Warum willst du draußen stehen

1. Warum willst du draußen stehen,
du Gesegneter des Herrn?
Laß dir bei mir einzugehen
wohlgefallen, du mein Stern.
Du mein Jesu, meine Freud,
Helfer in der rechten Zeit,
hilf, o Heiland, meinem Herzen
von den Wunden, die mich schmerzen.

2. Meine Wunden sind der Jammer,
welchen oftmals Tag und Nacht
des Gesetzes starker Hammer
mir mit seinem Schrecken macht.
O der schweren Donnerstimm,
die mir Gottes Zorn und Grimm
also tief ins Herze schläget,
daß sich all’ mein Blut beweget.

3. Dazu kommt des Teufels Lügen,
der mir alle Gnad absagt,
als müßt ich nun ewig liegen
in der Höllen, die ihn plagt;
ja auch, was noch ärger ist,
so zermartert und zerfrißt
mich mein eigenes Gewissen
mit vergift’ten Schlangenbissen.

4. Will ich denn mein Elend lindern
und erleichtern meine Not
bei der Welt und ihren Kindern,
fall ich vollends in den Kot:
Da ist Trost, der mich betrübt,
Freude, die mein Unglück liebt,
Helfer, die mir Herzleid machen,
gute Freunde, die mein lachen.

5. In der Welt ist alles nichtig,
nichts ist, das nicht kraftlos wär:
Hab ich Hoheit, die ist flüchtig!
Hab ich Reichtum, was ist’s mehr
als ein Stücklein armer Erd’?
Hab ich Lust, was ist sie wert?
Was ist’s, das mich heut erfreuet,
das mich morgen nicht gereuet?

6. Aller Trost und alle Freude
ruht in dir, Herr Jesu Christ;
dein Erfreuen ist die Weide,
da man satt und fröhlich ist.
Leuchte mir, o Freudenlicht,
ehe mir mein Herze bricht;
laß mich, Herr, an dir erquicken;
Jesu, komm, laß dich erblicken!

7. Freu dich, Herz, du bist erhöret,
Jetzo zeucht er bei dir ein,
sein Gang ist zu dir gekehret,
heiß ihn nur willkommen sein
und bereite dich ihm zu,
gib dich ganz zu seiner Ruh,
öffne dein Gemüt und Seele,
klag ihm, was dich drück und quäle.

8. Siehst du, wie sich alles setzet,
was dir vor zuwider stund?
Hörst du, wie er dich ergetzet
mit dem zuckersüßen Mund?
Ei, wie läßt der große Drach’
all sein Tun und Toben nach!
Er muß aus dem Vorteil ziehen
und in seinen Abgrund fliehen.

9. Nun, du hast ein süßes Leben;
alles, was du willst, ist dein.
Christus, der sich dir ergeben,
legt sein Reichtum bei dir ein.
Seine Gnad ist deine Kron
und du bist sein Stuhl und Thron.
Er hat dich in sich geschlossen,
nennt dich seinen Hausgenossen.

10. Seines Himmels güldne Decke
spannt er um dich rings herum,
daß dich fort nicht mehr erschrecke
deines Feindes Ungestüm.
Seine Engel stellen sich
dir zur Seiten, wenn du dich
hier willst oder dort hin wenden,
tragen sie dich auf den Händen.

11. Was du Böses hast begangen,
das ist alles abgeschafft.
Gottes Liebe nimmt gefangen
deiner Sünde Macht und Kraft.
Christi Sieg behält das Feld,
und was Böses in der Welt
sich will wider dich erregen,
wird zu lauter Glück und Segen.

12. Alles dient zu deinem Frommen,
was dir bös und schädlich scheint,
weil dich Christus angenommen
und es treulich mit dir meint.
Bleibst du dem nur wieder treu,
ist’s gewiß und bleibt dabei,
daß du mit den Engeln droben
ihn dort ewig werdest loben.

Text: 1653 Praxis Pietatis Melica, Paul Gerhardt (1606-1676)
Melodie: 1551, Loys Bourgeois
Andere Melodie: “Werde munter, mein Gemüte”

Von Paulus Gerhardt, dem edelsten Liedersänger unsrer Kirche (1606-1676). Erschien zuerst in dem sogenannten Rungeschen Gesangbuch „Dr. M. Luthers und anderer vornehmen, geistreichen und gelehrten Männer Geistliche Lieder und Psalmen.“ (Berlin 1653) und ist wohl während des Pfarramts in Mittenwalde entstanden.

