2. Das kirchliche Leben Berlins vor zweihundert Jahren

Ein Franzose, Namens Patin, schildert im Jahre 1676 den Eindruck, welchen die Stadt Berlin damals auf ihn gemacht hat, mit folgenden begeisterten Worten: „Man bedient sich auf diesem Wege der Postwagen, welche Tag und Nacht gehen, und wo nur beim Wechsel der Pferde ausgeruht werden kann aber ich hatte aller Fatiguen vergessen, als ich Berlin zu sehen bekam. Alles schien mir so schön, daß ich mir eine Öffnung im Himmel dachte, von wo die Sonne ihre Wohlthaten auf diese Erdstrecke ausbreitet. Es sind nicht mehr diese Einöden, welche ich durchreist bin. Die Stadt besteht aus drei andern, deren Gebäude sehr regelmäßig, und der größere Teil im italienischen Geschmack. Der Lustgarten, welcher nur 500 Schritt hat, dient zur Erholung des Kurfürsten, der hier alle Gattungen Rotwild unterhält. Die Gärten sind von Orangerieen, Jasmin und allen Arten Blumen angefüllt, mit einem Wort, mit allen Kostbarkeiten, welche Italien, die Königin der Länder, durch Schönheit des Bodens und Klimas darbietet.

Der gute Mann scheint unsere Stadt beinahe mit allzu großem Wohlwollen gesehen und geschildert zu haben. Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, hatte freilich seine Residenz so viel wie möglich zu verschönern gesucht. Als er im Jahre 1640 die Regierung antrat. war die Zahl der Einwohner in Berlin auf 6000 herabgesunken. Die Häuser in den Vorstädten waren aus Furcht vor einem Überfall der Schweden abgebrochen und eingeäschert worden. Das Schloß war verfallen, die lange Brücke baufällig und viele Häuser in der Stadt wüste geworden. Der ebenso einsichtsvolle als thatkräftige Fürst hatte während seiner Regierung Handel und Gewerbe mit allen nur möglichen Mitteln zu heben und dadurch einen neuen Wohlstand zu begründen gesucht. Um den zahlreichen Einwanderungen, die er auf alle Weise begünstigte, Raum zu verschaffen, hatte er die alten Stadtteile durch neue vermehrt. Der Friedrichs=Werder war dadurch entstanden und hatte im Jahre 1662 eigenes Stadtrecht erhalten. Die Dorotheenstadt war von der Kurfürstin Dorothea, der zweiten Gemahlin des großen Kurfürsten gegründet und mit einer vierfachen Lindenallee geschmückt worden, deren ersten Baum sie 1680 mit eigener Hand gepflanzt hatte. Zur Wiederherstellung des im dreißig jährigen Kriege fast gänzlich verfallenen Schlosses wurden die Arbeiten begonnen. Der Lustgarten und der Tiergarten wurden in vielfacher Weise verschönert. Trotz alledem kann die Schönheit und Herrlichkeit unserer guten Stadt in jenen Zeiten nicht sehr groß gewesen sein. Im Jahre 1679 war die erste Straßenerleuchtung eingeführt worden, die freilich noch recht dürftig und kümmerlich war. Aus jedem dritten Hause mußte nämlich eine Laterne nach der Straße zu ausgehängt werden. Am folgenden Abend mußte der nächste, am dritten Abend der zweit folgende Nachbar dasselbe thun. Am vierten Tage kam dann die Laterne wieder an den ersten zurück. Erst drei Jahre später, 1682, wurden die Laternen trotz des Widerspruches der Bürger, welche sich der Kosten wegen dagegen sträubten, auf hölzernen Pfählen vor den Häusern aufgestellt. Die Stadt war um 1680 noch nicht einmal durchgängig gepflastert. Dies geschah in den meisten Stadtteilen erst im Jahre 1685. Der Neue Markt wurde beispielsweise auf Kosten eines Nadlers, Peter Dietrichs, welcher wegen Gotteslästerung zu einer Geldstrafe von 200 Thalern verurteilt worden war, mit Pflasterung versehen. Stroh und Schindeldächer, Schornsteine von Holz und Lehm, und Staketenzäune vor den Häusern waren in Menge zu erblicken. Mit der Reinlichkeit war es ebenfalls nicht sehr weit her. Die Bürger der Hauptstadt waren gewohnt, allen Unrat vor die Thüre zu werfen. Der große Kurfürst hatte deshalb 1680 einen sogenannten Gassenmeister angestellt, der täglich mit zwei Karren durch die Stadt fuhr und die vor den Häusern zusammengefegten Kehrichthaufen auflud und fortschaffte. Wer vor seinem Hause nicht gefegt hatte, dem warf der Gassenmeister den ganzen Schmutz in das Haus. Aber diese Einrichtung scheint nicht viel geholfen zu haben im Jahre 1700 mußte wenigstens strenge Verordnung erlassen werden, daß jeder Hausbesitzer wöchentlich zweimal vor seinem Hause kehren lassen sollte. In manchen Straßen, besonders in der neu angelegten Dorotheenstadt, liefen die Schweine, welche die meisten Bürger sich damals noch hielten, frei umher, und selbst wiederholte Befehle konnten es nicht durchsetzen, daß der mittelste Gang der Lindenallee gegen diese sonderbaren Spaziergänger geschützt wurde. Dennoch hatte die Stadt Berlin damals einen gemütlichen und traulichen Anstrich. Vor den Häusern, selbst in den engeren Straßen, standen grünbelaubte Bäume, und Weinstöcke rankten sich um die Fenster bis hinauf in das zweite Stockwerk. An vielen Häusern sah man trauliche Erker. Dort saßen die ehrsamen Bürger, wenn es ihre Zeit erlaubte, mit ihren Frauen an den Fenstern, welche das Weinlaub umrankte, unter dem Schatten der Bäume, schauten die Straße nach rechts und links hinab und plauderten mit einander von alledem, was in Stadt und Land und Haus sich ereignete und ihr Herz bewegte.

