Der Kampf Christi mit dem Teufel

Predigt von Georg Conrad Rieger

Am Sonntag Invokavit.

Evangelium: Matthäus 4, 1-11 

1 Da ward Jesus vom Geist in die Wüste geführt, auf daß Er von dem Teufel versucht würde. 2 Und da Er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn 3 Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden. 4 Und Er antwortete und sprach: Es steht geschrieben: “Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht.”
5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels 6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so laß dich hinab; denn es steht geschrieben: Er wird seinen Engeln über dir Befehl tun, und sie werden dich auf Händen tragen, auf daß du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. 7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben: “Du sollst Gott, deinen HERRN, nicht versuchen.”
8 Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit 9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest.  10 Da sprach Jesus zu ihm: Hebe dich weg von mir Satan! , denn es steht geschrieben: “Du sollst anbeten Gott, deinen HERRN, und ihm allein dienen.” 11 Da verließ ihn der Teufel; und siehe, da traten die Engel zu ihm und dienten ihm.

Eingang.

Ich will Feindschaft setzen zwischen dir, du Schlange, und dem Weibe, und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. Dies ist das erste evangelische Wort, so aus dem Mund Gottes gegangen ist (1 Mos. 3, 15). So dunkel es noch war, so viel Trost erblickten doch unsere gefallenen Eltern darin, daß sie nicht von dem Abgrund ihrer Sünden verschlungen wurden; so eingewickelt es war, so umständlich und ausführlich ist es nach und nach von Moses und den Propheten ausgewickelt und ausgebreitet worden. Und endlich, da die Zeit erfüllet war, kam der verheißene Schlangentreter, stellte sich auf den Kampfplatz und fing an, der Schlange, welche ist der Teufel, auf den Kopf zu treten, aber auch ihre Fersenstiche wohl zu empfinden. Die erste Probe dessen ist beschrieben im heutigen Evangelium, und ich will daraus zeigen

Den Kampf Christi mit dem Teufel, wie er sei

  1.  verdienstlich und zu unsrem Besten;
  2.  exemplarisch und zu unsrer Nachfolge.

Teuerster Heiland! Lege uns jetzt recht nahe ans Herz, wie Du für uns arme Erdwürmer wider den Satan, unsern mächtigsten Feind, so ritterlich gekämpft, aber auch so herrlich gesiegt hast. Siehe, dieser doch überwundene Feind lässt noch diese Stunde nicht nach, deinen Erlösten zuzusetzen, dieselben zu versuchen und ihnen einen Fersenstich nach dem andern zu geben; darum so stehe auf in deiner Kraft und beweise deine Macht in uns Schwachen. Lehre doch dein geistliches Israel den Bogen führen, gib Freudigkeit und Stärke, zu stehen in dem Streit, den Satans Reich und Werke uns täglich anerbeut; hilf kämpfen ritterlich, damit wir überwinden, und ja zum Dienst der Sünden kein Mensch ergebe sich. Amen.

Abhandlung.

