Albert Knapp: Leben von Ludwig Hofacker

Vorrede zur ersten Ausgabe

Die gegenwärtige Lebensbeschreibung meines längst vollendeten Freundes wurde schon in den drei Jahrgängen der Christoterpe von 1844 bis 1846 in bedeutend kleinerem Umrisse mitgeteilt, indessen aber von verschiedenen Seiten um so mehr als ein besonderes Buch gewünscht, als seit Jahren mehrere Übersetzungen davon im Englischen und Holländischen erschienen sind und auch eine französische in Erwartung weiterer Zusätze zum Drucke bereit liegt. Ich konnte meinerseits einem Verlangen dieser Art nicht widerstehen, war jedoch geraume Zeit mit anderweitigen Arbeiten dermaßen beschäftigt, daß sich die Vervollständigung dieser meinem Herzen so nahe liegenden Biographie von einem Jahre zum andern verschob. Solche Verzögerung wird dem Buche nur nützlich gewesen sein, indem ich vor vier Jahren nach einer Krankheit mehrere Erholungstage auf die Sichtung älterer Briefe und Papiere verwenden konnte, bei welcher auch mein früherer Briefwechsel mit dem unvergeßlichen Freunde und dessen Mutter aus einer Masse von Scripturen unversehrt wieder zu Tage kam. An diese liebliche Entdeckung reihte sich die Mitteilung weiterer früherhin mir unbekannt gebliebener Briefe seitens der Familie und anderer Freunde, wodurch die Erweiterung der Biographie um ein Drittteil ermöglicht ward, und zwar auf eine Weise, die einen noch ungleich tieferen Einblick in sein Privatleben, namentlich in seine Vikariatszeit und in die letzte Leidensstation gewährt, überhaupt aber seine naturelle von aller Ziererei so weit entfernte Persönlichkeit und eben damit die innere Werkstätte des Geistes, woraus seine segensvollen Predigten gekommen sind, viel markierter hervortreten läßt. Freilich entgeht dem Buche nun durch die vielerlei Zusätze, die teilweise nur schwer einzufügen waren, an manchen Orten die genaue Gliederung, und es wäre mir eine weit leichtere Aufgabe gewesen, es ganz von vorne zu schreiben, als die frühere Skizze so stark zu erweitern. Eine Arbeit dieser Art erinnert an die Aufgabe jenes Kleidermachers, der aus einem Frack einen Oberrock verfertigen sollte, und solche nun unvermeidlich gewordene Mängel wolle der geneigte Leser freundlich entschuldigen. Noch mehr aber habe ich um Nachsicht für allerlei ganz specielle Mitteilungen zu bitten, die einen mit Hofacker’s Leben und Schriften noch unbekannten Leser an manchen Orten leicht befremden könnten.

Ich mußte ihn jedoch, wenn ich ihn irgend darstellen wollte, nach der Natur nicht anders schildern und daher auch Allerlei beifügen, was ursprünglich nie für den Druck bestimmt war, nun aber dem harmlosen Blicke des Deutschen mit redlichem Vertrauen vorgelegt wird. Dieser in seiner Grundgesinnung so herrliche Mensch war ein schmuckloser, auf die äußere Form wenig Gewicht legender Schwabe, dessen Briefe und Äußerungen sehr oft das Gepräge der kindlichen Derbheit und Nachlässigkeit tragen. Gerade dies aber erklärt Vieles in seinen Predigten, und begehrt solche Leser, die von der ohnehin wechselnden Form auf den Kern hinwegsehen. Ebenso die Briefe seiner trefflichen Mutter, welche man übrigens um ihrer schlichten Naivität willen gerne lesen wird, weil sie klar in das Hofackersche Familienleben und in den glühenden Tiegel hineinblicken lassen, worin ihr Sohn mit den Seinigen für die Ewigkeit geläutert wurde. Ein Mensch Gottes gedeiht und reift nicht in der Vereinzelung, sondern sein christliches Leben muß von der christlichen Gemeinschaft umrahmt sein. Darum ist, wenn sein Pilgerlauf beschrieben wird, zuweilen auch von seinen Freunden und Reisegenossen zu reden, weil man ohne diese Wechselwirkung der Geister das einzelne Leben nicht gehörig erfassen kann.

Ich habe deshalb auch Einiges von meinem Zusammenleben mit dem sel. Hofacker hinzugefügt, weil ich ihm mehrere Jahre lang beinahe allein als vertrauter Freund zur Seite stand, und bis an sein Ende mit ihm in der innigsten Verbindung blieb. Man wird aus den diesfälligen Briefen bemerken, wie die wichtigste Entwickelung meines inneren Lebens von diesem Freund ausgegangen ist, soweit sie von Menschen ausgehen konnte und wie die natürlichste Pflicht der Liebe und Dankbarkeit mich zur Mitteilung dieser Reliquien gedrungen hat. Sie bilden meine eigene Lebensgeschichte noch lange nicht, durften aber nicht fehlen, um wenigstens eine Lebensstation des Vollendeten näher zu schildern, soweit dieses in meinem Vermögen stand.

