Psalm 89, 30-32

Wo aber seine Kinder mein Gesetz verlassen und in meinen Rechten nicht wandeln, so sie meine Ordnungen entheiligen und meine Gebote nicht halten, so will ich ihre Sünde mit der Rute heimsuchen und ihre Missetat mit Plagen; (Psalm 89, 30-32)

Was bedeutet das? Wenn Seine Kinder sündigen und darum mit der Rute und mit Plagen heimgesucht werden, soll die Gnade doch nicht von Ihm gewendet werden. Man muß dies aus dem Zusammenhang sehen. Die unserem Text unmittelbar vorangehenden Worte lauten: „Ich will Ihm (dem ‚ersten Sohne‘) ewiglich behalten Meine Gnade, und Mein Bund soll Ihm fest bleiben. Ich will Ihm ewiglich Samen geben und Seinen Thron erhalten“, solange der Himmel währt. Darauf folgt dann: „Wo aber Seine Kinder Mein Gesetz verlassen“ usw. Wir fragen nun, wie die dem Sohn versprochene Gnade in Frage gestellt werden kann, wenn Seine Kinder sündigen? Antwort: Es war eine Gnade für die Kinder, aber sie war vom Sohne ausbedungen. Es war eine Gnade für die Kinder, aber der Bund oder der Vertrag über diese Gnade war mit „dem ersten Sohne“ geschlossen. Er ist unser Herr und Bürge, unser Mittler und Fürsprecher bei dem Vater. Er hat sich für uns ins Mittel gelegt. Er hat die Schuld bezahlt und die Gerechtigkeit befriedigt. Darum soll die Gnade um Seinetwillen unerschütterlich und ewig sein, auch wenn die Kinder sündigen.

Aber beachte! Es heißt „Seine Kinder“, d. h. diejenigen, die Ihm ergeben sind, die an Ihn glauben und durch den Glauben „um Ihn sind“, durch den Glauben Ihm wie ein Kind seiner Mutter anhangen, um in Seiner Gerechtigkeit ihren Schutz, ihren Trost und ihre Gerechtigkeit zu haben. Sie haben auch ein kindliches Vertrauen zu Ihm, wollen nicht von Ihm weggehen, bereuen ihre Sünden vor Ihm und wollten gern, daß sie nicht geschehen wären. Sie sind Seine Kinder, aber auch sie können zuweilen so gräßlich fallen und sich versündigen, wie hier steht, daß sie „Sein Gesetz (für den Augenblick) verlassen und Seine Gebote nicht halten“. Was tut Er mit ihnen? Er sagt: „Dann will ich ihre Sünde mit der Rute heimsuchen und ihre Missetat mit Plagen, die Gnade aber nicht von ihnen nehmen“; denn das wäre, Meine Gnade von Ihm zu wenden, der sie erkauft und ausbedungen hat!“ Luther sagt: „Wenn Gott mir zu zürnen scheint, als wollte Er mich verwerfen, dann will ich antworten: Heiliger Vater, ehe Du mich verwirfst, mußt Du erst Deinen geliebten Sohn, Jesus Christus, verwerfen; denn Er ist mein Bürge, mein Fürsprecher, ja, mein Lösegeld. Gilt Er vor Dir, dann muß auch ich frei und behalten sein„.

Anwendung: Du, der du zwar zu Jesus gekommen bist und angefangen hast, an Ihn zu glauben, der du gern Sein rechtschaffenes Kind sein möchtest, nun aber zuweilen so sündig bist oder so schwer fällst und dich vergehst, daß dir scheint, Gott müsse dich unbedingt in einen verkehrten Sinn dahingeben, entsinne dich dessen, was Er dir wegen deiner Sünde tun will, nämlich, sie mit der Rute und mit Plagen heimsuchen, zuerst inwendig im Gewissen, solange dies zu deiner Züchtigung genügt, sodann aber auch äußerlich durch Trübsale in mancherlei Anfechtungen, wo es sein soll. Er will deine Sünden mit der Rute und mit Plagen heimsuchen, Seine Gnade aber will Er nicht umstoßen, denn wegen der Gnade hat Er mit dem Sohn zu handeln. Über die Gnade redet Er nicht mit dir, sondern mit dem, der sie erworben hat und der dein Mittler, Fürsprecher und Bürge ist. Die Gnade ruht auf einem anderen Grund als auf deiner Frömmigkeit und kann darum nicht durch deine Sünden umgestoßen werden, denn dann wäre es keine Gnade.

Und wenn du die Wahrheit Seiner Drohungen erfährst, mußt du ebenso gewiß die Wahrheit Seiner Verheißung einer ewigen Gnade glauben. Du sollst, wenn du gesündigt hast und Er dich darauf mit der Rute und mit Plagen heimsucht, Ihn nicht mißverstehen und meinen, daß Er dir zürne. Er hat es dir ja zuvor gesagt, daß Er deine Sünden mit der Rute und deine Missetat mit Plagen heimsuchen werde, ohne dir zu zürnen. Du mußt es als eine zwischen dir und Ihm ausgemachte Sache wissen, daß sich sowohl Sünden als auch Plagen einfinden werden, daß die Gnade aber dennoch ewig fest bleiben wird. Wenn du darum sündig und geplagt bist, durchdringe das schwarze Gewölk und sprich immer noch zuversichtlich: „Frommer Gott, auch wenn Du Dich noch zorniger stellst und mich noch ärger und anhaltender stäupst, will ich Dich niemals mißverstehen. Du hast zuvor gesagt, daß Du die Sünde mit der Rute und mit Plagen heimsuchen willst, den Gnadenbund aber nicht umstoßen werdest. Darum will ich gern leiden.“ – Das wäre ein schöner, christlicher Glaube, das wäre eine schöne, christliche Erfahrung.

Wer die väterliche Züchtigung wegen der Sünde, die innere Rute, die Plagen, die Furcht und Beängstigung nicht erfährt, sondern während ganzer Tage und Wochen ohne Beschwerden und Leiden von der Sünde oder auch sicher und frei in der einen oder anderen bewußten Fleischlichkeit dahinlebt, der ist gewißlich ein Bastard und kein Kind, der ist eine törichte Jungfrau mit einer leeren Lampe. Hier ist also von den Kindern die Rede, denen es oft schwer wird zu glauben, von Kindern, die schwache, gebrechliche und furchtsame Herzen haben, die aber in Christus ihren Schutz, ihre Gerechtigkeit suchen. Sie sollen wissen, daß sie trotz all ihrer Gebrechlichkeit in der Gnade stehen, solange ihr Mittler in Gnaden steht, solange also ihr Lösegeld – eine beständige, eine immerwährende, ja, ewige Gnade – gültig ist.

Herr Jesu Christ! Du kennest wohl Der Schultern schwach Vermögen; Du weißt schon, was ich tragen soll, Und was Du auferlegen sollst. Ich halte mich zu Dir, Dein Will‘ gescheh an mir, Dein Will‘, an dem mein Wollen hängt, Und der mir Fried‘ und Freude schenkt.

(Carl Olof Rosenius)


Eingestellt am 7. Januar 2024