Predigt am sechsten Sonntag nach Epiphanias

von Albert Knapp (1798-1864), weiland Pfarrer in Stuttgart

Predigttext: Matth. 17, 1-9 und Matth. 11, 20-24.

Und nach sechs Tagen nahm Jesus zu sich Petrus und Jakobus und Johannes, seinen Bruder, und führte sie beiseits auf einen hohen Berg. Und er ward verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie ein Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.
Petrus aber antwortete und sprach zu Jesu: HERR, hier ist gut sein! Willst du, so wollen wir hier drei Hütten machen: dir eine, Mose eine und Elia eine. 5 Da er noch also redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören!
Da das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr. Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Stehet auf und fürchtet euch nicht! Da sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand denn Jesum allein. Und da sie vom Berge herabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt dies Gesicht niemand sagen, bis das des Menschen Sohn von den Toten auferstanden ist. –

Da fing er an, die Städte zu schelten, in welchen am meisten seiner Taten geschehen waren, und hatten sich doch nicht gebessert:
Wehe dir, Chorazin! Weh dir, Bethsaida! Wären solche Taten zu Tyrus und Sidon geschehen, wie bei euch geschehen sind, sie hätten vorzeiten im Sack und in der Asche Buße getan. Doch ich sage euch: Es wird Tyrus und Sidon erträglicher gehen am Jüngsten Gericht als euch. Und du, Kapernaum, die du bist erhoben bis an den Himmel, du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden. Denn so zu Sodom die Taten geschehen wären, die bei euch geschehen sind, sie stände noch heutigestages. Doch ich sage euch, es wird dem Sodomer Lande erträglicher gehen am Jüngsten Gericht als dir.

Diese beiden evangelischen Abschnitte stehen sich gegenüber wie Licht und Finsternis, wie Himmel und Hölle. – Im ersteren erscheint uns der Herr, unser Heiland, vor Seinen erwählten Jüngern verklärt, umschwebt von zwei uralten Heiligen Gottes, Mose und Elia, deren erster schon 1500, der andere schon über 900 Jahre vorher entschlafen war. Diese zwei großen Abgesandten, – der Eine der Mittler, der Andere der Reformator des alten Testaments, – der Eine von Gott selbst begraben, der Andere ohne Tod gen Himmel entrückt, – erschienen vor Ihm in der Klarheit des unvergänglichen Wesens, um über die Vollendung Seines erhabenen Werks, über die Todesleiden und die nachfolgende Herrlichkeit mit Ihm zu reden. Das war der seligste, den Jüngern bisher vergönnte Anblick, ein Anblick überirdischer Dinge, den man fast unglaublich fände, sprächen nicht drei Evangelisten einstimmig davon, und hätte nicht Petrus als Augenzeuge feierlich erklärt, daß er die Herrlichkeit Jesu Christi auf dem heiligen Berge selbst gesehen, und die Stimme Gottes aus der Wolke selbst vernommen habe. Welch’ eine Gnade, solcher Offenbarungen der himmlischen Majestät gewürdigt zu sein! Da hieß es wohl: „Selig sind die Augen, die da sehen, was Ihr sehet, und die Ohren, die da hören, was Ihr höret!“ Wir sehen schon hier wie durch einen Flor einen Strahl jener ewigen Wonne, welche Gott denjenigen bereitet hat, die Ihn lieben. Denn selbst unter den Jüngern Christi wurden nur diejenigen dieser herrlichen Anschauung gewürdigt, die durch Glauben, Liebe und feste Anhänglichkeit Seinem Herzen die nächsten waren, – gleichwie Er sie nachher auch allein zu Zeugen Seines erschütternden Gebetskampfs in Gethsemaneh genommen hat. – O wie viel kann ein Mensch im Glauben erleben, wenn er ganz mit seinem Erlöser ist.

