Jesaja 26, 9

Mit meiner Seele verlangte ich nach dir in der Nacht; ja, mit meinem Geiste in meinem Innern suchte ich dich früh; denn wenn deine Gerichte die Erde treffen, so lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit.

Ein Mann in Herzensunruhe! In der Nacht hat sie ihn überfallen „wie ein Gewappneter”. Aber — dieser Mann kann beten. Es ist das Schreckliche in unseren Tagen, daß die Menschen in ihrer Herzensunruhe die Fähigkeit zum Beten verloren haben. Es ist eigentlich alles schon gut und uns geholfen, wenn wir beten können. Als man in der Schweiz den Gotthard-Tunnel baute, fing man gleichzeitig im Süden und Norden an, die Stollen vorzutreiben. Als sie sich einander näherten, vernahm man in dem einen Stollen die dumpfen Sprengungen des anderen. Auch Gott arbeitet sich zu uns heran. Vielleicht haben wir in stillen Stunden oder in besonderen Ereignissen schon Sein Klopfen gehört. Und vielleicht ist auch unser Herz auf dem Weg und sehnt sich nach dem lebendigen Gott. Und doch gibt es noch kein Gespräch zwischen Ihm und uns, weil Felsmauern zwischen uns sind.

Es muß so ein letzter Durchbruch geschehen wie dort bei dem Gotthard-Tunnel. Da kam nämlich ein Augenblick, in dem eine Sprengung die letzte Felsmauer öffnete. Und durch das Loch reichte ein staubbedeckter Arbeiter seinem Kameraden, der vom anderen Stollen herantrat, die Hand. — Das ist eine selige Stunde, wenn die letzte Mauer zwischen unserem Gott und uns fällt und wir es Ihm sagen können: „Von Herzen begehre ich dein.” Die Bibel berichtet von einem Zöllner, der in dieser Stunde betete: „Gott, sei mir Sünder gnädig!”

Ein Wort, hineingesprochen in das Angesicht und Herz Gottes, der sich in Jesus durch alles hindurch zu uns hingearbeitet hat.

Amen.

(Wilhelm Busch)

Bildquelle: Tunel de San Gotardo, Fondo Antiguo de la Biblioteca de la Universidad de Sevilla from Sevilla, España, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons