Immanuel Gottlieb Kolb (1784-1859)

Immanuel Gottlieb Kolb wurde geboren den 28. Dezember 1784 in dem württembergischen Pfarrdorf Schönaich, OA (Oberamt) Böblingen, wo sein Vater, Christoph Friedrich Kolb, Schulmeister war. Seine Mutter, Dorothea, war die älteste Tochter des früheren Schulmeisters und Wundarztes Metzger daselbst, eines Mannes, der nicht nur in seinem Beruf ausgezeichnet war, sondern auch als Christ mit vielen Gläubigen seiner Zeit, namentlich auch mit dem seligen Prälaten Oetinger in Verbindung stand, und dem es besonders angelegen war, auf die Zukunft Jesu und die bevorstehenden Gerichte aufmerksam zu machen.

Seine Mutter erzählte von dem kleinen Gottlieb, daß sich derselbe körperlich und geistig sehr früh entwickelt habe, und z. B. schon in seinem zweiten Jahr Melodien singen lernte. Von zehn Geschwistern, die er hatte, starben zwei in früher Kindheit; unter seinen übrigen fünf Brüdern und drei Schwestern war er im Alter mitten inne.

Da die Eltern gottesfürchtig waren, so erzogen sie auch ihre Kinder in der Zucht und Vermahnung zum Herrn. Besonders hielt die Mutter, welche selbst eine Erziehung nach den strengsten biblischen Grundsätzen gehabt hatte, mit aller Festigkeit auf unbedingten Gehorsam, und gewöhnte ihre Kinder frühe an Ordnung und Arbeitsamkeit, was bei dem geringen Einkommen umso nötiger war. Dies diente zugleich als Mittel, den fähigen Knaben, welcher seinen Geschwistern gegenüber bald eine Überlegenheit bekam, in den heilsamen Schranken der Bescheidenheit zu erhalten. Schon hieraus können wir erst sehen, wie die göttliche Weisheit von Anfang an seinen Lebensgang leitete. Auch die bewahrende Hand Gottes waltete sichtbar über ihm, als er eines Tages mit Bohnen spielte und hierbei eine derselben in die Nase brachte, was ihn hätte das Leben kosten können, wenn nicht sein Großvater noch zu rechter Zeit mit einem chirurgischen Instrument zu Hilfe gekommen wäre.

Seine Knabenjahre fielen in eine Zeit, da die zahlreiche Familie in die bitterste Armut geriet durch ein Missgeschick, dessen Folgen die Eltern lebenslänglich zu tragen hatten. Denn obwohl die Kinder, die Knaben wie die Mädchen, fleißig zum Spinnen angehalten wurden, und die Hausmutter selbst sich beinahe und übermäßig anstrengte, um neben der Besorgung ihrer großen Haushaltung noch möglichst viel durch Handarbeit zu erwerben, kam es doch soweit, dass sie eine Zeitlang nur eine Scheune zur Bewohnung hatten.
Er erinnerte sich noch im späten Alter, wie die zärtlich besorgte Mutter ihren neun Kindern die Erdbirnen vorgezählt habe.

Nach der Konfirmation wollte er das Bäckerhandwerk erlernen, da er gegen den Schulstand eine Abneigung hatte. Er kam daher nach Steinenbronn zu einem Meister in die Lehre, der aber ein roher Mann und ein Flucher war, sodass er hierdurch die Lust zu diesem Beruf gänzlich verlor. Deshalb kehrte er nach kurzer Zeit zu seinen Eltern zurück, und bereitete sich sich nun doch bei seinem Vater für den Lehrerberuf vor, so gut dies eben bei den beschränkten Mitteln geschehen konnte.

