Das gerechte Gericht Gottes

Ludwig Hofacker

Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis

Das gerechte Gericht Gottes über Diejenigen, die dem Evangelium nicht gehorsam sind.

Predigttext: Matth. 22, 2-14 (Übers.: Luther 1912)

Das Himmelreich ist gleich einem Könige, der seinem Sohn Hochzeit machte; und sandte seine Knechte aus, daß sie die Gäste zur Hochzeit riefen; und sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet, und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das, und gingen hin, einer auf seinen Acker, der andere zu seiner Hantierung; etliche aber griffen seine Knechte, höhnten und töteten sie. Da das der König hörte, ward er zornig, und schickte seine Heere aus, und brachte diese Mörder um, und zündete ihre Stadt an.

Da sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereitet, aber die Gäste waren es nicht wert. Darum gehet hin auf die Straßen, und ladet zur Hochzeit, wen ihr findet. Und die Knechte gingen aus auf die Straßen, und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute. Und die Tische wurden alle voll. Da ging der König hinein, die Gäste zu besehen; und sah allda einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Kleid an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hereingekommen, und hast doch kein hochzeitliches Kleid an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße, und werfet ihn in die äußerste Finsternis hinaus, da wird sein Heulen und Zähneklappern; denn Viele sind berufen, aber Wenige sind auserwählt.

In unserem Evangelium stellt sich auf der einen Seite der ernstliche Wille Gottes, die Menschen selig zu machen, und auf der andern Seite die Widerspenstigkeit und Verkehrtheit der Menschen auf eine besondere Weise heraus. Gott hat ihnen die Seligkeit, das ewige Leben bereitet durch Christum; Er läßt sie dazu ein Mal über das andere berufen und einladen; Er macht alle Anstalten, um die Menschen zu dieser Seligkeit zuzubereiten; Er tut an ihnen, was möglicher Weise getan werden kann, ohne sie gerade zu zwingen! Die Menschen aber achten diesen so ernstlich ausgesprochenen Liebeswillen Gottes gering, und gehen dennoch größtentheils verloren.

Liebe Zuhörer! Je größer Gott Sich erweist in Seiner Liebe, in Seiner Geduld, in Seiner Herablassung gegen die Menschen, einem desto furchtbareren Gerichte eilen Diejenigen entgegen, welche den Reichtum der Güte Gottes verachten. Wo die Gnade verachtet und auf Mutwillen gezogen wird, da bekommt die strafende Gerechtigkeit desto mehr Raum. So sagt auch der Apostel: es sei Recht, daß Die, so dem Evangelium nicht gehorsam seien, Pein leiden. Das Nämliche müssen wir sagen, wenn wir das heutige Evangelium recht betrachten. Es ist ein gerechtes Gericht, das über die Verächter der wiederholten Einladungen der Knechte, und das nachher über den Menschen ausgebrochen ist, dem das hochzeitliche Kleid fehlte.

Dies will ich mit Gottes Hülfe weiter ausführen, und euch dieses Mal vorstellen

Das gerechte Gericht Gottes über Diejenigen, die dem Evangelium nicht gehorsam sind.

Ich will zeigen:

  • I. was es heiße, dem Evangelium gehorsam sein;
  • II. was das für Leute seien, die dem Evangelium nicht gehorsam sind;
  • III. wie gerecht das Gericht Gottes über sie sei.

Anbetungswürdiger, heiliger Gott! Ob wir gleich weise werden könnten, wenn wir auf Dein Wort und Deine Wege merkten, so werden wir es doch nicht aus großer Unachtsamkeit. Bewahre uns vor der Hölle, sonst ist sie uns gewiß! Amen.

I.

Wenn wir auf das Tun der Menschen achten: so finden wir, daß sie im Grunde Alle Seligkeit, Wohlsein, Befriedigung ihres Herzens suchen. Dies ist der Grundtrieb, von welchem alle Menschen in ihren Handlungen und Bewegungen regiert werden. Warum streben sie nach Geld, nach Ehre, nach Vergnügungen und Wollüsten, nach Augenlust, nach hoffärtigem Wesen? Antwort: sie suchen Seligkeit, Befriedigung ihres Herzens darin; es soll ihnen wohl dadurch werden. Darum gehen sie daher wie ein Schemen; darum machen sie sich so viel Unruhe; darum sammeln sie, und wissen nicht, wer es kriegen wird (Ps. 39,7.); darum schwitzen und arbeiten sie; darum lügen und betrügen sie; darum machen sie bald dies bald jenes zu ihrem Götzen; darum tun sie Alles, was sie tuun. – Das Unangenehme soll von ihnen entfernt, wohl soll es ihnen werden.

