Johannes 21, 18

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Da du jünger warst, gürtetest du dich selbst und wandeltest, wohin du wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst.

Die Selbständigkeit der Jugend – was war das für ein zweifelhaftes Glück! Wie stark kamen wir uns vor und wie frei. Wie wollten wir mit dem Kopf durch die Wand! Und wie viel törichte, vergebliche Anstrengung und wie viel Herzeleid und wie viel Enttäuschungen trug das alles ein. Nachher tratst du, Jesus, in unser Leben ein, und nun gab es noch lange keine völlige Aufgabe der falschen Selbständigkeit. Stückweise ließen wir uns von dir leiten und wurden dabei gesegnet, und dann brachten wir es doch wieder fertig, deinen Armen zu entschlüpfen und auf eigene Faust Törichtes zu unternehmen. Du aber hattest Geduld und vergabst einmal über das andere und zogst dann die Seile fester und führtest uns sicher. Je älter wir werden, desto ängstlicher werden wir gegen alle Abenteuer, auch fromm scheinende, die hin und her Mode sind, und desto sorgsamer achten wir auf deine Winke.

Behalte uns in deiner Pflege, behalt uns, Herr, in deiner Zucht. Kommt es jetzt auch vor, daß du die Seile ganz fallen lässest und keine Gewalt bei der Führung anwendest, wir bleiben doch an dir hängen und wollen keinen Schritt in eigner Weisheit tun. Laß die geheime Anziehungskraft deiner Liebe den Gürtel sein, damit du uns alte, unselbständige Leute leise, lose führst, wir wollen uns von deinen Augen leiten lassen, bis wir nichts mehr können, als uns von deinen Armen tragen lassen. Amen.

Samuel Keller (1856-1924)

Ungefähr zur nämlichen Zeit, da Paulus in Rom enthauptet wurde, etwa ums Jahr 66 nach Christi Geburt, musste auch Petrus in Rom sterben. Damals erfüllte sich das Wort des HErrn: „wann du alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein Anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst!“

Wenn der Heiland um seiner Liebe willen uns solches zumutete, wenn er die unerhörtesten Qualen, den peinlichsten Tod zur Ehre seines Namens und ihm zulieb von uns forderte: wie würden wir dann bestehen? Wären wir wirklich gerüstet und bereit, ihm zu folgen durch Not und Tod, und ihn nicht zu verlassen, auch wenn es unser Leben kostete? Wir wissen nicht, was unsere Zeit mit sich bringt, ob nicht die wahren Christen in unserer Zeit noch ähnliche Trübsale durchgehen müssen. Wären wir nun gerüstet, um seines Namens willen alles was wir haben, Äcker, Wiesen, Haus, Hof, Weib und Kinder zu verlassen, und einem elenden Tode entgegenzugehen? Können wir mit Luther sagen:

Nehmen sie uns den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
Laß fahren dahin!
Sie habens kein’n Gewinn,
Das Reich muß uns doch bleiben! – ?

O, was gehört dazu, so im Glauben zu stehen wie Stephanus! Freilich, wenn ein Kind Gottes in solche Fälle kommt, so ist der HErr gewiss nahe bei Denen, die ihn anrufen. Aber soll er aushelfen, so muss es uns Ernst sein; wir müssen wirklich und fest in seiner Gnade gegründet stehen, müssen uns recht gerüstet haben zum Streit; wir müssen angetan sein mit jener Waffenrüstung Gottes, die Ephes. 6 beschrieben wird, wenn wir auslöschen wollen die feurigen Pfeile des Bösewichts. Wir müssen, so lange die Vorbereitungszeit dauert, uns vom HErrn führen lassen auch dahin, wo wir nicht hin wollen, müssen unseren Willen ihm ganz und gar hinopfern lernen.

Fort mit jenem Sinn der Griechen,
Denen Kreuz nur Torheit ist!
O lasst uns zurück nicht kriechen,
Wenn ans Kreuz soll Jesus Christ!
Fügt euch dicht zusammen,
Wenn der Schlangensamen
Sich dem Glauben widersetzt
Und das Schlachtschwert auf uns wetzt.

Komm, befrucht’, o goldner Regen,
uns, dein Erb’, die dürre Erd’,
daß wir dir getreu sein mögen
und nicht achten Feu’r und Schwert,
als in Liebe trunken
und in dir versunken.
Mach’ die Kirch’ an Glauben reich
und das End’ dem Anfang gleich.

Andacht zum 15. Dezember, aus: Ludwig Hofacker, Erbauungs- und Gebetsbuch für alle Tage, nebst einem Anhang von besondern Gebeten. Aus den hinterlassenen Handschriften und aus den Predigten des sel. Verfassers. Herausgegeben von G. Klett, Pfarrer in Barmen., Dritter Abdruck, S. 531f. Druck und Verlag von J.F. Steinkopf, Stuttgart, 1879.