Hesekiel 33, 11

Der Weg des Todes und der Weg des Lebens

Mit einem den Selbstmord betreffenden Nachwort [1].

Eine schreckliche Erfahrung ist es, meine Brüder, daß Tausende von denen, die leichtsinnig und wohlgemut am Rande des furchtbaren Abgrundes hinstürzen, aus ihrem Taumel nicht eher erwachen können, als bis einer ihrer Brüder vor ihnen her als Opfer hinabgestürzt ist – erst dann erwachen sie. Was es heiße, der Sünde Knecht sein, das merken sie erst dann, wenn der Bruder neben ihnen als ein Schlachtopfer der Sünde gefallen ist. Auch in eurer Mitte, meine Freunde, sind vor ganz Kurzem solche Schlachtopfer gefallen – jedem, der Ohren hat zu hören und ein Herz zu fühlen, eine fürchterliche Warnung!

Vier Jünglinge, in der Vorbereitung begriffen zu dem priesterlichen Amte eines Dieners am christlichen Heiligtum, haben sich im Zeitraum weniger Wochen schnell hintereinander mit eigner Hand den Tod gegeben! Meinet ihr, daß sie die größesten Sünder unter euch allen gewesen? O ich fürchte, auf dem schlüpfrigen Pfade, darauf sie in der Stunde der Versuchung in den Abgrund gestürzt sind, wandelt noch mancher Andere, und ich beschwöre euch bei dem lebendigen Gotte: wer da meinet zu stehen, der sehe zu, daß er nicht falle! – O daß die Seelen eurer unglücklichen Brüder nicht vor den Thron des Gerichts gegangen seien, ohne euch eine ernste, ernste Warnung zurückgelassen zu haben! – O wie würden ihre Geister, wenn sie zurückkehren könnten und vor euch hintreten, o wie würden sie euch ermahnend zurufen: Brüder! fliehet den ersten Schritt! Heute, so ihr Gottes Stimme höret, verhärtet eure Herzen nicht! Flüchtet euch zu dem, der gesagt hat: „Meine Schafe kann Niemand aus meiner Hand reißen!“

Einen ernsten Gottesdienst lasset uns also feiern. Es müsse euch sein in dieser Stunde, als ob die Gräber der Entschlafenen Zungen erhielten, als ob ihre Geister selbst aus der Ewigkeit herüber euch mahnen könnten! – Damit aber jenes schreckliche Ereignis nicht spurlos an unsrer Aller Seelen vorüber gehe, so lasset uns heute das Wort vernehmen und beherzigen, welches Ezech. 33, 11. der Mund des Herrn zum Hause Israel sagt:

„So wahr ich lebe, spricht der Herr, Herr, ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß sich der Gottlose bekehre von seinem Wesen und lebe. So bekehret euch doch nun von euerm bösen Wesen. Warum wollet ihr sterben?“

„Der Weg zum Tode und der Weg zum Leben“,

das sei demnach das Thema unserer heutigen Betrachtung. Zuerst also lasset uns betrachten, welches der Weg sei zum Tode. – Wir finden aber denselben mit seinen drei Stufen verzeichnet von dem Apostel Jakobus, wenn er im 1sten Kap. V. 14. sagt: „Ein Jeglicher wird versucht, wenn er von seiner eignen Lust gereizet und gelocket wird; darnach, wenn die Lust empfangen hat, gebieret sie die Sünde, die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebieret sie den Tod.“