Aber es wird ihnen nicht wohl in diesen Dingen. Sie meinen zwar bisweilen, sie haben das große Gut erhascht, worin ihre Seele ausruhen könne; aber bald stellt sich wieder Ekel und Überdruß ein; bald meldet sich der vorige Seelenhunger und Seelendurst, der eigentlich auf Gott geht, wieder, und sie müssen mit Schmerzen fühlen, daß sie nach Schatten gehascht hatten. Wahres Wohlsein und Befriedigung unserer innersten Herzens-Bedürfnisse liegt nur in der Gemeinschaft mit Gott durch Christum. Und diese Gemeinschaft mit Gott durch Christum, diese Seligkeit des Reiches Gottes ist in unserem Evangelium unter dem Bilde der Mahlzeit, die bei dieser Hochzeit gehalten wurde, gemeint.

Von Natur haben wir kein Recht zu dieser Gemeinschaft mit Gott. Auf ewig wären wir als Unreine von dem Angesichte Gottes verbannt gewesen, wenn nicht Gott selbst einen Weg gemacht hätte, die gefallene Menschheit zurückzuführen. Er hat diesen Weg gemacht in Christo. Der Bräutigam mußte selbst kommen, und seine Braut erlösen, ehe er sich mit ihr vertrauen konnte in Gerechtigkeit und Gericht. Sie war ihm untreu geworden; sie hatte sich einem andern Manne der Sünde (Röm. 7.) vertraut; sie war Ein Fleisch mit der Sünde geworden; sie war ebendarum dem zeitlichen und ewigen Verderben verfallen; das jammerte den Bräutigam der armen Menschheit, und Er stellte sich selber ein. Durch Seine heilige Menschwerdung und Geburt, durch Seinen Wandel auf Erden, durch seine Leidenstaufe und Seinen Todesschweiß, durch Sein Blut und Seinen Tod, durch Seine Auferstehung und Himmelfahrt, – dadurch hat er die Menschheit losgekauft aus den Ketten der Finsternis; dadurch hat Er ihr den Weg zur Gemeinschaft Gottes wieder gebahnet auf das Vollkommenste; denn Er hat Alles nach dem ewigen Recht der Gerechtigkeit Gottes ausgeführt. Nun können wir unserem rechtmäßigen Manne und Eigentümer, JEsus Christus, wieder anheimfallen; nun ist Alles bereit; nun liegen die Gnadenschätze offen und genießbar da; nun ist kein Hindernis mehr im Wege; die Seligkeit ist geoffenbaret; die Mahlzeit ist bereitet; die Türen sind geöffnet; wer da will, der komme und nehme das Wasser des Lebens umsonst. Dies ist eine Hochzeitfreude für den Heiland, wenn eine Seele sich anschickt, dieser Seligkeit teilhaftig zu werden (Luk. 15.), und diese Seine Hochzeitfreude wird vollendet werden an dem Tage, an welchem Er mit der ganzen Gemeinde der Erlösten in die völligste, innigste, seligste, heiligste Gemeinschaft wird treten können, in eine Gemeinschaft, zu welcher die Verbindung der Seelen mit Christo, wie sie hienieden im Fleische möglich ist, nur ein geringer schwacher Anfang ist an dem Tage, von welchem es heißen wird; „die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und Seine Braut hat sich bereitet.“ Sehet, das ist die Hochzeit, das ist die Mahlzeit bei der Hochzeit des Königssohnes, zu welcher die Knechte Gottes Gäste einladen, nämlich die durch den Heiland erworbene Seligkeit, welche in der Gemeinschaft mit Ihm besteht.

