Offenbarung 3, 14-22: Das Sendschreiben an Laodizea

Sechste Bibelstunde

14  Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes:
15  Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest!
16  Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.
17 Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.
18  Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.
19  Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße!
20  Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.
21  Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron.
22  Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Laodizea

In den drei Jahren, die Paulus in Ephesus verbrachte (Ende 55 bis Frühjahr 58?), drang das Evangelium auch in die ostwärts im Binnenland gelegenen Städte. Der Kolosserbrief (2, 1; 4, 13.15.16) erwähnt die Gemeinde von Laodizea. Mit Kolossä teilte Laodizea ums Jahr 60 das Schicksal, daß die Stadt durch ein Erdbeben zerstört wurde. Ungefähr in denselben Jahren litt auch Philadelphia durch ein Erdbeben.

Laodizea – Panorama
Bild: Martin Haeusler (CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Man darf wohl darauf achten, daß in den Anfangszeiten dieser Christengemeinden solche Heimsuchungen Gottes über jene Gemeinden ergingen. Seitdem waren mehr als 30 Jahre drüber hingegangen; Laodizea war neu erblüht und galt als eine der bedeutendsten und reichsten Städte der Provinz, während Philadelphia keinen ähnlichen Aufschwung erlebte. Merkwürdig: das weltliche Behagen, das in der Stadt herrschte, spiegelt sich auch in dem Geist, der die Christengemeinde zu Laodizea erfüllte. Es bedarf eines durchdringenden Anrufs des Herrn, um dem Vorsteher dieser Gemeinde den unerbittlichen Ernst der Wahrheit und die furchtbare Gefahr seiner Lage zum Bewußtsein zu bringen.

Der Herr der Gemeinden redet zu ihm, den das Vergängliche und das Irdische benebelt hat, als „der Ursprung des Geschaffenen“ (vgl. Koloss. 1, 15f). „Kehr in deinen Ursprung ein!“ – „Schöpfe, Seele, aus der Quelle, aus welcher du entsprungen warst!“ – „Laß Kreaturentrost, so kriegst du Gottes Gaben“: So mahnen uns Lieder frommer Christen.

Der Herr, der selbst das „Amen“ ist, d. h. die unumstößliche, göttlich versiegelte Wahrheit, er, dessen Zeugnis herzlich treu gemeint und völlig verläßlich ist, wo er anklagt, wo er droht und wo er lockt und verheißt, sucht Eingang bei dem verblendeten Knecht, der sich gewöhnt hat, nichts für voll zu nehmen, sondern mit unklarer Halbwahrheit und schlechtem Durchschnittschristentum bei sich und andern zufrieden zu sein. Der Herr kennt ihn und seine Werke; seine ganze Art, wie er sich in Gesinnung und Wandel darstellt, ist dem Herrn widerwärtig. Ach, daß er lieber „kalt“ wäre, d.h. niemals vom Evangelium innerlich berührt worden wäre, wie die Heiden oder die Juden um ihn her. Aber nun ist er Christ und Leiter einer Christengemeinde, und läßt doch die Kraft des Evangeliums nicht bei sich durchdringen, so daß es als ein Feuer ihn erwärmte, durchglühte, in ihm und durch ihn an der Gemeinde reinigend und umwandelnd wirkte. „Ein Samenkorn“, sagt ein Erklärer, „das noch völlig tot liegt, besitzt noch seine volle, unversehrte Keimkraft, und unter dem Einfluß des Frühlingslichtes kann es noch zu gesunder Lebensentwicklung kommen. Hat es aber einmal angetrieben und ist durch irgendwelche ungünstige Umstände in seiner Fortentwicklung gehemmt worden, so verdirbt es in der Regel“.

Wenn der Knecht in dem Zustand verharrt, in dem er ist, so wird der Herr ihn nicht länger tragen, sondern sich seiner entledigen, ihn ausspeien aus seinem Mund, wie lauwarmes Wasser, das dem Gaumen widerlich ist. Aber es gibt noch Rettung für ihn, wenn er auf den Rat des Herrn hören will. Es ist nur ein „Rat“, kein Befehl, wie er an den Knecht, wenn er richtig zum Herrn stünde, ergehen würde; nein, er hat die Wahl, ob er das Band zwischen ihm und dem Herrn noch weiter lösen oder wieder knüpfen will.