Blicken wir nun aber von hier auf unser zweites Evangelium, wie verändert sich da Alles in lauter Finsternis und Todesschatten! Klagend und dräuend erhebt Gottes Sohn Seine Hand über die Städte Galiläa’s, die Seine meisten Wunder angeschaut, Seine meisten Zeugnisse gehört, und sich doch nicht bekehrt hatten. Etwas von jener furchtbaren Kraft, welche Er als Richter der Welt dereinst offenbaren wird, blitzt hier wie ein verzehrendes Feuer von Ihm aus über jene leichtfertigen, in Weltlust und Unglauben versunkenen Städte, die sich um Ihn und das wunderbare Heil Gottes so gar nicht bekümmerten, als wenn das persönlich erschienene Leben im Getriebe der geistlich Toten keine Beachtung verdiente. „Wehe, wehe euch!“ erschallt es aus dem Munde des Heiligsten in die sicheren Weltkreise hinein: „Wehe euch, die ihr hier lachet, denn dort werdet ihr heulen! Wehe euch, die ihr voll seid, denn dort werdet ihr hungern!“ – Mit einem richterlichen Drohworte verkündiget Er jenen Städten und dadurch allen Verächtern Seines Evangeliums jenen Tag, „da Er offenbar werden wird samt den Engeln Seiner Kraft, Rache zu geben über die, so Gott nicht erkennen, und über Die, so nicht gehorsam sind dem Evangelium unsres Herrn Jesu Christi (2. Thess. l, 7 ff.). Das Schicksal solcher losen Verächter, sagt Er, werde schrecklicher sein, als die Verdammnis der ältesten heidnischen Städte, die keine so herrlichen Erweise der göttlichen Gnade gesehen hatten. Er richtet hiebei ein gerechtes Gericht. Je heller das verschmähte Licht, je milder das abgewiesene Erbarmen war, um so viel größer wird die Rechenschaft, um so viel finsterer das Dunkel der Ewigkeit sein, wo der Sündenknecht seinen verkehrten Lebenslauf unerbittlich, nach den Gerechtsamen des ewigen Richterstuhls zu büßen hat. – O, was kann ein Volk, eine Gemeinde, ein einzelner Mensch sich in mutwilligem Unglauben zuziehen, wenn dahingelebt wird, als gäbe es keinen Jesus, und als bedürfte man den Sohn des himmlischen Vaters nicht!

Diese beiden, so verschiedenartigen Berichte, die Verklärung Jesu auf dem heiligen Berg, und Sein Weheruf über die ungläubigen Städte Galiläa’s, – wie deutlich und hell stellen sie uns den erhabenen Unterschied zwischen dem Leben der Nachfolger des Heilandes, und dem träumerischen Wandel der Weltkinder vor Augen!

Lasset uns hierbei beherzigen den mächtigen Unterschied zwischen den Nachfolgern Jesu Christi und den Irdischgesinnten;

  1. Hinsichtlich ihrer Bestrebungen und Freuden;
  2. Ihres geselligen Lebens;
  3. Ihres Verhältnisses zu Gott und Christo;
  4. Ihres künftigen Loses.

Vater des Lichtes, der Du Dein Licht strahlen lässest in die Finsternis: o mache uns weise durch Jesum, Deinen einigen Sohn, welchen Du uns zur seligmachenden Weisheit gegeben hast, und in welchem allein unsre Seele der ewigen Finsternis entfliehen kann! Lehre uns erwachen, bevor wir entschlafen, und durch Jesum Dir leben, ehe wir sterben! Amen.

I.

Der Herr Jesus nahm Seine drei Jünger mit sich auf jenen erhabenen Berg, einesteils, um sie durch einen ungewöhnlichen Anblick Seiner Herrlichkeit, welche Er sonst in irdenem Gefäße trug, auf Seine baldige Leidenszeit vorzubereiten, damit sie sich in den Stunden der Angst an der Erniedrigung Seiner Person nicht ärgern, sondern durch die Erinnerung an jene himmlischen Augenblicke stets im Glauben und zum treuen Dienste des Evangeliums gestärkt bleiben sollten; andernteils aber auch, um ihnen einen der edelsten Geistesgenüsse zu bescheeren, deren Er sie, als Seine getreuen Nachfolger, für würdig hielt. – Das Wort Petri: „Herr, hier ist gut sein, – hier laß uns Hütten bauen!“ zeigt rührend genug, wie hoch dieser göttlich-herrliche Anblick des verklärten Heilandes und jener himmlischen Würdeträger sein und seiner Freunde Gemüt entzückt haben mag. – Das war eine Frucht ihrer Nachfolge Jesu, ein Gnadenlohn für ihr Beharren in Seinen Anfechtungen. Wie hingenommen sehen wir diese Jünger von Liebe, Wonne und anbetender Ehrfurcht! Wie geheiligt erscheint hier, bei all Ihrer sonstigen Schwachheit, ihre Stellung und ihr Sinn! Welch eine Kraft zu Uebung ihres künftigen Berufs muß damals ihre Seelen durchströmt und jegliche Nerve zum Dienst am Reiche dieses wunderbar Verherrlichten beseelt haben! – Fern, wie ein wesenloser Nebel sank hier die Lust, der Reichtum, der Ruhm der armen Welt vor ihren Blicken hinab, – und es mag ihnen noch größer zu Mute gewesen als dem Psalmisten, der da rief: „Er verbirgt mich heimlich in Seinem Gezelt, und erhöht mich auf einem Felsen!“ – Die Freude am Herrn war ihre Stärke, und fern vom Auge der Welt genossen sie mit dem eingeborenen Sohne des Vaters Stunden der Weihe und Seligkeit, wobei es ihnen wohl zumute sein mochte, wie dem Sänger: „Ein Tag in Deinen Vorhöfen ist besser, denn sonst tausend!“ (Ps. 84) – Wer von den Kindern dieser Welt weiß von jenen Kräften der unsichtbaren Welt, die den Christen zu seinem heiligen Berufe stärken und befähigen? Der unter ihnen kennt die herrlichen Freuden und teuersten Erfahrungen, die sein Herz gleich einem Strome durchziehen, und ihn mit Kraft für die Sache seines Gottes füllen, während die Lust dieser Welt nur die Seelen abstumpft und für die Nachfolge Gottes entnervt?