Die ersten Knechte, die mit diesem Gnaden-Auftrage an die Menschen gesendet wurden, waren die Apostel. Diese wendeten sich mit ihrer Bitte zunächst an die Juden. Es war ein großer Eifer in diesen Knechten, Seelen für das Lamm zu werben. Sie durchzogen zum Teil Länder und Meere; sie sagten es in allen Synagogen, in allen Häusern, auf allen Straßen; wo sie hinkamen und der HErr Gelegenheit machte, da luden sie ein: ihr Leute, ihr Kinder der Verheißung, kommet zur Hochzeit! Aber die Kinder der Verheißung wollten größtenteils nicht kommen; sie zeigten sich widerspenstig und ungebärtig; sie höhnten, schlugen und töteten die Knechte. Da das der König hörete, ward Er zornig, und schickte Seine Heere aus, und brachte diese Mörder um, und zündete ihre Stadt an; die übrigen aber zerstreute Er in alle Länder. Von nun an wendeten sich die Knechte mit ihrer Einladung an die Heiden, und überredeten, und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute. – Liebe Zuhörer! Diese Botschaft an die Heiden geht nun schon 1800 Jahre fort; in den finstersten Zeiten des Aberglaubens und des Papsttums hat der HErr Seine Knechte und Hochzeitbitter gehabt, und auch in dieser letzten betrübten Zeit hat Er noch Seine Knechte, die noch sammeln, was sich noch sammeln läßt, Gute und Böse, die noch in die tote, in die ungläubige, in die selbstgenügsame Welt hineinrufen: wer hungrig oder durstig ist, der komme zur Hochzeit! Es ist nicht Not, verloren zu gehen, warum wollt ihr sterben? Siehe, Christus ist gekommen, Christus ruft euch: „Lasset euch versöhnen mit Gott!“

Was ist nun unsere Pflicht, liebe Zuhörer, wenn der König nicht nur Seinen Sohn dahingibt für uns aus unbeschreiblicher Liebe, sondern auch noch ein Mal über das andere uns rufen, bitten, inständig bitten läßt, daß wir doch möchten nicht unser eigenes Verderben, sondern das Leben wählen – was wäre unsere Pflicht? Offenbar da, daß wir diesem Rufe, den der König durch Seine Knechte, aber nicht nur durch Seine Knechte, sondern noch viel öfter durch Seinen Geist in unserem Innern, durch allerhand Schickungen, durch die Stimme der Weisheit auf der Gasse an uns kommen läßt, Folge leisten, daß wir uns wirklich aufmachen und uns anschicken, zum Hochzeitmahle zu gehen; dieß wäre unsere Pflicht. Wie betrübend muß es für den Heiland seyn, wenn Seine Gnadengüter, die Er so sauer verdient hat, und die Er nun der Welt, der armen Welt ein Mal um das andere antragen läßt, geringschätzt, wenn die Stimme Seiner boten in den Wind geschlagen, und das Nichtige Seiner Gnade weit vorgezogen wird von den Seelen, die ER so gerne selig hätte! Der Apostel Jakobus sagt: „siehe der Arbeiter Lohn, der von euch abgebrochen ist, das schreiet; und das Rufen der Ernster ist gekommen vor die Ohren des HErrn Zebaoth“ (Jakobi 5,4.). Dieß meint er von irdischen Arbeitern, von einem irdischen Lohne. Aber welch’ eines größeren Gerichts wird der schuldig seyn, welcher dem König aller Könige den Lohn Seiner Schmerzen, den Lohn Seiner Todesarbeit entzieht, nämlich sich selber, und Diejenigen, welche diesen Lohn einfordern sollen, schnöde von sich weist! Das wäre also unsere heilige Pflicht, liebe Zuhörer, das wäre eure Schuldigkeit, ihr schon oft und viel und auch heute Geladenen, daß Alle sprächen: ja! wir wollen kommen, wir wollen uns bekehren, wir wollen den HErrn suchen, und daß man es dann nicht bloß sagte, sondern daß man auch anfienge, daß man sich auf seine Kniee niederwürfe vor dem Heilande, daß man auch umkehrete von seinen verkehrten Wegen, vom Geiz, von der Liederlichkeit, von den faulen Geschwätzen, daß man sich auch herzlich nach dem Reiche Gottes und nach Seiner Gerechtigkeit ausstreckete. O! wie wollte ich mich freuen, wenn der Geist Gottes solchen Raum unter uns bekäme, wenn der Geist des Gebets anfienge sich zu regen unter uns! Die Engel im Himmel würden sich mit mir freuen.

Errettet werden wollen, ist was wir sollen. Gott zwingt uns nicht. Wir müssen unsern Willen dazu hergeben, und Seinem Rufe und Zuge folgen; wir müssen den Weg zur Seligkeit antreten, sonst kommen wir nie zum Ziele. Aber mit solch’ einem ersten Anfange ist es eben noch nicht ausgerichtet. Im Vorzimmer des Königes geht etwas vor, daß man sich auch muß gefallen lassen, wenn man als würdiger Gast zu Tische sitzen will. Der König hat die Art an sich, daß Er Seine Gäste nur in Seinen, des Königs Kleidern sehen will. Zu dem Ende hat Er die Einrichtung getroffen, daß im Vorzimmer des Hochzeitsaales herrliche königliche Kleider bereit liegen, die von den Gästen angezogen werden müssen, nachdem sie ihre eigenen, mitgebrachten Kleider ausgezogen haben. Wenn dann der König hineingeht, die Gäste zu besehen: so schaut Er mit Seinen feuerflammenden, Alles durchdringenden Augen vorzüglich in der Absicht auf die Gäste umher, um zu sehen, ob sie auch alle in Seinen königlichen Schmuck gekleidet seyen. Wenn wir nun dieß Alles ohne Bild und Gleichniß sagen sollen, so heißt es ungefähr so viel: es ist nicht genug, daß man anfänglich eine Willigkeit zeigt, dem Rufe der Knechte zu folgen; es muß auch eine Willigkeit da seyn, sich allem dem zu unterwerfen, was zur Zubereitung auf die selige Ewigkeit gehört. Es ist wahr, der Heiland hat uns die Seligkeit erworben; aber Er hat uns nicht nur dieses erworben, sondern auch die unaussprechliche Gnade, daß wir können durch den Glauben an Ihn gereiniget und vorbereitet, und würdig gemacht werden zum Gastmahl des Königes. Was meinet ihr? Meinet ihr, der Heiland wolle Säue und Wölfe und Bären an Seinem Tische haben, welche Naturen doch an dem unbekehrten Menschen nicht selten sichtbar sind? Solche Naturen würden auch gar keine Freude am Tische des Heilandes haben, sondern Langeweile. Wenn unser irdischer König heute einen verlaufenen Bettelknaben an Kindesstatt annähme, meinet ihr, man werde ihn in seinen zerlumpten Kleidern, in seinem Schmutze, mit seinen anerlernten Unarten an die königliche Tafel sitzen lassen? Nein, vorher wird er gereinigt, gewaschen, gekämmt; es werden ihm seine Kleider ausgezogen; er wird mit königlichen Kleidern bekleidet; er wird in der Sitte des Hofes unterrichtet; dann erst ist er tüchtig, von seinen Kindesrechten Gebrauch zu machen.

Es ist also nicht genug, daß man den Knechten des Königes, die zur Hochzeit laden, freundlich entgegenkommt, und daß man einen guten Willen zeigt, sich zum Hochzeitsmahle zu begeben; es ist nicht genug, daß man dem Evangelium geneigt ist und dasselbige liebt; es ist nicht genug, daß man nicht mehr sitzt, da die Spötter sitzen, und die Gemeinschaft Derjenigen sucht, die man für Kinder Gottes hält; es ist nicht genug, liebe Zuhörer, daß ihr, wenn ihr aus der Kirche gehet, mit einander von der Predigt redet, und saget: es sey eine schöne Predigt gewesen; es ist auch nicht genug, daß man etwa diese oder jene Untugend anfängt abzulegen, in der Bibel forscht und fleißiger betet als zuvor. O wie schön ist’s, wenn eine Seele einen solchen Anfang macht; wie freut man sich über solche Anfänge des göttlichen Lebens! Aber sehet, dieß Alles macht es noch nicht aus, mit diesem Allem könnet, werdet, müsset ihr, wenn es nicht weiter kommt, verloren gehen. Man muß auch die Kraft des Evangeliums bey sich durchwirken lassen zu einer gänzlichen Sinnesänderung; man muß in eine wahre lebendige Gemeinschaft mit dem HErrn JEsu kommen; man muß durch tägliche Erneuerung seines Sinnes laufen; man muß seine Armuth immer mehr einsehen, und Christi Gerechtigkeit immer inniger und fester ergreifen lernen; man muß den alten Menschen aus- und den neuen anziehen; mit einem Worte, man muß wiedergeboren werden, und dieß ist ein tägliches Geschäft, erfordert tägliche Wachsamkeit, viel Gebet und Flehen, tägliches Essen und Trinken des Leibes und des Blutes Christi durch wahren Glaubensgenuß an Ihm, sonst kann es nicht vollbracht werden. „Ihr seyd gestorben“, sagt der Apostel (Koloss. 3,3.). Dieß ist so eigentlich der hochzeitliche Schmuck der Gäste, daß man durch den Glauben der Rechte des Todes JEsu theilhaftig wird, daß man erfährt, man sey mit Christo gestorben, von allen Ansprüchen und Folgen der Sünde losgekauft.

Christi Blut und Gerechtigkeit,
Dies ist mein Schmuck und Ehrenkleid,
Damit will ich vor Gott bestehn,
Wenn ich zum Himmel werd’ eingehn.

