Matth. 8, 28-34; Mark. 5, 1-20: Luk. 8, 26-39 (Hiller)

§. 52.

Nun konnt‘ die Ueberfahrt in Ruhe fort geschehen,
man kam auch jenseits an, wo gegen Galiläen
Gadara überlag, und sich die Gegend wies,
die man von Gerasa der Gergesener hieß,
noch jüdischen Gebiets, weil sonst dahin zu kommen,
Er ohne Zweifel sich nicht hätte vorgenommen.
Kaum, daß Er aus dem Schiff und an das Ufer trat,
kommt von Gadara her ein Bürger aus der Stadt,
zu dem sich, wie es scheint, so bald ein Gergesener
als gleich und gleich gesellt, der eben so, wie jener,
vom Geist besessen war, aus denen Gräbern kam,
und in der vollen Wut den Lauf auf JEsum nahm.

Dämonen hatten sie schon lange Zeit besessen,
was Scham und menschlich heißt, war alles ganz vergessen;
sie liten nicht ein Kleid; sie blieben nicht im Haus;
es trieb der wüste Geist sie in die Wüsten aus;
ihr wilder Aufenthalt war in den Grabesstätten;
man fing fie oftmal ein, man band sie auch mit Ketten,
und legte Fesseln an; umsonst war alles das,
Das eine rieß wie Haar, das andre brach wie Glas,
Die Kette ward zerschnellt, die Fesseln morsch zerrieben,
Die Wut noch nicht gebannt, der Geist noch nicht vertrieben,
kein Mensch war, der bisher die Tollen zahm gemacht,
auf Bergen lärmten sie und schwärmten Tag und Nacht
in Grab und Moder um. Ein Geist mag da nicht bleiben,
wo noch die Andacht will zum Wort und Beten treiben.
Sie streiften weit und breit, die Strasse war nicht rein,
es konnte niemand da vor ihnen sicher seyn;
man hörte ihr Geschrey mit brüllen, bellen, weinen;
sie schlugen voller Grimm den eignen Leib mit Steinen;
und währte solche Noth nicht eine kurze Zeit
mit unbegreiflicher, erstarrter Grausamkeit.
Erschröcklich Trauerspiel, wann leydige Dämonen
in einem Menschenleib als einem Mordplatz wohnen,
Wann Lippen, Aug und Faust Natur und Witz nicht treibt,
kein Eckel mehr vor Stank und Unflath übrig bleibt,
Der Leib sich selbst bestürmt, der Mensch sich nicht kann fassen
und muß sich wie ein Vich dem Treiber überlassen.

Wann Menschenhilfe fehlt, so ist noch JEsus da.
Als dieser JEsum nun von ferne kommen sah,
schnell lief er auf Ihn zu und warf sich sich vor Ihm nieder.
Vielleicht war es dem Geist in diesem Mann zuwider,
und solcher würde wohl von ihm als wie ein Schwein,
wo JEsus nicht gewehrt, ins Meer geworfen seyn.
Da lag der Feind bezähmt in Schrecken und im Grimme,
und schrie Ihn trotzig an mit ungeheurer Stimme:
was haben wir mit dir, du JEsu, GOttes Sohn?
Es ist noch vor der Zeit, und warum kommst du schon,
Daß du uns quälst, hieher? Du hast zwar zu befehlen,
allein ich bitte dich, du wollest mich nicht quälen.
Ja, ich beschwöhre dich, du wollest diß nicht thun.
In Leibern scheinen fast Dämonen wie zu ruhn,
wornach sie lüstern seynd; wann sie dann Posten fassen,
ists ihnen eine Qual, solch einen Leib zu lassen;
und müssen sie heraus, so folget allemal
bey dem verjagten Feind noch eine neue Qual.
Sie wollten den Besitz der Gegend hie behaupten,
indem sie sich ein Recht an Straß und Schweine glaubten.
Immanuel war zwar zur letzten Zeit erst hie,
jedoch so spat Er kam, ist’s ihnen noch zu früh;
Dann sie verrathen schon ihr ängstliches Verzagen,
das Zittern vor der Qual, das Warten auf die Plagen.
Sie haben nichts mit Ihm, als der nicht Sünder sey,
mit Menschen haben sie’s, die sich der Sclaverey
des Teufels durch Betrug der Sünde übergeben.

