Joel 1, 14

Heiliget ein Fasten, rufet die Gemeinde zusammen; versammelt die Ältesten und alle Einwohner des Landes zum Hause des HERRN, eures Gottes, und schreit zum HERRN!

Ein schrecklicher Überfall war geschehen; die Heuschrecken hatten sich auf das Land Israel niedergelassen; der Same war unter der Erde verfault, die Kornhäuser standen leer, die Scheunen waren zerfallen. Verzweiflung ergriff den Landmann, die Rinder- und Schafherden verschmachteten und seufzten kläglich. In dieser allgemeinen Not berief der Prophet ein nationales Fasten.

Wenn wir von besonderer Trübsal und Not heimgesucht werden, sollten wir uns von dem alltäglichen Treiben zurückziehen, unseres Herzens Geheimnisse aufschließen, damit wir erkennen, weshalb Gott mit uns einen Rechtsstreit hat. Eine Ursache, eine Notwendigkeit liegt vor, weil Er nicht von Herzen die Menschenkinder plagt und betrübt.

Von Zeit zu Zeit ist aus dem Herzen derer, die in innigster Verbindung standen mit dem HErrn, ein Aufruf zu gemeinsamem Gebet ergangen. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts erscholl ein solcher Ruf; es entstand eine Gebetsvereinigung, die einen bedeutsamen Anteil hatte an der Bildung der großen Missionsgesellschaften unsers Zeitalters. Vielleicht wird in Bälde wieder eine solche Welle des Gebets über die ganze Kirche hereinbrechen; wenigstens sieht man bereits einige Anzeichen davon. Auf allen Seiten hören wir, daß Christen sich aufmachen und zu Gott zurückkehren wollen. Gewiß wäre es eines der merkwürdigsten Zeichen der Einheit der Kirche Christi und der Kraft des heiligen Geistes, wenn eine solche Welle uns alle emporhöbe auf einen neuen Standpunkt der Fürbitte für die Gemeinde Gottes und für die Welt um uns her. Wir brauchen nicht zu warten, bis ein solches Fasten, eine solche heilige Versammlung einberufen wird.

Frederick B. Meyer (1847-1929)

Quelle:

Frederick Brotherton Meyer: Lichtstrahlen aus Gottes Wort. Ein Gang durch die Bibel in täglichen Betrachtungen, 4. Bändchen: Die Propheten. Kober C. S. Spittlers Nachfolger, Pilgermissions – Buchdruckerei St. Chrischona, Basel 1901 [pdf-Fassung der Neubearbeitung von Th. Karker]

Portrait F.B. Meyer: Wikimedia Commons

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Neue Heuschreckenschwärme drohen neue Verwüstung. Die Plage scheint epidemisch geworden zu sein. Gab sich in dem bereits erlittenen Unglück schon kund, daß Gott sich aufgemacht habe zum Gericht über sein Volk, so scheint es nun durch die erneute Plage zum Aeußersten kommen zu müssen. Die heranziehenden Schwärme, vor denen her Jehovah donnert, sind das Kriegsheer des Herrn, durch welches er das Urtheil des großen Gerichtstages vollziehen läßt. Es folgt nun eine Schilderung des Heuschreckenzuges, welche um ihrer dichterischen Anschaulichkeit und Lebendigkeit willen Gegenstand allgemeiner Bewunderung ist und deren einzelne Züge in den Berichten älterer und neuerer Reisebeschreiber die überraschendste Bestätigung finden. Credner in seiner Erklärung des Joel hat solche Berichte mit großem Fleiß zusammengestellt; ich erlaube mir, so viel zum Verständniß der prophetischen Schilderung nothwendig sein dürfte, in Kürze hier mitzutheilen.

Die Menge der Heuschrecken kann solchermaßen anwachsen, daß sie im buchstäblichen Sinn, als große Wolken die Sonne verfinstern. „Einer der Schwärme, welche 1747 in Siebenbürgen einfielen, dauerte 4 Stunden, war etliche 100 Klafter [1 Klafter entspricht ~180 m] breit und noch viel höher, und die Heuschrecken flogen so gedrängt, daß man die Sonne nicht sah und selbst Menschen nicht, auf die Entfernung von nur 20 Schritt.“

Das Getöse, welches der fliegende Schwarm verursacht, wird von den Reisenden durch verschiedenerlei Vergleichungen zu bezeichnen gesucht: „Schon 100 Schritt, ehe ich ihn erreichte, hörte ich das Rauschen von dem schwirrenden Flug, welches immermehr zunahm; und endlich, als ich mich mitten darunter befand, ohne Uebertreibung dem Rauschen eines Mühlrades gleich kam.“ (Lichtenstein, Reisen im südlichen Afrika).

