Es muß ja durchgestritten

Es muß ja durchgestritten
Und durchgerungen sein,
Geduldet und gelitten
Bis zu der letzten Pein.

Es strömt aus tausend Wunden
Mir Blut und Leben hin
In diesen bängsten Stunden,
Und irre schwankt mein Sinn.

Es zuckt das Herz zusammen
In seines Schöpfers Hand,
Es wühlt in Glut und Flammen
Der ungeheure Brand.

O Herr erbarm, erbarme
Dich mein in dieser Not,
Es hält mit eisgem Arme,
Umschlungen mich der Tod!

Soll ich denn gar vergeben,
Versinken in ein Nichts?
Hast du von deinen Höhen
Nicht Einen Strahl des Lichts?

Ein Blick des Kreuzesfürsten
Fällt in die dunkle Nacht,
Und meinem heißen Dürsten
Ist schnell ein End gemacht.

Hat er nicht Alles, Alles
Erduldet mehr als du,
Für dich, den Sohn des Falles
Und deine Herzensruh.

Er selbst, der Herr des Lebens,
Der nur mit Willen starb?
Machst du sein Werk vergebens,
Der rettet, was verdarb?

Text: Albert Zeller

aus: Albert Zeller, Lieder des Leids (Druck und Verlag von Georg Reimer, Berlin 1865)