Allein den Menschen war ihr JEsus da zum Leben.
Der sprach: Unsaubrer Geist, fahr aus dem Mann davon,
und wie ist dann dein Nahm? – Ich heisse Legion,
sprach das bestürzte Haupt der bebenden Dämonen;
Dann unsrer seynd gar viel, die in dem Menschen wohnen.
Er suchte bey Jhm an, daß Er sie nicht verwies,
und aus der Gegend nicht in’n Abgrund gehen hieß,
wo ihm kein Mensch mehr dient, er keinen Menschen triebe,
und seine Fütterung das bittre Elend bliebe.

Oft hat ein Held dem Feind aus Großmuth was gewährt;
und hier wird auch vergönnt das, was ein Geist begehrt.
Dem schlimmsten Menschen kan GOtt manchmal was erlauben,
ist dessen Bitten schon kein Beten in dem Glauben.
Von ferne sieht der Geist nun eine Heerde Schwein‘,
Die groß ist, an dem Berg in ihrer Weyde seyn;
zum Vortheil braucht er diß, und muß es seyn geschieden,
seynd etwa zween zum Nest mit einer Sau zufrieden.
Dahero bat Ihn dann die ganze Legion:
Treibst du mit Macht uns aus, und müssen wir davon,
so laß nur so viel zu, erlaube unsrer Schaare,
daß sie von Menschen aus in jenen Schweinstrieb fahre.

So packt euch, sprach Er, dann. Kaum wurde das erlaubt,
gleich flog der ganze Schwarm, Gemeine samt dem Haupt,
wie ein zerscheuchter Flug der Aasbegier’gen Raben,
die schreyend einen Baum zuvor besetzet haben,
auf einen Schlachtplatz fällt, in dieser Schweine Heer;
dies stürzte sich mit Sturm als wütend in das Meer
von steilen Ufern ab, so daß sie alle starben,
und als besessen Fleisch erstickt im See verdarben;
wie dort ein starker West Hams achten Tod hinriß,
und plötztlich in den Schilf des nahen Meeres schmiß.
Der so ersoffnen Zahl war bey zweytausend Schweine,
und jeder Geist bekam nicht eine Sau alleine.
Hie stösset sich vielleicht ein Gergesener=Sinn.
Soll JEsus Schaden thun? Nimmt Er den Nutzen hin?
Die Antwort fället kurz: Soll JEsus, der Gadaren
von Geistern ausgefegt, auch Schweine noch bewahren?
Den Schaden hat der Feind, und nicht der HErr gethan,
und das ist seine Macht, daß er’s erlauben kann,
man sieht ja, daß das Heer der Geister selber spühre,
daß sich die Macht erstreckt auf Abgrund, Geist und Thiere.

Der Nutz ist zehnfach mehr, die Straßen sind nun rein;
zween Menschen sind befreyt, die längst geplaget seyn;
Die Geister seynd verbannt, das niemand durfte hoffen.
Gnug, ist der Feind nur weg, ob schon die Sau ersoffen.
Wann damal, wie es scheint, den Heyden nur zu lieb
Gadara diesen so unreinen Handel trieb,
so legt der HErr mit Recht nun solch Gewerbe nieder
und führt die Judenschaft auf ihr‘ Gesetze wieder.
Verdiente Gergasa nicht eine grö’ßre Straf?
Nun lauft es gnädig ab, daß sie nur Schweine traf.