So heißt es in jenem Liede, und damit ist eben das hochzeitliche Kleid beschrieben. Aber dieser herrliche und kostbare Schmuck darf doch nicht über den befleckten Rock des Fleisches hineingezogen werden. „So tötet nun“ – heißt es im nämlichen Kapitel des Briefes an die Kolosser – „eure Glieder, die auf Erden sind, Hurerey, Unreinigkeit“ u.s.w. Das gehört auch zum rechten Anziehen des Schmuckes, der Christi Blut und Gerechtigkeit heißt, daß man beflissen ist, im Lichte Gottes den alten Menschen je mehr und mehr zu erkennen und abzulegen, und in das Ebenbild des Sohnes Gottes erneuert, gereinigt zu werden, wie Er rein ist, so zu werden auf dieser Welt, wie Er war. Anders ist keine Gemeinschaft des Todes und der Auferstehung JEsu Christi gedenkbar. O da hat man viel zu flehen um Licht und Kraft von oben; da hat man sich oft in das Licht jenes Tages hineinzustellen und zu untersuchen, ob man auch dort werde bestehen können, ob der Grund, den man in sich trägt, auch werde die prüfenden, feuerflammenden Augen des Königs aushalten können; da kann man sich nicht zufrieden geben mit einem oberflächlichen Troste aus dem Evangelium, sondern man trägt es darauf an, aller von Christo den Sündern erworbenen Rechte, des ganzen JEsus theilhaftig, und ein ganzes Gefäß der Gnade zu werden. Dieß geht aber durch manchen Seufzer, durch manche Entbehrung, Demüthigung und Schmerz, aber auch durch manche wesentliche Erquickung, mit Einem Worte: dieß ist der schmale Weg, der zum Leben führet.

Natürlich muß sich eine solche Gemüthsstellung im ganzen Wandel eines Menschen, in seinen Worten, Werken und Gedanken äußern. Wer auf solche Art im Lichte wandelt, wird seinen Wandel nicht mit so viel guten Meinungen von sich selber, nicht mit dem thörichten Selbstvertrauen führen, wie natürliche, gutmeinende, oder auch erweckte, aber schläfrige Leute zu thun pflegen, sondern mit Furcht und Zittern. Ich will euch ein Beispiel geben. Ihr seyd in der vergangenen Woche viel mit den Keltergeschäften und mit dem Weinhandel umgegangen. Wie ganz anders wird sich ein Mensch, der da wachet und hält seine Kleider, daß er nicht bloß wandele, unter diesen Umtrieben benommen haben als ein Anderer, dem solches kein Anliegen ist; während der Letztere sich in allerley Geschäften, in Geschwätzen, in Berechnungen des etwaigen Erlöses, in Freudengefühlen bey der Hoffnung eines guten Erlöses, in traurigen Gedanken, als die Weinpreise fielen, und in dergleichen mehr umtrieb, und den aus seiner Lust, aus seinem Eigennutz, aus seinem Unglauben entspringenden Empfindungen blindlings folgte, hat der Andere unter diesem ganzen Geschäfte seine Augen auf den Heiland gerichtet. Er ist wohl auch nicht frey geblieben von jenem Herzensgedanken, und hat sich auch da und dort verfehlt: aber noch ehe er in dieses Geschäft hineingieng, war es ihm ein großes Anliegen, daß ihn der HErr von unnützer Rede, vor Sünden in Gedanken und Werken bewahren möchte. Unter der Sache selbst hat er seine ausschweifenden Gedanken immer wieder auf den Heiland zu sammeln, und durch die Gnade seine emporstrebenden Begierden zu stillen gesucht, und wenn er gefunden hat, daß seine Kleider befleckt worden sind, so hat er keine Ruhe gehabt, bis diese Flecken wieder weggewaschen waren, und er Vergebung darüber empfangen hatte. So ist’s aber nicht bloß bey der Kelter, so ist’s in allen Lebensverhältnissen, der Unterschied zwischen solchen, die dem Evangelium gehorsam sind, und zwischen solchen, die es nicht sind, ist allenthalben groß.

Dies gehört zum Gehorsam gegen das Evangelium, nicht bloß, daß man der Einladung zur Seligkeit anfänglich folgt, sondern auch, daß man auf dem schmalen Wege wandelt, der zum Leben führet, und darauf bleibt bis an’s Ende.

Nun wollen wir

II.

Auch die Leute betrachten, die dem Evangelium nicht gehorsam sind.

