Hebräer 11, 1

Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht. (Hebräer 11, 1)

In der letzten Katechismusstunde versuchten wir uns über die Worte: fühlen, ahnen, denken, meinen klar zu werden, um schließlich den Begriff, den die Hl. Schrift in das Wort Glaube gelegt hat, ein wenig uns zu Gewissen zu führen. Wir sagten zuletzt, daß der Glaube von dem Herrn, unserm Gotte, einem jeden gegeben wird, der ihn verlangt, und daß, wo eine Seele in der Zeit mit der Ewigkeit anknüpfen will, Gott immer wieder entgegenkommt. Denn der Glaube ist nicht, wie immer gesagt wird, in erster Linie die Hand, die ich Gott darbiete, sondern der erste Schritt geht von Gott aus, indem er mir seine Hand darreicht und zu mir spricht: Laß deinen Augen meine Wege wohlgefallen! (Sprüche 23, 26) – Kein Wort hat der Kirche und der einzelnen Seele so viel Arbeit gemacht wie das Wort Glaube; keine Tat hat der Kirche und der einzelnen Seele in ihr aber auch solchen Segen gegeben wie das Glaubenswerk. Wer die Bücher alle begreifen könnte, die über das Wort Glaube geschrieben worden sind, und wer die innere Tat recht auskünden könnte, die darin besteht, daß ein Mensch sich ganz auf Gott verlässt! –

Auf dem Marktplatz der alten Saalestadt Halle steht das Standbild August Hermann Franckes, des frommen Glaubenshelden. Mit einigen geschenkten Gulden hat er als mit einem guten Kapital, mit dem man etwas Bedeutendes anfangen müsse, Anstalten ins Leben gerufen, deren Segen jetzt nach zweihundert Jahren noch ungeschmälert und unverkürzt durch die Welt und Kirche reicht. Auf diesem Denkmal steht: Er hat Gott getraut! Nichts mehr und nichts weniger. In diesen Worten aber liegt die größte Lebensweisheit, die von sich nichts und alles von Gott erwartet, die von sich nichts zu rühmen hat, um alles Gott zu verdanken.

Was ist denn eigentlich der Glaube? Ehe wir den Glauben, den man glaubt, recht auf uns wirken lassen, müssen wir eins werden über den Glauben, mit dem man glaubt.

Das wißt ihr alle, daß ein lebendiger Gott ist, daß er die Welt erschaffen und bis auf diesen Tag erhalten hat, daß er in der Fülle der Zeit seinen eingebornen Sohn in die Welt gesandt hat (Galater 4, 4), und daß sein Sohn lebte, litt und starb und auferstand und als der Erhöhte die heilige Kirche gegründet hat, welche die Pforten der Hölle nicht überwältigen (Matthäus 16, 18). Das glaubt alles der Teufel in der Hölle auch und glaubt noch mehr.

Der Glaube, der alle diese Wirklichkeiten für Wahrheit hält, ist noch lange nicht der Glaube, der mit einer einzigen Wirklichkeit die Seele rettet. Der Glaube, der die ganze Summe dessen, was in den drei Artikeln und über sie hinaus uns zu glauben dargeboten wird, erfassen und halten lässt, kann ein toter, unlebendiger und kraftloser Geist sein. Du tust gut daran, daß du glaubst, es sei ein einiger Gott. Das glauben auch die Teufel und zittern dabei (Jakobus 2, 19). Es genügt nicht, daß wir diese Glaubenstatsachen hinnehmen, annehmen, aufnehmen. Wenn wir sie nicht herein in unser Leben nehmen, ist es nichts. Und wenn ein anderer sagen würde: „Ich glaube und habe mir fest vorgenommen, mir gar keine Gedanken darüber zu machen; ich glaube, weil es mich meine Kirche so lehrte; ich nehme es einfach an“. Das ist auch kein Glaube. Das ist vielleicht etwas vom Glauben der Unverständigen und Unmündigen, der diese ganze große Summe herein in sein Leben stellt, ohne eigentlich mit ihr zu wuchern und von ihr zu leben, aber der Glaube, der in deiner Todesstunde dich rettet, ist es nicht.

