Galater 6, 10

Als [Solange] wir denn nun Zeit haben, so lasset uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen. (Galater 6, 10)

Obgleich Paulus in dem Brief an die Galater und in allen seinen Predigten und Schriften deutlich und nachdrücklich gelehrt hat, daß der Sünder nicht anders, als durch den Glauben an Christum, Gnade bei Gott erlangen könne, so hat er doch mit einem nicht geringeren Ernst auch auf einen heiligen Wandel und auf das Gutestun gedrungen. Er hat aber nicht so darauf gedrungen, daß es das Ansehen gehabt hätte, als ob er dadurch seine Lehre vom Glauben und von der Gnade umstoße, ja er hat dasjenige, was er vom Gutestun lehrte, nicht einmal als eine von dem übrigen Evangelio abgesonderte Lehre vorgetragen, sondern er hat das Gutestun aus dem Glauben und aus der Gnade hergeleitet, und deswegen meistens am Ende seiner Briefe, worin er die Glaubenslehren vortrug, von jenem Tun gehandelt.

Nach seiner Lehre empfängt nämlich ein Christ, dem seine Sündenschuld und tiefe Verderbnis aufgedeckt worden, durch den Glauben an Christum nicht nur die Vergebung seiner Sünden, sondern auch Licht, Leben, Segen, die Kindschaft Gottes und das Siegel derselben, den Heiligen Geist. Ein gläubiger Christ ist in Christo Jesu, und Christus Jesus wohnt und lebt in ihm: wie kann es also anders sein, als daß ein Gläubiger auch Seine Gebote halte und Gutes tue? Diejenigen, die ohne den Glauben an Jesum mit des Gesetzes Werken umgehen, folglich aus eigenen Kräften fromm sein wollen, beschreibt Paulus als zänkische und bissige Leute (Röm. 2, 8; Gal. 5, 15), als Leute, welche die Schmach Christi fliehen, und überhaupt fleischlich gesinnt seien: da er hingegen die Gläubigen immer als geistliche und geistlich gesinnte Leute, die sich im Gutestun üben, schildert.

Doch war auch Paulus nicht von denjenigen, welche sagen: bei dem Glauben an Christum Jesum gibt sich Alles selber; die Gläubigen bedürfen also keine Gebote, Warnungen und Ermahnungen [vgl. parakaleó]. Er wußte wohl, daß auch in ihnen das Fleisch noch wider den Geist gelüste, und daß neben der Aufmunterung zum Glauben ihnen zuweilen ein Zuspruch, welcher die Form einer Ermahnung, eines Gebots oder einer Warnung und Drohung hat, nötig und nützlich sei. Er schrieb deswegen auch den Galatern, von denen er hoffen durfte, daß sie durch das erste Kapitel seines Briefs wieder auf den Glaubensweg zurückgeführt worden seien, scharfe Warnungen, die Gal. 5, 20.21. und Kap. 6, 7.8. stehen, und nach denselben die Ermahnung: als wir nun Zeit haben, so lasset uns Gutes tun. Man hat nicht immer Zeit dazu, darum soll man sie dazu anwenden, alldieweil sie da ist. Auch so lange die Zeit des irdischen Lebens währt, entwischt demjenigen, der sich lange besinnt und träg ist, zuweilen eine Zeit oder Gelegenheit, Jemand Gutes zu tun, und er fühlt hernach deswegen eine scharfe Bestrafung in sich selber. Übrigens geht die ganze Zeit, Gutes zu tun, und dadurch auf den Geist zu säen, mit dem Tod, der von keinem Lebendigen weit entfernt ist, zu Ende. Die kurze Lebenszeit, die man auf Erden zubringt, ist die Saatzeit: denn wenn die Seele von dem Leib weggenommen ist, so fängt bei ihr schon die Ernte an.

(Magnus Friedrich Roos)

Quelle:

Abendandacht am 23. Juli, in: Roos, M.F., Christliches Hausbuch. Druck und Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart 1860 (Digitalisat in der Google Buchsuche)

auch abgedruckt in: Glaubensstimme – Die Archive der Väter

(Tagesvers vom 31.07.2023)

Eingestellt am 31. Juli 2023