Es kommen in unserem Evangelium vier Arten solcher Leute vor, wir wollen sie näher in’s Auge fassen.

1)

Die erste Art ist mit den Worten bezeichnet: „sie wollten nicht kommen.“ Es ist nicht weiter angegeben, warum sie nicht wollten; es heißt schlechtweg: sie wollten nicht. Es scheint, daß diese Leute selbst nicht recht wußten, warum sie nicht wollten; sie mochten eben nicht; es war also eine gedankenlose, stumpfe Widerspenstigkeit gegen das Evangelium; es war ihnen eben nicht nach ihrem Geschmack; sie waren nicht hungrig und durstig; darum mochten sie nichts von einer Mahlzeit hören. Vielleicht sind auch unter uns solche Leute, die wenn man sie fragen würde, warum sie dem Gnadenruf Gottes bis jetzt kein Gehör gegeben haben, keinen weiteren Grund anzugeben wüßten, als daß sie nicht gewollt haben. Dieß ist der unterste Grad von Stumpfsinn und geistlichem Tode. Solche Menschen sind todte Klötze, todte Erdwürmer; man muß sie der Barmherzigkeit Gottes überlassen; man kann nichts für sie thun als beten. Sie sind oft, was man sagt, gute Christen. Sie lesen ihr Morgen- und Abend-Gebet, beten vor und nach dem Essen ein Gebet ab, aber Alles im Frohndienst. Frohndienst ist es, daß sie zur Kirche gehen; wenn ihre bestimmte Zeit herannaht, so schicken sie sich zum heiligen Abendmahl; sie werden durch die Predigt des Wortes nicht geärgert und nicht gerührt; es fällt Alles an ihnen hinunter, wie Wasser über einen Stein hinabfließt; sie schlafen gerne unter der Verkündigung des Wortes. Dabey verlassen sie sich auf das Verdienst Christi, können vielleicht manchen schönen Spruch auswendig, wollen aber nicht seliger werden als ihre Väter; der HErr JEsus ist nicht ihr Mann. Der Sohn Gottes allein kann solche Todte erwecken, aber ich sage nur: taugen solche Leute, so lange sie solche Klötze bleiben, zum Reiche Gottes, zum Hochzeitsmahle des Lammes? Urtheilet selbst.

2)

Die zweite Art ist bezeichnet mit den Worten: „aber sie verachteten das und giengen hin, Einer auf seinen Acker, der Andere zu seiner Handthierung.“ Diese sind schon anders; sie sind nicht mehr so gleichgültig; da ist schon eine ausgesprochene Bitterkeit, ein bestimmter Widerwille gegen das Evangelium. „Sie verachteten das.“ Man kann auf doppelte Art zu diesem Sinne kommen. Viele fassen diese Verachtung gegen das Evangelium schon das erste Mal, wo es auf ihr Herz einigen Eindruck macht. Wenn ein Mensch von einer Lieblingssünde recht gefangen, recht fest damit verstrickt ist, und das Evangelium meldet sich in seinem herzen an, und das Wort von der Hochzeit dringt ihm zu Herzen, und will mit seiner Lichtskraft die Verkettungen der Finsterniß durchdringen und entkräften: so sträubt sich der in der Lust gefangene Sinn des Menschen dagegen. Gelingt es ihm nun, sich stark zu machen und die Kraft des Evangeliums zu überwinden, so fängt er an, dasselbige zu verachten, als etwas zu betrachten, das Phantasterey und Schwärmerey erzeuge, oder die Lebensfreuden störe, oder den Menschen ungebührlich herabsetze, und die Würde des Menschen nicht anerkenne, Alles, je nachdem der Mensch von einer vorherrschenden Sünde gefangen war. Man kann aber noch auf eine andere Art in dem im Evangelium ausgesprochenen Sinn hineinwachsen, und dieß ist das Gewöhnlichere. Da bekommt man Anfangs wohl einen Eindruck von der Einladung; man wird gerührt; der Sinn wird auf die Ewigkeit erweckt: aber die Sorgen dieser Welt, das Sichtbare, das mit aller Macht auf das Gemüth hereindringt, die Zerstreuung in den Beruf, in die irdischen Geschäfte hinein, der Zauber des vergänglichen Reichthums und überhaupt der Sünde, – dieß Alles läßt dem Fünklein des göttlichen Lebens nicht Raum. So werden die Gnadenzüge, die Rührungen geschwächt, erstickt; so bekommt das alte angewohnte Wesen und Treiben des Geistes wieder das Uebergewicht; man sucht sein Glück und seine Seligkeit wieder da, wo man sie vorher gesucht hatte; man bekommt niedrige, kleine Gedanken vom Leben aus Gott und von der Seligkeit des Reiches Gottes, und so verachtet man das Evangelium, und gehet hin auf den Acker, zur Handthierung, im alten ungebrochenen Sinne.