Drei Stufen sind es, durch welche der Apostel uns hindurch führt: die Lust, die Sünde, der Tod. Ich führe euch zuvörderst auf ein Gebiet, welches erst durch das Licht des Evangeliums dem Menschen in seiner wahren Beschaffenheit aufgedeckt worden ist. Die grauenhaften Untiefen, die zauberhafte Gewalt, das fürchterliche Geheimnis der Lust in dem menschlichen Herzen ist der Menschheit erst enthüllt worden zu gleicher Zeit mit ihrer Erlösung. Die Welt kennt nur die Sünde in der Tat. Was draußen vorgeht auf der bunten Scene des Lebens, es ist schrecklich genug, um uns die Kraft und Macht der Sünde empfinden zu lassen; aber in welche weit schrecklicheren Untiefen führt dich die christliche Selbsterkenntnis hinein, indem sie die Welt deiner Lust dir aufschließt! Ich war sündig in meinen Augen, als ich prüfte meiner Hände Werk und der Glieder meines Leibes – denn dem Sündendienste waren sie Preis gegeben. Aber wehe mir, was soll ich sagen, wenn nur die selig sein können, die reines Herzens sind? Seit das Bild Christi in meiner Seele aufgegangen, habe ich wohl die Ahnung einer so reinen stillen Seele, in der, wie auf dem ruhigen Wasserspiegel das Bild der irdischen Sonne, so das Bild der ewigen Sonne sich spiegelt – aber wehe mir, der Strom meines Herzens fließt finster, daß kein Sonnenbild sich darin spiegeln kann! Unruhig peitscht der Sturm Woge auf Woge – „die Sonn‘ im Sturme spiegelt nicht im Meer ihr heilig Angesicht.“ Nur eine Liebe soll in mir regieren, und siehe, die Unendlichkeit der geschaffenen Natur hat mein Herz gefesselt, meine Liebe ist ins Unendliche gespalten! Zu einem Altar hat Gott mein Herz geschaffen, worauf eine Opferflamme unvergänglich brennen sollte, und ach! es lodert nur irdisches Feuer darauf! Ich meinte manches Gute in meinem Leben getan zu haben, da sagt mir das Evangelium, daß vor Gottes Auge nur bestehen kann, was aus Gottes Liebe, aus der Lust an seinen Geboten gequollen ist. Ich halte also eine neue Rechnung mit mir, ich ziehe ab von meinen guten Taten, was um der Menschen willen geschehen ist, was aus Eigendünkel und Selbstruhm, was um des Vorteils willen – und siehe, meine guten Taten zerrinnen unter meinen Händen.

So, meine Freunde! spricht der, den das Licht des Evangeliums erleuchtet hat und ruft und greift nach Hilfe. In dem Maße aber, als der Mensch von Christo noch nicht erleuchtet ist, bleibt er auch gleichgültig gegen die Lust in seinem Herzen. Sie steigt aus ihrer dunkeln Tiefe auf und er erschrickt nicht; sie fordert heraus und er läßt sich ziehen; sie schmeichelt süß, und er hegt und pflegt sie in seinem Innern. Ob nicht auch unter uns sich so Manche finden werden, welche bis zu dieser Stunde nur die Tat gefürchtet haben, und nicht die Lust? – welche die verführerischen Gedanken in ihrem Innern hatten aufkeimen und gewähren lassen, und sich sogar daran geletzt [vergnügt] und erfreut? Nur eine kleine Weile dauert es mit dem Locken und mit dem Reiz: ehe du dich es versiehst, und die Lust hat empfangen, und sie gebiert die Sünde.

Unter der Sünde versteht der Apostel an dieser Stelle die äußere Tat der Sünde, welche früher oder später notwendig die Ausgeburt ist der frei wuchernden Lust. Für den unwiedergebornen Menschen fängt gewöhnlich erst hier der Kampf an. Erst bei der Tat erhebt der heilige Wächter, den Gott in unser Inneres gesetzt hat, bei ihm seine Stimme. Süß lockt die Lust und ködert mit immer unwiderstehlicherem Reiz; vor ihr bist du noch nicht erschrocken. Nur die Tat willst du meiden. Tor! Siehst du nicht, daß die Lust das Wasser des Brunnens ist, welches, wenn du es gewähren läßt, immer höher und höher steigt, bis es überläuft, bis die Lust empfangen hat, und die Sünde geboren. Du hoffst auf den Widerstand des heiligen Wächters in deinem Innern; aber, armer Betörter, er ist nicht unüberwindlich. Wohl glänzt das Flammenauge des Gewissens feurig in deiner Brust, und so lange es leuchtet, magst du die Tat nicht vollbringen, so heilig ist es, daß du es nicht wagst, ihm gegenüber der Finsternis zu dienen. Aber laß die Lust gewaltiger werden – du hängst vor das heilige Gottesauge den Schleier einer Entschuldigung, und schnell im Dunkel deiner Seele hat die Lust empfangen und die Sünde geboren. Und zwar geschieht solches nicht zuerst bei jedweder Sünde, sondern nur bei der, wo du dir sagen kannst: Es sieht’s ja Keiner, es hört’s ja Keiner. Keiner? Auch das Auge nicht, das ins Verborgne sieht, und welches eben in dem Auge deines Gewissens dich anblickte? Es ist wahr, du hast einen Schleier darüber gehangen. Aber, Tor! der Schleier macht, daß du das Flammenauge nicht siehst, aber dich sieht es – und wenn du tausend Schleier darüber würfest – mit unwandelbarem Lichte. Doch so ist der Mensch. In dem Augenblicke, wo die Lust empfangen hat und die Sünde gebären will – welches Wort tönt drohender in seinem Busen: Gottes Auge wird es sehen, oder die Menschen werden es sehen? So fällt sie denn also zuerst, die Schranke der Furcht vor dem unsichtbaren Auge. Noch eine Schranke bleibt übrig, die Furcht vor dem sichtbaren Auge. Ich will nicht sagen, daß sie nicht lange vorhalte. O dürfte ich es nicht sagen, daß wir in einem Zeitalter leben, wo die Furcht vor den Menschen eine viel gewaltigere Schranke ist, als die Furcht vor Gott! Denn der Glaube an die unsichtbare Welt ist in seinen Grundfesten erschüttert. Wie viele sogenannte brave, unbescholtene Männer gibt es, welche bis ans Ende ihres Lebens von keiner andern Schranke gehalten werden, als von der Furcht vor den menschlichen Augen. Doch! zwei Feinde dürfen nur nahe auf dich eindringen: die Lust und die Gelegenheit, und du fällst als Beute. Es ist nicht die heilige Schrift, es ist ein von euch hochgeachteter Weltweiser, es ist Kant, welcher den Ausspruch getan hat:

Jeder Mensch hat seinen Preis, für den er feil ist.

Wer da meinet zu stehen, der sehe zu, daß er nicht falle! Auch du hast deinen Preis, für den du feil bist, und wenn die Stunde gekommen sein wird, und die Lust von innen auf dich eingedrungen sein wird und die Gelegenheit von außen, so wirst du als Beute fallen und die Sündentat gebären, die selbst vor menschlichem Auge dich brandmarkt. Oftmals wird in unserer Zeit das Wort des Herrn: Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet, verkehrt angewandt, als hätte er den Seinigen verboten, zur Finsternis zu sagen: du bist finster! und zum Lichte: du bist licht! Willst du christlich den Ausspruch anwenden, so richte den Bruder nicht, ehe du dich mit demselbigen Maße selbst gerichtet, und indem du den Bruder richtest, so vergiß es nimmer: wenn der verhängnisvolle Augenblick kommt, wo die Lust von innen und die Gelegenheit von außen dich drängen, so hast auch du deinen Preis! – Wohl mag es einigen Kampf kosten mit dem innern Gotteswächter, wie mit der Scham vor den Menschen, ehe die ersten Taten vollbracht werden, die dich vor dem Auge der Mitbrüder brandmarken; aber es ist der Fluch der Sünde, daß der erste Schritt den zweiten leicht macht, und der zweite den dritten, die Brust hört auf zu klopfen, die Wange wird nicht mehr rot, der Odem stockt nicht mehr, und die Sünde, wenn sie vollendet ist, gebiert sie den Tod.