„Sie machten im Fliegen ein solch Gerassel und Geschnurr, als wenn ein starker Wind durch die Bäume gehet.“ (Neuhoff). „Der dichte Schwarm machte ein Getös, wie das Rauschen eines Stroms.“ (Forbes bei Rosenmüller).

Die jüngere Generation, welche die vierte Häutung noch nicht durchgemacht hat und deren Flügel noch nicht entfaltet find, bewerkstelligt ihre Reisen zu Fuß. „Dabei,” sagt Shaw, “halten sie ihre Ordnung, wie die Soldaten. So wie sie fortrücken, übersteigen sie jeden Baum und jede Mauer, die ihnen in den Weg kommt.“ – Bar-Hebräus im Chronicon Syriacum: „Die jungen Heuschrecken stiegen über die Mauern und Wände und drangen durch Fenster und Thüren in die Häuser; und wenn sie von der Südseite in das Haus gekommen waren, so giengen sie auf der Nordseite wieder hinaus.“ – Morier bei Rosenmüller: „Sie schienen in regelmäßigen Treffen zu ziehen, kamen in die innersten Gemächer der Häuser, fanden sich in jedem Winkel, staken in unsern Kleidern und verdarben unsre Speisen.“ – Recht mitten in einen solchen Ueberfall hinein versetzt uns Beauplan: „Im Jahre 1646 gerieth ich über ihre unglaubliche Menge bei Nowogorod in Verwunderung. Sie waren dort den Frühling über ausgebreitet. Ein Theil konnte nicht fliegen und bedeckte das Feld. Die Luft war von den übrigen so angefüllt, daß ich vor Dunkelheit in meinem Zimmer nicht ohne Licht essen konnte. Alle Häuser waren von Heuschrecken voll, sogar Ställe, Scheunen und Keller. Ich suchte sie vergeblich durch Pulver- und Schwefelrauch zu vertreiben. Sobald die Thür geöffnet wurde, strömten ganze Schwärme herein und verursachten eine unerträgliche Plage, indem sie den Leuten gerade ins Gesicht flogen. Man konnte kaum den Mund öffnen, ohne daß sie sich dahinein drängten. Sie setzten sich auf das Essen und waren stets vor dem Messer, wenn man seine Bissen zerschnitt u. s. w.“

Ueber die Verwüstung endlich, welcher dieser Feind anrichtet, stehe hier nur folgende Stelle aus Forbes: „Alle Hoffnungen des Landmannes verschwinden. Seine Felder, die er beim Aufgang der Sonne üppig mit Früchten bedeckt sah, sind vor Abends eine Wüste. Die Erzeugnisse seiner Gärten und Obstpflanzungen werden vernichtet; denn wo diese zerstörenden Schwärme lagern, da bleibt kein Blatt auf den Bäumen, kein Grashalm auf den Waiden, keine Aehre auf den Kornfeldern; alles zeigt den Anblick der traurigsten Verwüstung.“ „Nicht genug aber”, fährt Credner – verschiedene Notizen zusammenstellend – fort, “daß die Heuschrecken die saftigen Gewächse des Pflanzenreiches, das Gras der Wiesen, die Saaten und Kräuter der Felder, die Blätter, Früchte und jungen Triebe der Bäume und Weinreben verzehren: Ihre gewaltige Gefräßigkeit läßt sie selbst die saftige Rinde der holzartigen Gewächse benagen, so daß nichts als die weißen, abgeschälten Zweige übrig bleibt, ja man sah sie sogar Holz, Stroh und alte Rohrdächer verschlingen. “

Quelle:

Immanuel Stockmeyer: Vorträge über die Propheten. Gehalten auf Veranstaltung eines christlichen Vereins Vor Zuhörern aus allen Ständen. Bahnmaier’s Verlag, Basel 1862.
Aus: Glaubensstimme – Ein Archiv christlicher Texte aus 2 Jahrtausenden