Es ist eine über alle Maßen wichtige und wunderbare Geschichte im heutigen Evangelium beschrieben. Wenn wir bei derselben ordentlich, evangelisch und nützlich verfahren wollen, müssen wir den Kampf Jesu Christi mit dem Satan recht ansehen lernen. Und zwar als verdienstlich, das ist, für uns, und uns zu gut geschehen. Christus war nur bloß zuvor von Johannes getauft, von Gott, seinem himmlischen Vater mit einer Stimme vom Himmel als sein Sohn erklärt, und als der große Prophet jedermann zu hören angewiesen, mit dem heiligen Geist gesalbt, und also in sein Mittleramt völlig eingeleitet worden. Was Er nun absonderlich von da an tut und leidet, das tut und leidet ER alles als der Mittler zwischen Gott und Menschen, als der Heiland der Welt. Mithin ist auch dieser Kampf, den Er sogleich angetreten, ein verdienstlicher Kampf. Wie Er um unsertwillen geboren, für uns beschnitten, für uns unter das Gesetz getan, getauft, gekreuzigt, getötet worden; ebenso steht Er auch für uns und im Namen meiner und aller Menschen auf dem Kampfplatz, mit der alten Schlange, mit dem roten Drachen (Offenb. 12, 3. 5. 9) , mit dem Gott dieser Welt (2. Kor. 4, 4), mit dem Fürsten in der Luft (Ephes. 2,2. 6, 12), mit dem Teufel, der des Todes Gewalt hatte (Hebr. 2, 14), mit dem starken Gewappneten (Luk. 11, 21), der die Menschen in seinem Reich gefangen hielt, zu streiten (Joh. 12, 31), nicht um den einen oder andern Strich Landes und dergleichen etwas, sondern um die Hauptsache, die mehr als Himmel und Erde betrifft, nämlich um die Herrschaft aller Seelen aller Menschen, ob der Teufel Herr über die Menschen bleiben sollte und könnte in Ewigkeit, oder ob diesem Starken sein Raub wieder genommen, und diesem Riesen (hebräisch: der ein Anrecht hat) seine Gefangenen losgemacht werden könnten (Jes. 49, 25); ob die unsichtbaren und geistlichen Fürstentümer und Gewaltigen ihr Reich behaupten, oder ob sie ausgezogen und zu einem Triumph gemacht werden könnten durch Christum (Kol. 2, 15). Das war die Sache. Um mich und dich war es zu tun, ob ich des Satans bleiben, oder Christi werden sollte. Das war eine Folge der im Paradies gesetzten Feindschaft; da stritt jetzt die Schlange und ihr Same, das ganze teuflische Heer, und des Weibes Same, Christus nämlich, der nicht von Mannsblut noch vom Fleisch (vergl. Joh. 1, 13), allein von dem heiligen Geist (Luk. 1, 35, Matth. 1, 28) worden war ein Mensch, um die Menschen, seine Blutsverwandten und Brüder, herauszureißen von der Obrigkeit der Finsternis und sie zu versetzen in sein Reich. Da galt es, welcher Teil dem andern den Kopf zertreten und seine Macht zerstören würde*). Wer diesen Kampf Christi von dieser Seite ansieht, der wird etwas anderes darin suchen und finden, als nur eine Lehre, wie listig, arg, stolz und mächtig Satanas sei, und wie wir wider ihn kämpfen, und darin Christo nachfolgen müssen. Dies letztere kommt auch nach. Aber das erstere muß vorhergehen. Ich muß wissen, daß dieser Kampf verdienstlich, und eines der schwersten Leiden Christi gewesen sei; wie er denn ausdrücklich zu seinen Leiden gerechnet wird (Hebr. 2, 18). Er hat das Leiden angetreten, da Er versucht wurde. Und wir alle sollen hierbei in einen solchen Ernst