Zum rechten Glauben gehört erstlich eine genaue Kenntnis von der Art und Kraft der großen Stütze, die uns Gott der Herr durch Seine Person und durch Jesum Christum, seinen Sohn, gegönnt hat. Das ist noch nicht das Höchste, aber doch etwas. Du mußt zuerst über deinen Herrn und über sein Wesen, über sein Werk und seine Tat Kenntnis haben. Der Glaube kommt aus dem Hören, kommt aus der Predigt (Römer 10, 17). Wenn du nie etwas von den großen Taten Gottes hörst, so verdämmert der Glaube und erlischt wie eine Lampe, der das Öl gebricht. Wenn du dem, was dir aus der Kindheit noch als Erinnerung geblieben ist, nichts Neues mehr nachgießest, so wird das Öl aufgezehrt und deine Lampe erlischt mitten in der Finsternis. Daß man sich mit göttlichen Dingen beschäftigt, gehört zum Glauben, ist nicht das Höchste, wohl aber das Erste. Der erste Schritt deines Glaubenslebens muß sein: Komm, daß du hörst! (Prediger 4, 17).

Von hier aus gewinnt der Sonntagskirchgang und der alltägliche Bibelernst, mit dem man die Hl. Schrift aufschlägt und liest, eine ganz andere Beleuchtung. Ich muß etwas von den großen Tatsachen Gottes wissen und kann nie genug von ihnen hören. „Wie sollen sie glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger?“ (Römer 10, 14). Unser ganzes Amt wäre höchst überflüssig, im günstigsten Fall noch eine Art geistlicher Dekoration in die Prosa eures Lebens gebend, vielleicht einen Weihespruch am Anfang oder ein Abschiedswort am Ausgang spendend oder eine sinnvolle, dichterische Rede am Traualtar bietend, weiter aber nichts. Wenn wir aber nichts weiter sind, sind wir ganz unnötig; das können andere besser als wir. Nein, dazu hat der treue Herr unser Amt eingesetzt, daß die Gemeinde erbaut werde, daß sie höre, was er zu ihrem Heile getan hat. Dazu sind wir da, daß wir, was wir erarbeitet und erbetet, erlebt, erlitten und erfahren haben, der Gemeinde darbieten, ob sie es annehmen und im Herzen bewegen wolle.

Wir müssen hören! Wem es nicht mehr erlaubt ist, ins Gotteshaus zu gehen, der nehme seine Bibel, bitte den Hl. Geist um Erleuchtung und lese, und wenn er es nur aus Gewohnheit tun würde und aus Pflicht! Ihr habt doch sonst soviel Zeit für alle mögliche Lektüre! Ihr habt soviel Zeit für das Lesen der Tagesblätter, und für die Blätter der Ewigkeit so wenig! Dann würdet ihr Bibelleute, ich sage noch nicht Bibelchristen, werden, bibelfeste Menschen, die sich in Gottes Wort zurechtfinden und auskennen. Wenn so die heiligen Taten Gottes, die Geschichte der Menschheit für Gott von uns gelesen, vernommen, erwogen wird, so werden wir wenigstens reich, nicht an Erkenntnis, aber an Kenntnis. Es gibt keine Erkenntnis ohne Kenntnis. Es kann niemand zahlen, der nicht Geld hat, und kann niemand speisen, der nicht zu essen hat. Nehmt an, hört, hört oft und gern und werdet im Worte Gottes heimisch!

Das ist das erste, das, was unsere Väter die Kenntnis der Dinge genannt haben. Es ist mit dem geistlichen wie mit dem gewöhnlichen Leben: Wer nicht lernt, der hat nicht, wer nicht übt, der kann nicht, und wer nicht sammelt, dem gebricht es bald.