Nachdem die Hüter nun den Sturm der Heerde sehen,
bestürzt ob ihrem Sturz, und was dem Geist geschehen,
entfliehen sie für Angst, doch JEsus hatte nun
Dämonen schon verwehrt, den Menschen nichts zu thun.
Daß auch der Schweine Herrn sie zum Ersatz nicht trieben,
gedenken sie die Schuld so gleich von sich zu schieben,
und zeigen alles an in Dörfern und der Stadt,
was sich mit Mann und Heerd im Feld begeben hat.
Und siehe, JEsu geht die ganze Stadt entgegen,
Damit sie, was geschehn, auch selber sehen mögen
von allen Straßen kommt das Volk zu JEsu hin,
da findet es den Mann, beschaut, betrachtet ihn,
und sieht, dies sey der Mensch, in dem Dämonen waren,
nun aber nicht mehr seynd, weil alles ausgefahren.
Jetzt lief er nicht mehr bloß, da saß er recht bekleid’t,
nicht rasend wie zuvor, er war, wie sie, gescheit,
und saß vor JEsu da, zu seines Retters Füßen,
als einer, den man kaum aus Feu’r und Strom gerissen,
vor Freuden wie erstaunt, und im erstaunen still –
er will, und weiß nicht wie er danken soll und will;
sie durften nah hinan, jetzt riß er nicht mehr nieder,
und niemand schaute zu, dem nicht durch alle Glieder
ein banger Schauer drang, man fürchte nicht den Mann,
man fürchte nur den HErrn, der dieses Werk gethan.
Dann es erzählten die, die mit dabey gewesen,
als die Besessenen durch JEsu Wort genesen,
was mit den zween, der Heerd, der Legion geschehn
und wie sie alles dies mit Augen angesehn.
Noch stund die ganze Stadt und umgelegne Flecken
theils in Verwunderung, und theils in grossem Schrecken,
man trieb Ihn zwar nicht aus, doch bat die Menge Ihn,
Er möchte unbeschwehrt aus ihren Gränzen ziehn.

Gadara! thust du das, und willst um Schweine trauren,
so bist du ja nicht werth, daß hinter deine Mauren
Messias kommen soll. Das thaten Juden nicht,
als sie Antiochus erbärmlich hingericht’t.
Schau jene Mutter an, wie muthig gab nicht jene
daß sie kein schweinern Fleisch verunreint, sieben Söhne?
Was könnte Abraham für Heerden nicht verschmähn,
hätt‘ er von seinem Sohn solch einen Tag gesehn?
So blöde macht der Geiz, wann der das Herz besessen,
erweckt er da erst Furcht, wo er sie sollt‘ vergessen.
Flößt aber dir der Glaub‘ ein’n heilig Schrecken ein,
wie Petro, da dem HErrn die Fische dienstbar seyn,
so kann nun auch der HErr zu seinem Angedenken
Dir einen Prediger an dem Beseß’nen schenken.

Indem sich nun der HErr zu seinem Schiffe kehrt,
zum Segen niemand zwingt, der solchen nicht begehrt,
mit anerbotenen, nicht aufgedrungnen Gnaden
die Elende nur will beschenken, nicht beladen,
und und also in das Schiff aus ihren Gränzen tritt,
kommt der beseßne Mann, und bittet, ich will mit,
ich will nun bey dir seyn. Die Kraft hat ihn gezogen,
Durch die aus seinem Leib ein feindlich Heer geflogen.
Wo nun sein Retter weicht, da will er auch hinaus,
wo JEsus nicht mehr ist, da will er auch kein Haus,
die Noth hat ihn bereits von allem abgewöhnet,
wonach die Liebe sonst sich unter Menschen sehnet.
Jedoch läßt JEsus dies ihm mit Bedacht nicht zu,
und spricht mit sanftem Ernst: nach Hause gehe du
zu denen Deinen hin; da melde, was dir Armen
GOtt heute gut’s gethan, verkunde das Erbarmen,
mit welchem dich der HErr der Legion befreyt.
Wer das Erbarmen glaubt, der übt auch Dankbarkeit;
so ist es diesem Mann, er geht mit vollen Freuden
auf seines HErrn Befehl, fångt dies an auszubreiten,
er meldet es daheim, er rühmt es in der Stadt,
welch Wunderwohlthat ihm der HErr erwiesen hat;
noch dies ist nicht genug, er predigt in den Zehen,
welch großes Werk an ihm von JEsu sey geschehen.
So groß war nicht der Ruhm, mit dem sich Juda trug,
daß David Einen Mann und zehentausend schlug.
Und so hat Gerasa ein Zeugniß doch vernommen
von GOttes Herrlichkeit, und Christus sey gekommen,
und die Verwunderung nahm, die es hörten, ein:
Der Schluß war leicht gemacht: der müsse JEsus seyn.

Quelle: Das Leben JEsu Christi des Sohnes Gottes, unsers HErrn; Erster Theil bis auf die grosse Woche, in gebundener Schreibart nach den einstimmigen Schriften der heiligen Evangelisten verfasset von M. Philipp Friderich Hiller, Pfarrern zu Steinheim bey Heidenheim. Tübingen, gedruckt und zu finden bey Johann Christoph Löffler, 1752. [S. 151-157; Digitalisat in der Google Buchsuche]

Eingestellt am 29. Mai 2026