Ganz anders verhielt sich’s mit jenem Volk in den galiläischen Städten! Auch unter ihm wandelte Christus jahrelang; Er predigte vor ihren Ohren die süßen Gesetze und Verheißungen des Himmelreichs; Er offenbarte vor ihren Augen den Arm Seiner Macht durch unerhörte Wunder und Zeichen; er predigte ihnen das angenehme Jahr des Herrn und erschöpfte Sich, wenn Er zu erschöpfen wäre, an ihnen mit den Wohltaten himmlischer Liebe. Aber da war kein Herz für Ihn, kein Aufmerken, kein Verstand, keine Dankbarkeit, keine Sehnsucht nach Seiner Gemeinschaft, kein Aufschwung zu jenem unsichtbaren Reiche, dessen Pforten Er ihnen so gnädig öffnete. Ruhelos ging in den Werkstätten das irdische Getrieb, auf den Gassen das zerstreute Getümmel, in den Gesellschaften die rohere oder feinere Genußsucht und das vergebliche Gerede fort. Man sprach von Juden und Heiden, von Römern und Griechen, aber was der große Meister von Nazareth lehrte, das ließen sie herzlos verhallen, und bei seinen herrlichen Wundern begnügte man sich mit einer stumpfen Verwunderung oder sah sie gar geringschätzig an. So blieb die Masse der Einwohnerschaft im Argen, im Todesschlaf liegen, unbußfertig und glaubenslos, und das am reichsten bestellte Ackerfeld, wie schwerlich je eines unter’m Himmel gepflegt worden ist, trug die kärglichsten Früchte. Nur wenige Seelen werden aus jenen äußerlich so reichen, anmutigen Städten genannt, die, wie der Hauptmann von Capernaum, sich des ewigen Lebens wert achteten. Die Menge selbst wurde nur ein Mal aufgeregt, als Er fünftausend Mann mit wenigen Broten gespeist hatte; da begehrten sie Ihn zu haschen und zum Brotkönig zu erheben. Daß Er aber ein König der Herzen, ja, das lebendige, vom Himmel gekommene Brot Gottes sei, und daß nur in der Verbindung mit Ihm ewige Freude, richtige Erfüllung unsers höchsten Berufs und Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, gegeben werde – nein, das war ihnen zu hoch, zu hart, zu ungefüge in ihre übrigen Bestrebungen; da ärgerten sie sich, und wichen mit abgekehrter Seele, finster und in grobsinnlichen Mißverstand versunken von Ihm, ihrem einzigen Erlöser, zurück. Geld und Ländereien, Handel und Wohlstand, gute, sinnliche Tage, ungöttliche Freiheit, – ja, um diesen Preis hätten sie einen Messias wohl angenommen und mit tausendfachen Zungen gelobt; – aber das Göttliche in seiner Einfalt, in unscheinbarer Hülle und mit irdischer Gemeinheit unvermischt, – nein, das galt ihnen als lose Speise, – so wollten sie nicht, so hatte Er keine Gestalt noch Schönheit, die ihnen gefallen hätte. Darum haben sie Ihn, den Unschätzbaren, die köstliche Himmelsperle, für Nichts geachtet und haben die Weltlust der geistlichen Wonne, den hohlen Erdenbetrieb dem Leben in Gott vorgezogen, und stehen gerichtet vor der Nachwelt da, lose Verächter, die sich für reich, satt und nichtsbedürftig hielten, Und siehe, sie waren arm, blind, bloß, elend und jämmerlich! – Das ist ihr geistiges Bild. –

Wie unaussprechlich verschieden war jene heilig-einsame Thaborszene von dem Weltgewühl dieser galiläischen Städte! Dort Freude die Fülle und Himmelskraft, – hier bei aller Geschäftigkeit und vielfältiger Anstrengung doch nur inneres Elend, Siechtum der Herzen und geistlicher Tod!

