Herr, wie du willst, so schick’s mit mir (EG 367)

1) Herr, wie du willst, so schick’s mit mir,
im Leben und im Sterben;
allein zu dir steht mein Begier,
laß mich Herr, nicht verderben;
erhalt‘ mich nur in deiner Huld,
sonst wie du willst, gib mir Geduld,
denn dein Will ist der beste.

2) Zucht, Ehr und Treu verleih mir, Herr,
und Lieb zu deinem Worte;
behüt‘ mich, Herr, vor falscher Lehr,
und gib mir hier und dorte,
was dient zu meiner Seligkeit;
wend‘ ab all Ungerechtigkeit
in meinem ganzen Leben.

3) Soll ich einmal nach deinem Rat
von dieser Welt abscheiden,
verleih, o Herr, mir deine Gnad,
daß es gescheh mit Freuden;
mein‘ Leib und Seel befehl ich dir,
o Herr, ein selig End gib mir,
durch Jesum Christum, Amen.

Text: (1574) 1582, Kaspar Bienemann (1540-1591)
Melodie: Aus tiefer Not schrei ich zu Dir

Quelle: Evang.-Lutherisches Gesangbuch #637

Geschichte(n) zum Lied „Herr wie du willt, so schicks mit mir“

Von Dr. Caspar Bienemann (Melissander, 1540-1591, vgl. 2, 248ff), als er noch Hofmeister und Erzieher der Kinder des Herzogs Johann Wilhelm von Sachsen-Weimar war, 1574 bei herannahender Seuche gedichtet und erschienen im Betbüchlein Leipzig 1582 mit der Angabe unter dem Text „C. Meliss. D. 1574“ und der Überschrift „Reimspruch Vnd tegliches Gebet der Durchleuchtigen Vnd Hochgebornen Fürstin vnd Frewlin, Frewlin MARIA, geborne Hertzogin zu Sachsen, Landgreuin in Düringen vnd Marggreuin zu Meißen, Herr Wie Du Wilt“.

Seine Schülerin, die Prinzessin Maria, gestorben als Äbtissin zu Quedlinburg in Halle auf einer Reise nach Dresden, lernte dieses Lied als Gebet von ihrem Lehrer im Alter von drei Jahren und erwählte sich später aus Liebe dazu die ersten Worte: Herr Wie Du Willt (H.W.D.W.) zu ihrem Symbolum, das sie in Stammbücher einschrieb und auf Münzen prägen ließ. Es war ihr zu lieb gedichtet und trägt als Akrostichon auch noch etwas von ihrem Namen an sich. Die Anfänge der drei Verse „H.Z.S.“ werden nach Wackernagels Vermutung wohl „Herzogin zu Sachsen“ bedeuten. Es ist für sie als Kind gewesen und taugt für die Alten erst recht. Hatte ja doch auch einst Lenchen Luther gesagt: Ja, herzer Vater, wie Gott will! Ihr nach hat Ludämilie Elisabet Gräfin zu Schwarzburg-Rudolstadt in einem Liede „Jesus, Jesus, nichts als Jesus“, den Beschluß jeden Verses gemacht mit dem Wort: Herr, wie du willt, und ihre Freundin Ämilie Juliane bittet im Liede „Wer weiß wie nahe mir mein Ende“ unter anderem: Laß mich bei Zeit mein Haus bestellen, daß ich bereit sei für und für und sage frisch in allen Fällen: Herr, wie du willt, so schick’s mit mir.

Der alte Hymnologe Diakonus Wezel in Römhild gebrauchte es als sein tägliches Morgen- und Abendgebet, und Frau Dorothea von Bünau, geborene v. Werder pflegte es ihren „güldenen Spruch“ zu nennen. Vers 1 ist also ein Klang, der tiefen Widerhall gefunden:

Herr wie du willt, so schicks mit mir / im Leben und im Sterben / Allein zu dir steht mein Begier / laß mich, Herr nicht verderben / Erhalt mich nur in deiner Huld / sonst wie du willt / Gib mir Geduld, denn dein Will ist der beste.

Ein christlicher Bauersmann zu Altenmörbitz in Sachsen-Altenburg in der Gemeinde von Gabriel Wimmer hatte 1725 einer Tochter die Hochzeit gerüstet. Als nun das letzte Mahl vollbracht war und ein Lied gesungen werden sollte, wollte er kein anderes als dieses Lied haben. Er fühlte sich bereits nicht wohl. Den Tag hernach legte er sich auf das Siechbett, auf welchem er nach kurzer Zeit gestärkt und gekräftigt durch unser Lied sein Leben beschloß (Wimmer, Liedererklärung, 3.).

Als der Hofprediger Dr. Johann Öchslin zu Stuttgart am 15. Oktober 1738 seinen letzten Lebenstag hereinbrechen sah, führte er noch mit seiner Frau über dieses Lied ein gottseliges Gespräch. Überdem trat sein Beichtvater, der würdige Stadtpfarrer an St. Leonhard, Georg Conrad Rieger, herein und nahm davon Anlaß, mit ihm vom Gang zum Sterben und von der so nötigen Hoffnung des ewigen Lebens zu reden. Auf die Frage Riegers: Nun, mein lieber Herr Prälat, Er weiß also, an welchen Er glaubt und wem Er sich anvertrauet, nämlich Seinem Jesu, dem einigen Heiland welchen Er andern gepredigt und so lieblich angepriesen, auf welchen Er so viele Sterbende gewiesen, den hat Er letzt nun selbst auch zu Seinem Heiland, antwortete Öchslin mit großer Freudigkeit und Gewißheit: „O ja, einen concentrirten Heiland habe ich, Alles was an dem ganzen Heiland heilswürdig ist, das habe ich an ihm zusammen. Der muß ja recht geizig sein, der nicht genug hat, wenn er alles hat. In Christo finden wir alles. Er kann mich aller seiner Herrlichkeit teilhaftig machen.“