unsers Gemüts gesetzt sein, als wenn wir zu derselben Zeit gelebt, und unter Furcht und Hoffnung gewartet hätten, ob der Kampf für uns wohl ausfallen würde. Ja, ich sage nicht zu viel, wenn ich euch ermahne, ihr sollet auch jetzt noch hierbei so aufgeweckt, so ernstlich, so bedächtlich, so bewegt sein, als wüßtet ihr noch nichts von dem siegreichen Ausgang; sondern als ob jetzt erst Jesus Christus hervorträte, und euch als der Schlangentreter zwar vorgestellt würde, aber sich sogleich in die Wüste begäbe , unsern Augen sich entzöge, daß wir 40 Tag und 40 Nächt’ nicht wüßten, wo Er eigentlich wäre, wie es Ihm erginge, ob er lebe oder gestorben wäre, ob Er überwinden oder überwunden werden würde. Wenn einer sich des Worts Gottes, sonderlich was Christum für uns angeht, nicht so annimmt, und sich selbst in eben dieselbigen Umstände seht, die beschrieben werden, so bleibt ihm das meiste und beste in der Nutzanwendung zurück; die wichtigste Sache regt ihn nicht an; es bleibt bei müßigen Gedanken. Aber laßt uns hierbei so gemeinschaftlich mit anstehen, wie Israel, da David im Namen des Volks mit Goliath streiten sollte unter der Bedingung (1 Sam. 17, 9): würde David den Goliath schlagen, so sollten die Philister Israels Knechte sein ; würde aber Goliath wider den David vermögen und ihn schlagen, so sollten die Kinder Israel der Philister Knechte sein und ihnen dienen. Das sei überhaupt davon geredet, daß dieser Kampf Christi sei verdienstlich gewesen. Aber nun muß ich von dieser großen Sache etwas deutlicher reden. Wenn ich verdienstlich sage, so gebe ich zwei Wohltaten zu erkennen, die darin liegen. Erstlich, daß Christus etwas gebüßt, darnach daß Er etwas erworben habe. Dies ist wohl zu wissen und zu behalten. Denn man redet so oft von Christi Verdienst. Allemal aber sind diese zwei Stücke eingeschlossen, und also auch hier beim verdienstlichen Kampf Christi. Mit diesem Kampf hat Christus etwas gebüßt. Und was denn? Was anderes, als unsere Sünden und derselben Strafen; unsere Sünden teils überhaupt, teils insbesondere. Ueberhaupt. Was hätte der Teufel für Recht gehabt an den Sohn Gottes? Wie hätte er Ihn können oder dürfen mit seinen Versuchungen anfallen und so und so mißhandeln? An sich selbst so wenig, als Gott, den himmlischen Vater. Aber weil Er ein Mittler des menschlichen Geschlechts war, weil Er unsere Sünden auf sich genommen, und in der Gestalt des sündlichen Fleisches, als wäre Er auch ein Sünder, erschienen war, weil Er in unsrem Namen da stand und dem Teufel den Dienst aufkündigte und sagte: Satan, ob du gleich die Menschen in Sünden gestürzt, und insofern ein Recht und Macht über sie erlangt hast, so sollen sie doch nicht in deinem Reich bleiben, sondern wieder frei werden von deinem Joch, und dazu will Ich ihnen helfen : Mein Vater, der dein Herr ist , hat mir Macht gegeben über alles Fleisch; willst du sie nicht mit Willen lassen, so mußt du sie mit Gewalt doch loslassen. Ich bin der Sohn Gottes und dazu erschienen, daß Ich die Werke des Teufels zerstöre. Glaubst du es nicht, so komm her; wir wollen uns gegen einander versuchen (1. Joh. 3, 8). Da machte sich Satanas auf und wehrte sich um sein Reich. Auf dies war es abgesehen.

