Matthäus 15, 30

Und warfen sie Jesu vor die Füße, und er heilte sie.

Es klingt so brutal: sie warfen sie Jesu vor die Füße! Aber so ähnlich hab ich’s im Kidrontal
erlebt, daß nackte, verkrüppelte oder blinde Kinder uns von den bettelnden Eltern vor die
Füße geworfen wurden, um uns zu einem Almosen zu zwingen. Ja, wenn man dabei die
Heilung erlebte, wenn die Geworfenen gesund aufstehen und jauchzend weggehen könnten, wie damals, dann läßt man sich dieses Werfen noch gefallen. Im Geistlichen geht es uns heute noch ähnlich: unsere Nöte sind Ungeheuer, die werfen uns Jesu vor die Füße!

Wir sind auf ihn geworfen und wir bleiben mit nassen Augen und stummem Jammer der Seele so bei ihm liegen, bis er uns aufhebt und heilt und tröstet. Mancher hat nur Hilfe gegen eine Augenblicksnot bei Jesus gesucht und hat eine Heilung für die Ewigkeit gefunden. Darum wollen wir die Nöte nicht schelten, die so rauh mit uns verfuhren und uns zu ihm trieben. Zum Bösen laufen wir selbst; zum Heiland muß man uns oft erst mit Schmerzen und Schlägen hintreiben. Wenn wir uns nur der Sachlage ganz deutlich bewußt werden, daß wir die Geworfenen sind und nicht die Verworfenen – daß wir dazu das äußere Elend erlebten, damit wir die innere Herrlichkeit erlangten!

Ja, Herr Jesu, hier sind wir und unsere Schmerzen! Aber du treuer Hirte hast doch deine kranken Schäflein lieb und hebst uns auf und tröstest uns. Wir wollen einen Hauch deiner Liebe spüren und all unser Vertrauen auf dich setzen. Amen.

(Samuel Keller: Andachten zum Neuen Testament)