinigungs-Zeit “verwest” der äußerliche Mensch, der innere hingegen wird von Tag zu Tag erneuert, und das Ebenbild Gottes gestaltet sich in stufenweiser Entwicklung. Freilich geschieht das unter der Kreuzeshülle, und der, welcher in der Heiligung begriffen ist, weiß selber nicht wie es zugeht; er ist nie mit sich zufrieden, kommt sich oft ganz abscheulich vor, hat meist nur das Gefühl seines Elendes, und kommt oftmals noch in große Traurigkeit über das, was er Sündliches an sich bemerkt; denn er nimmt es mit der Sünde immer genauer, und der heilige Geist straft in ihm jede unreine Regung. Während aber der Wiedergeborene in täglicher Buße sich selber richtet, hat er doch stets auch den Trost der Gnade im Herzen, und eine Freudigkeit, die selbst im schwersten Kampfe nicht ganz aufhört; denn an ihm wird offenbar, wie sich die schärfsten Gegensätze in der Nachfolge Jesu wunderbar verschmelzen. Einsam, aber nicht allein, gehen die Wanderer auf dem schmalen Wege voran, “als die Sterbenden, doch siehe sie leben; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, die doch Viele reich machen; als die Nichts inne haben, und doch Alles haben.”

Solche Leute waren die Apostel unsers Herrn geworden, als sie unter dem Kreuze sich selbst und alle ihre irdischen Gedanken und Wünsche in den Tod gegeben hatten, und nun mit dem Auferstandenen in einem neuen Leben wandelten. Nun konnten sie ausgehen, und die Welt bekehren, denn die Welt hatte keine Gewalt mehr über sie. Als Helden und Streiter Gottes standen sie in ihrer Einfalt und Demut, wie Lämmer mitten unter den Wölfen, und der Herr war mit ihnen und siegte in ihnen und durch sie.

Das Wort vom Kreuz, welches die Apostel verkündigten, war eigentlich nichts Anderes als die Einladung an alle Seelen, einzugehen durch die enge Pforte und auf den schmalen Kreuzesweg zur seligen Ewigkeit. Wo dieses Wort verkündigt wird, entsteht eine Aufregung der Gemüter, und Viele, die es hören, bekommen Luft den Weg des Lebens zu suchen, und setzen sich in Bewegung, vom Reiz der Neuheit getrieben. Aber wenn es nun Ernst wird, wenn es gilt sich loszureißen aus den alten Banden, den Rückweg anzutreten, die Welt zu verlassen, durch die enge Pforte zu dringen, da fallen nach und nach die Meisten wieder ab, und nur Wenige gelangen auf den schmalen Weg.

Wenige! Welch schreckliches Wort! Doch der Herr hat es gesagt, der Mund der ewigen Wahrheit und Liebe; er will uns dadurch nicht entmutigen, sondern uns vielmehr Mut geben, seinem Gnadenrufe zu folgen, wenn schon die Menge derer, welche auf dem breiten Wege abwärts gehen, abmahnen und widersprechen. Aus den Wenigen, die den schweren Gang im Glauben wagen, sammelt sich doch zuletzt eine große Schar, wie es ja in der Offenbarung heißt:

„Darnach sah ich, und siehe, eine große Schar, welche niemand zählen konnte, aus allen Heiden, und Völkern, und Sprachen, vor dem Stuhle stehend, und vor dem Lamme, angetan mit weißen Kleidern, und Palmen in ihren Händen.”

Darum, wenn ihr merkt, daß euch die Lauheit und Sicherheit beschleichen will, so schauet auf den schmalen Weg, und denket, daß nur Wenige denselben finden, damit ihr lernet eure Seligkeit zu schaffen mit Furcht und Zittern; will euch aber das Gefühl eurer Schwachheit mit Zagen erfüllen, als könntet ihr die Schwierigkeiten nicht überwinden, so schauet auf das Ziel, wo zahllose Überwinder euch zuwinken, die ebenfalls aus großer Trübsal gekommen sind, und nicht durch eigene Kraft gesiegt haben, sondern nur durch die rettende Gnade, welche das angefangene gute Werk nicht unvollendet läßt in denen, die Glauben halten.

Teure Seelen, für welche Christus sein Blut vergossen hat, lasst euch doch nicht irre machen, sondern gewinnt eine gute Zuversicht; ihr seid Alle berufen zu den Wenigen zu gehören, und keiner wird abgewiesen, der kommen will. Begebt euch nur auf den Weg, geht voran, der HErr wird euch seinen Beistand nicht versagen. Hört, was der Apostel bezeugt: „Ich vermag Alles, durch den, der mich mächtig macht, Christus!”  Freilich – ohne Ihn können wir nichts tun; deswegen fordere ich Euch vor allem Anderen dringend auf:

Übergebt euch ganz und allein dem Herrn JEsus Christus, denn Er ist der Weg. Habt ihr Ihn gefunden, und wandelt ihr in seiner Gemeinschaft, so stirbt die Sünde nach und nach, und das neue Leben wird immer kräftiger, bis eure Heiligung vollendet ist, und Christus, euer Leben, sich offenbaren kann, dann werdet auch ihr offenbar werden mit Ihm, in der Herrlichkeit.

Amen.

Quelle: Gehet ein durch die enge Pforte: eine Predigt über Matth. 7, 13 und 29, gehalten von Franz Heinrich Härter, Strasbourg, gedruckt bei Wittwe Berger-Levrault

Franz Heinrich Härter (1797-1874)
(François-Henri Haerter)

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