Wir werden die Vergleichung zwischen jenen Gemeinden und der Mehrzahl der heutigen Christenheit nicht in’s Weite zu spinnen brauchen, denn die Welt bleibt sich im Ganzen durch alle Jahrhunderte so ziemlich gleich. Die alten Lüste und Bestrebungen Capernaums, Bethsaida’s und Chorazins, wodurch sie’s vom Himmel bis zur Hölle gebracht haben, bestehen noch, wenn auch unter etwas veränderten Formen, bis auf den heutigen Tag, und die Sünde, der Unglaube wider Jesum, die Verworrenheit in das Treiben dieser Zeit sind noch heute so gewiß, wie dazumal, das Verderben der Menschen.

Aus der Abtrennung von Christo geht unter keinerlei Bedingungen Kraft, geistige Fruchtbarkeit und wahres Wohlsein hervor. Wahrlich, über die Tore mancher so betitelten „Christenstädte“ könnte man auch die Namen Capernaums, Chorazins und Bethsaida’s schreiben; – an manchem Hause stünde bei uns mit vollem Rechte: „Hier wohnt nicht bloß ein Capernaite, sondern ein christlicher Heide,“ der seine Schwachheit für Kraft, seinen Mangel für Reichtum, seine Narrheit für Weisheit achtet, und sich in seinen Plänen und Betreibungen alle mögliche Mühe gibt, um sich vom großen Gott abzureißen! – Aber mancher Berg und Hügel, manches einsame Zimmer, manches arme mit Tränen benetzte Kämmerlein ist seither den Kindern Gottes zu einem Tabor geworden, wo Christus in Seiner Lebensglorie vor ihnen stand, und ihnen nicht allein himmlische Freude gewährte, so daß sie rufen mußten: „Herr, bei Dir ist gut sein!“ sondern sie auch mit Kräften der Höhe und des höchsten Heiligtums mithat, so daß sie frei, ohne Aergernis an der Kreuzgestalt Seines Reiches, in kleineren und größeren Kreisen Ihm nachwandelten, Ihm fruchtbarlich dienten, und bis zum Todestal siegreich in Seiner Liebe verharrten. – O lasset uns nicht auf beiden Seiten hinken! – Wer von uns wäre damals nicht lieber auf dem heiligen Berge bei Christo, bestrahlt von himmlischem Licht, als im geistlosen und herzleeren Gewühl jener galiläischen Städte gewesen? Können wir bei einem rechtschaffenen Blick auf den Heiland wie auf die Welt wohl noch zweifeln, ob die wahre dauernde Freude und ein heiteres, christlich-kräftiges Tagewerk auf Seiner Seite, oder in den trüben, glaubenslosen Bewegungen der großen Weltmasse, die weder Ihn noch Seinen Vater erkennt, zu finden sei? – Und wenn wir dies ahnen und wissen: warum tun wir’s nicht, oder doch so gar unvollständig und halbherzig? –

II.

Wir wenden uns zum geselligen Leben der echten Christen im Gegensatze zu dem der Irdischgesinnten.

