Mit Ernst, o Menschenkinder (Württ. Gesangbuch 1912 #139)

1) Mit Ernst, o Menschenkinder,
das Herz in euch bestellt;
damit das Heil der Sünder,
der wunderstarke Held,
den Gott aus Gnad’ allein
der Welt zum Licht und Leben
versprochen hat zu geben,
bei allen kehre ein.

2) Bereitet doch fein tüchtig
den Weg dem großen Gast;
macht seine Steige richtig,
laßt alles, was er haßt;
macht eben jeden Pfad,
die Tale rings erhöhet,
macht niedrig, was hoch stehet,
was krumm ist, machet grad.

3) Ein Herz, das Demut liebet,
bei Gott am höchsten steht;
ein Herz, das Hochmut übet,
mit Angst zugrunde geht;
ein Herz, das richtig ist
und folget Gottes Leiten,
das kann sich recht bereiten,
zu dem kommt Jesus Christ.

4) Ach mache du mich Armen
zu dieser hei’lgen Zeit
aus Güte und Erbarmen,
Herr Jesu, selbst bereit.
Zeuch’ in mein Herz hinein,
mach es zu deiner Krippen,
so werden Herz und Lippen
dir allzeit dankbar sein.

Liedext: (1639) 1642, Valentin Thilo d.J. (1607-1662)
Strophe 4: Hannoversches Gesangbuch, Lüneburg 1657.
Melodie: Lyon 1557 / Erfurt 1563
1572, bei J. Magdeburg Von Gott will ich nicht lassen

Text in der Fassung der Nr. 139: Gesangbuch für die evangelische Kirche in Württemberg, Schmuckausgabe 1912 (Verlagskontor des evangelischen Gesangbuchs, Stuttgart)

Geschichte(n) zum Lied “Mit Ernst, o Menschenkinder”

Über Lukas 3, 1-18 gedichtet von Valentin Thilo dem Jüngeren (1607-1662) und erschienen im New preußischen Gesangbuch, Königsberg 1650. Dieser edle Genosse Simon Dachs, der seit 1643 Professor in seiner Vaterstadt Königsberg war, hatte durch den rührend schönen Tod seiner einigen, allerliebsten Schwester einen so tiefen Eindruck bekommen, daß er schon als ein Mann im blühendsten Lebensalter ernstlich bedacht war, sich auf sein eigenes Ende zu bereiten. Diese Schwester Justina, die Gattin des Pfarrers Kuhn an der Roßgartischen Kirche zu Königsberg, wurde nämlich als blühende junge Frau schon vier Jahre nach geschlossener Ehe am 16 August 1639 von einer giftigen Seuche weggerafft.

Kurz vor ihrem Ende wurde sie, obwohl sie stets eine gottliebende Seele war, von einer heftigen Angst und Ánfechtung ergriffen, die sich dann aber in himmlische Freude auflöste, so daß sie ausrief: Wer kann uns scheiden von der Liebe Gottes? Darauf tröstete sie ihre Hinterbliebenen und bat sie, ihr letztes Bettlein mit Blumen fröhlich zu zieren und den schönsten Siegeskranz auf ihr Haupt zu legen, als ginge sie zum Tanze.

Dieses Bild seiner Schwester mag Thilo wohl bei Vers 3 seines Lieds vor Augen geschwebt sein. Er sagte einst selbst, er könne sie sein Leben lang nicht vergessen und habe sie allezeit im Gedächtnis. Dieser Vers 3 als der Mittelpunkt des Liedes ist einem berühmten Landsmann Thilo’s, Johann Georg Hamann hundert Jahre später besonders wichtig gewesen. Denn er schreibt seinem Sohn, den 10 Dez. 1784:

“Vergiß nicht, dich auch bei gegenwärtiger Zeit derjenigen Verschen zu erinnern, welche du in deiner Kindheit gelernt hast. ‘Ein Herz, das Demut liebet’, und ‘Kindlein, wir erkennen, daß du der Heiland bist’. Laß diese Wahrheit dir niemals alt noch kalt werden, sondern dir, gleich einem verborgenen Schatz im Acker, sein Anfang und Fülle aller Erkenntnis und Weisheit. Sonst verdirbt alle Zeit, die wir zubringen auf Erden. Wenn alle Stricke reißen, das hält ewig. Hör und glaube, was dir dein alter Vater aus doppelter Erfahrung sagt!” (Poel, H. Leben, Hamburg 1874)

Das Lied schließt mit Vers 4 also:

Das war Johannis Stimme,
Das war Johannis Lehr:
Gott strafet den mit Grimme
Der ihm nicht gibt Gehör.
O Herr Gott, mach auch mich
Zu deines Kindes Krippen
So sollen meine Lippen
Mit Ruhm erheben dich.

Dieser Vers erschien in späteren G. G., namentlich auch im Frl. G. vom Jahr 1704 in folgender Umgestaltung, welche dem Lied einen harmonischeren Abschluß gibt:

Ach mache du mich Armen
Zu dieser heil’gen Zeit
Aus Güte und Erbarmen,
Herr Jesu, selbst bereit.
Zeuch’ in mein Herz hinein
Vom Stall und von der Krippen,
So werden Herz und Lippen
Dir allzeit dankbar sein.

Zur Melodie vgl. Von Gott will ich nicht lassen. Im 1. Teil des Frl. G.s findet sich eine eigene Melodie:  c c c c h h h.

Quelle: Die Kernlieder unserer Kirche im Schmuck ihrer Geschichte, S. 7f. Begründet in erster und zweiter Auflage von † Eduard Emil Koch. Umgearbeitet und vermehrt in dritter Auflage von Richard Lauxmann, Diakonus an der Stiftskirche in Stuttgart (Stuttgart, 1876)