Und wie war es um die Bewohner der guten Stadt Berlin selbst bestellt? Der kurfürstliche Rat und Kanzler bei der neumärkischen Regierung, Hans Georg von dem Borne, hat hiervon eine ausführliche Schilderung entworfen, die er seinem Landesherrn unmittelbar nach dessen Regierungsantritt vorgelegt hat. „Den Anfang vom Hofe zu machen“, sagt der fromme Kanzler, „so müssen wir bekennen, daß durch die Gnade Gottes unser Hof mit fürtrefflichen Gelehrten und christeifrigen Predigern und Seelenhirten versehen ist, welche an ihnen nichts ermangeln lassen, mit heilsamer Lehre, scharfen Gesetzpredigten und rechtem christlichen Wandel und gottgefälligem Leben, die wahre Gottesfurcht in den Herzen ihrer Zuhörer fortzupflanzen und zu treiben. Aber mit was [für] Frucht und Nutzen, das bezeuget die Erfahrung genugsam, sintemal der meiste Haufe von den Hofleuten fortfährt in einem wüsten, wilden und heidnischen Wohlleben, in Fressen, Saufen, Huren, Spielen und anderer Üppigkeit, und werden die meisten Sonn= und Festtage bei Hofe mit Schmausen, Turnieren, Ringelrennen, Verkleidungen, Tänzen und andern weltlichen Wohllüsten zugebracht, und der wahren Gottseligkeit wird dabei ganz vergessen“. Er klagt ebenso bitter über die unmäßige Kleiderpracht und die närrischen Moden der Hofleute, wie über die Sittenverderbnis der Bürger und der Bauern, denen er Liederlichkeit, Völlerei, Üppigkeit, Gotteslästerung, leichtsinniges Fluchen und Schwören, Neigung zum Sternsehen und zu andern abergläubischen Wahrsagereien, und vor allem die Entheiligung des Sonntags vorwirft. Er sagt unter anderem:

„In den Städten überall hat man es für einen Gottesdienst gehalten, und noch, wenn man an Sonn= und Festtagen sich stattlich ausgeputzet und der Gewohnheit nach zweimal, öfters ohne einige Andacht, in die Kirche gegangen ist.  Nach geendigten Predigten hat man alsbald angefangen, alle Sünden, die man auf dem Werktage nicht hat thun mögen, mit freudigem Mute zu üben; da hat es müssen gefressen, gesoffen, gespielet, spazieret, bankettieret sein und tolles Zeug vorgenommen werden. Da hat man alle Gasthöfe, Schänken, Wein= und Bierkeller voller Gesellschaften gesehen, die sich toll und voll gesoffen und bis in die Nacht geschwärmet haben.“

Was hier den märkischen Städten überhaupt vorgeworfen wird, davon hatte Berlin ohne Zweifel einen großen Teil zu übernehmen und zu tragen. Ganz besonders unwillig ist der ernste, fromme Kanzler über die Üppigkeit des weiblichen Geschlechts in den höheren Ständen zu seiner Zeit. Er sagt davon:

„Unsere Weiber und Töchter . . . . . sein nicht zufrieden mit der natürlichen Gestalt und Farbe, so ihnen Gott ihr Schöpfer gegeben hat, sondern damit sie weißer und schöner angesehen werden mögen, waschen sie sich mit gemischten und wohlriechenden Wassern, schminken und streichen sich an mit Farben, streuen Cyprischen Puder ins Haar und tragen hohe Sturmhauben auf dem Kopfe, nicht anders, als wenn sie alles, was ihnen vorkömmt, niederreißen wollten, und was dergleichen Eitelkeiten mehr sind . . . . . Es sind auch unsere Weiber bei diesen verderbten Zeiten so weich und verzärtelt worden, daß sie, zumal diejenigen, so vor andern etwas sein wollen, damit sie ihren Wohllüsten nichts abbrechen und sich mit keiner Mühe beladen, sondern nur die ganze Zeit ihrer Jugend zur Pracht und Schmückung ihrer Leiber anwenden mögen, es für eine Schande und Unehre achten, ihre Kinder mit ihrer eigenen Milch aufzuziehen und zu ernähren, sondern dazи oftmals leichtfertige und unzüchtige Bälge mit großen Kosten mieten und denenselben die lieben Kinder, welche sie mit großen Schmerzen geboren, zu stillen dahin geben, und aller natürlichen Liebe und Pflicht vergessen . . . . . Eine Schande ist es an unsern christlichen Weibern, daß sie in solcher Eitelkeit noch so gar ersoffen sind, daß es ihnen auch die Heiden darin zuvorthun, und teils ihren Beruf und Schuldigkeit in Bestellung und Versehung der häuslichen Nahrung, dazu sie doch als Gehülfen von Gott ihren Männern zugeordnet sind, gar zurücke sehen und sich glücklich achten, wenn sie in Müssiggang Wohllust und Üppigkeit ihr Leben zubringen können; darüber sie denn auch ihren Ehemännern ein solches Herzeleid anlegen, daß sie zu Erfüllung der Weiberbegierden und Lüste, wenn sie Friede haben wollen, alles dasjenige, was sie mit ihrem sauren Schweiß erworben, zu ihrer Pracht und Hoffahrt verwenden müssen, und sich und ihre Kinder dadurch in die äußerste Armut stürzen.“ 

„Aber“ , so fährt er mit vielem Nachdruck fort, „es geschieht den Männern nicht Unrecht, weil sie sich des Regiments, Gewalt und Herrschaft, so ihnen Gott der Allmächtige über die Weiber verliehen, ganz begeben, und sich aus Wohllust und Weichlichkeit denen Weibes=Bildern zu leibeigenen Knechten und Sklaven ergeben, so gar, daß sie auch ohne der selbigen Rat und Bewilligung nichts thun oder vornehmen dürfen, welches denn eines nicht von denen geringsten Verderbnissen unserer Zeiten ist, daß denen Weibern so große Gewalt und Macht eingeräumt und wider die Gewohnheiten unserer löblichen Vor=Eltern in denen Liebkosungen, so heutiges Tages von unsern Hof=Leuten und Cavalieren gebrauchet werden, ihnen oftmals der Name einer Königin und Göttin gegeben, Hand und Fuß geküsset wird, und was der Thorheit mehr ist, welches vor eine große Galanterie und Geschicklichkeit gehalten wird.“ 

Mögen wir nun auch annehmen, daß der fromme Kanzler von dem Borne seine Zeitgenossen vielleicht mit zu scharfen Augen angesehen und mit zu harten Worten geschildert hat, so werden wir dennoch zugeben müssen, daß der dreißigjährige Krieg die Sitten sehr verwildert, und daß das üppige Leben und Treiben des französischen Hofes und Volkes einen recht verderblichen Einfluß auf die Höfe und Länder des 17. Jahrhunderts ausgeübt hatte, also daß die `alte gute Zeit´, wie sie oft genannt wird, auch ihre sehr bedeutenden Mängel und Schäden aufzuweisen hatte. Der große Kurfürst hatte ganz gewiß den allerbesten Willen, auch hierin seinem Volke mit starker und weiser Hand zu helfen. Er war selbst ein frommer Christ, der für sein Leben wie für seine Regierung nur den einen Wahlspruch hatte: “Herr, thue mir kund den Weg, darauf ich gehen soll“ (Ps. 143, 8)!

[….]

Quelle:

Berliner Bilder aus alter und neuer Zeit. Sieben Vorträge von W.[ilhelm] Ziethe, Prediger an der Parochialkirche zu Berlin. Hauptverein für christliche Erbauungsschriften, Klosterstraße 67, Berlin 1886. (S. 53-59, Digitalisat)

Der Autor, Friedrich Wihelm Ziethe (1824-1901) war evangelisch-lutherischer Theologe und Erweckungsprediger; er diente an der Parochialkirche zu Berlin.


Eingestellt am 19. Juni 2026