Sehet an, Geliebte, jene drei trefflichen Jünger auf der Spitze des Berges, wie sie gemeinsam sich ihres verklärten Heilandes erfreuen! Wie mag dieser himmlische Anblick, dieser feierliche Herzensgenuß, wie mag überhaupt ihr ganzes Zusammensein mit Jesu sie so vielfach und auf ihr Lebenlang vereinigt, stets inniger befreundet, und ihnen unerschöpflichen Stoff zu den edelsten, gesegnetsten Gesprächen und Erbauungen gegeben haben! Durch große, heilige Erfahrungen, die man gemeinsam macht, werden die Menschen am festesten und tiefsten mit einander verschwistert; – und wo gäbe es denn, im Frieden oder im Streit, herrlichere Erlebnisse, als bei Jesu dem Sohne Gottes? Welche Verbindung, welche Freundschaft, welche Kollegialität reicht wohl an die Geistesgemeinschaft jener hohen Apostel, die dem vermenschlichten Worte des Lebens am nächsten gestanden, die es mit Augen beschaut, und mit ihren Händen betastet haben? – Da war all jene falsche, feige Scham entfernt, welche die Namenchristen beinahe stets auseinander hält, so daß sie’s nie wagen, ein freies, herzliches Wort über die tieferen Bedürfnisse des Herzens und die Geheimnisse der Ewigkeit mit einander getreulich zu tauschen. Da war unmittelbarer Geistesverband, belebende Wechselwirkung, und die Liebe, dieses Band der Vollkommenheit, empfing ihre edelste Weihe durch das gemeinsame Hängen der Glieder an ihrem auserwählten Haupt. – So ist’s zu allen Zeiten. Der uns eingepflanzte Geselligkeitstrieb findet seine wahrhaftige Nahrung und Befriedigung nur im Elemente der himmlischen Wahrheit, nur in der Gnade Jesu Christi. Was die Kinder Gottes hier vereint erfahren und gewinnen, was sie einander hier mitteilen, das bildet, das fördert sie, das heiligt ihr Zusammensein, das windet ein unzerreißliches Friedens- und Liebesband um ihre Seelen, – das heißt im wahren Sinne gelebt. Jesus Christus war der klare Vereinigungspunkt Seiner Jünger; Er soll auch der unsrige sein, wenn wir uns zur Lehre von der Gemeinschaft der Heiligen bekennen. Selig ist eine Freundschaft, die im Geiste auf Tabor vor Ihm geschlossen, in Gethsemaneh und auf Golgatha geweiht, an Seinem offenen Grabe befestigt wird, und die also verbundenen Herzen zum ewigen Zion hinführt. O daß es bei uns viele, ja lauter solche Genossenschaften gäbe!

Aber so verhielt sich’s nicht mit den galiläischen Städten. Da war Alles eher, als Christus, der Geister und Gemüter Mittelpunkt. Sein Name mochte im geselligen Verkehr jener Menschen sehr unbeliebt, die Vereinigung mit Ihm und Seine Nachfolge als etwas sehr Unwillkommenes und Ueberflüssiges angesehen sein. Das aber, was unsere Namenchristen noch heutiges Tags verbindet, – Augenlust, Fleischeslust, hoffärtiges Leben, nichtige Träume von Weisheit, Ruhm und Freiheit, – Dinge, die von dem Blitze der Ewigkeit schon tausendfach in Rauch verkehrt worden sind, und doch stets wieder neu aus dem Sündenelement aufsteigen: das wars, warum sich jene Menschen versammelten, worin sie sich befreundeten. Einander zu vereiteln, zu verwahrlosen, zu täuschen, in den behaglichen Schlummer der Sicherheit tiefer einzuwiegen, – darnach stand ihr Sinn, das galt unter ihnen als Bildung und guter Ton, – aber von einem Heiland wollten sie nichts. Darum sind sie auch in Gesellschaft zur Hölle gefahren. –

O wüßten wir, wie bitter den Capernaiten und den übrigen Umwohnern des reizenden See’s von Genezareth ihr weltlustig-ungläubiges Zusammenleben zuletzt geworden ist: wir würden wohl nüchterner und besonnener werden, würden aufrichtiger und frömmer miteinander umgehen, würden den Namen und das Wort unsres Heilandes nicht so feig und herzlos aus unsern Gesellschaften verbannen, sondern uns unendlich freier und vertraulicher in Seinem Lichte bewegen und uns gegenseitig viel inniger anfassen, als gewöhnlich geschieht. Glaubet es gewiß: Wo Christus und Sein Heil nicht die Seele und das Leben unsrer Vereine wird, da ist unser Zusammenleben eine eitle, sündliche, oft verpestende Sache; da gereicht Eines dem Andern viel öfter zur Verschlimmerung und endlich zum Gericht, und kann am Tag aller Tage so wenig vor dem Herrn bestehen, als Capernaum und Bethsaida. In solcherlei Kreisen wandeln die Seelen verhüllt voreinander, und weil keine was Rechtes von Gott weiß und genießt, weil keine einen inwendigen Menschen hat, der mit Freudigkeit offenbar werden könnte, so hält Jeglicher sich eine Weltmaske vor, worunter er dem Andern im Grunde doch fremd und von ihm geschieden bleibt. Wenn dann solche Maskenträger von einander hinwegsterben, so heißt es: „wohl aus den Augen, wohl aus dem Sinn,“ denn die Lücke eines Weltmenschen ist leicht auszufüllen, weil es ihrer im Ueberfluß gibt. – Kinder des lebendigen Gottes aber, die im Herrn zusammengelebt haben, behalten eine Wunde im Gemüt, wenn Eins Abschied von dem Andern nimmt auf Wiedersehen; denn wiedergeborene Seelen, die mit uns auf Tabor und Golgatha sich verschmälert haben, werden in dieser Welt nach ihrer Eigentümlichkeit nur schwer und selten ersetzt, und ihr Vermissen müssen wir dann mit verborgener Sehnsucht tragen, so lange wir im Leibe sind; was wir aber in Christo Jesu miteinander gelebt, geliebt, gebetet, geweint, beraten und gewirkt haben, das bildet den Grund eines ewigen Bundes, – und an den Gliedern des Herrn erfüllet sich, was einst David zu Jonathan sagte: Was aber Du und ich miteinander geredet (und gelebt) haben, da ist der Herr zwischen Dir und mir ewiglich! – (1. Sam. 20, 23. 42.) –