Zu dieser Kenntnis, die zunächst den Verstand und den Geist beschäftigt, und die, wie schon gesagt, auch die Dämonen besitzen können, tritt ein herzliches Verlangen, daß es so sein möchte. „Der tat der Herr“, heißt es von der Purpurkrämerin Lydia, „das Herz auf“ (Apg. 16, 14). Wenn du bei deinem Bibellesen, beim Anhören einer Betrachtung nur einen Augenblick den Wunsch in der Seele einkehren lässest: „Ach, daß es so wäre!“ so ist’s bereits Frühling in deiner Seele geworden. Aber dieses Verlangen kann erst eintreten, wenn du die Dinge kennst, von denen du wünschest, sie möchten so sein. Und je weniger sich ein Mensch mit der Bibel befaßt, desto bescheidener wird der Umkreis seiner Wünsche, die mit einem ruhigen Sterben enden. Wer freilich so maßvoll in seinem Begehren ist, daß er sagt: Habe ich zu essen und zu trinken und zu spielen, dann bin ich zufrieden! Der braucht keine Hl. Schrift und keinen Glauben. Wenn aber deine Wünsche über das Grab hinüberreichen und dein Verlangen gegen das Vergehen deines Lebens protestiert und du täglich deiner Seele sagst: Es kann nicht sein, daß diese Erde meine Heimat und mein Vaterland ist! Und wenn immer wieder, so oft die Sterbeglocken läuten und dein ganzes Wesen von der Vergänglichkeit hingenommen wird, du sagst: Ich will nicht sterben, denn ich soll nicht sterben! Dann erwacht in deiner Seele ein dir zunächst unerklärliches Verlangen, eine Sehnsucht, über deren Ursprung und Ziel du dir nicht Rechenschaft geben kannst. Und dieses Verlangen hat dir der ins Herz gegeben, der den Menschen die Ewigkeit ins Herz gesenkt hat.

Die Ewigkeit im Herzen – und wir werden nicht zur Ruhe kommen, bis die Ewigkeit ganz unser wird. Wenn mein Verlangen über mich hinauseilt und meiner Seelen Sehnen nicht auf der Erde bleibt, dann kommt heimlich in die Seele der Wunsch nach Wirklichkeit: Ach, wenn das wahr wäre, was er sagt: Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe! (Joh. 11, 25) Wenn es wahr wäre: Ich gebe ihnen das ewige Leben! (Joh. 10,28) – Ach, es ist ja nicht so! Aber wenn es so wäre! Das ist das, was unsere Alten so treuherzig den Beifall genannt haben, Beifall, der im Gefühl anhebt und im Willen endet, nicht in der Gefühligkeit, aber in der ganz geheimen Kraft, die mir zuruft: dein Gott betrügt dich nicht und sein Wort kann dich nicht täuschen. Wenn irgendwo in deiner Seele der Wunsch wach wird: Ach, daß ich sehen möge! (Lk. 18 14) Daß nicht von Ahnungen, frommen Meinungen und schönen Gedanken die Rede wäre, sondern von Tatsachen, wie selig wäre ich dann! Wenn dies Gefühl sich regt, daß deine Seele trotz allem „Nein“ des Lebens sagt: es ist doch so! dann ist der zweite Schritt auf dem Glaubensweg getan. Was jener Heide zum Missionar sagte: Wenn deine Botschaft von dem Gottessohn, der Mensch geworden ist, wahr ist, kannst du nicht so ruhig dabei bleiben, und wenn du ruhig dabei bleibst, ist sie nicht wahr! Das ist das, was die Kirche Beifall nennt. Daß wir so kaltsinnig bei der schweren Arbeit, die Gott geleistet hat, bleiben, ist ein Hindernis des Glaubens.

Der alte Kirchenvater sagt einmal. Gott kann retten die Räuber, die Schächer, die Mörder und die Verräter; Gott kann selig machen die Spötter, die Trotzigen und die Feinde; aber nie kann Gott einen Lauen erretten. Und ihr wißt, daß der wahrhaftige Herr sagt: Ach, daß du kalt wärst, mein Feind, der gegen mich trotzt, der mich verhöhnt, verachtet, verlacht! Weil du es aber nicht bist, sondern lau, will ich dich ausspeien aus meinem Munde (Offb. 3, 15-16).

Wenn wir Gottes Wort hören und es wacht nicht in uns der heimliche Gedanke auf: ach, daß das mir gelten dürfte! Dann ist unser Glaube sehr krank. Dann ist es höchste Zeit, daß wir Gott ernstlich bitten, er wolle durch seinen Geist unsern Geist erneuern. Diese Freude – noch nicht am Besitz, sondern an dem Wunsch des Besitzes, die Freude an der Möglichkeit, so reich zu sein, und von dieser Freude ausgehend das Verlangen nach der Wirklichkeit des Reichtums, das ist das Zweite. Meine Seele gibt Gott recht, wenn er sagt: Ohne mich könnt ihr nichts tun (Joh. 15, 5). Meine Seele spricht dir, Herr, Beifall zu, wenn sie hört: Ich bin der Herr, dein Arzt! (2. Mose 15, 26). Mein Innenleben sagt zu ihm aus Glauben, der über Vernunft, aber nicht wider Vernunft geht: Ja, daß du es wärest!