Es ist aber ein über alle Maßen barmherziger Rat: Weil du völlig über dich selbst dich betrügst und keine Ahnung davon hast, „daß du bist der Unglückliche und der Bejammernswerte, sowohl arm als blind und bloß“, so bricht mir das Herz über deinen Jammer, und ich rate dir: laß dir aus meinem Reichtum schenken, was du zu haben nur träumst, laß meine Gnade deine Sünd‘ und Schande decken, und laß dir von mir, dem Arzt, die Augen heilen, daß du sehest!

Es gibt noch eine Rettung für die, welche in Verblendung und unsauberem Treiben die erste Gnade verscherzt haben. Kein Mensch, auch kein Apostel kann helfen, wenn „die, so einmal erleuchtet sind und geschmeckt haben das gütige Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt, wieder abfallen“, Hebr. 6, 4; auch die menschliche Fürbitte mag oder muß am Ende verstummen (1. Joh. 5, 16), und doch, wo apostolische Belehrung (Hebr. 6, 1) und Fürbitte der Frömmsten und Nächsten (1. Joh. 5, 16) völlig versagt, da ist, was „den Menschen unmöglich“ ist (Hebr. 6, 4) dem Heiland in Gotteskraft möglich: geistlich Erstorbene aus ihren Gräbern zu rufen; und wir danken es ihm, daß auch wir hören dürfen, daß er „Tote“ zum Leben und völlig Verwerfliche, die nur noch das Ausspeien wert sind, zur Buße zurückruft. Eben noch hat er dem Mann von Laodizea gesagt, er müsse ihn wegwerfen, wenn er nicht Buße tue. Und schon stellt er sich vor seines Herzens Tür und klopft an, ob der Sünder noch etwas von ihm wolle, ob er in sein besudeltes, verblendetes, selbstherrliches Herz den Retter einlassen wolle. Und dann soll es zur innigsten Gemeinschaft kommen wie zwischen Herzensfreunden, die sich zusammen erquicken in froher, inniger Tischgemeinschaft. Einst wird der Herr Christus laut und dröhnend anklopfen bei der ganzen Menschheit, und wer sich bereitet hat, wird eingehen zum festlichen Hochzeitsmahl der Gemeinde; hier aber steht er als der barmherzig suchende Hirte vor der Tür des verlorenen Sünders, ob er ihn zu sich lasse; er holt ihn nicht zu dem letzten festlichen Mahl, von dem Luk. 22, 16 die Rede ist, sondern freut sich des „einen Sünders, der Buße tut“ und „isset mit ihm“: Luk. 15, 2+7. Und dann folgt noch die große Verheißung der Zukunft: Wer überwindet“, der soll, obwohl er in der Sünde Schlamm gelegen ist, einst im kommenden Reich Anteil bekommen an der ganzen Herrlichkeit seines Heilands und mit ihm Throngemeinschaft  haben, königlich frei und herrlich mit ihm leben und herrschen in Ewigkeit.

Dahin ruft Jesus den so tief Gesunkenen, dahin ruft er auch uns, und mit dieser unausdenklich hohen Verheißung schließen die sieben Sendschreiben, und wir dürfen sagen:

„Fröhlich, selig schaut der Glaube
Von dem Staube auf zum Sohne:
Meine Heimat ist am Throne.“

Das Nächstfolgende, was uns der Seher sofort in Kap. 4 zeigt, stellt uns dann unmittelbar vor diesen herrlichen Thron Gottes. – Zuvor aber noch ein Wort über die Sendschreiben.