III.

Sehen wir ferner auf das eigentliche Verhältniß zu Gott und seinem ewigen Reiche hin, so ist es einleuchtend: die Jünger waren zu einer hohen Stufe heilvoller Verbindung mit Ihm hinangefördert. Je treuer und kindlicher sie dem Herrn bisher gefolgt hatten, je tiefer Sein Wort in ihnen geblieben war, desto schönerer, wichtigerer, erhabenerer Offenbarungen Seiner Gnade und Herrlichkeit wurden sie gewürdigt. Je näher sie mit Jesu verbunden waren, in eine desto kindlichere Gemeinschaft kamen sie mit Gott, dem himmlischen Vater selbst, desto fester wurde ihre Religion, wie man zu sagen pflegt, gegründet. Es ging dabei allerdings durch Proben des Glaubens und der Treue, wie es bei Allen gehen muß, die das ewige Leben ererben. Hatten sie redlich darin beharrt, hatten sie mit Ernst gelernt und das Gelernte rechtschaffen angewandt, – so hielt ihnen der Herr in seinem unerschöpflichen Reichtum stets wieder neue, höhere Gnaden bereit, wodurch sie noch klarer in das Geheimnis der Gottseligkeit eingeführt wurden. Da mußten sie jeglichen Tag nicht erst schüchtern umherblicken und fragen: „worauf soll ich mich heute freuen?“ sondern so lange Jesus ihr Herr war, ging es alle Tage herrlicher, von Klarheit zu Klarheit, von Kraft zu Kraft. O wie mag es ihnen auf jenem Berge gewesen sein, als sie im Sonnenangesicht Jesu den Grund und die Bürgschaft ihrer ganzen Religion erblickten, und in der Stimme Gottes das allgegenwärtig nahe Zeugnis der himmlischen Wahrheit vernahmen! O große Ehre, – herrliche Gewißheit! Wer Solches erfuhr, war gegen die List und alle Angriffe der blinden Welt gewaffnet, und konnte, wenn er diese Lichtstrahlen treu, verständig bewahrte, dem irren Widerspruch der verblendeten Menge geruhig Trotz bieten. – Denn was du in der innigen Gemeinschaft mit Christo erlebt hast, das allein ist der Grund einer bleibenden Religion, einer dauernden Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott. Nicht laue Untersuchungen über dies und jenes, nicht flüchtige Einstimmung mit den Urteilen der oft so flachen, ungöttlichen Gelehrtenwelt, – nicht hochfahrende Blitze einer unbekehrten Phantasie, die ihre Grundgedanken zuletzt doch aus dem Herzen nimmt, und wobei der begleitende Verstand nur Sachwalter des Herzens ist, – o nein, – nicht dies bildet den Lebensquell der Religion, sondern ihn bildet allein die Glaubensgemeinschaft mit dem Sohne Gottes, der gesagt hat: wer an Mich glaubt, von dessen Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen. – Gott siehet das Herz an. Wie das Herz, d. h. der Grundwille des Menschen bestellt ist, so wird seine Religion ausfallen. Die christliche Religion aber ist darum die einzig wahre und die beste, weil hier das Herz allermeist in Anspruch genommen wird, und weil das Geheimnis der Seligkeit hier bei Keinem wohnet, der nicht zuvor die gerechte Forderung erfüllet: „Gib mir, mein Sohn, meine Tochter, dein Herz, und laß Deinen Augen meine Wege wohlgefallen!“