Johann Friedrich Roser war 1753 Pfarrer in Dettingen unter Urach geworden, zur Freude aller Gutgesinnten in der Gemeinde. Im Jahr 1755 hatte er der frühzeitig verstorbenen Tochter seines Nachbars, des Pfarrers in Neuhausen, die Leichenpredigt zu halten. Er tat dies mit kräftigen Worten und wandte sich zuletzt an die umherstehenden Amtsbrüder, unter welchen ein ziemlich bejahrter Pfarrer sich befand: „An wem von uns wird nun zuerst die Reihe sein, ihr nachzufolgen?“ Dem Scheine nach an dem Ältesten, aber vielleicht an mir als dem Jüngsten. Darauf ermunterte er, das Lied anzustimmen: „Herr wie du willst, so schicks mit mir im Leben und im Sterben“ und schloß mit den Worten: „Wir wollen uns bereit halten, wir werden zu rechter Zeit nicht zu bald und nicht zu spät heimgehen dürfen.“ Bald darauf erkrankte er, und wiewohl nicht nur die Alten, sondern auch die Kinder um seine Erhaltung sehnlich flehten, nahm ihn der Herr aus diesem Leben weg (Christenbote, 1872).

Ein Vater hatte den Schmerz, mehrere innig geliebte Kinder nach langen schweren Leiden durch den Tod zu verlieren. Dieser Schmerz und die Unruhen und Nachtwachen der vorangehenden leidensvollen Tage hatten seine Lebenskraft gebrochen. Ein schleichendes Fieber durchrieselte seine Glieder und führte ihn an den Rand des Grabes. Da wollte es ihm doch schwer dünken, eine geliebte Gattin, teure Kinder und das Leben zu lassen. In den langen, schlaflosen Nächten ward von ihm mancher Gcbetskampf durchgekämpft. Endlich fand seine ringende Seele in dem ersten Vers dieses Liedes Ruhe. Es war das Isaaksopfer der Ergebung in Gottes Willen von ihm gebracht, und Ruhe gefunden für seine Seele. Und siehe da, von Stund an ward es auch leiblich besser mit ihm (Vergleiche S. 269) ( Pilger aus Sachsen, 1847).

Der zweite Vers blickt ins tägliche Leben hinein:

Zucht Ehr und Treu verleih mir, Herr / und Lieb zu deinem Worte / Behüt mich Herr vor falscher Lehr / und gib mir hier und dorte / Was mir dienet zur Seligkeit /wend ab all Ungerechtigkeit / in meinem ganzen Leben

Ein frommer Prediger in Thüringen hatte einen gottlosen Knecht, der mutete einmal der Magd im Stalle unfeine Dinge zu, und sie wußte sich desselben kaum zu erwehren. In demselben Augenblicke aber sang der Pfarrer dieses Lied mit den Seinigcn, daß man es im Stalle hören konnte. Als es nun an die Worte kam: Zucht, Ehr und Treu verleih mir Herr, da fing die Magd an: Ei hört doch, hört doch was der Pfarrer unser Herr jetzt singt. Pfui, schämt euch und laßt mich mit Frieden! So ward ihr dies Lied ein Schild gegen die Pfeile des Bösewichts in der Stunde der Versuchung. (Seiffart, deliciae melicae 1704.)

Der dritte Vers, dessen Echo wir bei Paulus Gerhardt finden: „Wenn ich einmal soll scheiden“ hat den Stiftsprediger Matthäus Esenwein zu Stuttgart, welcher am Samstag vor Ostern 1714 vom Schlag betroffen wurde, in seinen letzten Stunden noch erquickt. Er fühlte sich morgens noch ganz wohl, wurde aber von manchen Leuten ziemlich überlaufen. Zu einer armen Frau sagte er noch: Betet fleißig für mich, ich will auch für euch beten. Sodann ging er in seine Studierstube, um sich auf die Predigt des kommenden Tags vorzubereiten. Nach einiger Zeit überfiel seine Frau eine unbeschreibliche Angst, sie lief zur Studierstube und fand ihren Mann sprachlos auf den Knieen liegen. Mit der einen Hand stützte er den Kopf, in der andern hielt er sein Predigtkonzept, und vermochte ihr keine deutliche Antwort mehr zu geben. Jetzt rief sie:

Soll ich einmal nach deinem Rat von dieser Welt abscheiden / Verleih mir Herr nur deine Gnad / daß es gescheh mit Freuden / Mein Leib und Seel befehl ich dir / o Herr ein seligs End gib mir / durch Jesum Christum. Amen.

Und als sie ihn fragte, ob er das verstanden und bereit sei, mit Freudigkeit abzuscheiden, beantwortete er solches mit einem vernehmlichen „Ja“. Und ist also der treue Diener Gottes im Frieden gefahren. (Pregitzer, gottgeheiligte Poesieen, 1721.)

Melodie „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“: g  fis  g  a  a  g  a  h ; eine andere:  es  es  f   g   b  c  d  es , ist ebenfalls vor dem Lied entstanden, etwa ums Jahr 1560. Im Gothaer Cantional 1646 findet sich eine Melodie im Drittelstakt von Bartholomäus Helder:  d  d  d  g  g  a  h  c  h .

Quelle: Die Kernlieder unserer Kirche im Schmuck ihrer Geschichte. Begründet in erster und zweiter Auflage von † Eduard Emil Koch. Umgearbeitet und vermehrt in dritter Auflage von Richard Lauxmann, Diakonus an der Stiftskirche in Stuttgart (Stuttgart, 1876)