Denket doch, ihr Menschenkinder (Joh. Hübner)

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Des Christen Bereitschaft zum Ende

Mel.: „Zion klagt mit Angst und Schmerzen“,
oder: „Freu dich sehr, o meine Seele“

1) Denket doch, ihr Menschenkinder,
an den letzten Lebenstag!
Denket doch, ihr frechen Sünder,
an den letzten Glockenschlag!
Heute sind wir frisch und stark,
morgen füllen wir den Sarg,
und die Ehre, die wir haben,
wird zugleich mit uns begraben.

2) Doch, wir blinde Menschen sehen
nur, was in die Augen fällt.
Was nach diesem soll geschehen,
bleibt an seinen Ort gestellt.
An der Erde kleben wir,
leider! über die Gebühr;
aber nach dem andern Leben
will der Geist sich nicht erheben.

3) Wo ihr euch nicht selber hasset,
ach, so legt die Torheit ab!
Was ihr tut, und was ihr lasset,
so gedenkt an euer Grab!
Ewig’s Unglück, ewig’s Glück,
hangt an einem Augenblick,
Niemand kann uns Bürgen geben,
daß wir noch bis morgen leben.

4) Ungewissenhafte Leute
zittern vor der Todespein:
Gute Christen wollten heute
lieber aufgelöset sein;
denn sie wissen, daß der Tod
ist ein Ausgang aus der Not;
und gemalte Totenköpfe
seh’n sie an als Blumentöpfe.

5) Vor der Sünde soll man zittern,
weil sie Gottes Zorn entzünd’t;
aber nicht vor Leichenbittern,
welche gute Boten sind:
Einmal müssen wir daran!
lieber heut‘ dazu getan,
heute laßt uns gerne sterben,
daß wir morgen nicht verderben.

6) Was hilft doch ein langes Leben
ohne Buß‘ und Besserung?
Wer nicht will nach Tugend streben,
ach, der sterbe lieber jung!
Uns’re Bosheit nimmt nicht ab,
sondern mehrt sich bis ins Grab.
Frei von Sünden wird man nimmer,
sondern alle Tage schlimmer.

7) Daß doch nur ein Tag des Lebens
möchte frei von Sünden sein,
doch mein Wünschen ist vergebens,
unter uns ist niemand rein.
Beicht‘ und Abendmahl genung:
aber wenig Besserung.
Scherz habt ihr mit Gott getrieben,
und seid unverändert blieben.

8) Langes Leben, große Sünde!
Große Sünde, schwerer Tod!
Lernet das an einem Kinde,
dem ist Sterben keine Not!.
Selig, wer in guter Zeit
sich auf seinen Tod bereit’t,
und so oft die Glocke schläget,
seines Lebens Ziel erwäget.

9) Eine jede Krankenstube
kann euch eine Schule sein.
Fährt ein and’rer in die Grube:
Wahrlich, ihr müßt auch hinein.
Steht ihr auf, so sprecht zu Gott:
Heute kommt vielleicht der Tod!
Legt ihr euch, so führt im Munde:
Heute kommt vielleicht die Stunde.

10) Stündlich sprecht: In deine Hände,
Herr, befehl ich meinen Geist!
Daß euch nicht ein schnelles Ende
unverhofft von hinnen reißt.
Selig, wer sein Haus bestellt.
Gott kommt oft unangemeld’t;
Und des Menschen Sohn erscheinet,
zu der Zeit, da man’s nicht meinet.

11) Das Gewissen schläft im Leben;
doch im Tode wacht es auf.
Da sieht man vor Augen schweben
seinen ganzen Lebenslauf.
Aller Schätze Kostbarkeit
gäbe man zur selben Zeit,
wenn man nur gescheh’ne Sachen,
ungeschehen könnte machen.

12) Darum brauche deine Gaben
dergestalt in dieser Zeit,
wie du wünscht getan zu haben,
wenn sich Leib und Seele scheid’t.
Sterben ist kein Kinderspiel!
Wer im Herren sterben will,
der muß ernstlich darnach streben,
wie man soll im Herren leben.

13) Diese Welt geringe schätzen,
allen Lastern widersteh’n,
an der Tugend sich ergötzen,
willig Gottes Wege geh’n,
wahre Lebensbesserung,
stete Fleischeszüchtigung,
sich verleugnen, und mit Freuden
Schmach um Christi Willen leiden:

14) Das sind Regeln für Gesunde,
da man Zeit und Kräfte hat!
In der letzten Todesstunde
ist es insgemein zu spat.
Krankheit gleicht der Pilgrimschaft,
keines gibt dem Geiste Kraft.
Beides macht die Glieder müde,
und verstört den Seelenfriede‘.

15) Trauet nicht auf Seelenmessen,
die man den Verstorb’nen hält,
Tote werden bald vergessen,
und der Baum liegt, wie er fällt.
Ach, bestellt selbst euer Haus,
machet hier die Sachen aus!
Fremde Bitten und Gebete
kommen hintennach zu späte!

16) Laßt mit Gott euch doch versöhnen,
greifet selbst nach Christi Blut!
Es wird kein Gebet euch dienen,
das man nur zur Frohne tut.
Denkt ihr selber in der Zeit
nicht an eure Seligkeit:
Wahrlich, in der Grabeshöhle
sorgt kein Mensch für eure Seele.