Und der dritte Schritt ist, wenn der erste die Tat des Schülers und der zweite die Tat des Jüngers gewesen ist, die Tat des Helden, des Helden, der, äußerlich schwach und arm, unscheinbar und gering, innerlich alles überwindet. Denn es ist die Tat des Willens, das, was Luther das „verwegene Vertrauen“ heißt, das sich aller Dinge entschlägt und uns sprechen läßt: Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben! (Mk. 9, 24) – Wie ein Schüler, wie ein Kind lernt deine Seele, was sie glauben soll, lernt die biblische Geschichte, welche von den meisten verachtet wird und doch so kräftig die Seele nährt. Als ein Jünger und mit der Freude es zu sein, fühlt deine Seele und wünscht den Frühling, den Gott ihr verheißt. Und männlich stark, herrenhaft und kühn, fest und entschieden ruft deine Seele: Das alles soll mir gewiß sein! Nicht, weil ich es wünsche, sondern weil du es mir gibst. Das ist des Glaubens letzter Schritt und erster Sieg: Ich glaube.

Ihr seht, all die Kräfte, die Gott in den Menschen gelegt hat: die heilige Einbildungskraft, die nicht Träumen folgt, sondern Wahrheiten sich erschließt, und die Geistesgaben alle, welche da lernen und bewahren, schließen und vergleichen, überlegen und erwägen und ausdenken, und all die zarten Schwingungen unseres Innenlebens, daß wir auf jede lautere Empfindung eine Freundlichkeit, auf jede unrechte Empfindung den Tadel Gottes spüren, und endlich die Willenskraft, die durch alle Hindernisse hindurchbricht: ich lasse dich nicht (1. Mose 32, 27) und folge dir! – Alle diese Kräfte werden von dem einen Wörtlein in Anspruch genommen: Ich glaube. Der Glaube hört nicht auf, bis er nicht bloß in Schauen verwandelt wird, sondern vielmehr vom Schauen aufgenommen wird; denn auch Schauen ist noch ein Stück vom Glauben.

So fassen wir zusammen: Ich will lernen, was er gesagt und getan hat; und das ist deine eigene Sache, dazu brauchst du keinen Heiligen Geist, dazu genügt der natürliche Verstand. Und dann will ich bitten: versiegle dein Wort in meinem Herzen und laß in meiner Seele den Wunsch laut werden, daß es sich also verhält! Dann gib mir, so schwer es ist, den Schrecken über mich selbst und die Angst des Abgrundes und den Blick in die Tiefe ohne dich und dann die Freude, daß ich in dir leben darf. Und dann will ich trauen, so wie wir es vorhin gehört haben. Der Glaube ist eine innerliche Beweisführung (Hebr. 12, 1) von Dingen, die man nicht sieht. Durch den Glauben hat Abraham seinen einzigen, heiß ersehnten und spät geschenkten Sohn geopfert (Hebr. 11, 17), und durch den Glauben hat er ihn aus dem Tod wieder genommen (Hebr. 11). Durch den Glauben hat Moses ein besseres Vaterland gesucht, obwohl er es nicht kannte (Hebr. 11, 28). Durch den Glauben hat man den Mut, in Dinge, die man nie erfahren und nie erschaut hat, hineinzugehen wie in ein bekanntes und vertrautes Land. Dinge, die du siehst, brauchst du nicht zu beweisen. Aber das ist Glaube, daß man ungeschaute Dinge erlebt und sich nicht einredet, das wäre Willenszwang, sondern sich innerlich überzeugt, es sei so. Glauben lebt immer von Unsichtbarem und in Unsichtbarem, aber er lebt. Wir reden jetzt von Gott – niemand hat Gott je gesehen (Joh. 1, 18). Wir beten zu Gott – niemand hat Gott je mit Händen ergriffen.

