Johann Valentin Andreae (1586–1654)

Johann Valentin Andreae, Theologe (lutherisch)
* 17.8.1586 Herrenberg (Württemberg), † 27.6.1654 Stuttgart.

Genealogie

Vater: Johann Andreae (1554–1601), lutherischer Theologe, seit 1591 Abt von Königsbronn;
Mutter: Maria (1550–1631), Tochter des Vogtes Valentin Moser in Herrenberg;
Gvv Jacob →Andreae (s. 1);
⚭ Poppenweiler, 2.8.1614 Agnes Elisabeth Grüninger (1592–1659); 9 Kinder

Andreae studierte in Tübingen, wurde 1603 Baccalaureus, 1605 Magister, verließ 1607 die Universität eines Exzesses wegen; ein Wanderleben führend kam er nach Straßburg, in die Schweiz, wo ihn die calvinistische Kirchenverfassung und Kirchenzucht in Genf beeindruckten, nach Frankreich, Österreich und Italien. 1614 wurde er Diakon in Vaihingen, 1620 Superintendent in Calw, 1634 verlor er bei der Plünderung der Stadt durch Johann von Werth Haus und Bibliothek, 1639 wurde er Hofprediger und Konsistorialrat in Stuttgart, 1641 Dr. theol., 1650 Generalsuperintendent und Abt von Bebenhausen, 1654 Abt von Adelberg. 1646 wurde er unter dem Namen „der Mürbe“ in die Fruchtbringende Gesellschaft aufgenommen. –

Andreae war eine unruhige Natur, die über das Wissen zum Leben drängte und die eigenen Erkenntnisse stets pädagogisch auszubauen strebte. Im Sinne Johann Arndts trat er für ein verinnerlichtes praktisches Christentum ein und suchte es im Rahmen eines wahrhaft christlichen Gesellschaftsverbandes zu verwirklichen. Das Ideal, das ihm in Erinnerung an die französische und vor allem die Genfer Kirchenzucht vorschwebte, war ein evangelischer christlicher Musterstaat, den er in der Arndt gewidmeten „Rei publicae Christianopolitanae descriptio“ (Straßburg 1619) und in „Christenburg, Das ist: Ein schön geistlich Gedicht“ (Freiburg 1626) nach dem Vorbild von Thomas Campanellas Sonnenstaat beschrieb. Die Gemeinschaft der Gesinnung, die hier vorausgesetzt ist, sollte in Bünden herangezogen werden. Andreae, der in dem z. T. selbstbiographischen Faustdrama „Turbo“ seine dichterische Ader zeigte, hatte diesem Gedanken wohl schon seit 1602 eine phantastische Einkleidung in der Gestalt des Christian Rosenkreutz, Gründers einer Bruderschaft zur Wiederherstellung des urchristlichen Ideals in Kirche und Gesellschaft im 14. Jahrhundert gegeben. Hinter Christian Rosenkreutz verbirgt sich wohl Andreae selbst, dessen Wappen ein Andreaskreuz, umgeben von vier Rosen, zeigt.

Von den phantastischen Mißverständnissen, zu denen diese Mystifikation führte, rückte er selbst ab, indem er sie auf ihren Kern, den Aufruf zur Verwirklichung einer „fraternitas Christi“ (1617), einer „Christiana societas“ (1620) zur Pflege der Religion, Hebung der Sitten und Wiederherstellung der Liturgie zurückführte. Das Ideal einer christlichen Gesellschaft wird auch sonst in erbaulichen und satirischen Schriften der Zeit vorgehalten. Die Versuche zur Herstellung der Kirchenzucht stießen auf den Widerstand der weltlichen Verwaltung (Apap proditus, 1631); die württembergische Kirchenordnung, die sog. Cynosura, ging auf ihn zurück.