Tod nennt die heilige Schrift jenen Zustand des Innern, wo, wenn die Tat der Sünde vollbracht wird, die innere Mahnung schweigt; da ist Friede, da ist Ruhe – aber kein Himmelsfriede und keine Sabbathruhe, sondern die Ruhe des Kirchhofs. Fürchterlichster aller Zustände, der in seiner ganzen Schrecklichkeit in keiner irdischen Brust gefunden wird! Ihr zweifelt an Gottes strafender Gerechtigkeit? Wollt ihr sie mit Augen sehen und mit Händen greifen, so blicket auf das furchtbare Gericht, das schon hier unter der irdischen Sonne am Sünder sich vollzieht, wenn zu dem, welcher auf die Stimme des Gewissens zu hören aufhört, sie auch aufhört zu reden. Und zwar ist nicht bloß im Christentum diese Wahrheit offenbar geworden, schon ein heidnischer Weiser hat den schönen Ausspruch getan: „In uns wohnt ein heiliger Geist, der, wie er von uns behandelt wird, gleichermaßen uns wieder behandelt.“ Freilich ist es der Mensch selbst, der dieses Selbstgericht ausübt, aber könnte er dies, wenn es nicht Gott also wollte, wenn er nicht in seiner heiligen Weltordnung es also begründet hätte? – so daß also der Mensch zum Schergen wird Seiner Gerichte. Es ist das inhaltsschwere Wort Christi, welches sich hier erfüllt, daß: „wer da nicht hat, von dem genommen wird, was er hat,“ und wie der Apostel Jakobus es ausspricht (Kap. 4, 3.): „Nahet euch zu Gott, so nahet er sich zu euch!“ Zugleich ist hier der Ort, wo ihr besonders deutlich den Zusammenhang erkennen könnet zwischen der Sünde und Schuld des Einzelnen und des ganzen Geschlechts. Wohl ist die Anlage zu der Gottesstimme in jede Brust geboren, aber hervorgezogen aus ihrer dunkeln Tiefe muß sie vom Menschen werden. Nicht mit der hellen und bestimmten Sprache nämlich ist das Gewissen einem Jeglichen eingeboren; wie der Mund des Menschen sprechen lernen muß dadurch, daß ihm vorgesprochen wird von den Seinigen, eben so auch sein Gewissen. Nur in dem Maße, als viel und laut die Stimme ernster und reiner Sittlichkeit und Gottesfurcht in die Brust des Kindes hineintönt, tönt sie auch wieder aus der inneren Tiefe heraus [2].

Menschen sind es, welche diese innere Gottesstimme erziehen müssen und in dem Maße, in welchem sie schon in frühem Kindesalter treu gepflegt und gezogen wird, redet sie rein und laut. O ihr Aeltern nun, die ihr unterlassen habt, als die Herzen eurer Kinder noch weich waren, ihnen reine laute Töne vorzusprechen, die reinen lautern Töne des Evangelii, o wie müssen eure Kinder eure eigne Sünde und Schuld mittragen und mitleiden! Ist einmal das Herz hart geworden, o wie schwer werdet ihr die heilige Stimme ins Leben rufen! Doch auf die erweckende Tätigkeit der Eltern kommt es hier auch nicht allein an. Auch darauf, ja darauf vornämlich kommt es an, daß du von Anfang an, wenn die leisesten Töne der Gottesstimme in dir zu reden beginnen, geneigt seist, sie zu vernehmen. In dem Maße, als du aufhorchst, in dem Maaße redet sie lauter, denn: wer da hat, dem wird gegeben. In dem Maße, als du sie überhörst, in dem Maße verstummt sie, denn: wer da nicht hat, von dem wird genommen, was er hat. Man könnte glauben, sagen zu müssen, daß sie bereits verhallt sei bei dem, bei welchem nur noch die Rücksicht auf Menschen der Sünde Damm und Riegel setzt. Doch ist dem wenigstens nicht überall so. Ist es die Achtung und Liebe der wahrhaft Guten und Edlen, welche der Mensch zu verlieren sich scheut, so waltet auch darin noch das Gewissen, denn es ist das Göttliche in dem Mitbruder, welches der Mensch sich zu verletzen scheut. In dem Maße aber, als die Scheu vor den Menschen nur die Furcht vor Verlust des eignen Vorteils ist, und selbst die Achtung und Liebe der wahrhaft Guten aufhört eine Schranke für die Tat zu sein, lagert sich die völlige Nacht über die Seele her, aus deren Dunkel jedwede Sünde hervorbrechen kann, und – ist die Sünde also zur Vollendung gediehen, so gebiert sie den Tod, den du hinübernimmst in die Ewigkeit, wo er zum ewigen Tode wird.