Der Kern dieser Lebensgeschichte zielt übrigens auf Jesum Christum, den Sohn Gottes, dem der teure Entschlafene sein Leben und Wirken so freudig geopfert hat und steht hoch über aller sündhaften Persönlichkeit. Ein Mann, der auf seinem kurzen Pilgergang so viele Tausende zum Glauben an den ewigen Friedensfürsten erweckt hat und noch immerfort durch seinen Glauben redet, darf wohl auch mit liebender Hand der Nachwelt gezeichnet werden, damit sie ihn in seiner Schwachheit und menschlichen Eigentümlichkeit, aber auch in seiner Bekehrung und seinem Sieg über Tod und Gericht erblicke, und wenn sie das göttliche Wort aus seinen Zeugnissen vernimmt, auch seinen Wandel, sein Ende anschaue und seinem Glauben nachfolge. Ich habe mir erlaubt, hin und wieder auch etwas Humoristisches in den Lauf des Vollendeten einzuflechten, zum Beweise dafür, daß er ein natureller, von aller selbstgerechten Heiligkeit entfernter Mensch war, wie von Luther ähnliche heitere Züge bekannt sind, ohne daß dieselben seinem geistlicheren Lebensbild in den Augen eines Unbefangenen zu schaden vermöchten. Der unschuldige Frohsinn ging meinem seligen Freunde trotz aller Anfechtungen doch meistens zur Seite, und wer ihn als getreuen Diener des Herrn liebgewonnen hat, wird auch solche harmlose Ausbrüche seines menschlichen Humors, die zu seinem Totalbilde gehören, um so weniger scheel ansehen, je mehr er erwägt, durch welche Trübsale dieser Mann gegangen ist. Der heilige Ernst, der sein Leben durchdrang, überwiegt dieses Alles bei Weitem. Nicht um ihres Wertes willen, sondern zum ehrenden Andenken an Ludwig Hofacker und die Seinigen habe ich die von mir in verschiedenen Jahren verfaßten Gedichte hinzugefügt, wie sie mir bei den einzelnen Erlebnissen auf der Seele saßen, indem ich hoffe, daß sie den Lesern dieses Buches in diesem Sinne als Anhang nicht unwillkommen sein werden. Ich preise den HErrn, der mir die Ausführung eines seit vier und zwanzig Jahren in der Seele getragenen Wunsches nun hat gelingen lassen. Schon im Jahr 1828 wünschte ich dieses Buch zu schreiben, das nun erst nach vielen Unterbrechungen und in Schwachheit fertig geworden ist, und die demütigenden Gefühle, die mich bei der Arbeit begleiteten, sonderlich aber bei der Veröffentlichung derselben von Neuem erfüllen, gehören nicht vor die Öffentlichkeit, sind aber reichich in meiner Seele vorhanden. Doch, hoffe ich, werde man die Hand brüderlicher Liebe hier nicht vermissen, womit ich unter vielseitiger Beihülfe des teuern Pfarrers M. Wilhelm Röosin / Ditzingen, unseres gemeinsamen Compromotionalen und Jugendfreundes das Bild des vollendeten Bruders zu zeichnen begehrt habe. Der Segen aber, der von der Anschauung seines Geistesbildes noch fernerhin ausgehen soll, sei Ihm anheimgestellt, in welchem das ewige Prophetentum, Hohepriestertum und Königtum sich vereinigen und in Dessen Erscheinung alle Breiten und Längen, alle Tiefen und Höhen des großen göttlichen Ratschlusses auf Zeit und Ewigkeit zusammengefaßt sind.

Stuttgart, 1. Juni 1852                                         Albert Knapp

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An Ludwig Hofacker

Einst blühten wir fröhlich in Jugendgestalt,
Du prangtest von glänzenden Locken umwallt,
Ein stürmischer Jüngling, den Freunden so lieb,
Doch irrte geblendet dein feuriger Trieb.

Da tat dein Versöhner die Augen Dir auf
Und siehe, Du wandtest dich plötzlich im Lauf.
Was einst Dich bezauberte, warfest Du hin.
Was Schaden Dir däuchte, das ward Dir Gewinn.

Durch Sterben zum Leben, das wurde dein Gang.
Von innen so selig, von außen so bang.
Im Tiegel der Trübsal geläutert so heiß,
Erstandest Du herrlich, dem Mittler zum Preis.

Ein Zeuge, der Tausende flammend berührt,
Und priesterlich sie zu dem Kreuze geführt.
D’ran unsere Sünden der Eine gesühnt
Aus dem nun das ewige Leben ergrünt.

O seliger Wechsel, o himmlische Kraft!
Die solches in Dir uns zum Segen geschafft!
Zum Segen auch mir den am dämmerden Rand
Dein Arm einst so liebend und rettend umwand.

Heil Dir zu den Tränen, die hier Du geweint,
Zum Glauben, womit Du dich Jesu vereint,
Zur Liebe, womit Du die Seelen umfingst,
Zur Hoffnung womit zur Vollendung Du gingst.

Nun schlummerst Du lange schon tief in der Erd’.
Ein Sieger, vom Sturme des Kampfes verzehrt.
Doch über Dir tönet das ewige Wort
Und mächtliglich redet dein Glaube noch fort.

So zeuge, mein Bruder, auch hier in dem Buch:
Wie Jesus nur tilget den menschlichen Fluch,
Wie Er nur die Sünder zum Himmel erhebt,
Und ewig in seinen Erlöseten lebt.

Ich alt’re, doch kann ich vergessen sie nie,
Des Bruderbunds heilige Lenzmelodie.
Und inniglich leg’ ich, wie Gott ihn mir gab,
Den Ehrenkranz auf dein geheiligtes Grab.