Unser ganzes Christentum geht in ungeschaute, unergriffene, unbekannte Fernen, aber dem Glauben sind diese Fernen Nähe und diese Begriffe Tatsachen. Der Glaube ist eben ein innerlicher Beweis von Dingen, die man nicht sieht, aber ein so fester Beweis, daß er jeden Widerspruch stillt. So ist man innerlich im Glauben von den Dingen, die man glaubt, so überzeugt, daß alle Gegnerschaft schon an unsern Schuhen niederfällt, sie erreicht gar nicht unsern Fuß. So fest gibt Gott denen, die ihn darum bitten, den Glaubenden, daß die vielen Schrecken, die auch durch ihre Seele ziehen, ausklingen: Ich weiß, daß mein Erlöser lebt! (Hiob 19, 25) Ich weiß es.

Wenn wir einen geliebten Menschen nach seinem irdischen Teil in die Erde senken, ist es eine Glaubensstärke ohnegleichen zu sagen: er ist nicht verloren, er lebt fort, nicht bloß in unserer Gedankenwelt – das ist nicht viel, denn da stirbt er eben mit uns – sondern er lebt, trotzdem der ganze Augenschein mir sagt: er ist tot. Der Augenschein täuscht, das Nichtgeschehen ist wahr. Der Augenschein trügt, mein Christus und in ihm alles, was kein Ohr erlauscht und kein irdischer Blick ersah (1. Kor. 2, 9), das ist untrüglich klar und wahr. – Daß ich mit einem Unsichtbaren rede, ist ja Narrheit, weshalb ein Philosoph des neunzehnten Jahrhunderts sagte, Beten sei eine Kinderei, und der Mensch, der beim Beten überrascht wird, werde rot, weil er Kindisches tue; Beten sei Reden in leere Fernen. – O nein, Beten ist ein Reden mit dem, der uns so nahe ist, näher als die Luft, die uns umgibt. Beten ist nicht ein frommer Selbstbetrug, dem das Kind sich hingeben kann, dessen aber der Mann sich schämen müsste, sondern Beten ist die größte Willenstat, mit der ich ins Unsichtbare hinein meine Seele und meine Kraft stelle und spreche: Sei du mir nur nicht schrecklich, meine Zuversicht in der Not (Jer. 17, 17).

Aber Glaube ist nicht nur ein Beweis von Dingen, die man nicht sieht, sondern auch eine Überzeugung von Dingen, die man hofft; oder, wie es wörtlich heißt, ein heimlicher Besitz von Dingen, die man hofft (Hebr. 12, 1) Was du hoffst, hast du noch nicht, es gehört der Zukunft an. Aber der Glaube hofft so stark, dass das Gehoffte schon Besitz ist. Er hat es, es steht vor der Türe, heimlich tritt es ein. Du hoffst, daß in deiner Todesstunde er sich deiner annehme und zu deiner Seele spricht: Fürchte dich nicht! Und diese Hoffnung hält dich so fest, daß der Gedanke an den Tod zwar nicht seinen Schauer verliert, aber immer wieder in eine Klarheit und von der einen Klarheit in die andere gerückt wird.

Neben dem Weh steht der, der es überwindet.

So, Geliebte, wollen wir heute auseinandergehen mit drei Bitten.

Die erste sei:

Rede, Herr, dein Knecht höret! (1. Sam 3, 10) – Laß mich hören Freud und Wonne (Ps. 51, 10), so viel ich auch dein Wort verachtet habe! Gib mir noch Gelegenheit zu lernen, weil ich auf Erden bin!

Und die zweite Bitte:

Erwecke in meiner Seele den Wunsch, der über die Erde hinausreicht!

Und die dritte Bitte:

Gib mir den Mut, alles, was du für mich getan hast und an mir tust, herein in den Gehorsam zu nehmen!

Ich trau es dir;
Ach stärk den Glauben mir;
Ich laß mich für und für
Nur deinen Händen.

Beim Sturm der Welt
Sei Anker, der mich hält,
Und birg mich in dein Zelt,
Wenn alles zaget;

In Not und Pein
Nimm mich, o Liebe, ein,
So harr ich kindlich dein,
Bis dass es taget.

Amen.

(Hermann Bezzel)

Quelle:

Der 1. Glaubensartikel. Katechismuspredigten von H. Bezzel†.
Erstes bis fünftes Tausend.
Buchhandlung der Diakonissenanstalt Neuendettelsau, 1925.

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Eingestellt am 10. Juli 2024