O meine Seele schaudert vor dieser geistigen Vernichtung! O ich fühle es, was ihr gewöhnlich Tod nennt, das ist nicht der Tod im tiefsten Sinne des Worts, wenn nämlich der Geist die leibliche Hülle abstreift. O mit viel tieferer und schrecklicher Wahrheit hat die Schrift das den Tod genannt, wenn Gott tot ist für den Menschengeist und der Menschengeist tot für Gott. Meine Seele ist unendlich betrübt, mein Auge schaut gen Himmel und fragt laut nach dem Wege des Lebens. O Vater des Erbarmens, du hast ja selbst deinem Volke zugerufen: „Ich habe nicht Gefallen am Tode des Sünders, sondern daß er lebe – Israel, warum willst du sterben?“ Auch ich will nicht sterben, will dieses Todes nicht sterben. Mein Vater! Zeige mir den Weg des Lebens!

Willst du den Weg des Lebens wandeln, so ruft Gottes Wort dir zu: Tuet Buße und glaubet an das Evangelium! Und zwar ist dieses das Wort, welches zuerst zugerufen wird denen, die noch außer Christo auf dem Wege des Todes wandeln, und welches sodann alle Tage auf’s Neue denen zugerufen wird, welche bereits Buße getan und an das Evangelium glauben, welche bereits auf dem Wege des Lebens wandeln.

Tuet Buße! damit beginnt der Täufer, der vorangesendet worden, die Bahn zu bereiten dem Heilande Gottes; tuet Buße! damit hat der Heiland selber seine Predigt begonnen, und in vielfach verschiedener Form hat er sie wiederholt, wenn er selig preist die geistlich Armen, wenn er nur die Mühseligen und Beladenen zu sich ladet, wenn er sagt, daß er nur für die Kranken und die Sünder gekommen ist. Was anders sagt er mit all‘ diesen Worten, als: tuet Buße!? Buße und Selbsterkenntnis – das ist die Schwelle zu dem christlichen Tempel, zu dessen heiliger Pforte du nimmermehr gelangen kannst, ohne über diese Schwelle zu gehen, aber o daß gerade diese Schwelle der Fels werden muß, an welchem sie straucheln und zerschellen! O wie sehr das stolze und sinnliche Herz schon vor dem bloßen Namen der Buße erschrickt! Zwei fürchterliche Listen nämlich übt der Versucher der Menschheit an uns aus. Wenn du sündigen willst, in dem Augenblicke, wo die Lust bereits empfangen hat und im Begriff ist die Sünde zu gebären, da raubt er dir die Scham, und wiederum in dem Augenblicke, wo du deine Sünde reuig bekennen willst, siehe! da gibt er dir sie wieder. Kennst du ein teuflischeres Kunststück der List? – Aber es kommt doch am Ende bloß darauf an, ob du wirklich den Weg des Todes als den Weg des Todes erkannt hast; es kommt darauf an, ob dir Gottes Wort bereits die Abgründe der Lust in deinem Innern aufgedeckt hat, ob du erschrocken bist über dein kaltes liebeleeres Herz; es kommt darauf an, ob du die trügerischen Künste aus Erfahrung kennen gelernt hast, mit denen die Lust ködert und reizt, bis daß sie empfangen und die Sünde geboren; es kommt darauf an, ob du schauderst vor dem Gedanken, durch die vollendete Sünde dem geistlichen Tode überliefert zu werden. Ist das der Fall, wahrlich so wirst du dich auch nicht mehr schämen, zuerst vor dir selbst, dann vor dem Herrn, und muß es sein, auch vor den Menschen, deine Sünde zu bekennen, so wirst du dich auch nicht mehr schämen, gleich wie der blinde Bartimäus, vor dem Angesichte aller Welt die Hände zu falten, und zu rufen: „Jesu, Sohn Davids, erbarme dich mein!“ Wo die falsche Scham abhält von der Buße, wo die falsche Scham abhält, vor aller Welt sich zu Christo zu bekennen, als zu dem Heilande der Sünder, da fehlt’s überall nur an dem Einen, daß der Weg des Todes noch nicht wahrhaft als der Weg des Todes erkannt ist.