V. 1 beginnt das Lied mit einer trefflichen biblischen Erinnerung, da Laban 1. Mose 24, 31 dem Elieser zuruft: Komm herein, du Gesegneter des Herrn, warum stehest du draußen?

V. 4 und 5 finden sich die herrlichsten Gegensätze, die der Glaube stellt, um über sie hinwegzuschreiten zur Gemeinschaft dessen, der uns die ganze Welt ersetzen kann.

V 5 ist ein Lieblingsvers des gesegneten Stiftspredigers Prälaten Dr. Kapff zu Stuttgart, in seinen Predigten:

In der Welt ist alles nichtig
Nichts ist, das nicht kraftlos wär‘,
Hab ich Hoheit, die ist flüchtig,
Hab ich Reichtum, was ist’s mehr
Denn ein Stücklein armer Erd‘,
Hab ich Lust, was ist sie wert?
Was ist’s, das mich heut erfreuet,
Das mir morgen nicht gereuet?

Es klingt dieser Vers mit seinem Anzweifeln irdischer Herrlichkeit wider in dem Worte Hillers, und wird durch ihn ergänzt (“Schick, mein Herz, die Glaubensblicke”, Vers 2):

Hier ist Ehre, aber nichtig,
Hier sind Schätze, aber klein,
Hier ist Freude, aber flüchtig;
Dort muß alles besser sein.
Hier sind Tränen, hier ist Not,
Die verkürzt der nahe Tod;
Dort wird Freude ewig währen,
Dahin soll mein Aug‘ sich kehren.

An Vers 7 knüpft sich eine liebliche Erfahrung aus dem seelsorgerlichen Verkehre:

Pfarrer K. in Ostfriesland hatte in seiner Gemeinde mit vielen Widerwärtigen zu kämpfen, vergalt aber Böses mit Gutem und Schelten mit Fürbitte. Nun wurde eine Frau, welche besonders feindselig gewesen war, trotzdem daß ihr Mann den Seelsorger liebte, in Krankheit und große Seelennot hineingeführt. Täglich besuchte er die Angefochtene, konnte aber lange keinen Zugang zu ihrem Herzen finden. Endlich, als sie wieder einmal so trostlos war, ging er in der Kammer auf und ab und betete für sie zum Herrn. Der Herr aber schenkte ihm die freudige Gewißheit, daß sie um Jesu willen Vergebung der Sünden gefunden habe. In dieser Überzeugung geht er zu ihr hin und spricht mit durchdringender Stimme vor vielen Zeugen die beiden Verse:

Freu dich Herz, du bist erhöret,
Jetzo kommt und zeucht er ein,
Sein Gang ist zu dir gekehret,
Heiß ihn nur willkommen sein.
Und bereite dich ihm zu,
Gib dich ganz zu seiner Ruh,
Öffne dein Gemüt und Seele,
Klag ihm, was sich drück‘ und quäle.

Siehst du, wie sich alles setzet,
Was dir vor zuwider stund.

Der Geist Gottes versiegelte das Wort an dem Herzen der Armen zum Erstaunen der Anwesenden. Alle sahen sofort die Frau aus der tiefsten Finsternis ins Licht, aus dem Tod ins Leben, aus der Hölle in den Himmel erhoben. Im seligen Glauben ging sie heim. (Basler Samml., 1786)

Quelle: Die Kernlieder unserer Kirche im Schmuck ihrer Geschichte. Begründet in erster und zweiter Auflage von † Eduard Emil Koch. Umgearbeitet und vermehrt in dritter Auflage von Richard Lauxmann, Diakonus an der Stiftskirche in Stuttgart (Stuttgart, 1876)

Verweise:

Liedeintrag: The Gerhardt Hymnal

http://gerhardthymns.com/hymns/002/text/gerhardt

Notenblatt, 4stimmig, ohne Text (J. Schop, externer Link zu Hymnary.org)

Audiofile der Melodie (midi, J. Schop, externer Link zu Hymnary.org)