5. Mose 5, 32

Tut, wie euch der Herr, euer Gott, geboten hat, und weichet nicht, weder zur Rechten noch zur Linken!
(5. Mose 5, 32)

Vergeßt dabei nicht: Ohne mich könet ihr nichts tun. Aber tut etwas, wirkt, schafft. Mit dem Reden allein ist es nicht getan. Es ist jetzt Arbeitszeit. Wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen. Der Herr will uns gebrauchen zu Posaunen der Gnade. Das ist das Wunder, daß so schwache Werkzeuge, wie wir sind, von Natur untüchtig zu allem Guten, etwas tun können. Aber zu seinen Organen kann er nur die gebrauchen, die sich von ihm gebrauchen lassen.

„Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte – und du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst.“ – Das muß mir eine Frucht dieser Tage sein, daß wir uns heiligen lassen zu solcher Liebe. Er hat etliche zu Evangelisten, etliche zu Hirten und Lehrern gesetzt, daß die Herzen zugerichtet werden zum Werk des Dienstes, dadurch der Leib Christi erbauet werde. (Eph. 4,12). Also nicht bloß die Pastoren! Das Amt in allen Ehren! Aber es reicht nicht aus. Es fehlt an Boten, Evangelisten, Mitarbeitern, es fehlt so vielfach die lautere, einfache, entschiedene, erweckende Predigt des Evangeliums. Ja, „wollte Gott, daß all das Volk des Herrn weissagte und der Herr seinen Geist über sie gäbe!“ (4. Mose 11, 29.) Also tut, was Gott euch befiehlt; helft mit, daß es geschieht. – Aber ihr fragt, wie sollen wir’s tun? Die Liebe ist erfinderisch, die Liebe Christi soll uns erfinderisch machen. Laßt uns bedenken, was es heißt: Verloren in die Ewigkeiten der Ewigkeiten – jede Seele, die ohne einen Heiland stirbt! Wie ist die Welt so geschäftig auf allen Gebieten der Künste und Wissenschaften, der Gewerbe, der Industrie und des Handels! Ich komme von Essen. Da fallen nieder die Hämmer, da treiben sich um die Räder, da rauchen die Schlote, da laufen und brausen die Maschinen. Und das alles um irdischen Gewinn. Aber wie viele lassen sich treiben, daß Menschenseelen für Christus gewonnen werden?

Als ich gestern von Hannover nach Braunschweig fuhr, sagten die Passagiere: „Es ist doch merkwürdig, wie präzise heute alles geht. Sonst verspätet der Zug sich fast regelmäßig, heute kommt er noch eine Minute zu früh.“ Da sagte einer von den Passagieren: „Der Prinzregent von Braunschweig fährt mit, da tut jeder seine Schuldigkeit.“ Ach, wenn es doch in Gnadau auch so wäre, daß wir, erfüllt von dem Gedanken an die Nähe unseres Heilandes, die kurze Zeit recht auskauften, auf daß wir erfüllt von seiner Herrlichkeit heimkehren.

Julius Dammann: Aus der ersten „Gnadauer Morgenandacht“ am 23. Mai 1888

Quelle: Glaubensstimme – Stimmen der Väter