O meine Freunde! der Friede der Seele ist doch ein teureres Gut, als daß man ihn bloß darum daran geben sollte, weil die Menschen Uebles von uns reden. Der Glaube aber an das Evangelium ist es, der dich zum Leben führt. Die Sünde war dein Tod. Alle Menschenlehre gibt dir nur die Johannestaufe, sie tauft mit Wasser. Nur Christus tauft mit Feuer (Matth. 3, 11.). Wasser wäscht wohl fein äußerlich rein. Eine Reinheit vor dem Menschenauge mag menschliche Lehre dir geben. Aber wer schmelzt das Herz aus und reinigt es von den Schlacken? Nur Feuer, nur das Geistesfeuer, mit dem Christus tauft. Der Glaube gibt nicht bloß deinem alten Menschen ein neues Kleid, er gibt ihm ein neues Herz. Willst du ein Zeugnis haben von Einem, der es erfahren hat? Nun, so vernimm, was der Apostel, der kurz vorher ausrief, da er keinen Erlöser hatte: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes!“ – was dieser gleich darauf ausruft, nachdem er ihn gefunden: „Das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christo Jesu, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes!“

Aber nicht bloß für die, meine Geliebten, welche den Weg des Todes wandeln, wird Buße und Glaube an das Evangelium gepredigt, sondern auch für die, welche den Weg des Lebens bereits kennen gelernt haben und wandeln; denn in einem gewissen Sinne können ja auch sie fortwährend sagen: Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen. – Dem bußfertigen Gemüte, welches bereit ist, Jesum aufzunehmen durch den Glauben, wird die Kindschaft Gottes mitgeteilt, die Gewißheit eines ewigen und unvergänglichen Erbteils im Himmel. Zum Unterpfands empfängt die Seele die Gabe des heiligen Geistes, in dem sie ruft: Abba, lieber Vater! Der neue Mensch wird geboren, und der alte Mensch wird ans Kreuz geschlagen! – Aber der ans Kreuz geschlagene Mensch ist noch nicht gestorben, noch lebt er und regt sich, und er wird leben, so lange du lebst in diesem irdischen Leben; nur allmählich geht er dem Tode entgegen. Darum nun ist auch dem Christen, der schon in Christo ist, ein Kampf verordnet. Fliehst du ihn, so erhält der Gekreuzigte in dir seine Kräfte wieder, und es könnte die Stunde kommen, wo er das neugeborne Kindlein in dir tötete und das letzte Uebel ärger würde, als das erste (Matth. 12, 45.). Darum, meine Freunde, gilt es auch im Christenleben: den Weg des Lebens, der uns zuerst verordnet war, um in das Land des Lebens einzudringen, denselbigen müssen wir fort und fort wandeln, um es ganz zu erobern. Gerade euch darum, die ihr bereits glaubt sagen zu können, daß ihr wandelt auf dem Wege des Lebens, gerade euch ermahne ich bei der Barmherzigkeit Gottes, die er uns erwiesen hat in Christo Jesu, o Geliebte Gottes! Prüfet euch selbst, ob ihr im Glauben steht – prüfet es daran, ob ihr täglich eure Buße erneuert vor dem Throne der Gnade, und täglich aufs Neue Gnade nehmet um Gnade. Nur durch tägliche Erneuerung eurer Herzen vor Gott könnt ihr sicher werden eurer Berufung. Man wird nicht in einem Augenblick ein Jünger Christi, um dann die Hände in den Schoß zu legen. O erst bei dem, der in Christo ist, kann ja das Werk der Heiligung recht beginnen. Erst er kann ja zu einer rechten Selbsterkenntnis kommen, wenn er täglich sich beschauet im Bilde seines Herrn, sich fragt, wieviel davon in seiner eignen Seele wiederstrahle, erst er kann ja sein liebeleeres Herz nicht bloß recht erkennen, sondern auch recht hassen lernen, wenn er es betrachtet gegenüber der überschwenglichen Huld und Erbarmung seines Gottes, die er ihm erwiesen hat in Christo Jesu; erst seine tägliche Buße kann eine freudige sein, weil er weiß, was aus Gnade ihm geschenkt ist, – nur seine Buße kann aber auch eine wahre Frucht der Gerechtigkeit schaffen, weil nur eine freudige Buße die Kraft zum Wachstume zu geben vermag. Und so wird er dann, in täglicher Buße und in täglichem neuen Ergreifen des seligmachenden Glaubens, heranwachsen, bis daß er erreicht das Maß des vollkommenen Alters Christi (Eph. 4, 13.).