O liebe Zuhörer! Ich weiß es: es sind Wenige unter uns, auf welche die Predigt des Evangeliums nicht schon Eindrücke gemacht, und entweder ein banges Gefühl vor der Ewigkeit, oder einen Liebeszug zum Heilande, oder sonst etwas Göttliches in ihnen erweckt hätte. Ach! ich weiß wohl, wie es kommt, daß es doch dadurch noch bey Wenigen zu einem rechten Ausschlage für das Reich Gottes gekommen ist. Wenn ihr vom Worte Gottes getroffen worden seyd, so bewahret ihr es nicht in euren Herzen; das Irdische, das Weltliche, das Sündliche, die Aecker, die Weinberge, die Handthierung, der Wein, das Geld, das tägliche Brod, die Dorfgeschichten, Klatschereyen, und was dergleichen mehr ist, das hat allezeit das Uebergewicht. So wird der gute Samen immer wieder erstickt; so geräth man zuletzt in allerhand verachtende und mürrische Gedanken hinein. Wenn das Reich Gottes immer wieder auf’s Neue angepriesen, und die Bitte: „lasset euch versöhnen mit Gott!“ immer wiederholt wird, so regt sich zuletzt ein gewisser Grimm dagegen; man denkt und spricht bey sich selbst: es immer das Geschrey, daß man sich bekehren solle; wäre der Pfarrer in meinen Verhältnissen, hätte er eine Haushaltung wie ich, ein Gewerbe wie ich, stünde er in Verbindungen wie ich, müßte er sich um das tägliche Brod wehren wie ich, dann würde er es auch anders erfahren. Liebe Zuhörer! Der Prediger ist’s ja nicht, der euch solcherley Bitten vorlegt, sondern der Heiland selbst ist es; darum fallen eure Vorwürfe und arge Gedanken alle auf den HErrn selbst zurück. Beharrt ein Mensch eine Zeit lang auf diesem Sinne, so wird er zuletzt gesinnt, wie

3)

die dritte Art, von welchen es heißt: „Etliche aber griffen seine Knechte, höhneten und tödteten sie.“ Der in den Menschen liegende Haß gegen das Evangelium darf gegenwärtig freilich nicht mehr so handgreiflich herausbrechen wie damals, aber der Sinn jener Menschen, welche tödteten, liegt doch auch jetzt noch in Manchen, und zu dieser Feindschaft gegen das Licht kommt man nicht auf Einmal. Zuerst werden die Züge des Geistes Gottes geschwächt, dann muthwillig unterdrückt; dann wird man verhärtet in seines Herzens Bosheit, und so ein rechter Feind des Heilandes und Seiner Knechte, daß einem Alles unausstehlich ist, was nur nach der Erkenntniß und dem Glauben des Sohnes Gottes von ferne riecht. Und so wird man ein rechtes Werkzeug des Teufels;

4)