17) Jetzo ist der Tag des Heiles,
und die angenehme Zeit,
Aber, leider! mehrenteiles
lebt die Welt in Sicherheit.
Täglich ruft der treue Gott,
doch die Welt treibt ihren Spott.
Ach, die Stunde wird verfließen,
und Gott wird den Himmel schließen.

18) Da wird Mancher erst nach Öle,
bei des Bräut’gams Ankunft geh’n,
und da wird die arme Seele
vor der Türe müssen steh’n.
Darum haltet euch bereit,
füllt die Lampen in der Zeit;
sonst erscheint das Wort am Ende:
Weicht von mir, ihr Höllenbrände!

19) In dem ganzen Bibelbuche
kommt mir nichts so schrecklich für,
als die Worte in dem Spruche:
Ihr Verfluchten, weicht von mir.
Selig, wer davor erschrickt,
eh‘ er noch den Tod erblickt!
Furcht und Zittern hier auf Erden
schafft, daß wir dort selig werden.

20) Hier in lauter Freuden schweben,
macht im Tode lauter Not;
aber auf ein traurig‘ Leben
folgt ein freudenreicher Tod.
Drum hinweg mit dieser Welt;
Alles, was sie in sich hält,
tröstet nicht. Übt eure Sinnen,
daß sie Christum lieb gewinnen.

21) Tötet eure bösen Glieder,
kreuzigt euer Fleisch und Blut;
drückt die bösen Lüst‘ darnieder,
brecht dem Willen seinen Mut!
Werdet Jesu Christo gleich,
nehmt sein Joch und Kreuz auf euch!
Daran wird euch Christus kennen,
und euch seine Jünger nennen.

22) Auf ein langes Leben harren,
da man täglich sterben kan,
das gehört für einen Narren,
nicht für einen klugen Mann.
Mancher spricht bei Geld und Gut:
Liebes Herz, sei wohlgemut!
Und nach wenig, wenig Stunden
ist das Leben schon verschwunden.

23) Ach, wie öfters hört man sagen,
daß ein Mensch gestorben sei.
Ach, wie Mancher wird erschlagen,
oder stößt ihm sonst was bei!
Einen Ander’n rührt der Schlag
wohl im Sauf-und Spielgelag‘!
Mancher schlummert ohne Sorgen,
und erlebet nicht den Morgen.

24) Feuer, Wasser, Luft und Erden,
Blitz und Donner, Krieg und Pest,
müssen uns’re Mörder werden,
wenn es Gott geschehen läßt.
Niemand ist vom Tode frei,
nur die Art ist mancherlei!
Insgemein sind uns’re Stunden
einem Schatten gleich verschwunden.

25) Nach Verfließung dieses Lebens
hält Gott keine Gnadenwahl!
Jener Reiche rief vergebens
in der Pein und in der Qual.
Fremdes Bitten hilft euch nicht,
und wer weiß, ob’s auch geschicht!
Darum fallt in wahrer Buße
euerm Gott noch heut‘ zu Fuße.

26) Sammelt euch durch wahren Glauben,
einen Schatz, der ewig währt,
welchen euch kein Dieb kann rauben,
und den auch kein Rost verzehrt.
Nichts ist Ehre, nichts ist Geld,
Nichts ist Wollust, nichts ist Welt!
Alles Trachten, alles Dichten,
muß man auf die Seele richten.

27) Freunde machet euch in Zeiten
mit den Gütern, die ihr habt!
Lasset von bedrängten Leuten
keinen Menschen unbegabt!
Christus nimmt die Wohltat an,
gleich als wär‘ es ihm getan;
und der armen Bettler Bitten
hört Gott in des Himmels Hütten.

28) Euer Wandel sei im Himmel,
da ist euer Bürgerrecht.
Lebt in diesem Weltgetümmel,
unbekannt, auch schlicht und recht!
Flieht vor aller Sklaverei,
machet eure Seele frei,
daß sie sich zu Gott erhebe,
und hier als ein Fremdling lebe.

29) Diese Gnade zu erlangen,
sparet das Gebet ja nicht!
Netzt mit Tränen eure Wangen,
bis daß Gottes Herze bricht!
Rufet Jesu Christo nach,
wie er dort am Kreuze sprach:
Vater, nimm an meinem Ende,
meine Seel‘ in deine Hände.

Liedtext: 1700, Johann Hübner (1668-1731)
Musik: BWV 1122, Johann Sebastian Bach (1685-1750)

Quelle:

Lied Nr. 363 , in: Gesangbuch für Christen Augsburgischer Confession.

Gesangbuch für Christen Augsburgischer Confession

Weblinks und Verweise

Kaemmel, H.: Johann Hübner in der Allgemeinen Deutschen Biographie

Liedeintrag bei Hymanry.org

Choraleintrag bei Bach digital

Lied Nr. 448, in: Gesangbuch in Mennoniten-Gemeinden in Kirche und Haus, Vierte Auflage 1901. Im Selbstverlage der Mennoniten-Gemeinden Westpreußens (externe Links zu Hymnary.org)

Lied Nr. 550: Erbauliche Lieder-Sammlung zum gottesdienstlichen Gebrauch in den Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Gemeinen in Pennsylvanien und den benachbarten Staaten, sammlet, eingerichtet und zum Druck befördert durch das hiesige Deutsche Evangelisch-Lutherische Ministerium. Achte vermehrte und mit einem Melodien-Register versehene Auflage. D. Heinrich Melchior Mühlenberg (Editor); Germantaun [Pa.], Gedruckt bey M. Billmeyer, 1826 (externer Link zu Hymnary.org)

Eingestellt am 17. November 2022