Vor Allem aber wende ich mich natürlich an euch, die Christus berufen hat zu Dienern seiner Gemeinde. Laut rufe ich in eure Gewissen Sein Wort: wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel gefordert werden. Geht eure Seele auf dem Wege des Verderbens, so reißt sie hundert andere Seelen mit sich, geht eure Seele auf dem Wege des Lebens, so führt sie Hunderte von Seelen mit hinein in die Wohnungen des Lebens und des Friedens. Prüfet euch selbst, ob ihr im Glauben stehet (2. Kor. 13, 5.). Seid ihr gewiß, daß ihr, wenn ihr bereits den Weg des Lebens zu wandeln meint, niemals abirren werdet auf den Weg des Todes? Seid ihr gewiß, daß ihr niemals als der Sünde Opfer fallen werdet, wie eure Brüder gefallen sind? Und worauf gründet ihr diese Gewißheit? Auf euer Herz? Aber – wenn nun Jedweder seinen Preis hat, um den er feil ist – wie dann, wenn auch für euch der verhängnisvolle Augenblick kommen sollte, wo die Lust von innen heranstürmt und die Gelegenheit von außen, werdet ihr stehen? O meine Freunde, gegenüber jenem fürchterlichen Worte, daß ein Jeder seinen Preis hat, für den er feil ist, laßt ein anderes Wort mich euch zurufen: Niemand kann die Meinen aus meiner Hand reißen! O wohl euch, wenn dieses der Fels ist, darauf ihr euer Haus bauet – wahrlich ich sage euch, dann werden die Platzregen fallen und die Stürme werden rauschen, und euer Haus wird stehen bleiben, weil es auf den Fels gebaut ist (Matth. 7, 25.).

Nachwort.

Das traurige Ereignis, welches in vorstehender Predigt erwähnt ist, hätte wohl Veranlassung gegeben, gerade den Selbstmord zum Gegenstande einer Predigt zu machen und nach dem Worte Gottes zu beleuchten und zu richten. Ich habe dies nicht tun wollen, vorzüglich aus dem Grunde, weil wohl bei diesem Vergehen weniger als bei den meisten andern dasselbe Maß des Gerichts an jeden Unglücklichen, der dessen sich schuldig macht, anzulegen sein dürfte. Das Wort Gottes richtet, wie jedes Vergehen, so auch dieses, mit heiliger Strenge im Allgemeinen. Ein und dasselbige strenge Gericht auf jedes einzelne der beklagenswerten Opfer bezogen, würde aber zu schonungslos getroffen haben. Stellen wir daher das Gericht über die einzelnen Toten dem anheim, der „ein recht Gericht richtet,“ aber euch, den Lebenden, kann ich nicht unterlassen, hier noch ein Wort der Ermahnung zuzurufen. Keinem Zweifel kann es unterliegen, daß die furchtbare Vermehrung des Selbstmordes, wie sie sich jetzt fast in allen Ländern Europa’s nachweisen läßt – so daß selbst zukünftige Diener der Kirche nicht mehr vereinzelt, sondern in größerer Zahl die Hand an sich legen – daraus vorzüglich erklärt werden muß, daß die festeste Schranke, welche in früherer Zeit denjenigen, welcher auf dieser Erde keinen Ausweg mehr vor sich zu sehen glaubte, abhielt, freventlich die Hand gegen sich selbst zu erheben, gefallen ist – der Glaube an den heiligen Gott, den die Schrift uns lehrt.