Die Jünger Christi haben ihr Herz mit auf Thabor hinaufgenommen, und darum einen so seligen Weg bis an ihr Ende gehabt. So gehet es noch Jedem, der aus der Wahrheit ist. Unsre Menschheit ist gleichsam ein Turm, das Herz die Glocke darin. Da schlägt Gottes Geist mit Seinem Wort an, das einem Hammer zu vergleichen ist. Umhüllen wir aber diese Glocke mit Flechtwerk, so tönet der Hammer nicht, die Gnadenstunde kann nicht hörbar geschlagen werden, und kein Ohr in unsrem Innern vernimmt es, ob ein Fest sei oder nicht, und welche Zeit der heilige Gott in uns andeute. – Nur, wo wir die Zeugnisse Christi klar zu Herzen fassen, vernehmen wir auch die rechten Stimmen und Stunden des göttlichen Reiches und kommen dadurch in das rechte Verhältnis zu Gott. Geht es dabei dann durch frohe oder traurige Zeiten, durch gute oder böse Gerüchte, – das macht in der Hauptsache gar wenig aus; wenn wir nur wissen, wie wir mit Gott daran sind! Wenn nur die Klarheit des Herrn in unsrem inwendigen Auge sich spiegelt, so daß wir Christum stets kräftiger als den allgenugsamen Quell der Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung fassen, und durch Ihn stets freudiger, erhörlicher vor Gott treten! Ist es nicht ein seliger Lauf, so durch die Welt zu wandeln mit Christo, so mit Ihm, und durch Ihn mit dem himmlischen Vater die kurzen Tage der Gnadenzeit zu verleben? O wer darnach recht dürstete! Und wenn nicht, – warum wohl dürstet’s dich nicht nach diesem Lebensborn?

Sehen wir auch diesfalls auf jene galiläischen Städte hin! Wie standen sie wohl mit dem lebendigen Gott, und welche Religion hatten sie denn, so lange Jesus Christus jenes furchtbare Weh’ über ihren Unglauben, ihre Fremdigkeit gegen Ihn ausrufen mußte? – Eine gewisse Art von Religion bestand allerdings auch bei ihnen, wie bei den totesten Gemeinden der neuern Christenwelt, – weil ein Mensch seine Abhängigkeit von Gott nur durch eine Seelengrimasse verleugnen kann, und sich dadurch, wenn er’s tut, unter das Tier herabwürdigt. Aber welch eine Religion ist doch diejenige, die des lebendigen Heilandes entbehrt, und Ihn, sei’s durch Aberglauben oder durch Unglauben, in den Winkel stellt? – Was hat wohl ein Sünder, der keinen Erlöser, keinen versöhnenden Mittler seiner Todesschuld, keinen zurechtweisenden Erben mehr seiner sündigen Seele will und erkennt? Einen Raum hat er, ohne Himmel und Sonne, eine Form ohne lebendigen Inhalt, einen Gottesbegriff ohne ein selig machendes Wesen, ein Wort ohne zeitliches und ewiges Heil. – Darum schreibt Johannes, der Apostel: „wer übertritt, und bleibet nicht in der Lehre Christi, der hat keinen Gott,“ – ebendamit im Grunde auch keine Religion (2. Joh. v.). Es mochten mancherlei Gotteshäuser und Zeremonien in jenen galiläischen Städten bestehen, woran die verweltlichte Menge in ihrer Art den gewohnten Anteil nahm. Aber was war dieser Schein, während Jesus ihnen mit erhobener Hand ihre Höllenfahrt ankündigte? Wie Mancher, der keinen Heiland in dieser Welt begehrt, sondern den einzigen Sohn Gottes unter unzähligen Ausflüchten und Vorurteilen umgeht, weil er der Welt frönen will, hält sich in seinem eigenlieblg gesteiften Sinne für religiös, und fähret zuletzt doch nirgends hin, als in die Hölle, zu seinen Fleischesgenossen von Bethsaida und Capernaum! – Es ist eigentlich eine Schmach, ja, ein Greuel, daß diejenigen, die sich nunmehr noch von dem einzigen Weltheiland lossagen, oder doch aus Welt- und Sündenlust beharrlich ferne von Ihm gestellt bleiben, noch von Religion reden und sich darauf verlassen mögen, während Christus ihrem Unglauben so gut als jenen galiläischen Städten die Verdammnis vorher verkündigt, und dadurch ihre vermeinte Religion für ein Nichts erklärt hat. Ja, fürwahr: wer den Mann von Bethlehem, Nazareth, Tabor, Gethsemaneh und Golgatha nicht aufnehmen, Seine herrlichsten, im Feuer des Todes, in der Glorie der Auferstehung durchläuterten Worte nicht fassen und seinem armen, nichtigen Leben zum Grunde legen mag, – der hat keine Religion, – der geht durch die eigene Schuld seines Unglaubens verloren. Für Tabor erwählet er den Abgrund, und statt der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes überliefert er sich mutwillig dem furchtbaren Tage jenes ewigen Gerichts, der die Verächter und Halbherzigen erwartet, und wo es heißen wird: „Wer nicht glaubt, der wird verdammt werden!“ –

IV.