die vierte Art sind endlich Diejenigen, welche zwar der Einladung der Knechte folgen, aber da hochzeitliche Kleid anzuziehen versäumen. Unter allen Denjenigen, die im Evangelium unter den Berufenen, aber nicht Auserwählten angeführt werden, ist gewiß der Mensch, welcher, weil ihm das hochzeitliche Kleid mangelte, aus dem Hochzeitsaale geworfen wurde, der Bedauernswürdigste. Er war dem Rufe der Knechte nicht ungehorsam, er ist gekommen, er hat nicht verachtet, er hat seinen Acker und seine Handthierung gegen den himmlischen Beruf gering geachtet, er hat nicht gegriffen, nicht gehöhnt, nicht getödtet, er ist hineingedrungen bis in den Hochzeitsaal; – und doch mußte er vor der Frage des Königes verstummen, und gebunden hinaus in die äußerste Finsterniß; das ist jämmerlich. Man kann also laufen, man kann kommen bis in den Hochzeitsaal, man kann in Allem aussehen wie ein wahrer Christ, und ist doch ein Mensch, dessen Erbtheil ewige Finsterniß ist. O lasset uns das wohl bedenken! Dieser Mensch war entweder zu träge dazu, sich der Verwandlung im Vorzimmer, dem Ausziehen des alten und dem Anziehen des neuen Menschen zu unterwerfen, oder er war zu hochmüthig dazu, meinte, seine Kleider, seine mitgebrachten, selbsterworbenen Kleider seyen schön genug für die königliche Mahlzeit; kurz, er verschmähte die königlichen Kleider. Ach! daß der HErr in mein und euer Herz einen Strahl Seines Lichtes sendete zur Durchforschung und Durchsuchung unseres Innern! Fraget euch doch, ihr, die ihr einigen Anfang im Christenthum gemacht habt, fraget euch doch: ist es uns denn auch ein wahrer Ernst zum Heilande? Sind wir auch willig, uns Allem dem zu unterwerfen, was zu unserer Reinigung und Vollbereitung auf den Tag der Ewigkeit gehört? Ist es uns auch das höchste Anliegen, nichts an uns zu dulden, was den Augen JEsu mißfällig ist? Suchen wir auch in die Gemeinschaft Seines Todes und seiner Auferstehung einzudringen, mit Ihm zu sterben, das alte Leben der Natur je mehr und mehr in Seinen Tod zu ziehen, und mit ihm im neuen Leben des Geistes zu wandeln? Wollen wir aus Seinem Evangelium kein Kopfkissen für den alten Menschen machen? Wollen wir allein aus Seinem Verdienste gerecht werden, nicht durch unsere Werke, Heiligkeit, Verläugnungen und dergleichen? „Erforsche mich, Gott! und prüfe mein Herz, prüfe und erfahre, wie ich es meine, siehe, ob ich auf rechtem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege!“

Jetzt, liebe Zuhörer, kann man noch vor sich und Andern heucheln, man kann sich durch seine Eigenliebe selbst täuschen. Wie täuschten sich die fünf thörichten Jungfrauen über ihren eigenen Zustand! In welchen Lügengedanken von sich selbst stand der Bischof von Laodicäa (Offenb. 3.)! Werden ja selbst an jenem Tage noch Leute vorkommen, die bis dahin in der größten Selbsttäuschung dahingegangen und geblieben sind. HErr, HErr! werden sie sagen, haben wir nicht in Deinem Namen geweissaget, Teufel ausgetrieben, Thaten gethan, haben wir nicht an Dich und Deinen Namen geglaubt, sind wir nicht Christen gewesen? haben wir nicht auch etwa Schmach gelitten um Deines Namens willen? – „Ihr Uebelthäter, weichet von mir, ich habe euch noch nie erkannt.“ – Jetzt kann man vor sich und Andern noch heucheln, jetzt kann man noch sich selbst rechtfertigen, und die Schärfe des Wortes Gottes von sich abwehren, jetzt kann man noch den Zeugnissen Anderer oder des eigenen Gewissens widersprechen, und sich in seinen selbstgemachten Religionsgrundsätzen gefallen. Aber vor den Augen, vor den durchprüfenden Augen des Königs wird man dieß nicht mehr können. „Freund, wie bist du hereingekommen, und hast doch kein hochzeitlich Kleid an? Er aber verstummte. Darum bindet ihm Hände und Füße, und werfet ihn in die äußerste Finsterniß, da wird seyn Heulen und Zähnklappern.“

III.

Dieses Gericht ist gerecht. Wenn Gott Alles tut, um uns selig zu machen, wenn Er sich als die erbarmendste, herablassendste Liebe gegen schnöde Sünder erweist, und der Mensch schickt sich dennoch nicht in Seine Wege, sondern verachtet und bleibt auf seinem harten Sinne, so fällt er gerechter Weise der Gerechtigkeit anheim und aus der Erbarmung hinaus, die er verschmäht hatte. Und dann ist es ja zuletzt die nämliche Härtigkeit und Widerspenstigkeit des Sinnes, die den ersten Gnadenantrag von sich weist; und die dieß zwar nicht tut, aber doch sich nicht in die von Gott gemachten Schranken fügt. Ja, an dem Tage, an welchem alle Entschuldigungen und Beschönigungen wie Nebel vor der Sonne verschwinden werden, da werden es Diejenigen, welche verloren gehen, erkennen, und mit ewiger Reue gestehen müssen: ja, HErr! wahrhaftig und gerecht sind Deine Gerichte! Wir haben nicht gewollt.

Liebe Zuhörer! „Viele sind berufen, aber Wenige auserwählet.“ Ich hoffe, ein Jedes unter uns könne sich nun selbst seine Rechnung machen, wozu uns Gott helfen wolle durch Seinen Heiligen Geist. Amen!