Seitdem das Wort Jesu Christi und seiner Apostel für Unzählige aufgehört hat, der unerschütterliche Maßstab zu sein für das, was sie vom Verhältnisse Gottes zu sich halten und setzen, ist das Herz, das arme, vom Sturm der Leidenschaft hin- und hergetriebene, und so leicht betrogene Herz des Einzelnen der einzige Quell ihres Glaubens, ihr einziger Richter über Tod und Leben. Wo aber der Verbrecher auch der einzige Richter ist, da weiß man, wie das Urteil fallen wird. Aus diesem armen, eigenliebigen, weichlichen, fleischlichen Herzen ist jenes Gottesbild einer Liebe aufgestiegen, welche von keinem heiligen Zorne weiß. O du heiliger Apostel der Liebe, der du freilich gesagt hast, Gott ist die Liebe, was würdest du zu diesem Götzen der Zeit sagen, den sie auch den Gott der Liebe nennen, du, der du zugleich gepredigt hast: „und das ist die Verkündigung, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen, daß Gott im Licht ist, und in ihm ist keine Finsterniß, so wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben und wandeln in Finsterniß, so lügen wir!“„Sollte der Gott der Liebe zürnen, wenn sein lebensmüdes Kind einen Augenblick eher zu seiner Ruhe eingehen will, als er geboten hat, ist’s nicht der Ueberdruß am Leben und die Liebe zu ihm, die mich zu ihm zieht?“ – so lautet die Sprache der Verblendeten. Daß aber der Apostel Gottes gesagt hat: „und daran merken wir, daß wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten,“ und daß der Sohn Gottes für die Seinigen gebetet: „ich bitte nicht, daß du sie von der Welt nehmest, sondern daß du sie bewahrest vor dem Bösen,“ daß es auch im Neuen Bunde heißt: „unser Gott ist ein verzehrendes Feuer“ und: „es ist erschrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen,“ – daran denken sie nicht. Wie das Wort der Predigt oben sagte: so lange das Flammenauge des Gewissens im Innern unumhüllt leuchtet, kann die Tat der Sünde nicht geschehen. Auch der Selbstmörder wirft erst den Schleier einer Entschuldigung darüber. Unzählige Mal ist dies in unseren Tagen der Wahn jenes von dem eiteln und betrüglichen Herzen selbstgeschaffenen Gottes. Darum sei für die, für welche es gilt, am Schlüsse dieser Rede noch die eine Ermahnung hinzugefügt: Kindlein, hütet euch vor den Götzen (1. Joh. 5, 21.)! Ein Götze aber nicht weniger, als der Götze von Stein und Holz, ist jeder Gott, den das betrügliche Menschenherz sich nach eigenem Bedanken schaffet, nur Einer ist der lebendige Gott, der, von welchem derjenige zeugt, welcher sagt: wenn ich sagte, ich kennete Gott nicht, so wäre ich ein Lügner, gleich wie ihr.

Einst hat über ihm eine Stimme vom Himmel gerufen: „Das ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören.“ Meine Freunde, zu welchem Andern sollen wir gehen? Zu seinen Füßen lasset uns niedersetzen und das Wort vernehmen, welches in uns ein Quell wird, der seine Wasser ins ewige Leben ergießt (Joh. 4, 14) [3].

[1] Diese Predigt wurde am 9ten Juni 1833 gehalten, nachdem im Laufe weniger Wochen vier studierende Jünglinge durch Selbstmord ihr Leben geendet hatten. Auf besondere Veranlassungen des Selbstmordes konnte hier nicht hingewiesen werben, da die Unglücklichen dem Prediger durchaus nicht bekannt und die Ursachen nicht mit Sicherheit zu ermitteln waren; doch schien es, daß bei einigen von ihnen in einem leichtsinnigen Leben der Grund zu dem traurigen Ende gelegen habe.

[2] Hier ist der Punkt, wo sich eben so sehr auf dem Gebiete der Moral die Notwendigkeit einer Offenbarung für den Menschen ergibt, als auf dem Gebiete des Glaubens. Woher die durch und durch reinen und ungetrübten Töne nehmen, die dem innern Richter vorgesprochen werden müssen, damit er über Gesinnung und Wandel recht richte, wenn es nicht einen Mund der Wahrheit gäbe, in dem nie und nimmer ein Trug erfunden?

[3] Es war gerade diese Predigt von vielen erschütternden und seltenen Erfahrungen des geistlichen Amts begleitet, welche sich für die öffentliche Mitteilung nicht eignen. Unter andern erfolgten auch anonyme Mitteilungen von einem in sich Zerrissenen, der am Rande desselbigen Abgrundes gestanden hatte; auf ihren Inhalt bezieht sich mit dieses Nachwort.

Quelle: Bibliothek theologischer Klassiker. Ausgewählt und herausgegeben von evangelischen Theologen. Dritter Band: A. Tholucks ausgewählte Predigten, S. 43. Friedrich Andreas Perthes, Gotha 1888. Mit einer Einleitung von Leopold Witte.
[Digitalisat]

Glaubensstimme: Tholuck, August – Ezech. 33, 11. Der Weg des Todes und der Weg des Lebens.

Eingestellt am 24.11.2021