Aber, o ihr Lieben, welch eine Verschuldung, welch ein Abgrund, welch ein Übel muß es um die Sünde sein! Was für eine Macht und Gewalt muß sie dem Teufel gegeben haben über uns! Wie entsetzlich muß sich Satanas verschanzt haben in sein Reich, das in der Sünde besteht, daß er nicht anders, als auf die Weise, wie sie erstaunlich im heutigen Evangelium beschrieben ist, hat können angegriffen, locker gemacht und dem Anfang nach hinausgeworfen werden! Seht, man muß diese ganze Sache gerichtlich ansehen. Gott war nicht schuld daran, daß die Menschen sich dem Satan verkauft hatten; vielmehr hatte seine Gerechtigkeit geurteilt, daß, welchem man dient, dessen Knecht soll man sein (Rom. 6, 16); darum mußte Christus zuvörderst der Gerechtigkeit Gottes mitbeten, sich demütigen, fasten, ein Genüge tun, und alsdann dem Teufel auf den Leib gehen; unsere Sünden mußten versühnt werden, damit der Teufel nicht immer darin nisten und als in seinem Element herrschen könnte. Aber wie tief, wie hoch, wie schwer, wie sauer ist diese Zerstörung des höllischen Raubschlosses hergegangen ! Was muß es doch für ein Greuel um die Sünde sein, daß der Sohn Gottes ihretwegen in eine so gar tiefe Erniedrigung hat hineingehen müssen ; daß Er als jener Sündenbock aus der Gemeinde Israel hinausgestoßen , in die Wüste getrieben (3. Mos. 16, 10) und dem Teufel übergeben worden; daß er beides, von Gott und den Engeln, verlassen worden, welch letztere Zuschauer, nicht Helfer seiner Schlachten waren, denn sie treten erst zu Ihm, da der Satan gewichen war; daß Er 40 Tag und 40 Nacht von dem Satan versucht worden ist, wie Lukas (4, 2) ausdrücklich meldet, und hernach erst die drei besonderen Versuchungen als die letzten erzählt. Es ist daraus zu schließen, daß in denselben 40 Tagen und Nächten alle Teufel aus der Hölle sich auf dem Kampfplatz versammelt und all ihre Kräfte wider Christum vereinigt haben; zuletzt aber habe der Fürst und Oberste der Teufel, der listigste, mächtigste und unverschämteste drei Gänge mit Ihm getan. Denke aber doch ein jedes nach (ich bitte alle), was dieses für ein Kampf Christi müsse gewesen sein, da Er 40 Tag und Nacht vom höllischen Heer ist versucht worden; da ein Mensch fast sieben Wochen Tag und Nacht mit den Fürsten und Gewaltigen, mit den Herren der Welt, die in der Finsternis dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel (Eph. 6, 12) hat zu streiten gehabt! Da jetzt ein Schwärm, dort ein Schwärm auf Ihn zu gelaufen; da der eine Haufe Teufel das von Ihm, der andere etwas anderes begehrt und gefragt; da der eine mit Worten gestritten, der andere ein Zeichen haben wollte; da allerhand gräßliche Gespenster, Larven und Gestalten vor Ihm geschwebt (wie kann oft ein einziges Gespenst einen erschrecken! Denn es ist nicht lauter Einbildung, was von den Gespenstern gesagt wird); da ein anderer Teufel die wilden Tiere auf Ihn anhetzte , wie aus Mark. 1, 13 zu schließen; da die eine Schar Teufel Ihn dahin, die andere dorthin schleppte und zerrte; da Er unter den Händen dieser Bösewichter, unter ihrem Hohn und Spott, unter ihrem tausendfachen Mutwillen und gleichsam unter ihren Füßen und Fersenstichen weder Tag noch Nacht Ruhe hatte; da dieser verfluchte Geist Christum, der sein Herr ist, an seinem Leibe anpacken, aufheben, wegführen, auf die höchste Spitze stellen durfte! Wo ist eine solche Geschichte je gehört worden zu allen Zeiten? Welcher Redner kann dieses aussprechen, wer kann es nur mit seinen Gedanken erreichen? Gewiß, es überwiegt dieses allen menschlichen Verstand. Hat sich vorher der Himmel über Jesum aufgetan, als wenn er sich auf die Erde senken wollte, so tat sich hier die Hölle auf mit ihren Kräften, mit ihren Bächen Belials (Ps. 18, 5).

