O Durchbrecher aller Bande (EG 388)

(1) O Durchbrecher aller Bande!
Der du immer bei uns bist,
Bei dem Schaden, Spott und Schande
Lauter Lust und Himmel ist:
Übe ferner dein Gerichte
Wider unsern Adamssinn,
Bis dein treues Angesichte
Uns führt aus dem Kerker hin.

(2) Ist’s doch deines Vaters Wille,
Daß du endest dieses Werk;
Hierzu wohnt in dir die Fülle
Aller Weisheit, Lieb und Stärk,
Daß du nichts von dem verlierest,
Was er dir geschenket hat,
Und es von dem Treiben führest
Zu der süßen Ruhestatt.

(3) Ach, so mußt du uns vollenden,
Willst und kanst ja anders nicht,
Denn wir sind in deinen Händen,
Dein Herz ist auf uns gericht’t,
Ob wir wohl vor allen Leuten
Als gefangen sind geacht’t,
Weil des Kreuzes Niedrigkeiten
Uns der Welt zum Spott gemacht.

(4) Schau doch aber unsre Ketten,
Da wir mit der Kreatur
Seufzen, ringen, schreien, beten,
Um Erlösung von Natur,
Von dem Dienst der Eitelkeiten,
Der uns noch so harte drückt,
Ungeacht’ der Geist in Zeiten
Sich auf erwas Bess’res schickt.

(5) Ach, erheb’ die matten Kräfte
Sich einmal zu reißen los,
Und durch alle Weltgeschäfte
Durchgebrochen stehen bloß;
Weg mit Menschenfurcht und Zagen,
Weich, Vernunftbedenklichkeit,
Fort mit Scheu vor Schmach und Plagen
Weg des Fleisches Zärtlichkeit!

(6) Herr, zermalme, brich, vernichte
alle Macht der Finsternis;
ach entnimm uns dem Gerichte,
mach des Sieges uns gewiß!
Heb’ uns aus dem Staub der Sünden,
Wirf die Schlangenbrut hinaus,
Laß uns wahre Freiheit finden,
Freiheit in des Vaters Haus.

(7) Wir verlangen keine Ruhe
für das Fleisch in Ewigkeit:
Wie du’s nötig findst, so tue
Noch vor uns’rer Abschiedszeit:
Aber unser Geist der bindet
Dich im Glauben, läßt dich nicht,
Bis er die Erlösung findet,
Die dein treuer Mund verspricht!

(8) Herrscher, herrsche, Sieger siege,
König, brauch’ dein Regiment.
Führe deines Reiches Kriege
Mach der Sklaverei ein End’,
Laß doch aus der Grub’ die Seelen,
Durch des neuen Bundes Blut;
Laß uns länger nicht so quälen,
Denn du meinst’s mit uns ja gut.

(9) Haben wir uns selbst gefangen
In der Lust und Eigenheit,
Ach, so laß uns nicht stets hangen
In dem Tod der Eitelkeit,
Denn die Last treibt uns zu rufen,
Alle schreien wir dich an:
Zeig doch nur die ersten Stufen
Der gebroch’nen Freiheitsbahn.

(10) Ach, wie teu’r sind wir erworben,
Nicht der Menschen Knecht zu sein:
D’rum, so wahr du bist gestorben,
Mußt du uns auch machen rein,
Rein und frei und ganz vollkommen,
Nach dem besten Bild gebild’t.
Der hat Gnad’ um Gnad’ genommen,
Wer aus deiner Füll’ sich füllt.

(11) Liebe, zieh uns in dein Sterben,
Laß mit dir gekreuzigt sein,
Was dein Reich nicht kann ererben,
Führ’ ins Paradies uns ein!
Doch, wohlan, du wirst nicht säumen,
So wir nur nicht lässig sein;
Werden wir doch als wie träumen,
Wenn die Freiheit bricht herein.

Text: 1698, Gottfried Arnold (1666-1714)
Melodie: Freylinghausen, Halle 1704
Andere Melodie: “O du Liebe meiner Liebe” (bei J. Thommen, 1745)

EG 388 (Evangelisches Gesangbuch der Evangelischen Kirche in Deutschland, 7 Verse aufgenommen, ohne Verse 5-8)
Nr. 397 (Gesangbuch für die Evangelische Kirche in Württemberg, Schmuckausgabe, Stuttgart 1912, 10 Verse aufgenommen, ohne Vers 9)
Nr. 479 (Gesangbuch für die Provinz Pommern, Stettin 1918, alle 11 Verse)

Schriftstelle:

Es wird ein Durchbrecher vor ihnen herauffahren; sie werden durchbrechen und zum Tor ausziehen; und ihr König wird vor ihnen her gehen und der HERR vornean. (Micha 2, 13).

Gesangbuchseite mit Noten (herausgegeben von der Allgemeinen Conferenz der Mennoniten von Nord-Amerika (3. Aufl.),bei hymnary.org

Audiofile, bei Christliche Liederdatenbank und Arnd Pohlmann (externer Link zu eingesungen.de)