2 Berufsleben

In seinem sechzehnten Jahre kam Kolb durch Verwendung seines Vaters, nachdem ihn der damalige Dekan in Böblingen für tüchtig erklärt hatte, als Provisor nach Mähringen bei Tübingen, wohin er, wie er sagte, seine ganze Habseligkeit in einem Sacktuch getragen habe. Sein Vater begleitete ihn eine Strecke Wegs und sagte beim Abschied zu ihm: Höre, Gottlieb, in deinem Leben mußt du einmal den Zwillichkittel zerreißen, lieber zerreißest du ihn in der Jugend, dann bekommst du es im Alter gut. Dann empfahl er ihn der ferneren Leitung und Bewahrung Gottes. Dieser göttlichen Fürsorge war er aber auch recht bedürftig. denn wie er schon als Knabe die Entbehrungen und Mühseligkeiten dieses Lebens reichlich erfahren mußte, so hatte er auch als Jüngling manches Schwere zu tragen.

Hören wir ihn selbst hierüber:

„Von Mähringen aus hatte ich alle Tage die Schule in dem eine halbe Stunde entfernten Filial Jetenburg zu versehen. Ich stand Morgens um fünf Uhr auf half dem Schulmeister bis um sieben Uhr beim Dreschen, so lange dieses Geschäft währte; darauf frühstückte ich, zog die Kirchenuhr auf und eilte nach Jetenburg. Da es Winter war und ich bloß mit Schuhen bekleidet öfters durch tiefen Schnee zu gehen hatte, so mußte ich bisweilen den ganzen Tag mit nassen Füßen Schule halten. Auch hatte ich dort kein bestimmtes Kosthaus; lud mich jemand zum Mittagessen ein, so war es gut; wo nicht, so speiste ich an dem Gesindetisch des Schultheißen.

Abends kehrte ich wieder nach Mähringen zurück. Im kalten Dachkämmerlein wurde ich manchmal in meinem Bette überschneit, indem die Dachziegel den Schnee ungehindert durchpassieren ließen. Aber ich achtete dieses nicht. Wenn ich von hier aus einen Besuch bei meinen Eltern machte, so kaufte ich mir auf dem Weg einen Wecken und trank an irgend einem Brunnen Wasser dazu. In diesem Halbjahr bekam ich 13 Gulden Gehalt. Da es nur ein sogenanntes Winterprovisorat war, so wäre an Georgii meine Zeit abgelaufen gewesen. Der Schulmeister aber, welcher mit mir zufrieden war, machte mir den Vorschlag, auch den Sommer über bei ihm zu bleiben; dagegen sollte ich ihm versprechen, den folgenden Winter auch noch auszuhalten. Jedoch mein Vater hatte mich bereits dem Schulmeister in Oeschelbronn bei Pforzheim zugesagt, und so mußte ich abreisen.“

Mit solchen anschaulichen Schilderungen aus seinem Leben suchte Kolb bisweilen Andere, bei welchen er eine heimliche Unzufriedenheit mit ihren Verhältnissen wahrnahm, zurecht zu stellen und sie zur Dankbarkeit gegen Gott zu bewegen. In Oeschelbronn, einem damals württembergischen, jetzt badischen Pfarrdorfe, trat er an Georgii 1801 seine Stelle als Provisor an. Auch hier, wo er gleichfalls den Schulmeister in allen Geschäften unterstützte (bei jährlich 19 Gulden Besoldung), widmete er sich seinem Beruf mit gewissenhafter Treue, und noch jetzt, nach beinahe sechzig Jahren, sind einzelne liebliche Spuren seiner Wirksamkeit in diesem Orte zu treffen, so wie auch ältere Gemeindeglieder seiner noch mit Achtung und Liebe gedenken.

Nach nicht ganz zweijährigem Aufenthalt in Oeschelbronn hatte er an Lichtmeß 1803 in Dagersheim bei Böblingen dem Geburtsort seines Vaters als Provisor

aus: Kurzer Lebensabriss von Immanuel Gottlieb Kolb, Schulmeister in Dagersheim, nebst einer Sammlung von Betrachtungen, Briefen etc., S. 258-262. Von seinen Freunden herausgegeben. Fünfte Auflage, Dagersheim, zu haben bei Gebrüder Ziegler, 1868