Ach, es lerne denn hieran jedermann die Sünde in ihren Greueln und Strafen erkennen! Sollte die Sünde eine geringe Sache, ein schlechter Fehler sein, sollte man so bald mit fertig werden können, sollte es um einige erpreßte Seufzer zu tun sein, sollte der Satan so geschwind abgewiesen werden können? Siehst du nicht, was es deinen Mittler gekostet, wie sich die Teufel zusammen um die Menschen wehren, wie sie ihren Palast suchen zu bewahren, und als höllische Pharaone nicht eine Klaue ziehen lassen wollen ! Wenn du hättest müssen so streiten, wenn du nur einen, und zwar den geringsten Teufel hättest müssen vor dich nehmen, wenn du dich hättest müssen durchschlagen und entkommen: wie wäre es dir ergangen, würdest du wohl los worden sein? Nicht ein einziges solches böse Stündlein würdest du haben aushalten können. Ach, würdest du nicht ein ewiger Sklave des Teufels haben bleiben müssen! Siehe nun aber, was du nicht konntest, das hat Christus übernommen. Der hat nicht nur mit einem Teufel, sondern mit des Satans ganzem Heer angebunden, der hat unsägliche Faustschläge erlitten! Das erkenne doch fein! Verwundere dich über den Abgrund, der sich hier auftut, da Gott sich gleichsam verleugnen und seinen Sohn , an dem Er sein einiges Wohlgefallen hatte, so in die Hölle unter die Teufel hat hineinführen und so lange Zeit stecken lassen können! Verwundere dich über die Macht der Liebe in Christo , der ja in Wahrheit sagen konnte: und wenn die Welt voll Teufel war, oder so viel als Steine in jener großen und ungeheuren Wüste wären, und wollten alle diese Seelen verschlungen behalten, so fürchte Ich mich doch nicht so sehr, sondern Ich will mitten unter sie hineinspringen und die Seelen aus ihren Rachen und Klauen herausführen, erretten und in die Freiheit setzen , es koste was es wolle. Dies laß mir einen treuen Hirten sein (Joh. 10, 12)! Sollte ich dieses insbesondere ausführen dürfen oder können, so wäre jetzt zu sagen, wie der Sohn Gottes, unser Mittler und Heiland, hier besonders gebüßt habe den Fall unsrer ersten Eltern. Adam stand im Namen des ganzen menschlichen Geschlechts zur Probe da und ließ sich überwinden. Christus, der andere Adam, auch wieder; aber Er hat überwunden. Die Abfälligkeit Adams im lieblichen Paradies mußte Christus in einer ungeheuren Wüste, die Nascherei der Eva mit fasten und mangeln 40 Tag und Nacht büßen; Adam war Gottes Sohn, und wollte gar Gott gleich sein; Jesus war wahrhaftig Gottes Sohn und durfte es für keinen Raub halten, Gott gleich sein (Phil. 2, 6) ; und er mußte ein Wurm, ein Fußhader des Teufels werden, der zweimal seine Kindschaft Gottes aufs empfindlichste angriff. Gott hatte den ersten Eltern deutlich geboten: ihr sollt nicht essen von dem Baum des Erkenntnis Gutes und Böses; aber sie ließen sich dieses Wort zweifelhaftig machen und endlich gar nehmen durch des Teufels Fragen: ja, sollte Gott gesagt haben, ihr sollt nicht essen von allerlei Bäumen im Garten? Habt ihr’s gewiß gehört? Verstehet ihr’s auch recht? Es wird etwa nicht so gemeint sein (1. Mos. 2, 17. 3, 1)! Der himmlische Vater hatte über Christum vom Himmel gerufen: dies ist mein lieber Sohn, an welchem Ich Wohlgefallen habe (Matth. 3, 17); dies wollte der Arge Ihm zweimal streitig machen: bist Du Gottes Sohn , so sprich , daß diese Steine Brot werden; und abermal: bist Du Gottes Sohn, so laß Dich hinab, denn es steht geschrieben: Er wird seinen Engeln über Dir Befehl thun , und sie werden Dich auf den Händen tragen, auf daß Du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Aber Du kannst ja kein Brot machen; Du getraust Dir ja keinen Luftsprung zu tun; darum bist Du nicht Gottes Sohn ; darum muß Dich jene Stimme nichts angehen; darum verlaß Dich nur nicht auf dieses Blendwerk; bilde Dir nichts darauf ein. Laß Dich keine falsche Meinung betören! Endlich hat der Herr in diesem seinem Kampf auch gebüßt etliche besondere Sünden der Menschen. Da der Versucher zu Ihm trat und sprach: mach diese Steine zu Brot, und Ihn damit zur Sünde reizen wollte, hat er gebüßt die Sünde des Unglaubens, des Mißtrauens, der Bauch- und Nahrungssorge, des Abfalls, der Fresserei und Leckerei. Da Ihn der Teufel auf die Zinne des Tempels gestellt und zu Ihm gesagt: bist Du Gottes Sohn, so laß Dich hinab, hat Er gebüßt die Sünden der Vermessenheit, der Überschreitung des Berufs, der Ehrbegierde, des Prangens und Ruhmsucht, der geistlichen und weltlichen Höhen, des eiteln Vertrauens, Gott zu versuchen, sich selber zu schaden, in Lebensgefahr sich zu begeben, und dergleichen. Da Ihn der Teufel auf den hohen Berg führte und Ihm zeigte alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit, und zu Ihm sprach: dies alles will ich Dir geben, so Du niederfällst und mich anbetest; hat der Herr gebüßt die Sünden des Geizes, der Herrschsucht, der Liebe der Welt und ihrer Herrlichkeit, der Begierde nach Überfluß, der unterlassenen Anbetung Gottes, der Verleugnung des Taufbundes, der Abgötterei, des Bundes mit dem Teufel. Hat