Werke

  • Fama fraternitatis Roseae Crucis od. d. Bruderschaft d. Ordens d. Rosenkreuzer, Kassel 1614 u. ö.;
  • Confessio od. Bekenntnis d. Societät u. Bruderschaft Rosenkreuz, ebenda 1615;
  • Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz anno 1459, Straßburg 1616, neuhochdt. v. W. Weber, 1942 (alle Rosenkreuzer-Schriften sind anonym erschienen);
  • Die Christenburg, Allegor.-epische Dichtung …, Nach einer gleichzeitigen Hs. hrsg. v. C. Grüneisen, 1836, u. in: Ztschr. f. hist. Theol. 6, 1836, S. 232-312;
  • Turbo, sive moleste et frustra per cuncta divagans ingenium, ebenda 1616, dt. v. W. Süß unter d. Titel: Irrender Ritter vom Geist, 1907;
  • Invitatio fraternitatis Christi ad sacri amoris candidatos, ebenda 1617 bis 1618;
  • Menippus sive dialogorum satyricorum centuria, inanitatum nostratium speculum, Straßburg 1617;
  • Vita ab ipso conscripta cum icone (Ms.), 1642, hrsg. v. F. H. Rheinwald, 1849, dt. v. D. E. Seybold, in: Selbstbiogrr. berühmter Männer II, Winterthur 1799;
  • Theophilus sive de christiana religione sanctius colenda, vita temperantius instituenda et literatura rationabilius docenda concilium, Stuttgart 1649, dt. v. V. F. Oehler, 1878; s. a. M. Ph. Burk, Vollst. Verz. aller in Druck gekommenen lat. u. dt.  Schrr. d. J. V. A., Tübingen 1793.

Literatur

  • Allgemeine Deutsche Biographie, hg. v. d. Historischen Kommission b. d. Bayer. Akademie d. Wissenschaften, 55 Bde. u. 1 Registerbd., 1875-1912, Nachdr. 1967-71.
  • W. Hossbach, J. V. A. u. sein Zeitalter, 1819;
  • C. Hüllemann, J. V. A. als Pädagog, Diss. Leipzig 1884, u. 2. T., Progr. Leipzig 1893;
  • J. Ph. Glöckler, J. V. A., Ein Lebensbild …, 1886;
  • Goedeke II, 1886, S. 146, III, 1887, S. 29;
  • f. Brügel, J. V. A., in: K. A. Schmid, Gesch. d. Erziehung III. 2, 1892, S. 147-88;
  • F. J. Schneider, Die Freimaurerei u. ihr Einfluß auf d. geistige Kultur, in: Dtld. am Ende d. 18. Jh.s, Prag 1909;
  • R. Kienast, J. V. A. u. d. vier echten Rosenkreuzer-Schrr., 1926; P.
  • Joachimsen. J. V. A. u. d. ev. Utopie, in: Zeitwende 2, 1926, S. 485-503, 623-42;
  • F. Fritz, V. Andreaes Wirken im Dienste d. württ. Kirche, in: Bll. f. württ. Kirchengesch., NF 32, 1928, S. 37-126;
  • W. Moog, Gesch. d. Pädagogik II, 1928, S. 247-53;
  • W.-E. Peuckert, Die Rosenkreutzer, 1928;
  • J. Keuler, J. V. A. als Pädagoge, Diss. Tübingen 1934; Frels, 1934;
  • Ernst Müller, Stiftsköpfe, schwäb. Ahnen d. dt. Geistes aus d. Tübinger Stift, 1938;
  • G. Schwarz, Die ewige Spur, Dichterprofile eines dt. Stammes. 1946;
  • F. Seebass, Christentum u. dt. Geist, 1947, S. 7-17;
  • P. Schattermann, D. J. V. A. u. seine Beziehungen zu Bayern, in: Festgabe f. K. Schornbaum, 1950, S. 101-11.

Portraits

Kupf. v. unbek. Künstler (Veste Koburg);
v. W. Kilian. 1648;
v. Heyde (München, Graph. Slg.).

Literatur

zum Gesamtartikel: A. Dietz, Gesch. d. Familie A., Frankfurter Zweig, 1923;
K. Kiefer, Stammtafel z. Gesch. d. Familie A., 1923.

Autor/in

Otto Schottenloher

Quelle:

Schottenloher, Otto, „Andreae, Johann Valentin“, in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 277-278 [Online-Version] –
Liz. CC-BY-NC-ND 3.0 (Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitung)