Siehe, wie fein und lieblich ist es, daß Brüder einträchtig bei einander wohnen. (Psalm 133, 1)
Siehe! Lieber, hebe deine Augen auf, und siehe, ob es da nicht wohl zugeht, da Friede ist. Wo sollen wir denn hinsehen?
1. Gen Himmel, da die höchste Einigkeit ist, in Gott, in der heiligen Dreieinigkeit, da ist der Ursprung und Brunnquell alles Guten. Und weil der Mensch zu Gottes Bilde erschaffen, soll er billig diese edle Tugend in seinem Herzen tragen, will er das Bildnis Gottes bewahren und mit Gott Eines sein. Siehe zum
2. an die heiligen Engel und ihre Einigkeit, wie ein lieblich Wesen ist unter denselben, die alle einträchtig Gott loben. Siehe, wie ist unter so viel tausendmal tausend heiligen Engeln eine so liebliche Gemeinschaft und Gesellschaft, und weil wir den heiligen Engeln sollen gleich werden, so sollen wir uns billig dieser edlen Tugend befleißigen, oder wir gehören nicht unter ihre Gesellschaft. Zum
3. siehe auch an alle heiligen Auserwählten Gottes, wie sie in der heiligen christlichen Kirche in Einem Geiste, Glauben, Liebe und Hoffnung zusammen verbunden sind, Gott einmütig loben und preisen! Wer nicht friedliebend ist, trennet sich von der christlichen Kirche. Siehe die ganze Natur an, wie könnte sie ohne Einigkeit bestehen? Wo Friede ist, siehe! da ist Gott, da ist der Himmel, da sind die heiligen Engel, da ist das höchste Gut!
Du bist ein Geist der Liebe,
Ein Freund der Freundlichkeit,
Willst nicht, daß uns betrübe
Zorn, Zank, Haß, Neid und Streit.
Der Feindschaft bist du feind,
Willst, Daß durch Liebesflammen,
Sich wieder tun zusammen,
Die voller Zwietracht seind.
(Johann Arnd)
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Bei diesem holdseligen Liede von der holdseligsten aller Tugenden, von der Eintracht christlicher Brüder und Schwestern untereinander, verkennt gewiß Keiner die Herrlichkeit derselben, und wie ihr nach der Verheißung Segen und Leben immer und ewiglich auf dem Fuße folgt. Allein der Weg zur Eintracht ist mit der Ahnung ihres Werts noch nicht gefunden, nicht betreten; und doch ist eben dies Finden und Wandeln die Hauptsache. Ich möchte gern in solcher lieblichen Eintracht leben mit denen, an welche Gott mich geknüpft hat; nichts lieber möchte ich als das; nur, wie fange ich’s an? – so fragt und seufzt die verlangende Seele.
Höre die Antwort: Vergegenwärtige dir oft das Feine und Liebliche, Schöne und Verschönernde der Eintracht und Friedensliebe; sodann: suche die Schuld der in deinem nächsten Kreise fehlenden oder nur mangelhaften Eintracht bei dir selbst nach; ferner: greife bei dir selbst das Übel an der Wurzel an und übe dich in der Selbstverleugnung, und dann auch die Deinen mit dir; vergiß überdies nicht die günstigsten Augenblicke auszuwählen für Herstellung des unterbrochenen Friedens und Feststellung des friedfertigen Sinnes selbst; endlich: singe dir selbst oft und singe oft vor den Deinen und mit ihnen solche Lieder der Eintracht, wie der obige Psalm ist, singe vom Frieden, bete um Frieden. Wie man sich den Kummer aus dem Herzen wegsingen und wegbeten kann und den Mut hereinsingen und -beten, so lassen sich auch Haß und Bitterkeit, Streit und Zank vertreiben, Eintracht aber und Friede herbeilocken durch Gesang und Gebet.
O Du Gott des Friedens, wir schämen uns über unsere Lieblosigkeit und Unfriedfertigkeit gegen einander; wir bitten Dich, steure dem unseligen Störenfried, und mache uns fleißig, zu erhalten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens, daß auch wir aus eigener Erfahrung sagen können:
Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen!
Amen.
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Hat uns denn Gott Brüder und Schwestern gegeben, daß wir doch Gott recht für die Gnade danken, daß wir doch von Herzen Frieden mit ihnen halten, daß wir einträchtig bei einander wohnen! Daß wir einander zurecht helfen mit sanftmütigem Geiste! Eine Weinrebe, die im Sturm zur Erde geworfen ist, rankt sich an den andern wieder empor. Auch der gefallene Bruder ist noch dein Bruder. Wie viel Zwietracht findet sich oft unter Geschwistern, wie viel Entfremdung und Lieblosigkeit! Schon zwischen den ersten Brüdern auf Erden, Abel und Kain, ist kein Friede gewesen. Wollt ihr recht einträchtig bei einander wohnen, laßt den Einen unter euch wohnen, der unser Aller Bruder geworden ist, Jesum Christum. Er macht Alle eins. –
Im Hause zu Bethanien wohnten zwei Schwestern zusammen; wie verschieden Martha von Maria! Es fehlte wohl nicht an kleinen Anstößen unter ihnen; Eins hatte wohl auch am Andern zu tragen. Aber ihrer Eintracht und Liebe tat das keinen Schaden; denn sie waren alle Zwei verbunden in dem Einen Haupte, in der einen Liebe zum Herrn. Dem dienten sie Alle.
Barmherziger Gott, du hast große Gnade an uns getan, daß du uns Brüder und Schwestern gegeben. Hilf uns, daß wir dir dafür danken, mehr als für jedes irdische Gut. Hilf uns, daß wir Eines Sinnes sind, gleiche Liebe haben, einmütig und einhellig sind, nichts tun durch Zank oder eitle Ehre, sondern durch Demut achten Einer den Andern höher, als sich selbst. Hilf uns durch Jesum Christum, daß wir in Frieden zusammenbleiben und einst uns wiederfinden in dem einen großen Vaterhause, droben bei dir.
Amen.
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