Christus uns auch etwas erworben: unsere Kindschaft bei Gott und derselben Befestigung, Beistand in allen Nöten, die lieblichsten Tröstungen aus seiner Gemeinschaft, Gesellschaft und Dienst der heiligen Engel, das Recht zum Gebrauch der Kreaturen. Erworben hat Er uns Freiheit von dem Satan, daß der weder Recht noch Macht mehr an uns , unsern Leib und unsere Seele haben soll, Vergebung aller unsrer, auch der gröbsten und abscheulich- sten Sünden, Sieg und Kraft, des Satans Anläufen zu widerstehen und überall zu überwinden, und unerschöpflichen Trost in allen unsern Anfechtungen, leiblichen und geistlichen, heimlichen und öffentlichen Leiden. Denn es hat der heilige Geist nicht alle Versuchungen die 40 Tage und Nächte über beschreiben lassen, nicht nur weil wir die entsetzlichen Tiefen der höllischen Bosheit, und die unbegreifliche Erniedrigung Christi dabei nicht wohl fassen könnten; sondern absonderlich auch zum Trost betrübter und angefochtener Seelen, daß der Heiland auch die Leiden, die sich nach ihrer Meinung nicht wohl sagen lassen, gefühlt, versühnt, und Kraft, auch solche verborgene Greuel zu überwinden, erworben habe. Denn daß Christus gelitten hat und versucht ist, darin kann Er helfen denen die versucht werden. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte Mitleiden haben mit unsrer Schwachheit, sondern der versucht ist allenthalben, gleichwie wir, doch ohne Sünde (Hebr. 2, 18. 4, 15. 16); darum wir auch mit Freudigkeit zu diesem Gnadenstuhl hinzutreten mögen. Sonderlich ist dieses die rechte Trostquelle für alle, die des Satans feurige Pfeile in bösen, schändlichen und gotteslästerlichen Gedanken leiden müssen. Wie der Herr Jesus dergleichen Zumutungen: Er, der anbetungswürdigste Gott, soll niederfallen, den verdammtesten Geist anbeten, Gott versuchen, ja sich selbst verleugnen, hat leiden müssen, doch ohne Schaden und Nachteil seiner Heiligkeit, so werde der treue Gott dergleichen giftige Pfeile, welche der Satan wider unsern Willen in uns schießt, nicht zu unsrem Schaden und Verderben gereichen, noch uns versucht werden lassen über unser Vermögen, sondern machen, daß auch solche Versuchungen ein Ende gewinnen , daß wir’s können ertragen (1 Kor. 10, 13). Und da wäre nun eine nötige und selten vorkommende Erklärung zu geben gewesen, wie doch diese Versuchungen Christi eigentlich zu verstehen seien? Ob denn Satanas Christo habe können böse Gedanken beibringen, welches wider Christi Heiligkeit liefe? Und wenn der Satan Christo keine böse Gedanken und Reizungen hat beibringen können, wie denn dieses heißen könne, versucht werden? Wie man so viel aus den Versuchungen Christi machen könne? Was ein armes Gewissen denn für Trost davon habe, wenn Christus ohne Sünde ist versucht worden? Wie kann Er denn mit mir recht Mitleiden haben, da Er um die ärgste Versuchung, die mich am meisten quält, nichts weiß? Hier wäre zu zeigen, daß man der Sache weder zu viel noch zu wenig tun müsse, wie von manchen geschieht; wie der Versucher Christo wahrhaftige Eindrücke in seine Sinnen, Verstand und Willen gemacht, und durch seine Worte Vorstellungen in Christi Seele hervorgebracht habe, die aber, weil kein Zunder der Sünde in Christo war, nicht haben fahen [ergreifen, festhalten] oder sich sündlich mit seiner Seele vereinigen können. Denn auf diese Weise hatte der Fürst der Welt nichts an Ihm (Joh. 14, 30). Er konnte nicht nur die Sünde nicht tun , sondern auch nicht einmal einstimmen. Daher dergleichen Eindrücke des Satans wie ein feuriger Pfeil im starken Wasser alsogleich abgelöscht worden sind. Inzwischen waren sie doch nicht gering oder ohne Gefühl bei Christo. Sie sind nicht gewesen, als wenn etwa eine Kugel vor unsern Ohren vorbeipfeift, oder wenn eine Gans zischt, oder ein Hündlein bellt; o nein, sie sind wahrhaftig feurige Pfeile gewesen, die Ihm Mark und Bein entzweischnitten und ein Mord in seiner Seele gewesen sind; sie sind Ihm bis in das Herz gedrungen, sie haben sein zartes Gemüt sehr gekränkt und Ihm aufs schmerzlichste wehgetan. Er war da als ein wahrhaftiger Mensch, und zumal als ein schwacher Mensch, der sich seiner göttlichen Gestalt ausgeleert hatte, seiner Gottheit nicht weiter, als was die äußerste Not erforderte, gebrauchte, und sich deswegen, wie wir müssen, auch erwehren mußte, nämlich allein mit Gottes Wort. Und also kann Er freilich Mitleiden haben mit unserer Schwachheit, weil Er versucht ist allenthalben, wie wir (Hebr. 4, 15).

Führ’ uns, HErr, in Versuchung nicht,

Wenn uns der böse Geist anficht;

Zur linken und zur rechten Hand

Hilf uns thun starken Widerstand,

Im Glauben fest und wohlgerüst,

Und durch des Heilgen Geistes Trost!  Amen.

Quelle: Herzens-Postille zur Fortpflanzung des wahren Christenthums, im Glauben und Leben über alle Fest-, Sonn- und Feiertags-Evangelien gerichtete Predigten von Georg Conrad Rieger (1687-1743), weiland Specialsuperintendent und Hospitalprediger in Stuttgart, Erster Band, Verlag der Evangelischen Bücherstiftung, Stuttgart 1853.