Confessio Helvetica Posterior (Heinrich Bullinger)

VIII. Kapitel: Der Fall und die Sünde des Menschen und die Ursache der Sünde

Am Anfang war der Mensch von Gott zum Ebenbilde Gottes geschaffen in Gerechtigkeit und wahrer Heiligkeit, gut und fehlerlos. Weil er aber auf Antrieb der Schlange und durch eigene Schuld von dieser Güte und Rechtschaffenheit abfiel, geriet er unter die Macht der Sünde, des Todes und mannigfaltiger Übel. Und so wie er nun nach dem Sündenfall geworden war, sind eben alle, die von ihm abstammen, der Sünde nämlich, dem Tode und mannigfaltigen Übeln verfallen. Unter Sünde verstehen wir aber jene angeborene Verderbtheit des Menschen, die von unseren Voreltern auf uns alle übertragen und fortgepflanzt wurde. Durch sie sind wir versunken in verkehrte Begierden, abgewandt vom Guten, aber geneigt zu allem Bösen, erfüllt mit aller Schlechtigkeit, Misstrauen, Verachtung und Hass gegen Gott und können aus uns selbst nichts Gutes tun, ja nicht einmal denken. Indem wir uns also jahraus jahrein ständig mit bösen Gedanken, Worten und Werken gegen Gottes Gesetz versündigen, bringen wir schlechte Früchte hervor, wie es ein schlechter Baum nicht anders kann (Mt. 12, 33ff.). Aus diesem Grunde sind wir ganz nach unserem Verdienst dem Zorne Gottes verfallen und werden gerechten Strafen unterworfen; so wären wir auch alle von Gott verstoßen, wenn uns nicht der Erlöser Christus wieder hergestellt hätte.

Unter Tod verstehen wir nicht nur den leiblichen Tod, den wir alle einmal um der Sünden willen erleiden müssen, sondern auch die ewigen Strafen, die uns für unsere Sünden und unsere Verdorbenheit gebühren. Denn der Apostel sagt: wir waren „tot durch die Übertretungen und die Sünden… und waren von Natur Kinder des Zornes, wie auch die übrigen. Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit, hat um seiner großen Liebe willen, mit der er uns geliebt hat, uns, die wir doch durch die Übertretungen tot waren, mit Christus lebendig gemacht“ (Eph. 2, 1ff.). Ebenso: „Gleichwie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und so der Tod auf alle Menschen übergegangen ist, weil sie alle gesündigt haben …“ (Röm. 5, 12).

Wir anerkennen also, dass alle Menschen mit der Erbsünde behaftet sind. Wir anerkennen, dass alles andere, was daraus entsteht, Sünde genannt werde und wirkliche Sünde sei, mit was für einem Namen man es immer benennen wolle, seien es „Todsünden“, seien es „lässliche Sünden“, sei es auch jene Sünde, die genannt wird Sünde wider den Heiligen Geist, die niemals vergeben wird (Mk. 3, 29; 1. Joh. 5, 16). Wir gestehen auch, dass nicht alle Sünden gleichwertig sind, obwohl sie alle aus derselben Quelle der Verderbnis und des Unglaubens fließen, sondern, dass die einen schwerer sind als die andern. Wie der Herr gesagt hat: Es wird dem Lande Sodom und Gomorrha erträglicher gehen als einer Stadt, die das Wort des Evangeliums zurückweist (Mt. 10, 14f.; 11, 20ff.). Wir verwerfen daher die Ansichten aller derer, die etwas Gegenteiliges gelehrt haben, besonders aber des Pelagius und aller Pelagianer, sowie der Jovinianer, die wie die Stoiker die Sünden gleichwertig machen. Wir stimmen darin in allem mit dem heiligen Augustin überein, der seine Ansicht aus der Heiligen Schrift gewonnen und verteidigt hat. Wir verwerfen außerdem die Ansicht des Florinus und des Blastus, gegen die auch Irenäus geschrieben hat, und aller derer, die Gott zum Urheber der Sünde machen. Denn es steht ausdrücklich geschrieben: „Du bist nicht ein Gott, dem gottloses Wesen gefällt … du hassest alle Übeltäter. Umkommen lässest du die Lügner …“ (Ps. 5, 5-7).

Ferner: „Wenn der Teufel die Lüge redet, so redet er aus seinem Eigenen; denn er ist ein Lügner und ein Vater derselben“ (Joh. 8, 44). Es ist aber auch in uns selbst Schaden und Verderbnis genug, dass Gott uns nicht noch neue und größere Verkehrtheit einflößen muss. Wenn nun aber in den Schriften gesagt wird, dass Gott den Sinn eines Menschen verhärte, verblende und verkehre, so ist das so zu verstehen, dass Gott dies nach gerechtem Urteil tue, als ein gerechter Richter und Rächer. Endlich, so oft es in der Schrift heißt, Gott tue etwas Böses, oder wenn es so scheint, bedeutet das nicht, dass der Mensch das Böse nicht tue, sondern dass Gott es geschehen lasse und nicht hindere, nach seinem gerechten Gericht, obwohl er es hätte verhindern können, wenn er gewollt hätte: es bedeutet vielmehr: entweder, dass Gott zum Guten wende, was die Menschen böse gemacht haben, wie die Sünden der Brüder Josephs, oder dass er die Sünden so leitet, dass sie nicht weiter, als es ihm gut scheint, hervorbrechen und um sich fressen.

Der heilige Augustin sagt in seinem „Handbüchlein“: „Auf wunderbare und unerklärliche Weise geschieht nicht ohne den Willen Gottes, was sogar gegen seinen Willen geschieht. Denn es geschähe nicht, wenn er es nicht geschehen ließe. Und da er es doch nicht widerwillig zulässt, dann also mit Willen. Und Gott in seiner Güte ließe auch nicht ein böses Geschehen zu, wenn er nicht daraus ein gutes Geschehen machen könnte.“ Soweit Augustin. Die übrigen Fragen: ob Gott gewollt habe, dass Adam fallen sollte, oder ob er ihn zum Fall getrieben, oder weshalb er den Fall nicht verhindert habe, und ähnliche Fragen rechnen wir zu den Fragen bloßer Neugierde, außer wenn vielleicht die Frechheit von Irrlehrern oder sonst anmaßenden Menschen dazu zwingt, diese Dinge aus dem Worte Gottes zu erklären, wie es nicht selten fromme Lehrer der Kirche getan haben. In Bezug auf diese Fragen wissen wir nur, dass der Herr dem Menschen verboten hat, von jener Frucht zu essen und dass er die Übertretung bestraft hat; wir wissen aber auch, dass das, was geschieht, nicht böse ist, sobald wir auf die Vorsehung Gottes, seinen Willen und seine Macht schauen, wohl aber, wenn man an den Satan und unseren eigenen, Gott widerstrebenden Willen denkt.

Quelle: Glaubensstimme – Die Archive der Väter