Ihr Inhalt ist sehr mannigfaltig; keiner der 7 Vorsteher samt der Gemeinde, die hinter ihm steht, ist dem andern völlig gleich. Der von  E p h e s u s  zeichnet sich aus durch ausdauerndes Wirken und Dulden für den Herrn, sowie durch strenge Zuchtübung; aber er hat die erste Liebe verloren. Der von  S m y r n a  lebt in gedrückten Verhältnissen, ist zwar reich an christlichen Gütern, aber der Ermutigung bedürftig. Der von  P e r g a m u s  bekennt bei aller Verfolgung treu den Namen des Herrn, ist aber zu duldsam gegen unheiliges und unsauberes Treiben in der Gemeinde. Der von  T h y a t i r a  ist der erste, an welchem der Herr mehr zu tadeln als zu loben findet. Er ist der Gegensatz zu dem von Ephesus. Es herrscht bei ihm viel praktisches Christentum, aber er läßt es an strenger Zuchtübung fehlen, und das Unwesen hat überhand genommen. Noch schlimmer, fast am schlimmsten von allen steht es bei dem von  S a r d e s : Mit geringer Ausnahme scheint das Christentum erstorben. An dem von  P h i l a d e l p h i a  wird nichts getadelt: bei geringen Mitteln hat er große Treue bewiesen; in  L a o d i z e a  dagegen herrscht bei eingebildetem Reichtum völlige Lauheit.

Großartig, glänzend ist es nirgends bestellt; es geht durchs Gedränge von außen und innen, und überall geht es einer ernsten Zukunft, einer Scheidung und Entscheidung entgegen. So war es, so ist es, so bleibt es überall und allezeit in der Gemeinde Christi, „bis daß Er kommt“. Aber auch das bleibt überall und allezeit, daß der Herr unsichtbar da ist, seine Herde und seine Schafe sieht und kennt, sie züchtigt und tröstetdurch den heiligen Geist, bewahrt und durchleitet durch die dunklen Zeiten und durch die im Argen liegende Welt, und immer und allen gilt: „Wer überwindet, der wird alles ererben“.

Sieben Gemeinden waren es, denen die Sendschreiben galen und denen das Buch der Offenbarung gewidmet war. Sie alle sind dahingestorben, zum Teil sind die Städte in Trümmer gefallen, zum Teil hat der Islam seine Moscheen aufgerichtet, wo einst christliche Kirchen standen. Das gehört zu den erschütternsten Dunkelheiten der Kirchengeschichte.

Aber „die  s i e b e n  Gemeinden“ bedeuten etwas in der Sprache der Offenbarung. Die Siebenzahl ist ja nicht zufällig, sondern ist die Zahl des alles in sich fassenden Ganzen. Am Bilde jener 7 kleinasiatischen Gemeinden, die am Wendepunkt der apostolischen und nachapostolischen Zeit stehen, wird gezeigt, wie es in dieser ganzen Weltzeit um die Kirche Christi innerlich und äußerlich stand, steht und stehen wird. Und der dort inmitten der 7 Leuchter steht und wandelt (1, 20; 2, 1), der ist bei seiner in der Welt und vor unsern Augen oft kaum erkennbaren Gemeinde, von der wir nur Stücke und Splitter sehen, wahrhaft gegenwärtig alle Tage bis an der Welt Ende. Zu ihm flehen wir gebeugt, aber im Glauben:

Ach, bleib bei uns, Herr Jesu Christ,
weil es nun Abend worden ist;
dein göttlich Wort, das helle Licht,
laß ja bei uns auslöschen nicht!

In dieser letzten, bösen Zeit
gib uns des Glaubens B’ständigkeit,
daß wir dein Wort und Sakrament
rein b’halten bis an unser End.

Gib, daß wir leben in dem Wort
und darauf mutig fahren fort
von hinnen aus dem Jammertal
zu dir in deinen Freudensaal!

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Wie lange muß Jesus doch bei uns anklopfen,
Eh‘ unsre Herzen offen steh’n!
Indem wir so lange die Ohren verstopfen,
Daß er oft muß vorüber geh’n;
Allein sein Erbarmen hört doch nicht auf,
Bis er uns, die Armen, mit in den Lauf
Der seligen Kinder der Gnade gezogen,
Und unser verhärtetes Herz überwogen.

Quellenverzeichnis:

Auslegung: Christian Römer, weil. Prälat und Stiftsprediger zu Stuttgart: Die Offenbarung des Johannes, in Bibelstunden erläutert, S. 44-48 (Verlag von D. Gundert, Stuttgart 1916)

Liedverse „Ach, bleib bei uns“: Philipp Melanchthon, Nikolaus Selnecker

Liedvers „Wie lange“: Johann Andreas Rothe (1688-1758)

Verweise zu den angegebenen Bibelstellen: bibeltext.com

Eingestellt am 7. Februar 2023 – Letzte Überarbeitung am 14. Februar 2023