Indessen wir im finstern Tal (Zeller #16)

Indessen wir im finstern Tal
Mit unsern Schmerzen wandern,
Folgt droben in dem Himmelssaal
Ein Freudenfest dem andern;
Und allen denen, die voraus
Die dunkle Bahn gezogen,
Ward schon im ew’gen Vaterhaus
Ihr Erbteil zugewogen.

Sie freuen sich im Wiederseh’n
Am Lohne ihrer Treue,
Und Alle, die hinübergeh’n,
Erhöh’n das Fest aufs Neue.
Sie seh’n das alte Mutterland
Zu ihren Füßen liegen,
Und mit dem Licht- und Schattenband
Die liebe Erde fliegen,

Den Spiel- und Kampfplatz ihrer Zeit
Mit wehmutsvollem Lächeln,
Die Stürme, die um sie gedräut,
Als lindes Frühlingsfächeln.
Die Fluten, die um sie gerollt,
Zum Spiegel ausgegossen,
Hell leuchtend wie der Sonne Gold,
Von Licht und Glanz umflossen;

Den kurzen, dunkeln Erdentag
Zur Ewigkeit erweitert.
Geborgen, was versunken lag
Und einst im Sturm gescheitert.
Sie schau’n mit Einem vollen Blick
Das Ganze ihrer Führung,
Ihr menschlich-göttliches Geschick
Mit tiefster Herzensrührung;
Und eine neue Liebe gibt
Der Herr den Treubewährten.

Sie lieben, wie sie sind geliebt,
Die Glücklichen, Verklärten,
Erkennen, wie sie sind erkannt.
O Reichtum sonder Gleichen,
O welch ein göttlicher Verstand!
Wer kann ihn hier erreichen?
Wann sind auch wir so weit gebracht?
Wann ist der Traum zerronnen?
Noch eine Nacht und wieder Nacht,
Dann haben wirs gewonnen!

Albert Zeller (1804-1877)

Aus: Albert Zeller, Lieder des Leids, S. 27-29 (Druck und Verlag von Georg Reimer, Berlin 1865)