Wir können nun kurz endigen, wo es die Zukunft der Seele betrifft, weil wir bereits Vieles davon gesagt haben. – Doch sehet noch zum Schlusse hin auf die verklärten Geister, Mose und Elia! – Da stehen sie noch einmal vor uns in überirdischer, himmlischer Klarheit, geheimnisvolle Boten jenes ewigen Geheimnisses, das Gottes Sohn unter uns verwirklichen sollte! – In ihrem vergangenen Leben und in ihrer Herrlichkeit aus jener Taborsspitze schwebt auch unsere eigene Zukunft vor uns. Aus einem Himmel voll Klarheit kommen sie her als Unsterbliche, und nach der Vollendung ihres Versöhners und Königes, dem sie hier einen so großen, mit menschlichen Worten nur kurz bezeichneten Auftrag berichten dürfen, wartet noch eine glänzendere Zukunft, ein höherer Himmel auf sie. – Welcher Gesandte und Geschäftsträger dieser Welt, der eine Reise für seinen König tut, mag wohl einen solch’ herrlichen Lohn vermuten, wie diesen Geistern eine Belohnung droben zuteil ward, als sie wieder in die himmlischen Bleibestätten zurückkehrten, und ihr Angesicht vor dem Stuhle des Allherrschenden niederbeugten? – Welch’ eine Zukunft, die die Kinder Gottes, die Nachfolger unsers Herrn noch jetzt erwartet! – Sie haben’s nicht nötig, hier mit Capernaum und Bethsaida den vergänglichen Lüsten und Meinungen der Welt zu frönen. Davon sind sie erlöst, und dafür ist eine durch Christi Blut erkaufte Seele zu groß. Sie wissen es, wohin die Städte Galiläas gefahren sind, und wie ihr Name nicht einmal im Buch der Geschichte, geschweige im Buche des Lebens mit Ehren steht. Wer aber auf Tabor und Golgatha mit Jesu lebt, der hat eine selige Zukunft. Die Jünger waren einst dort, – und wer unter uns beneidet sie nicht um ihr köstliches Los? –

Es gibt eine höllische Zukunft. Dahin wandern die Verächter Jesu Christi, die Irdischgesinnten (Phil. 3, 11), die Fleisch für ihren Arm halten, und über lauter fleischlichen Rücksichten und Betäubungen niemals den Rettersarm und das Kreuz Christi recht anfassen, um über den Bereich des Fleisches und des Todes hinauszukommen. Ihr Vorbild haben solcherlei Leute, vom liederlichen Bettler bis zum glatten, ungläubigen Obern hinauf, in den Städten des Sees Genezareth und im drohenden Weheruf Jesu Christi. Dorthin, nicht anderswohin, geht es mit ihnen, wofern sie nicht vor den Füßen des Gekreuzigten Buße tun. Diese, und keine andere Zukunft erwartet sie. –

Es gibt aber auch eine himmlische Zukunft, und diese glänzt den Gläubigen lieblich, trostreich auch in’s weinende Aug’ in dem verklärten Leibe des Herrn, im Lichte, das einst in heiliger Nachtstille auf Tabor in die Seelen der auserwählten Apostel geleuchtet hat. Es gibt ein himmlisches Geisteslicht, das keine Welt, keine Zeit verlöschen kann. Dieses Licht ist das Leben der Menschen, und wo leuchtet es? Allein in Jesu, dem Sohn des lebendigen Gottes! – In Ihm liegt unser Leben, daher auch unsere Zukunft. Wer hier in Ihm lebet, wird ewiglich leben. Dazu diene uns die Leuchte Seiner Herrlichkeit auf Tabor, und Seine Liebesflamme in Gethsemane! Und auf Golgatha! – Er lebet ewiglich; – lasset uns Ihm ewiglich leben! – Amen.

Quelle: Glaubensstimme